Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 507 No. 34 T 1. Dass das Komitee des ״Bezaiel“ aus Vorstehern aller jüdischen Vereine bestehe, damit wie die Klagemauer als ein gemeinsamer Ort der gesamten Judenheit betrachtet wird, um dort zu weinen und zu klagen, der ״Bezalel“ als ein Volksgut betrachtet werde, wo man arbeitet, um das Ideal unserer Besten, die Ncubclcbung unseres Volkes auf seinem eignen Boden, in die Wirklichkeit umzusetzen. 2. Uns raschest die Möglichkeit zu geben, einen umfangreichen Bauplatz mit einem geräumigen Gebäude, wenn nicht sehr gross, doch unseren Bedürfnissen gemäss, zu erwerben. Wir selbst mit unseren eigenen Händen werden dann unser Out ausschmiickcn und einen prächtigen Palast für die jüdische Kunst errichten. Dies allein wird uns die Möglichkeil geben, unser Budget zu vergrössern. Denn wenn es bc kannt werden wird, dass wir in im sc rem Baude ein festes Heim haben, werden sic hdic Spenden und Geschenke für den ״Bezalel“ tagtäglich 'vermehren und immer neue Mitarbeiter und A\ithclfer werden für den ״Bezalel“ eintreten. Unsere Zukunft ist in unseren Händen und wir werden das Ziel erreichen, wenn wir wollen. Von uns und nicht von anderen hängt cs ah! Daun wird wie durch einen Zauber das ganze traurige Bild, dass jedes hinge und gesunde Element das Land verlassen muss und nur die gebeugten, lahmen Alten verbleiben, um die Zahl der früheren Gräber zu vergrösser», verschwinden. Wir werden cs nicht mehr zulassen, dass eine Kraft uns verlässt; alles wird unter unserem Einfluss von neuem erstarken und sich ermannen, neue gesunde Kräfte werden uns zuflicssen, unser alcts Vaterland wird von neuem aufhlühcn. und die Frühlingstage werden zu ihm und seinem Volke zurückkchrcn. Aus: DIE .WELT. י- ־ Rundschau <-־־- Gemefnderechi Berlin. Zur Frage der Zugehörigkeit zu einer Synagoge hat das Obcrvcrwaltungsgcrich׳ kürzlich in folgender Weise entschieden: Fine Synagogengemeinde hatte einer! Rcchtsanvvalt F. zu den Kultussteucrn hcrangezogen. In seiner Klage mit dem Anträge auf Freistellung betonte er. sein Vater sei schon vor zwanzig Jahren aus der Synagogengemeinde infolgereligiöser Bedenken ausgetreten; mithin sei auch er ausgeschieden. Das Obcrverwaltungsgericht wies jedoch die Klage des Anwalts ah. in dem unter aJerem ausgcfiihrt wurde, allerdings sei der Vater des Klägers aus der Synagogengemeinde arsgcschiedcn, für seinen minderjährigen Sohn habe er abei seinerzeit keine Austrittscrklänu.g abgegeben. Der Sohn sei mithin nicht aus der Synagogengemeinde ausgeschieden. Nach dem Gesetz vom 23.'Juli 1817־ soll jeder Jude der Synagogengemeinde seines Wohnortes atigeliörcn. Die Möglichkeit des Austrittes aus dem Judentum sei erst geschaffen worden durch das Gesetz vom M. Mai IS73. Per Austritt aus der religiösen Gemeinde ohne gleichzeitigen Austritt aus ' dein Judentum wurde den Juden in allen Teilen der Monarchie erst durch Gesetz vom 28. Juli 1876 ermöglicht. Die von einem Juden für siel! vor dem Richter abgegebene Erklärung, dass er religiöser Bedenken wegen aus der Synagogengemeinde austrete, äussere Rechtswirkungcn nur zwischen ihm und der Gemeinde. Sic lasse die Zugehörigkeit seiner Ehefrau und Kinder unberührt. Frei von dem gesetzlichen Gemeindebande werde ein Kind erst mit der eigenen Erklärung: bis dahin bleibe das Vermögen der Synagogengemeinde beitragspflichtig. Pharisäertum Mit Stolz dürfen wir Juden uns rühmen, dass wir dem Volke angeboren, das die Schule der Prusehim hervorgebracht hat, die in dei Vereinigung tiefer religiöser Gesinnung. Iiumaner Ausübung des von ihnen in mildem Sinne ausgebauter! Gesetzes und echt nationalem patriotischem Sinne geeignet ist. uns allezeit ein leuchtendes Vorbild zu sein. Die Sage vom entstehenden Christentum hat den Grund gegeben von einem Bilde dieser Prusehim. das so weit von der Wirklichkeit entfernt ist. wie der Name Pharisäer, den man gräzisicrcnd daraus gemacht hat, non dem entstellten hebräischen Urwort. Unter ״Pharisäer“ versteht mau nach dem christlichen, Gleichnis Leute, die sieh in den Mantel der Frömmigkeit ciuhüllen. um desto mehr Wölfe im frommen Schafspelze zu sein. Das REICH, der Zwillingsbrudcr der STAATSBUEROERZEITUNG, mit dem es seine antisemitische Gesinnung so redlich teilt, wie man das unter Antisemiten gar nicht gewöhnt ist. die sich vielmehr nicht einmal die antisemitische Gesinnung gegenseitig gönnen, bringt gelegentlich des Gerichtsvollziehertages einen Artikel, der sich natürlich auch mit den Juden beschäftigt. Das übrigens recht fromm sein wollende Blatt schreibt darin: ״Ist cs schon für den Richter hart, wem! er um des for• mellen Rechts willen die Gerechtigkeit beugen muss, wieviel härter ist es für den Gerichtsvollzieher, der die Folgen des Richterspruchs unmittelbar vor Augen hat und der überall an feste Formen gebunden ist. Wip oft muss der Gerichtsvollzieher der Bediente eines hartherzigen Juden sein. Dass der antisemitische Ocist unter den Gerichtsvollziehern weit verbreitet ist. ist die Reaktion des Herzens gegen die Ausnutzung des formellen Rechts durch die Judenschaft. Wer kennt w‘ie sic die Harther- 7 i g k c i t des jüdischen Geschäftsmannes!“ Das REICH ist offenbar von jener Welt, in der cs noch immer Sitte ist. im christlich verpönten Sinne pharisäisch zu handeln. Dass das REICH von der Hartherzigkeit der Juden zu sprechen beginnt, ist solches Pharisäertum. Denn wer weiss nicht, dass der sich Arierdenkende hart ist. dass er es täglieh mit anschen kann, dass die Armen und Krüppel auf den Strassen der Reichshauptstadt sitzen, hungern und frieren, ohne dass ein anderer die Börse auftut, •als eben so ein hartherziger Jude oder vielleicht einmal ein sozialdemokratischer Arbeiter, der auch schon nach dem REICH durch den Einfluss des Judentums verdorben ist. Von der Hartherzigkeit der Juden zu sprechen ziemt freilich der ״Edelrasse“ ebenso sehr, wie das Betonen der Nichteignung der Juden zu Beamten und Offizieren. Und damit haben sic insofern Recht, als die Juden tatsächlich in der Tippelskirchc der Ko’oniafwirtschaft nicht bcsondeis geeignete Kameraden wäre». Sie sind ja viel zu hartherzig gegen ihre Frauen, um ihnen die Beteiligung am Gewinn in Geschäften zu gönnen. Die Hartherzigkeit der Juden ist ebenso bekannt wie der Wohltätigkcitssinn der Germanen. und der Faniüiensiiin der Juden ist ebenso gering, wie die Wahrheitsliebe der Antisemiten gross ist. Dass der Antisemitismus unter den Gerichtsvollziehern so verbreitet ist, hängt damit zusammen, dass cs ganz besonders weichherzige Leute sein müssen, die diesen so wcichstimmenden Beruf sich ausgesucht haben. Juden passen ihrer bekanntteil Hartherzigkeit wegen eben nicht zu Gerichtsvollziehern, da es sie zur Oberheining reizen würde, wenn sie sähen, wie freudig sie fiberall em.piangcn werden. Und schliesslich wäre cs doch blamabel, wenn ein Jude bei Liebermann. Zander oder Fischer pfänden müsste. Landtagswahl Im 3. Berliner Landtagswahlbezlrk, wo für den verstorbenen Abg. Schulrat Dr. Zwick eine Ersatzwahl notwendig geworden ist haben die Antisemiten unter Führung des Rechtsanwalts Ullrich und die Soziaidemokraten bereits mit den Vorbereitungen für die Agitation begonnen. Nicht weniger als 1062 Wahlmänner müssen neu auigcstcllt werden. Den Antisemiten steilen wir zu ihrer Agitation ausser dem Prozess Stöcker und den Hosen ihres Rektors aller Deutschen den Grafen Pücklcr und den ganzen Horizont zur besonderen Rücksicht anheim, den man von der Höhe des lippclskirchturms aus übersieht. Gleiche Brüder, gleiche Kappen Aus Kurliesscr, 11. August. Zwischen den Kon sc r v a t i v e 11 und den dcutsc!!sozialen A n t i s c m i t e f, soll es iiir Reichs- und Landtagswahlen 190$ zu einem allgcmeinen W a 111 b ii n d n i s kommen. Der Führer der Deutschsozialen. Abg. Lieber m a r. 11 von Sonnenberg schreibt darüber: . , ’ ״Mit besonderer Genugtuung erfüllt cs mich, dass ein seit einem Jahrzehnt von mir verfolgter Plan endlich der Vorwirklicliung entgegengeht, nämlich ein Wah I b ii ndnis 7 w i s c h c n den Konservativen und den Deutsch sozialen in Hessen zur Wahrung des gegenseitigen Bc sitzstandes im Landtage und Reichstage. Der Reichstagswahlkreis Marburg fällt dabei uns zu.!11 Zukunft wird bei allgemeinen Wahlen ein grösserer Teil unserer Arbeitskraft zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und gegebenen Falles zur Unterstützung von Kandidaturen verwandter Richtungen verfügbar sein.“ Damit wild auch in Kurhessen, wie vor einiger Zeit im Grosslicrzogtuni Hessen durch!1 i r s c 11 e I und Köhler, die antisemitische Bewegung, die in durchaus demokratischem Geiste einst von Dr. Höckel unter der Parole ״G e g e n .111 d c n lind Junker!“ begründet worJen war ׳ins junkerlich-agrarisch*. Fahrwasser hiniibergeleitet. Im Interesse einer politisch klaren Situation ist das durchaus zu begriissen. Bisher brachten die Dcutschsozialen cs noch manchmal fertig, sich etwas volksfreundlich zu geben. Nach ihren! fetzigen Wahlbündnis mit /