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Jüdische Rundschau · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 34 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 503 Österreichischen, zionistischen Arbeiten mehr als genügend tclt finden durften, etwas auf Ordnung zu sehen. Von unseren jüdischen Zeitungen, die im Reich erscheinen und die alle aufliegen sollen, fand ich nur eine, unsere RUNDSCHAU. Ich frage cn passant den im Lokal sitzenden Beamten nach dc-n Aufenthalt der zionistischen Korporationen und Studenten. Er weiss lauge nichts, schliesslich nennt er ein Lokal, in dem aber, wie sich hcrausstcllte, auch niemand mehr verkehrte. Will man überhaupt auf der Reise an einzelnen Orten Besimitmgsgenosscn sprechen, so tut man gut, sicii schon zu Hause zu orientieren. -- Hier mag vielleicht eine Bemerkung allgemeiner Art über den Stand unserer •Bewegung' in Oesterreich gestattet sein. Wie nur noch in wenigen anderen Ländern, in denen beträchtliche Massen unseres Volkes leben, ist hier der Zionistnus bodenständig urd zwar als das einzige neue Ideal, das nicht nur vereinzelte IdealisUm ergriff, sondern weite Schiebteil des Volkes in seinen Bann zwang. Das grosse jüdische Proletariat in Russland gibt vielen Bewegungen mächtiges Leben. Und auch der nationale Arbeiter desselben Landes und gerade der zionistisch-gesinnte, haben täglich neue und stets neue Organisationen, die alle ihren eigenen Weg, meist fern ab von dem unsern gehen. Wenn aber auch in Oesterreich in manchen Teilen der Bewegung kein ideales Zusammenfitbviten zu erblicken ist, scheinen die Poalc Zion wirklieh eine einheitliche, kräftige Organisation zu sein, die ihre das jüdische Proletariat umfassende Arme über ganz Oesterreich, speziell Galizien erstreckt. Die bürgerüciicn nationalen Kreise sind neuerdings aus dem Kampfe um die nationale Vertretung 'gestärkt hervorgegangen. allerdings bandelt es sich auch hier meist um das Kleinbürgertum. Die oberen Schichten sind schon stark assimiliert oder bilden es sich wenigstens ein. Die Arbeiter haben ihre tüchtigen Führer, z. B. de/1 jungen Kaplat׳, die nationalen, die im politischen Leben stehen, den Dr. Straucher. Auch die Bewegung hat zur Ausbreitung, zur Propagierung selbst ihre tüchtigen Köpfe; doch hat sich bis jetzt noch immer keine so günstige Konstellation ergeben, dass ein einheitliches, festes und ins Grosse gehende Arbeiten möglich wurde. Was liegen in Oesterreich für Kräfte brach, die noch zu packen sind, wieviele haben sich etwas verärgern lasse»! und können doch so leicht wieder für die alte Arbeit interessiert werde»!■ Allerdings könnten die Herren auch etwas lernen, wenn sie die Hinrichtungen in Deutschland, sodie Stadt entdeckte, endlich den stolzen, fürstlichen Palast fand, wo Julie wohnte. Wie hünnnerte ihr Herz, wie flogen ihre Pulse, als sic sich diesem Palaste näherte. Sie fühlte einen Schmerz, stechend wie einen spitzen Dolch, und doch zugleich süssen Balsam, der demselben entströmte. Ihr war es. als flöge ihr ein Giftpfeil mitten ins Herz, und doch hätte sie sich diesen um nichts in der Welt aus dem Herzen ziehen lassen. Jetzt stand sie hart vor dem Tore des Palastes. Ihr estcr Gedanke, der Gedanke ihres überströmenden Mutterherzens war, sich in den Palast in die Arme ihrer Tochter zu stürzen, ihr Augen, Mund und Finger zu küssen, und sich an ihrer Brust auszuwciiien. Doch bald iibcrlief es sie eisigkalt. Vielleicht wendet sich ihre Tochter kalt von ihr ab? Vielleicht will sie ihre Mutter nicht kennen? Soli sie fliehen, weit zurück, woher sie gekommen? — Und ihr Gelübde?“ ״Weib, hier wird nicht gebettelt, vorwärts marsch!“ dröhnte es plötzlich mitten in ihre Gedanken hinein, roh und grollend, als platze eine Bombe ihr zu Füssen. Es war die Stimme des goldbetressten Palasthüters der diese tief gebückte Gestalt für die einer Bettlerin hielt. Sara glaubte sich einer Ohnmacht nahe und musste weit ihnen gut dünkt, sich aucigncten. Der Absatz an Shares der Bank ist sehr schmal, die Beisteuer für die Arbeiten der Palästina - Kommission (Bezalcl etc.) flau, der Abzug an Schekclgelderr. zu gross. Deshalb existiert eben in Deutsch-!and ein Landesbeitrag. Noch ein Wort über die früheren Gründer der Bewegung, über die Studenten. An Zahl haben sie allein in Wien ein Dutzend bestehende akademische Korporalionen. Makkabäa, wenn icli nicht sehr irre, ist aus der Organisation gänzlich ausgeschieden; Leo Pinska wurde von der Polizei aufgelöst, da der Verein nur aus Russen bestand; Jordania hat sich seihst suspendieren lassen. Aber leider arbeiten die zionistischen Brüdergenosscnschaftcn nur ganz selten zusammen. Selbst wirtschaftliche und Tagesfragen erledigen sie nur ungern gemeinsam. Das Bild dürfte interessicrin. So wandeln die Jünger des Vereins ״Jüdische Kultur“ in den Pfaden Mathias Acliers (Birnbaum), eines unserer ältesten und tüchtigsten Vorkämpfers, der aber nur seine eigene ״Jüdische Moderne“ (ein nationaler Sozialismus) propagiert. Der jüdische Sportverein wird aus persönlichen Gründen von den Verbindungen systematisch boykottiert und beiehdet. Die Vereine wiederum haben noch immer nicht gelernt, das Trcn- »ende nicht ständig hervorzuheben. Einzelne Verbindungen haben gegenseitig jeglichen Verkehr miteinander abgebrochen. Man glaube nicht, dass dieses Bild nur aut Wien zutrifft, wenn cs auch in Czcrnowitz, Prag usw. besser zu werden verspricht. Und gerade heute könnte die nationale Partei cLe mächtige Führcrin unter der Jugend sein. Denn die heranwaclisende Generation zeigt schon unter der Schülerschaft Hunderte werdende, nationale Jungens, die uns noch viel versprechen. Mit dem Wunsche, dass die Akadenükerschaft ihrer Rolle in der Bewegung wieder bewusst würde und ihr gerecht zu werden strebe, stieg ich an einem, schönen Abend über Inlsbreeliorisches Gelände zum DonaudampTcr4. At־n nächsten Morgen schwammen wir ins schöne Ungarland hinab. 3 Budapest Die Fahrt auf der Donau ist herrlich; die Kosten gering. So beträgt der Fahrpreis von Wien bis Czcrnavoda 36 Frc. (II. Klasse) [von Czcrnavoda per Bahn nach Konstanza 3 Frc. und von da nach Konstantinopel mit dem Schiff S Frc.). Studeuten zahlen bei der Donau-Dampischiffahrtsgesellschaft nach Vorweis einer Legitimation, die hierfür jede Universität ausstellt, die Hälfte. — Unterwegs entfaltete sich ein reges Leben und wer die ganze Donau hinabiährt. lernt eine ganz neue Welt sich mit beiden Händen an einer Säule der Vorhalle festhalten. Bald jedoch gewann sie die Besinnung wieder und suchte sich in den wenigen italienischen Worten, die sie noch von ihrer Mutter erlernt, dem Portier verständlich zu machen, ihn zu überzeugen, dass sie keine Bettlerin sei und dass sie nur wünsche, die berühmte Künstlerin aus der Ferne zu sehen. ״Kaufen Sie sich ein Theaterbillet,“ sagte der Portier aufiachcnd, ״und Sie werden sie nicht bloss sehen, sondern auch hören können. Verstanden?“ Statt zu antworten, griff Sara in ihre Tasche, holte, eine Goldmünze heraus und drückte sie dem Portier in die Hand. Dieser, vor Staunen starr, drehte das Goldstück einige Male in der Hand herum, und sein rohes, mürrisches Gesicht hellte sich zu einem devoten Lächeln auf, während seine stolze Gestalt sich zu einem untertänigen Buckel zusammenkrümmte. Die Frau, die er soeben als Bettlerin behandelt hatte, war auf einmal eine ״Gnädige“, die er respektvoll um ihren Namen bat, den er seiner aüergnädigsten Herrin zu melden habe. Neue Verwirrung bemächtigte sich der Sinne Saras. Sollte sie, eine einfache, altmodische Jüdin, sich als Mutter der weltberühmten Künstlerin zu erkennen geben? Wird sie ihr nicht grollen, ihre Tochter, die grosse Weltdame? Doch nein, tausendmal nein!

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