Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 502 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 34 die Juden streiten und streiten müssen. Der Kampf gegen das Judentum Ist noch viel heftiger entbrannt als der gegen die Juden. Es gilt die Fahne des Judentums hochzuhalten, die Fahne, die wir von itnsern Ahnen ererbt haben, für die sic ihr Herzblut vergossen haben und die sie nie in den Kot schleifen Hessen. Die Fahne des Judentums ist von vielen seiner Söhne schmachvoll im Stich gelassen worden. Unsere Pflicht ist es umsomehr sie hochzuhaltcn. Wir müssen jenem allerhässliebsten Antisemitismus entgegentreten, der sich in dem pseudojudischen Worte ausspricht: ״Nur nicht jüdisch!“ Jüdisch waren unsere A'ätcr und Vorväter, jüdisch die Mutter, die uns unter dem Herzen trug und jüdisch waren die Männer, die für ihr Volk und ihr Vaterland den Heldentod starben, wie vor zwei Jahrtausenden und in allen Jahrhunderten seitdem, so die Märtyrer, die das zwanzigste Jahrhundert zu seiner würdigen Weihe gefordert hat. Jüdisch sollen auch unsere Kinder und späten Enkel *sein und was wir ererbt von unsern Vätern haben, erwerben wir. um es nicht bloss zu besitzen sondern als ewiges Erbteil den Enkeln zu!Unterlassen, den Söhnen des Volkes, das älter ist als alle andern Nationen und sich die Jugendkraft erhalten hat. die es für eine längere Zeit bewahren will als die Nationen die jünger sind. Wir sind jüdisch, allzujüdisch denen, die das Judentum als eine Last empfinden. Vielleicht sind wir aber noch gar nicht jüdisch genug. Denn wir hoffen in unserrn eigenen Lande und in unser!!! eigenen Milieu noch viel tiefer in den Geist und die Seele unseres cige nen Volkes einzudringen. Mögen uns andere als allzujüdisch empfinden und ablchncn, wir wissen, dass es unser höchster Ehrentitel'ist, jüdisch zu sein und für allzuiiidisch gehalten zu werden. - Lö־ I r A. Briefe von einer Palästinafahrt 1. München Die Bekannten stehen am Bahnhof und geben dem Zions- Wanderer das Geleite. Feierlich und ernst mitunter, als ob es an das Ende einer anderen Erde ginge und auch die durch- Des Windes Heulen Übersetzt aus dem Hebräischen von P. S m 01 e n s k i 11. (Schluss.) Als jedoch Monat auf Monat verstrich, ohne dass nur eine Zeile von ihrer Tochter eintraf, konnte Sara ihre Aufregung doch nicht mehr beherrschen und cs drängten sich ihr die Worte auf die Lippen: ״Sollte sic mich ganz vergessen haben, meine Julie? Sie hätte sich wohl ein kleines Stündchen für ihre Mutter absparen können, wenn sie es nur gewollt hätte — ja, sic scheint mich ganz vergessen zu haben!“ Sie fuhr über ihre eigenen Worte empor, als hätte eine Schlange ihr diese Worte ins Ohr gezischt. Der Gedanke, dass ihre Tochter sie vergessen hätte, irass sich mehr und mehr, wie .eine Motte in ihr Herz. Die Nächte über sass sie auf ihrem Bette und weinte, sie weinte sich fast die Augen blind, und versank sie ja bisweilen aus Ermattung in einen Halbsclilummer, begann der Traum mit ihr sein grausames Spiel zu treiben. Am Versölmungstage war es, wo sie, in ein bescheidenes Winkelchen gedrückt, in der Synagoge sass und ihre Gedanken wie schäumende Wellen über sich hinströmen Hess. Halbvergessene Lebensbilder zogen! an ihr vorüber, langsam und feierlich. Sie sah sich als I / . biechendc Freude ist •nicht auf den Ton gestimmt, der bei der Heimfahrt erklingt. ... Ist denn Palästina 'wirklich so weit, die Sonne der Erde schon so •nahe, dass das curopamiide Zionsvolk nicht auf ein Weilchen sein kam. betreten könnte? Oder ist das Leben dort teurer als das. welches wir in belgischen Bädern, an Schweizer Seen oder in den Tiroler Bergen führen? Biese und viele andere Fragen stürmen bei diesem Idccngang au! uns ein und verwundert besehen wir unsere hundertfache Versicherung, die wir uns Lei jedem Liede, bei jeder Gelegenheit gegeben, dass Palästina das l-and unserer Sehnsucht, dass wir iiimmer Zions vergessen wollten. Wie eine Phrase erklingt es inst, die wir leichtfertig uns gegenüber gebraucht, wie ein schlichtes Wort, dessen wir bei einigen Schwierigkeiten entraten und das wir vielleicht unter dem Beifall der Volksmenge emphatisch hervorstiessen. . . . Glücklicherweise sind wir unseren Be- Pachtungen nicht den ganzen Tag unterworfen. ־ - Das Gepäck ist alles da: cm Rucksack grösster Dimension c’cst tont Drin, und ich dar! cs vielleicht zum Nutzen und Frommen eines amtereu Reiselustigen verraten: Wollwüsche, ein Plaid, Decke, ein weisser Anzug, Apotheke und stets aut der Fahrt Mund• Vorrat. Der Pass zeigt als mein nächstes Reiseziel: Konstant]- nopel, was sicher falsch ist. Man lasse sich ihn auf Palästina ausstellcn, auch wenn man die Route über Stambu! nimmt. Von Büchern finden sich der Bädcckcr (enthält die gebrauchlichsten arabischen Worte, Meyer, sowie zwei hebräische Grammatiken. Leider vermochte Ich von der übrigen Literatur, soweit sic mich interessierte, nichts mehr zu erhalten, insbesondere bednure ich, infolge dringender beruflicher Arbeiten Friedemaims ,Palästina* nicht gelesen zu haben. 2. Wien Der Morgen bringt uns Wien. Ueber die Schönheiten der Kaiserstadt wie über die der übrigen Gegenden Hesse sich viel des Lobes sagen, doch ist hier nun einmal nicht der Ort dazu. Wir sind schon bald im neunten Bezirk und finden in einem unheimlichen Rückgebäiidc der Türkenstrasse das berühmte Kongressbüro. Na. anders hätten wir uns das schon vorgcstcllt. Vor allem sauberer und aufgeräumter. Etwas verkommen ist der alte Sitz Herzls und der offiziellen Vcrtretuug’ des jüdischen Volkes. Und dabei findest du vier Leute, die wahrlich bei der Erledigung des N.-F.s, der Laut Ausweis in der ״Welt" wahrhaftig nicht so gross ist, und der Kind, im lichtvollen Hause ihrer Eltern, als Jungfrau, umworben vom geliebten Manne, als sein Weib, als Mutter mit dem allerschönsten Engelsköpfehen au ihrer Brust. Ihre Tränen strömten die Wange hinab, bis sie eine Art Betäubung übermannte, und jetzt zeigte ihr der Traum eine Kirche voll brennender Kerzen .. . brausende Orgelklänge .... einen heilerleuchteten Altar und am Fusse desselben ein knieendes Mädchen in schneeigem Gewände mit schwarzen, lang herabwallenden Locken . . . ihre Tochter, die ihren alten Glauben abschwor. Und vom Himmel rief eine Donnerstimme herab: ״Weib, auf dein Haupt falle die Schuld dieses Kindes, denn du hast den alten Bund zerrissen!“ * Beklommenen Atems, mit Angstschweiss bedeckt, riss sic sich aus den eisigen Armen dieses Traumes und gelobte sich feierlich, nicht zu ruhen, ehe sie nicht die verschwundene Spur ihrer Tochter gefunden habe. Und so geschah es. Tags darauf schnürte sie ihr Bündel und machte sich auf die Wanderung, sie durchstreifte viele Städte und Länder, sie scheute keinerlei Gefahr, sie gönnte ihrem Auge keinen Schlaf, ihrem Munde keinen Bissen und zog wie eine Verbannte, eine Verfluchte, ruhelos von Ort zu Ort, überall fragend, überall suchend, bis sie die Spur ihrer Tochter und dieser folgend, endlich