Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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auch unter den Juden manchmal gute Leute gibt. aber ein Jude, der dem russischen Volke Ciutes wünscht, ist eben so selten wie eine weisse Krähe. Aus alle dem müssen natür• lieh die Soldaten den Schluss ziehen.*dass sie als Verteidiger des Zaren und des Vaterlandes mit allen Juden kämpfen sollen -und das wurde dann auch in den Herbst-Pogromen und 1111־• Jüngst in Bialystok durchgeführt. Der Kommandeur der 3. Brigade gibt sich endlich Mühe, den Soldaten viel Material in dieser Richtung zu verschaffen. So befahl er am 23. Januar, in allen Rotten und auch im Ingenicur-Fcldparkc die Zeitung K1EWLJANIN auszuteilen, damit die Soldaten sifc lesen.*' Die Richtung dieser Zeitung ist bekannt. In den ׳Oktobertagen, als der ganze Süden im Blute schwamm, entwickelte der KIEWLJANIN eine Agitation, der wegen ihres Zynismus der erste Platz in der Pogromliteratur gebührt. Nach dem Befehl vom 20. März 1906 (1210) wird vom Bataillonskonunandeur an die Soldaten die Proklamation *Russische Kriegsleute“ gesandt. In ihr sind alle Insinuationen gesammelt, die gewöhnlich von den Organisatoren und Protektoren der Pogrome gebraucht, wurden. Der ״liberale“ Kurs Bei seinen! Amtsantritt verkündete der jetzige Premierminister, dass er liberal regieren würde und dass von einer Reaktion gar keine Rede sein könne. Den ersten Beweis seines Liberalismus lieferte Stolypin. indem er alle ihm unliebsamen Zeitungen unterdrückte. Nicht nur alle sozialistischen Blätter, sondern auch die gemässigt liberalen, wie die kadetisehe IR .!ETSCH. die RAYENSTVO. die STRANA, die NASCHA SHISNJ. die von den Professoren Kova I e v s k y und C h o d s k y geleitet wurden, fielen als Opfer des neue!« ״liberalen“ Kurses. Aber man ging noch weiter in der Kuebcluifg des ,.freien“ Wortes: Als krasses Beispiel für die jetzigen Pressverhältnisse kann folgender Lall• dienen, der von der bekannten Petersburger Zeitung PWADZATNY WJFK erzählt wird. In einer Druckerei auf der Gogolstrasse erschienen vor wenigen Tagen der Hausverwalter mit einigen Hausknechten. Der Verwalter erklärte dem Druckereibesitzer, dass laut Anordnung des Pristaws der Oberliausknecht von nun ab täglich einige Mal die Druckerei durchsuchen und alles, was dort gedtuckt werde, revidieren müsse. Er fügte noch hinzu, dass diese Anordnung ..zirkularisclr mitgeteilt werde und alle ״verdächtigen" Druckereien betreue. Somit wurde der Hausknecht zum Zensor erklärt, von dem das russische freie Wort abhängig ist. Aus diesem Beispiel kann man sich leicht eine V01 Stellung darüber machen, wie der Stolypinsche Liberalismus in der Wirklichkeit aiissieht. Dabei muss man noch bedenken, dass das alles nicht in der Provinz geschieht, >ר die bornieiten lokalen Satrapen herrschen, sondern im Zentrum der Stolvpinschen Tätigkeit. Was unter dem neuen Kurs in der Provinz sich abspielt, kann maan sich'leicht ausmalen.' , Die Ermordung Herzensteins Die russische Regierung versucht die Ermordung des früheren Duma-Abgeordneten M. J. Herzen stein dem jüdischen Arbeiterhund in die Schuhe zu schieben. Es ist einfach lächerlich, eine solche Dummheit zu behaupten. Wer mit dem ״Bund“ nur irgendwie bekannt ist. der weiss, dass eine solche Tat. von dieser Seite einfach ausgeschlossen ist. überhaupt sind alle Erwägungen über die Anteilnahme an dieser Missetat der revolutionären Organisationen oder einzelner Mitglieder der ^letzteren völlig unangebracht. Der Eifer der russischen Regierung, den Bund anzuschwärzen und einen Schuldigen für den Mord zu finden, beweist ebenso, wie der Umstand, dass sic die Ermordung in ihren. Blättern bekannt gab. ehe sie ausgeführt war. dass die Tat im höchsten Aufträge einer hohen Leitung geschehen ist. Juden als Sklaven Wie aus Ncw-York berichtet wird, erregen dort uit Zeugenaussagen, die von einem gewissen Bennie Wilenski und mehreren anderen russischen Juden gemacht wurden und die behaupten, dass in Florida ein furchtbares Sklavensystem für Weisse bestehe, grosses Aufsehen. Wilenski. der diese! Sklaverei jetzt entflohen Ist. ist ein körperlich gebrochener Mann, und sein Rücken weist schreckliche Spuren davon auf, dass er furchtbare Schläge mit der Peitsche hat erdulden müssen. Nach seiner Aussage ist er ,von einem New-Yorket Agenten zusammen mit 41 anderen Wcisscn in die Umgebung vor) Maytown geschickt worden, wo er ausgezeichnete Arbeit für einen Lohn vo!» sechs Mark den Tag finden sollte. Als sie New-York verlassen hatten, wurden sie gezwungen, auf dem schmutzigen Schiff auf Deck zu schlafen, und sie erhielten so. ekelerregende Nahrung, dass sie nicht imstande waren, sie zu essen. Als sic in Maytown anlangten. wurden sie gezwuiigen, in Hütten zu leben, die ״Hundehütten“ genannt wurden und bei denen Neger, die mit Gewehren und Pistolen bewaftnet waren, Wache hielten. Sie arbeiteten auf dem Felde und wurden, wenn sic sich nur einen Augenblick ausruhen wollten, von ihren Wächtern erbarmungslos auf den blossen Rücken ausgepeitsclit. Jede Nahrung mussten sie so hoch bezahlen, dass sie ihrem Arbeitgeber immer verschuldet •waren, und selbst Wasser erhielten sie nur für Geld. Ähnliche Er-• Icbuissc berichtet Wolff Kam, der mit 22 anderen nach dem Süden kam und fünf Mark den lag als Lohn erhalten sollte. Sie wurden in schmutzigen Hütten zusammengepfercht und mussten von morgens sieben Uhr bis zur sinkenden Nacht im Moorland arbeiten, während bewaffnete Neger dabeistandeu und sie bei der geringsten Kleinigkeit auspeitschten. Dabei mussten sie sich von Wasser und Brot nähren. Das Moorland ist voll von stechenden Fliegen, die das Leben fast unerträglieh machen, und die Arbeiter mussten stets Zinnkannen bei sich tragen, in denen eine dumpfige!übelriechende Mischung schwelte, um durch den Rauch die Fliegen zu vertreiben. Fine strenge Untersuchung dieser Vorfälle ist eingelcitet worden. Aus Palästina Offenbar aus dem ״syrischen Waisenhaus“ des Pastor S c 11 n e II c r־ schreiben der SCHWÄBISCHE: MERKUR und DIE PQST. deren antisemitische Gesinnung bekannt genug ist, dass sie ihr judenfeindliches Licht ja nicht unter den Scheffel stellt, über: Jüdische und schwäbische Kolonisten i n Palästina. ״Für die Mehrzahl der auswaiiderungshistigen Juden bedeutete Palästina noch vor einigen 20 Jahren nur wenig. Damals waren cs nur die ״Frommen in Israel“, die darnach strebten, sich in den heiligen Stätten anzusiedeln, und die Lebensjahre im Gebet für die ״Rückkehr“ zubrachten. die fernab wie nur je erschien. Jetzt ist das anders geworden. Man begegnet nicht mehr bloss diesen kränklich aussehenden bleichen Judcufiguren. sondern neben ihnen den kraftvollen Söhnen harter Arbeit. In jedem Jahre beinahe sind neue Kolonien gegründet worden; es gibt davon schon über 30. und die Zeit trägt nur dazu bei. sie zu vermehren und auszudehnen. Der dritte Teil des eigentlichen Palästina ist wieder jüdischer Boden geworden. Im Jaffadistrikt sind 40 Prozent des Landes in jüdischen Händen und in dem von Tiberias nicht weniger als 75 Prozent, während auch weite Strecken de3 Ostjordanlandes wieder unter jüdische Kultur kommen. Die Juden sind so sehr darauf aus. wieder in den Besitz des Landes zu gelangen, dass sic sich bemühen, alles anzukaufen, wgs auf den Markt kommt. Die schwäbischen Kolonisten, die sich von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in Haifa. Jaffa und Jerusalem ansiedelten, und mit zähem Fleiss blühende Sclnvabendörfer im Orient schufen, haben heute stark mit jüdischer Acker- und Weinbaukonkurrenz zu rechnen. So be schlossen die Schwaben vor einiger Zeit. Land zu einer neuen Kolonie für ihre heranwachsenden Kinder zu kaufen, aber die indische Konkuirenz zwang sie, von ihrem Vorhaben abzustehen. Wenn min jemand, der das heilige Land besucht hat, auf die Unfruchtbarkeit des Bodens hinweist, der nie eine grosse Bevölkerung eilnührt habe und wohl auch niemals eine solche werde ernähren können, also auf die weiten Felder voll weisscr Felsen und Steine, welche die Regen der Jahrhunderte kahl gewaschen haben und worauf kaum eine Handvoll Gras wachsen kann, so liegt gerade in diesen Steinöden, die so ermüdend für den Reisenden und so angreifend für die Augen sind, die Hoffnung der jüdischen Ansiedler. Man braucht nur :n diese kicsclharte Oberfläche etwas tiefer einzudringen, um zu entdecken, dass der Fels in Wirklichkeit weich ist. so dass die Wurzeln von Bäumen und Reben eindringen und daraus ihre Nahrung nehmen können. Sind erst diese incilenweiten Öden in Weinberge. Olivenhaine und Obstgärten verwandelt, so muss selbst der Staub der Luft dazu dienen, eine Etdoberfläche zu bilden, wöhrend die zunehmende Bewaldung auch vermehrten Regen bringt. Die Schwaben auf dem Karmel haben ganze Stücke dieser Felsen mit viel Arbeit und grossen Kosten entfernt, aber sic hätten das unterlassen sollen. ..Sie hätten," wie ein Sachverständiger schreibt, den seine Regierung ins heilige #Land zu Bodcubauuutersuctiuugen schickte, ״die Oberfläche nur dort, wo sic hinpilanzten, durchbohren und sie an allen andern Orten unberührt lassen sollen. Penn gerade diese harte Oberfläche dient dazu, die darunter enthaltene Feuchtigkeit zu bewahren.“ Es ist deshalb Schwaben, die nach Palästina auswandern wollen, zu raten, sich einen Besitz erst durch landeskundige und eingesessene Landsleute sichern zu lassen •und weder aufs Ungefähr ins heilige Land zu ziehen und dort blindlings sich anzukaufen.“ Der von der Mission lind dem syrischen Waisenhaus künstlich erzeugte Konkurrenzneid 'ist völlig gegenstandslos