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Jüdische Rundschau · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 488 I 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU « No. 33 beim Morgenkonzert unserer Kurkapclle den Choral fortfallen zu lassen, niemals an uns gestellt worden ist. Hochachtungsvoll Die Kurdirektion. 4 A. Kutten. Frech lügen und mit eiserner Stirn die L « g e aufrecht erhalten, so wird — a n t i s ein i t i s c 11 c Politik gemacht. Antisemitenzwist Die Rclchstagsstlchwahl In Rinteln-Hofgeismar hat zwar! dfe Antisemiten beider Richtungen in der Kntschcidungswahl * sich wieder ziisainnienfinden lassen, aber der^ Bruderkampf dauert mit unverminderter Heftigkeit fort. So bringt die HESSISCHE RUNDSCHAU vom 5. August einen gepfefferten Artikel mit der Überschrift: ״Der Dank des Bundes an seine Trabanten״. In ijemselben heisst cs:; ..Das offizielle Organ des Bundes der Landwirte, die KORRESPONDENZ widmet in No. •IS in einem Artikel iibc! die Nachwahl in Rinteln-Hofgeismar-Wolfhagen seinem deutschsozialen Anhängsel folgende Liebkosungen: ״Obwohl der deutschsozial? Kandidat die weitaus grösste Stimmenzahl von allen Parteien auf sich vereinigt hat. unterliegt es keinem Zweifel, dass dieser Erfolg im Wesentlichen der Unterstützung des Bundes der Landwirte und der k o u s c r v a t i ־ ven Partei zu'verdanken ist. Eine relativ starke Minorität, wie die des r c f o r nie r i sc h c n Kandidaten Helmcrich. der. zu ächst dem Deutsclisozialcn von allen bürgerlichen Parteien die meisten Stimmen auf sich vereinigte, könnte in anderen Wahlkreisen genügen, um den Antisemitismus überhaupt aus zuschalten.״ Damit empfangen'die deutschsozialen Knechte von ihren agrarischen Herren den verdienten Lohn. Wer sich in das Sklavenjoch begibt, muss sich auch geiallcn lassen, dass er als Sklave behandelt wird. Deutlicher ist die völlige Abhängigkeit der deutschsozialen Partei vom Bund noch nicht offenbart worden. Diese Pressstimmen haben die DEUTSCH- SOZIALEN BLÄTTER in ihren Siegesartikeln aus leiclitbegreifliehen Gründen nicht gebracht. Der gute Ruf dieser ״mächtig j aufstrebenden Partei. * wie es in einem Inserat der STAATS- BÜRGERZEITUNG heisst, hätte darunter auch zu sehr gelitten. Ihren Anhängern aber wären dadurch die Attgeu geöffnet und die vollständige Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit der deutschsozialcn Partei offen dargelegt worden. Aller Welt wäre dann klar geworden, dass diese Partei aus ..eigner Kraft," wie esjn verschiedenen von dem ..Genetal/ Henningsen selbstverfassten Artikeln einiger unbedeutender Zeitungen prahlend faiess, überhaupt nichts erreichen kann. Nur solange sic ein williges und geJ,"״iges Werkzeug •des Bundes der Landwirte -and der hochfeudalcn und aristokratischen konservativen Partei sind, gestehen ihnen d:ese Parteien in solchen Wahl- J kreisen, wo sie selbst wenig Aussichten auf Erfolg haben, j gnädigst ein Mandat zu. Wenn nun ein solcher Kompromissj kandidat mit Hilfe allerlei unlauterer Mittel siegt, nehmen die 1 bündlerischen und konservativen Herren das Verdienst für sich . ’ 1"1 ־«r^C ' '׳ב!|י ־ ״ ----־ urteilten und ■voll Tadel gegen den Richter, der das Urteil gesprochen, und, wird. fürchterlich, wird grausam,' sobald sie selbst das Richteramt übernimmt. Nur Verwünschungen bekam Sara jetzt von demselben Volke zii hören, das ihr bisher Loblieder gesungen. Böse Zungen Hessen es nicht an hässlichen Verleumdungen fehlen, in der Synagoge schossen hun• dfcrt giftige Blicke auf sic. Es war an einem Sabbattage, als Sara in die Synagoge kam. und Etel. Wermut, die Vorsagerin, mitten in einen Kreis von Weibern, alten und jungen, trat, die ihr voll Schadenfreude zuhörten. ״Freilich,“ begann jetzt Etel^ Wertnut, spöttisch die Augenbrauen verziehend, ,.freilich hat sie Recht, dass sic ihre Tochter nach Prag führen will, dort gibt cs der (Gottesleugner viele, hier wird jedoch nicht einmal des Totengräbers Sohn sich ihre Julie aitfbinden lassen.“ Der Kreis schloss sich enger um die Vorsagerin und es gab von allen Seiten ein Kichern, Zischeln und ein höhnisches Kopfnicken. Ermutigt durch diesen Erfolg begann Etel Wermut sich jetzt in hässlichen Pantomimen übet Theater und Ballet lustig zu machen, indem sie den Saum ihres Kleides fasste,• .den Kopf, neigte und mit den Fassen scharrte. in Anspruch, und die deutschsozialcn Knechte müssen sich demütig ducken. Aber sic sind an eine solche Behandlung längst gewöhnt und fügen sich daher gern oder ungern i״ die ihnen aufgezwungenc Diencrrolle. Willig nehmen sic die Fusstritte entgegen, welche ihim.n die Geldgeber nach get'aner Arbeit versetzen. Von der deutschsozialen Partei kan» man sagen: ..Wer sich in Abhängigkeit begibt, kommt darin um." Das werden die Wahlen 1908 beweisen, ln Kassel, Fschwcge und Eisenach genügen die rcfortucrischcu Stimmen, um den deutschsozialcn Kandidaten auszuschalicn. in Marburg. Rinteln und Waldeck. um ihm den, Sieg zu entreissen. Dann kann der Häuptling als letzter Mohikaner der ..mächtig aufstrebenden Partei" mit wehmütigem Blick auf sein Treiben zuriickschaucu und als getreuer Knecht zu den Füssen der Konservativen sich niedcrlasscn. Sic transit glrnia mundi." Diesem antisemitischen Bruderkrieg beabsichtigen die Deutsclisozialcn eine »och breitere Basis zu geben, indem sie auch das zweite ureigenste Operationsfeld der Reformer, das Königreich Sachsen, mit einem Angriff bedrohen. Die DEUTSCHSSOZIALEN BLÄTTER des Abg. Liebcrmaun v. Sonncribcrg sind nämlich sehr unzufrieden damit, dass die Reformpartei bei der Rcichstagsersatzwahl in Döbeln auf eint eigene Kandidatur verzichten und knüpfen daran die Folgerung: ״Wir werden sicher, sofern die Reformer keinen Knndiclateii aufstellen, die Frage erörtern, ob nicht wir die Sache unserer politischen Weltanschauung führen müssen und wollen. Wir werden jedenfalls iticlu leichten Herzens einer Abdankung zustimm.cji. die dem gesamten Antisemitismus eine arge Blosse geben könnte. Fühlen sich die Reformer zu schwach, und möchten sie deshalb verschüchtert ins Komproinisslocn schlüpfen, so gibts noch andere, die anders denken und unter Umständen das tun werden, was hier in erster Linie und mit Recht von den Reformern erwartet werden darf." Das Geheimnis des AnifremH^nhofes ..111 der vor. Nr. Indien wir (dicöST. WOCH.). dem fith.renden Organ der Lügenpresse auf die krummen Finger geklopft, in welchen es ein angeblich wichtiges Dokument aus dem Fall Hilsner triumphierend cmporhielt. Es war dies ein Brief jenes Duktor Bulowa. den der Zorn Über die antisemitische .Mcnschcnhetzc zu immer neuen Angriffen auf die Verbrecher a» der osterrciclnsch'.ii Justiz anspornte. Wir bemerkten gleich, dass Dr. Buk.wa ganz auf eigene Laust vorging und die eigentkehe Verteidigung Hitsners nur empfindlich störte. Das DEUTSCHE VOLKSBLATT ist bemüht und wendet seine virtuose Kunst an. um zu beweisen, dass Dr. Bulowa sich gegen irgend einen Paragraphen der Strafgesvizordntmg verging, indem er auf Zeugen Einfluss nahm oder dergleichen. Wie frech dieser Vorwurf ist, beweist der Umstand, dass Dr. Bulowa nur aus presspoüzeiliclicn Gründen eine geringfügige Geldstrafe erhielt, obwohl der Staatsanwalt sofort hei der Hand war. wenn es galt, einen Anwalt des Hilsner zu verfolgen. Der fragliche Brief ist auch absolut nichts weiter als die Aufforderung an einen eventuellen Zeugen (welcher •nicht aussagte), die reine und volle Wahrheit zu sagen. Wir haben das Schreiben vollals wenn sie tanzen wollte. Das Kichern steigerte sich zu einem1 schallenden Gelächter, daswüst und dämo-!lisch in allen ׳Räumen der Synagoge nachklingeud, den Eindruck machte, als ob die Wände im Chore mithühnett und '•spotten würden. Grosse Tropfet! tratet! der armen Sara auf die Stirn. In ihren Ohren sauste es• das Blut kochte ihr zum Kopfe hinauf, eine Binde legte sieh vor ihre Augen. Sic beugte sich tiefer über das Gebetbuch .... aber die heiligen Lettern schlugen wie Flammen zu ihr empor und als sic wieder scheu emporblickte, begegnete sic zwei sehlangcngrilnen Augen, die ein hässliches Feuer gegen sic äusspiecn. Etel W ermut stand vor ihr. mit weit herausgereckter Zunge, die beiden Zeigefinger wie Spiessc auf sie gerichtet. Die arme Sara glaubte sich von einem Wirbelwind erfasst, der sic durch die langen Reihen der Bänke forttrug . . י Spott und Verwünschungen umzischten sie, gleich Giftpfeilen . . . Aus der Synagoge trug cs sie auf die Strasse hinaus, peitschte.sie mit glühenden Ruten durch Gassen und Gässchen, und noch immer wähnte sie sich von jenen giftigen Augen verfolgt. Wie mit Wellen, die sie zu verschlingen drohten, kämpfend, stöhnte sie aus gepresster Brust: ״Nach Prag! Nach Prag!“ schrie sic laut .in die Gasse hinein und erreichte

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