Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651480--03845-2660791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 33 Seite 486 Abrücken von der Ito Das FRANKFURTER ISRAELITISCHE FAMILIENBLATT, -bisher bekanntlich ein Verfechter des itoistlsch gefärbten .,politischen“ Zionismus schreibt: ״Der ״Internationalrat“ der Jto hielt am I. und 2. August in London seine Jaliressitzung h i 1] t c r v e rschlossenen Türen ab; doch, was die 1־!ihrer der Jto auf dem anschl.csseiidcn grossen Massenmeeting der Ocncntlichkeit •verkündeten, zeigte, dass die terntorialistischc Be- .wegunß in dem ersten Jahre ihrer Arbeit keinerlei p r a ktische Resultate gezeitigt hat Dieses Ergebnis het trotz der Bege'sterung auf dem Meeting allgemein enttäuscht, und mit Recht fragt man sich, warum musste der Zionismus gezwelteilt werden, wenn auch der Territorialismus der Not.dc rGcgciuvart k eine Abhilfe zu schaffen we iss. Eine Erklärung hierfür scheint der merkwürdige iit.el ״In t e r n a t i o n a I r a i“ zu geben, der unseres Wissens auf dem Massenmeeting zum ersten Male offiziell gebraucht wor* den ist. Int ex nationalrat — also: nicht national! Man hat also dem Gelde der jüdischen Millionäre zu Liebs, auf das man nicht verzichten zu dürfen glaubte, und das dem Zionismus verschlossen ist, eine Konzession gemacht, die den Territorialismus seines nationalen Charakters bejaubt. Es handelt sich, demnach auch nicht mehr um eine Spaltung der Jüdischen Nationalbe־ wegung. denn die internationale Jto steht zu dem nationalen Zionismus weder in koordiniertem noch in kollegialem Verhältnis. Diese Auffassung dürften auch die auf dem genannten Meeting gehaltenen Reden, die eine Betonung ן des nationalen Momentes vermissen Hessen, bestätigen. Will aber die Jto nur eine' philantropischc Bewegung, nur eine Notstaudsaktion sein, so ist es unverständlich, dass sie dem gewaltigen Auswandererstrom, der sfcli Tag für Tag gleich einem Flutmecrc von Ost nach West c r g i e s s t. u n t ä t i g g c g cn!! b e r s t e 111. Zum Schlüsse sei noch gesagt: Wenn die Jto ihre Ziele in die Zukunit setzt, dann wäre cs besser gewesen, die Kräfte nicht zu zersplittern und den .Weg der Zukunft in der Heimat des Jüdischen Volkes zu suchen. Gegen die Ausweisungen Czernowlfz. Der sozialdemokratische politische Verein ״Vorwärts“ hat. wie bereits berichtet wurde, für den 25. Juli eine Volksvci Sammlung einberufen, um gegen das Vorgehen der Staatspolizei gegen die hierher geflüchteten russischen Arbeiter energisch zu protestieren. Den Vorsitz führte Herr Origorowicz. Sämtliche Redner, Herr Pistincr. Frau Dr. Origorowicz und Herr Tropper verwahrten sich gegen die Vor- Rangswelse der Staatspolizei, worauf iolgeude Resolution ein. stimmig angenommen wurde: ״Die Volksversammlung, die vom politischen Verein ״Vorwärts“ einberufen, am 25. Juli 1906 in Czernowitz stattfand, protestiert entschiedenst dagcgen. dass seitens der Behörden gegen die hier anwesenden russischen Flüchtlinge irgendwelche Repressalien ausgeübt werden oder denen, welche kommen werden, dei Aufenthalt cischwert oder gar unmöglich gemacht wird, da sic als eine Ehrenpflicht der Bukowina als eines Grenzlandes betrachtet, diejenigen gastlich aufzunehmen, welche die Brutalität des russischen Regimes jetzt oder später aus ihrem Heiniatlande vertreiben. Die Versammlung Ist prinzipiell gegen jede Aus- Weisung, im vorliegenden Falle aber umsomehr, weil sic ihren Protest als eine Verurteilung der offiziellen Henker — und Huliganlierrschaft. der planlosen und vcrabsclieuungswürdigen Willkiirherrscluift aufgehsst wissen will. Sic erhebt de» Protest um so nachdrücklicher, als die russische Regierung durch die Auflösung der Duma neue Kämpfe hcraufbcschwört. Kämpfe, in denen die Versammelten voll und ganz auf seiten der revolutionären Parteien stehen. Jüdische Arbeiterkurse Gegen Schluss des Jahres 1905 wandten sich russische Studenten in Zürich an den .,Hilfsverein der deutsehen Juden“ mit der Bitte, die Eröffnung eines Abendkurzes für rusrische Arbeiter durch eine entsprechende Sub- Vention zu ermögliche!!; Die Studenten legten dar. wie durch Förderung der Bildung unter den Emigranten viel gutes gestiftet werden könnte. Das Fortkommen der Emigranten ausserhalb Russlands werde, dadurch erleichtert; aber auch wenn sie nach Russland znrückhchrten. werde ihre Lage eine bessere sein. Der Pku! der idealistisch gesinnten jungen Leute erschien so zweckmässig, dass der Hilfsvcrcin der deutsehen Juden die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellte. Die Verwirklichung entsprach den Holimmgen. Den Bericht über die- Wirksamkeit der Vereinigung im ersten halben Jahre, den Herr stud. Garkawy erstattet bat, entnehmen wir das Folgende: Nach sorgfältigster Prüfung der Bedürfnisse und Wünsche der in Betracht kommenden Kreise, die zu den strebsamsten Elementen'der rus^isch-ikdischcii Arbeiterschaft gehören, wurden als Lehrgegenstündc Deutsch. . Mathematik und Russisch gewählt. Drei Studenten und drei Arbeiter arbeiteten gemeinsam den Lehrplan aus. Für einen Teil der Arbeiter, welche die Gewerbeschule der Stadt Zürich besuchen, ist es von grösstem Wert, sich in Mathematik und deutscher Sprache zu vervollkommnen, da die mangelhafte Vorbildung in diesen Fächern cs, ihnen unmöglich machte; dem Kursus in der Gewcrbcschule mit vollem Nutzen zu folgen. Ein anderer Teil der Arbeiter, der die. Absicht hat. nach Russland zurückzukehren, will die Möglichkeit ausnuizen, sich unter anderem auch in der russischen Sprache fortzubilden. Einmal in der Woche wird ein Lescabend veranstaltet. Ferner Ist mit gutem Erfolge ein populärer Kursus über die Grundbegriffe der Naturwissenschaft gehalten worden. Es konnte schliesslich den Arbeitern die Benutzung einer aus einem Nachlass herrührenden. sehr guten Bibliothek, die wissenschaftliche und litcrarisehe Werke enthält, ermöglicht werden. Sara blieb als Witwe, ihr Töehterclien Julie als Waise ן zurück. Niemand, nicht die reichsten Männer des Ghetto, und nicht die gelehrtesten Rabbiner vermochten die schöne Sara durch ihre Sendlinge dazu zu bewegen, den Witwenschleier mit dem Ehering zu vertauschen, ihr Entschluss war fest, war unerschütterlich, so lange Witwe zu bleiben, bis sie Gott dereinst zu sich rufe, um sie mit ihrem Gatten zu vereinen. Sic konnten und wollten es nicht glauben, alle die reichen und gelehrten Männer, die auf sie ein Auge geworfen hatten, und sie trösteten sich damit, dass sie doch früher oder später Ihre Liebesseufzcr erhören werde, denn die Seufzer stiller Liebe sind nicht bloss in den Musentcinpeln zu hören; solche Seufzer steigen oft hinter dem grossen, alten Ofen in der ״Klaus“ aufwärts und w allen im Rauche empor, sie fliessen mit den Wellen des kleinen Büchleins dahin, nachdem man am Neujahrstag seine Sünden hincingebröckcit hat, und wer weiss, ob nicht manchmal dem reuigen Sünder sogar am Vcrsöhnungstag ein solcher Seufzer entschlüpft. Wie selten dringen jedoch diese Seufzer bis an das Ohr derjenigen, die sie hervorgerufen hat. Die• schöne Sara, die keinen Wurm zu ihren Füssen sehen konnte, ohne ihn mitleidig aufzuheben, hätte diesen Seufzern vielleicht nicht widerstanden, wenn sie nur den Weg zu ihrem Herzen gefundeii hätten. Ucbrigens war sic auch jetzt glücklich. Wenn sie ihr Töehterclien ansah, das wie ein Knospdien aufbliihtc mit vollen rosigen Wangen, mit Aeuglein, die wie zwei schwarze Diamanten durch seidene Wimpern hcrvorblitztcn, und dem sanften Engclsgcsichtchen — da ging ihr ein ganzer Himmel im Herzen auf und sie war überzeugt, dass ihr Gatte mit einem seligen Lächeln zu ihr hcruntcrblicktc. Konnte sie es auch nicht sehen, dieses selige Lächeln, sollte sie sich dadurch das Leben verbittern lassen? Sah nicht auch sic, als er noch lebte, oft.genug durch die Gardinen ihres Stübchens zu ihm empor und hielt den Atem a״, um ihn ja nicht in seinem Studium zu stören, ohne dass er dies merken konnte, — warum sollte dies ietzt nicht auch umgekehrt sein können? Kaum zehn Jahre alt, zeichnete sich Julie schon durch ihre leuchtende Schönheit, ihre Klugheit, Herzensgiite, und durch ihr musikalisches Talent aus. Etwas, wie eine lachende Lerche klang aus ihr, wenn sic ihre Rosenlippen öffnete. Sara liess sic denn auch im Singen unterrichten, wenngleich es zu jener Zeit als eine Sünde und als eine grosse noch dazu galt, dass # <■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.