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Jüdische Rundschau · 1906-08-17 · Heft 33 (17.8.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU___1_Seite 485 unterrichtet und für den wirtschaftlichen Lebenskampf gestählt,' sondern auch auf ihre Moralität in der glücklichsten Weise eingewirkt, die Sittlichkeit der ganzen jüdischen Bevölkerung gehoben. Freilich ist noch viel zu tun. Doch die fünfundzwanzigjährige Arbeit ist nicht vergeblich gewesen, und wenn erst das Uchergangsgcschlecht in der \Vliste gestorben sein wird, so wird ein neues Geschlecht da sein, ehrenhafter, gewjssenhafter. pflichtbewusster, als das vorige. Die amtlichen Personen, die lange Jahre hindurch hier tätig gewesen sind, haben den glücklichen Umschwung in der wissenschaftlichen und moralischen Bildung der Israetitcn von Tunis wahrgeiiomnien. gewürdigt und öffentlich bezeugt. Die General-Präsidenten. die Direktoren des öffentlichen Unterrichts, alle Konsiilp. können hierfür aufgerufen werden. Ein weiterer Beweis für den Umschwung der ganzen Anschauungsweise liegt darin, dass die jüdische Gemeinde allmählich sich entschlossen hat, zum Unterhalt der Schulen recht beträchtliche Zuschüsse zu leisten. Die Gemeinde von Tunis trägt zu den Koster« det Allianceschule über •10000!־Tanks jährlich bei. teils direkt, teils .in persönlichen Spenden. Ls geht daraus hervor, dass unsere Glaubensgenossen der Erziehung ihrer Kinder jetzt einen ausserordentlichen Wert beimessen; sie würden sich sonst nicht so schwere Opfer auferlegen. An den Tagen der Schfilcraufnahme gibt cs förmliche Kämpfe und die Eitern fühlen sich tief unglücklich, deren Kinder aus Mangel an Platz haben zuriiekgewieseu werden müssen. Auch eine Riickwirkung aut das ältere Geschlecht ist bereits wahrnehmbar. Greise, die seit undenklichen Jahren den ״Clüluk“ .empfingen, verweigern jetzt die Annahme, weil ihre Kinder genug verdienen, um sie zu erhalten. Wenn in den Synagogen ein armer Mann, dessen Kind in der Aüiancesduilc erzogen wird, zur Sefer-Thora gellt, so versäumt er nicht, einen Frc. oder einen halben Frc. für die Alliance zu spenden, zum Beweis seiner Dankbarkeit und der tiefen Anerkennung, die er für die Alliance und ihr Wirken liegt. Der grosse Fortschritt in den häuslichen Gewohnheiten und Gebräuchen ist ganz unverkennbarseitdem die früheren Allianceschülerinnen Hausfrauen geworden sind. Die Erziehung in der Mädchenschule hat den glücklichsten Einfluss geübt. Die allzuiriÜien Eheschliessungcn haben fast völlig auigehört. Die Lehrerinnen oiägen de» Mädchen von Jugend auf die Pflichten der hausfraulichen Fürsorge ein. so dass die Kinder den höchsten Wert auf gesundheitliche Einrichtungen, auf Sauberkeit, auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit legen und ,Geschmack an der Einfachheit gewinnen. Das neue Geschlecht, das zur Schule kommt, sieht in Haltung und allen Aeusserliclikeitcn schon ganz anders aus, als das vorige. Noch wenige Jahre,! und es wird nicht mehr, wie ehedem, einen Widerstreit zwisehen Schulunterricht und häuslichem Beispiel geben. Schule } und Haus werden einander unterstützen und ergänzen, und der j moralisierende Einfluss wird um so stärker sein. J Es wäre Unrecht, wollten wir nur die Lichtseiten zeigen J und von den Schatten völlig schweigen. Eine erfreuliche Bes- 1 serung in dem moralisclien Stand unserer tunesischen Glau- tensgenossen ist unverkennbar. . Würdige Haltung und Gev/issenhaftigkeit treten mehr und mehr hervor, aber auch eiuc gewisse Sucht, sich bemerklich zu machen. Das ist ehe allgemein, menschliche Schwäche, keine tunesische ui.U keine jüdische Eigenheit. Wer plötzlich zu einer ungleich besseren Situation aufsteigt, wird in der Regel solche Schwäche zeigen. Im vorliegenden Lall ist sie nicht ohne Gefahr: denn der kon« kurricrende Italiener ist sparsamer und bleibt in seiner Sphäre, In der. Strassen von Tunis sieht man zuweilen e'nen Lusus, den sich in Europa die Reichen nicht gestatten. Do:n nicht tier Reichtum ist hier so gross, sondern die Putzsucht Es gibt Glaubensgenossen, die monatlich 100 oder 120 F*xs. Einkommen haben und ein Kleid für ihre Frau mit 180 Frcs. bezahlen. In manchem Haushalt isst tjian sich nicht satt, aber nuui empfängt in Spiegelsalons und kleidet sich nach der neuesten Mode. Es Ist zu hoffen, dass auch hier das kominende Geschlecht klüger sein wird. Eine weitere Gefahr, die sogar recht bedenklich ist, liegt ii, der Beschränktheit der Mittel, die das Land liefert. Es gibt in Tunis kein ernsthaftes industrielles Unternehmen, und es kann keias geben, da das Land hauptsächlich auf Landwirtschaft angewiesen Ist. Infolgedessen 4st cs eine bereits beängstigende Frage geworden, welchen Beruf die 200 jungen Leute ergreifen sollen, die alljährlich die Allianceschutc verlasseii. da die verfügbaren Berufe doch schon beinahe überlullt sind. Gleichwohl ist cs gestattet, hoffnungsfroh in die Zukunft zu sehen, aus den bereits erreichten Verbesserungen aut die weiteren Verbesserungen zu schliesscn, die die Zukunft bringen soll. Rundschau Bar-kochba Der diesjährige Fatnllfen-Ausflug des Jüdischen Turn vereins ״Bar Köchba“ findet am Sonntag, dem 26. August, per Dampfer u achHcsscn winke! am Dämerltzsee statt. Teilnehmerkarten & 1.50 Mk. (Familienkarten für 4 Personen 5 Mark* sind nur noch in beschränkter Zahl an allen Turuabcnden und bei Herrn Arthur Hirsch, Dragonerstr. 24 I zu haben. Abfahrt 8 Uhr früh! Gäste herzlich willkommen! ״Meidet Preussen ‘ Thora, 14. August. Durch eine neue Ministern!:• Verfügung ist eine Erschwerung der russischen Einwanderung cingetrctcn. Alle russischen Auswanderer, die die preussische Grenze passieren, müssen fetzt ausser den vorgeschriebenen Legitiniatiouspapieren den revidierenden Gendarmen eine bestimmte Summe baren Geldes, für Erwachsene 400. für Kinder 300 Mark• vorweisen. Wer dies nicht vermag, wird über die Grenze zurückgeschoben. feurige Küsse zu schlürfen.aber es war doch noch etwas mehr als das Heulen des Windes. Hören vir: Die Bew ohner des kleinen Städtchens G. bei Prag wollten es insgesamt nicht Klauben, dass es Sara, die schöne Tochter des Rabbiners, mit dem Ausspruche, den sie einmal getan, so ernst nehmen werde. Wie hätte man es auch glauben sollen, wenn man die jugendfrische Sara sah, mit ihren vollen, blühenden Wangen und ihren im Uebesfeucr erglänzenden Augen — wie hätte man es nur glauben sollen, dass sie dem Liebesglücke, für alle Zeiten entsagen und den düsteren Witwenschleier demselben vorziehen werde? Freilich hatte sie während der fünf Jahre des Zusatmnenlebens mit ihrem Manne viel der Freuden genossen und viel des Glückes, so dass sic in dieser Zeit Wehr aus dem beseligenden Becher holder Liebeslust j geschlürft hatte, als vielleicht andere ihr ganzes Leben j hindurch. Ragte ja doch auch ihr Mann an Wissen und 1 Kenntnissen weit über die Köpfe aller anderen hervor, « und als er noch ein Jüngling war, klang schon sein | h'ame und klang seine jüdische Gelehrsamkeit weit; über die Grenzen Böhmens hinaus. So mancher der begüterten, reichbemittelten Glaubensgenossen wiegte sich in der süssen Hoffnung, dereinst dieses ״Juwel“ als Eidam heimzuführen, und alle blauleuchtenden und schwarzblitzcnden Augen der ״Gasse“ sahen ihm mit geheimer Liebesgier nach, wenn er so morgens und abends des Weges kam, um in die Synagoge zu gehen — denn er war, wie man sich in der Sprache vergangener Zeiten auszudrücken pflegte, köstlicher Wein in kostbar goldenem Gefässe. Die Glückliche indes, die er unter allen Mädchen zur Braut erkoren, war Sara, die holdäugige Tochter des Rabbiners. Niemand missgönnte ihr jedoch dieses Glück; sogar Etel Wermut, die alle Welt mit den galligen Augen des Hasses und Neides ansah, Etel. welche jedes Glück eines anderen | als etwas ihr geraubtes betrachtete, musste zugeben, י dass Sara die Perle aller Mädchen sei, züchtig wie du Täubchen, holdselig wie die gute Stunde selbst und schön wie der leuchtende Morgenstern. Kann es noch mehr echtes Glück geben, als in einem Hause, wo zwei solcher Wesen sich vereinen? Allein das Glück hat ein beschränktes Mass, das Leben eine enggezogene Grenze. Da das Glück, das überströmende, masslose Liebesglück, von Saul — so war sein Name — nicht weichen wollte, so wich das Leben.

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