Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 476 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 32 versucht werden. Geschwister in denselben Instituten oder wenigstens in derselben Stadt untcrz.ubriitgen, und cs muss auch in Rücksicht gezogen werden. dass bestimmte Anlagen zu einer gewissen Tätigkeit, die sich bei den älteren Kindern bereits gezeigt haben, in zweckentsprechendster Weise weiter ausgcbildet werden können. Ganz selbstverständlich ist es dabei, dass di*: Kinder ihrem definitiven Bestimmungsort erst dann zugcfiihrt werden, wenn nach sorgfältigster ärztliche! Beobachtung Bedenke׳! in Bezug auf den Gesundheitszustand der Schützlinge absolut nicht mehr bestehen. E§ braucht nicht nochmals hervorgcliobcn zu werden, dass diese mehr als hundert Kinder nicht die gesamte Zahl der Waisen darstellen, denen durch die Pogrome ein so entsetzlichcs Schicksal bereitet worden ist. Vielfach haben sich die russischen Verwandten von den verwaisten Kindern nicht trennen wollen, vielfach war cs auch möglich, die Kinder in russischen Anstalten unterzubringen. Nur dann, wenn unter Berücksichtigung aller Umstände die Fortführung der Kinder als das' Geeignetste erscheinen musste, wurden sic in die Transporte aufgenommen, und auch so beträgt die Zahl derselben über — 100. Der zweite Teil der Aufgabe, der mm noch unter der׳ bewährten Leitung der genannten Persönlichkeiten zu lösen bleibt, ist die Unterbringung der Kinder in ihrer neuen Heimat, in der ihnen hoffentlich nach den entsetzlichen Erfahrungen ihrer Jugend eine bessere Zukunft blühen wird. Graf Tyszkiewicz für die ‘ Gleichstellung der Juden Graf Tyszkiewicz veröffentlicht in der RUITSCH einen .Artikel, indem er sich fulgendermasscn für die Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern ausspricht: ״Seit Jahrhunderten leben die Juden in Polen, seit Jahrhunderten bestellt zwischen ihnen und der örtlichen Bevölkerung der Wirtschaftskampf, in welchem einzelne den Grund des Zwic- Spaltes zwischen Russen und Juden sehen wollen. Dessen ungeachtet hat Polen nie Judenhetzen gekannt. Ja. cs lässt. Sich nogh mehr sagen: In Polen gibt es ״Polen jüdischen Glaubens.“ also Juden, die Polen so sehr als ihr Vaterland betrachteten, dass sie sich in den Freiheitskämpfer! ebenso wie die Vertreter der echt polnischen Familien opferten. Womit lässt sich dieses friedliche Zusammenleben von Polen und Juden erklären? Doch nicht etwa dadurch, dass beide seit 70 Jahren in gleicher Wehe geknechtet werden? Allein auch zu den Zeiten, wo Polen noch unabhängig war. kam cs zu keinen solchen Vorgängen, dass eine Bevölkenmgsklasse gegen die andere gehetzt wurde. Man erhebt in der Bialystoker Affaire den Vorwurf, dass die jüdischen politischen Örganisationen sich verteidigt und zusammengetan hätten, aber tun das nicht auch die christlichen Organisationen in den Ostseeprovinzen oder anderen Teilen des Reiches? Beim Juden erscheint dieses Zusammenschlüssen seiner rechtlosen Lage wegen schon als eine ungeheure Dreistigkeit. fast ein Verbrechen. Darin liegt aber auch der Schwerpunkt der Lage. Weil einzelne das selbständige Auftreten der Juden im politischen Kampfe für ein Verbrechen halten, wird zu solchen Mitteln, wie Judenhetzen. gegriiien. Hierbei gibt es nur einen Ausweg mul eine Abhilfe: das ist die volle Gleichberechtigung der Juden. Die rechtliche Stellung der Juden ist die Quelle aller Erniedrigung und Schande: sie muss daher aufgehoben werden. Nur die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden kann der unleidlichen Lave der Dinge ein Ende machen. Diese Gleichberechtigung fordert ebenso das Volksgcwisscn wie der öffentliche Nutzen, denn mit der Gleichberechtigung schwindet jenes Ungetüm aus Russland, welches man die Judenfragc nennt.“! Wie eine Panik entsteht Kasan. 14. Juh. Der Einzug des wundertätigen Bildes, der Smolcnskcr Mutter Gottes, der am 9. Juli erfolgte, war ein Festtag für die ganze rechtgläubige Bevölkerung der Stadt und Umgebung. Wochenlang vorher waren überall Gerüchte über eine bevorstehende Judcnhctz.c verbreitet, auch die Intelligenz sollte nicdcrgeinacht werden. Viele Juden vcrliesscn die Stadt. Nicht nur hier, sogar in den weitest entlegenen Dörfern sprach man davon; die Pilger, die sich auf dem Wege hierher befanden, wurden gewarnt, weüerziigehcn. in der Stadt sei cs nicht geheuer. Manche folgten dem Rat. die meisten aber, die von weit herkanicn, wollten nicht umkehren. und so hatte sich bereits am Samstag, den 7. Juli, viel Volk cingefunden. Die Bauern aus den Dörfern waren durchaus nicht kriegerisch gestimmt. Dagegen drohten Mitglieder des ״Schwarzen Hundert" oben mit einer Judeiilietze. Die Aufregung war daher gross. Am 9. Juli um die Mittagszeit war eine grosse Menschenmenge auf dem Platz, vor der Duma und dem Kreml versammelt. Es herrschte eine tropische Hitze. und man konnte kaum atmen zwischen der McnschcmiKissc. Apathisch und schweisstriefend bewegte sich alles vorwärts; heim Denkmal Alexanders 11. staute sich die Menge plötzlich und ein Taschendieb, der die Stimmung ausnutzen wollte, schrie, indem er eine Uhr entwendete ״Rettet Euch, man schicsst im Kreml“. Die Menge lief zurück und es entstand ein furchtbares Gedränge, aber nicht auf lange, denn die Umstehenden hatten die Sache richtig erkannt und verprügelten den Unruhestifter gründlich, worauf er zur Polizei gebracht wurde Wieder ging cs langsam vorwärts, bis cir! anderer Spitzbube auf den Einfall verfiel, eine Kinderpist« le abzuschiessen, andere sagen, er habe Knallerbsen gehabt Der Sache auf den Grund zu kommen, ist unmöglich; wie dem mich sei. der Zweck war erreicht: die Panik, die nun ausbrach, lässt sich kaum beschreiben. Schweigend, so weit das .bei einer so grossen Menge möglich ist. floh alles in wilder Hast nach verschiedenen Seiten, übereinanderstürzend. wild und rücksichtslos vorwärtsstiirmend. ־ Die vielen herrschaftlichen Equipagen und Fuhrleute, die abseits beim Gostiuny Dwor hielten, hatten sich beim ersten Alarm zu rasender Flucht gewandt und jagten, blindlings alles, was sich ihnen in den Weg stellte, niederfahrend, dahin. Es war ein unliehnlichcr Aublick! Ein lebender Knäuel wälzte sich auf der Strasse. Be• rittene jagten hin und her. was die Verwirrung noch erhöhte. Weit von der Unglücksstätte entfernt, rannten die Leute noch, als ob sie gejagt würden. Auf dem Abhänge beim Kreml hatte sich, in Erwartung des Heiligenbildes, viel Volk gelagert; als die allgemeine Flucht begann, rollten die Menschen, da sie keinen anderen Ausweg sahen, wie die Erbse!;, den steilen Abhang hinunter. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, lässt sich nicht genau feststellcn, wie viele dabei verunglückt sind, im städtischen Krankenhaus waren 35 Verwundete uutergebracht und in der Univcrsitätskapelle lagen einige Tote aufgcbahrt. Beständig kamen weinende Weiber in die Universität, um nach ihren abhanden gekommenen Kindern zu suchen Natürlich wurde das Ereignis arg auigcbauscht. אל הבתהו'בנדיבים Die FRANKFURTER ZEITUNG berichtet über einen Misserfolg ihres Korrespondenten, den er soeben he! König Oskai von Schweden gehabt hat. Sie schreibt darüber folgendes: ״Marstrand (Schweden). 2. Aug., 12.50 N\ Der König empfing mich soeben in besonderer Audienz, um von mir einen offenen Brief an die Staatsoberhäupter gegen die Judennictzclcieii iq Russland cntgcgcnzunchmcn. Ich bat den König, durch ein Wort die Metzeleien in Russland «als die grösste Schmach des Jahrhunderts zu bezeichnen, damit durch dieses Wort dem Himnorden Einhalt getan werde. Der König sagte, er bedauere die Pogrome, aber er .als König könne nichts dagegen tun. Er dürfe seinem Lande nicht das Unglück bcreiten, das daraus entstehen könnte, wenn er als König etwas m der Sache tue. Schweden müsse auf seinem exponierten Posten gegenüber Russland sehr vorsichtig sein. Er wolle morgen seiner Regierung den offenen Brief vorlcgcn. Er müsse alles seiner Regierung überlassen. Der König $agte: feil glaube nicht, dass die Metzeleien wiedcrkonmicn werden.“ Ja, was soll den König Oskar anderes erwidern, wenn er als streng konstitutioneller Monarch antworten will? Und was soll er als der Beherrscher eines europäisch christFcheu Staates anders erwidern, als dass er weder Lust noch Macht hat, zu Gunsten der dauernd verfolgten Juden cinzutrctcn? Das einzige, was ein europäischer Kulturstaat in Angelegenheit der russischen Juden tun kann, ist doch bloss, dass er sie ausweist, ausschliesst und vertreibt. Freizügigkeit י Deutsche Blätter allerteutschester Gesinnung, wie das REICH, berichten jetzt auch über eine angeblich den .luden in Russland gewährte Freizügigkeit: ״Der russische Ministerrat beschloss, de bisherigen Be- Stimmungen über den Eintritt der Juden in die Hochschulen aufzuhebeu und durch liberale zu ersetzen, auch den Juden, welche nicht politisch kompromittiert sind, Freizügigkeit zu gewähren.“ In dieser Form stimmt die Nachricht nicht. Sie stimmt nur in derselben Form, in der auch öot preussischc Staat den russischen Juden die Freizügigkeit gewährt, indem er ihnen ausnahmslos weit über die vom Ministerium ztigegcbenen 740(י hinaus noch immer die bekannten Papierchen zuschickt, durch die sie angewiesen werden, allersehlcunigst das Gebiet des preussisehen Staates zu veranlassen, ״widrigenfalls sic ausgcwiesen werden." Diese Vogclfrciziigigkeit wird freilich den russischen Juden auch in Russland gewährt, vorausgesetzt, dass sie nicht zufällig vorher auf obrigkeitlichen Befehl ausse! Hab und Gut auch ihr Leben an Ort und Stelle lassen müssen. In solchem Falle ist die weitere Freizügigkeit ausgeschlossen.