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Jüdische Rundschau · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 475 •I JÜd sehe Gemeindebeamte in Ungarn Die Beamten und Angestellten der jüdischen Kultiisgcmeinden hielten in der Zeit vom Sonntag bis Mittwoch ihren ersten Landeskongresses in der Hauptstadt ab. Es wurde heschlossen, an den Minister für Kultiis und Unterricht, ferner an die zwei Landeskanzleicn ein Memorandum zu richten. Hierauf wurde der Landesvercin der Kultusgciticindc-Angcstcllten konstituiert, welcher die Unterstützung notleidender Mit-!;licder. wie auch ihrer Witwen und Waisen bezweckt. In den Vorstand wurden gewählt: Ludwig Labowitsch, Budapest, als Präsident: Parczcl (Obuda) und. Friedman» (Szolnok) als Vizepräsidenten. Schliesslich ermächtigte der Kongress die Voreinstellung,. bei der Gesetzgebung und den Landeskanzleien die nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Kultusgemeinde- Angestellten definitive Anstellungen erhalten. Im sächsischen Garten In Warschau Berlin. Aus Warschau berichtet der Korrespondent der VOSSISCH1IN ZEITUNG: .,Ich befand mich in der Wohnung eines meiner Bekannten auf der Nikolaistrassc M. Das Haus grenzt an den Sächsischen Garten, und die Fenster der W0I1• nung gehen auf den Garten. Her Garten war wie gewöhnlich am Samstag von jüdischem Publikum überfüllt. Plötzlich fiel im Garten ein Schuss. Ich trat aus Fenster und sah. wie das Publikum, zwar offenbar beunruhigt, jedoch ohne Übereilung . den Garten verlies?. Eine Weile war cs ruhig. Nach etwa fünf Minulet aber fielen vier oder fünf Schüsse, und dann folgte Knall auf Knall. Ich erblickte Männer. Frauen und Kinder, in wilder Flucht der Nikolais'.rassc zueileud und von einigen Polizisten, die unaufhörlich feuerten, •verfolgt. Ich eilte hinunter und fand im Hausflur einen etwa 36jährigen Mann' mit durchschossenem Kopf in den letzten Zügen und auf dem Hofe einen jungen Mann mit durchschossenem Bein, das einige Mitleidige zu verbinden suchten. Ich telephonierte sofort an die Freiwillige Rcttungsgcsclt* scliaft. die 10 Minuten später auf den! Platze erschien. Wie ich erfahre, sind noch fünf Personen — zwei sollen inzwischen gestorben seiij — verwundet worden. Der Polizeibericht soricht von einigen Schüssen, die ״Unbekannte" abgegeben haben sollen, und erwähnt nichts von den Polizisten. Ich stelle als Augenzeuge fest, dass die Polizisten es waren, die gefeuert und den Alann — er hiess Nute Schlack und war Schneider — auf der Strasse vor dem Tore des Hauses No. M erschössest! und den jungen Mann verwundet haben. י Die allgemeine Ansicht geht dahin, dass der erste Schuss von einem Provokateur ahgefeuert wurde und dass man es mit einem der vielfachen Versuche, einen Pogrom herbeizuführen, zu tun hat. Juden in Odessa In Verfolg des Gesuchs, das vom Zentralkomitee der Alliance Israölite Universelle im Interesse der vom Ärgsten bedrohten .Odcssaer Juden an den französischen Minister des Äussern gerichtet worden ist. hatte der Präsident der Alliance, Narcisse Leven. — da der Minister auf Urlaub ist — mit dem Direktor der politischen Angelegenheiten eine längere Unter* rcduitg. Der Direktor erklärte, dass die Regierung Infor*!rationell erhalten hätte, die lediglich auf Mitteilungen der französischen und englischen Konsuln beruhten und die darin fibereinstimmten. dass die Bewegung, die in Odessa eingesetzt liabe. augenblicklich zum Stillstand gekommen sei. Infolgedessen liege fiir die Entsendung von Schiffen zur Aufnahme von Flüchtlingen kein unmittelbarer Anlass vor. Überdies sei diese Massnahme nicht leicht zu nehmen. Ohne Prüzedcnzfall, körnte sic leicht als eine Einmischung In die inneren Angelcgenhciten des Landes gedeutet werden. Jedenfalls werde der Minister den angeregten Schritt im Auge behalten und werde wohlwollend prüfen, wie weit der Anregung Folge zu geben sei. Hierzu bemerkt das Deutsche Bureau der Alliance Israöktc, dass der Grund für das aussergcwöhnliclte Ansuchen derselben nicht unbedeutend gewesen sei. Wenn man sich erinnert, weiche entsetzlichen und verheerenden Greueltaten vor wenigen Monaten an der jüdischen Bevölkerung von Odessa verübt worden seien, so werde man die Unruhe begreifen, die durch die ersten Anzeichen eines neuen Pogroms in Odessa hervorgerufen werden musste. Neueren Nachrichten zufolge sind durch die beklagenswerten Vorkommnisse vom 2*1. und 25. Juli nicht nur eine grössere Zahl Läden und Wohnungen demoliert und ausgeraubt worden, sondert» nicht weniger als sechs blühende Menschenleben, alles junge Arbeiter, sind den Pogrombgschützcrn zum Opfer gefallen. Zwei. Oewcrt und Trebelov, wurden auf der Stelle getötet, die anderen starben in den darauffolgenden Tagen im Krankenhaus. Die höchsten Beamten des Odcssaer Militärbezirks machten ihnen im Krankenhause Besuche und forschten sie aus. Wie in Bialystok griff das Militär ein, sobald sich die Juden der Ausplünderung •wjdcrsetztcn. Dass ein Haufe ..echt russischer Müntwjr" armen Uhrmachern. Strumpfwirkern, Wäschern und Färbern das letzte Hab und Gut raubte, licss das Militär gleichgültig. Das sollte vielmehr eine gerechte Rache daiür sein, dass zufähig einmal ein einzelner Kosak seine Niedertracht mit dem Leben gebiisst fiattis Es steht fest, das:• der Kosakc Wassili Slturawlew in eine Handgemenge geriet, als er mit dem Rufe: ״Nieder mit den Juden!" durch die dichtbesetzten Gassen ritt. Nicht erwiesen ist. dass Juden ts waren, die ihn erschlugen. Wenn diesmal das weitere Umgreifen des Pogroms verhindert wurde, so ist das wohl zumeist dein einseitigen entschlossenen Eingreifen des Stadtgouverneurs Generalmajor Origorjcw zuzuschreiben, der nicht milde wurde, in den bedrohten Stadtteilen persönlich die Volksmengen zu beruhigen. Das Auftreten des Oberbefehlshabers Baron Kaulbars. der an die in das jüdische Krankenhaus Geflüchteten eine Beschwichtigungsansprache hielt, hätte kaum Eind׳uck gemacht, auch die Ver- Sicherungen des zeitweiligen Gencralgouvcrneurs Generaltnajor Karattgosow hätten kaum irgendwo Glauben gefunden. Richtig ist, dass, solange es diese obersten Spitzen nicht wünschen, ein Progrom nicht in die Erscheinung treten wird. Petersburg. Die RJETSCH meldet aus Wladikawskas: Die amtliche Zeitung TERSKIJA OBLASTNIJA WJEDOMOSTI fordert die Kosaken auf. sich die judenfretindliclicn revolutionärcti Abgeordneten vom Halse zu schaffen. Man macht sich in der Stadt auf eine Judenhetze gefasst. Petersburg. Dem DWADZATY WJEK zufolge werdet» in Odessa viele Mitglieder des dortigen jüdischen Selbst- Schutzes ״verhaftet Wie der RJ ETSCH meldet, befinden sich int Odessacr Kranketthause elf scnwervcrwundete Juden, von denen viele kaum ittit dein Leben davonkommen düriten. Die Odcssaer Zeitung RUSSKAJA RJETSCH hetzt ntasslos gegen die Juden und iordert die Bevölkerung auf. den Juden den Garaus zu machen. Die Juden flüchten in Massen. Eiscnbahniahrkarteri werden bereits für alle Züge der nächsten Tage int voraus verkauft. Die Polizei verhaftete schon gegen hundert Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes, die• in den Polizeiwachstuben mit Gunnniknntleln und Totschlägern barbarisch geprügelt werden. Die Progromwaisen Der Hilfsverein der deutschen Juden stellt den!lachstehen• den Bericht zur Verfügung: Zu den schwierigsten Aufgaben, die die Hilfsaktion in Russland zu bewältigen hatte, gehört die. den durch die Pogrome verwaisten Kindern eine neue Heimat zu schaffen. Eine grosse Anzahl dieser Kinder konnte bei Verwandten untergebracht werden aber eine Anzahl blieb übrig, für deren Erziehung In Russland nicht genügend gesorgt werden konnte, und sie aus Russland fortzulühren. blieb eine Notwendigkeit. Die Unruhen, die in Russland unaufhörlich herrschen, erschwerten cs ausserordentlich, mit Raschheit die nötigen Dis- Positionen zu treffen. Ebenso schwierig war es. die nötigen Papiere für die Kinder zu erhalten, fn einzelnen Städten hatten während der Pogrome grosse Brände stattgefunden, durch die die einschlägigen Papiere vernichtet worden waren. Endlich kam hinzu, dass für die Fortführung der Kinder die Einwilligung derer erlangt werden musste, die nach dem Todo dgr. Eltern die Bestimmung über das fernere Schicksal de! Kinder zu treffen hatten. Nach Überwindung all dieser Schwierigkeiten ist es endlich gelungen, die Kinder, die fiir di.c Fortführung aus Russland in Betracht kamen, in Oaiizteu, diesseits der russischen Grenze zu sammeln. Die Transporte der Kinder kanten — ohne Zwischenfall und über Erwarten pünktlich — in Podwoloczyska an. Es trafen ein: 16 Kinder aus Kiew. 28 Kinder aus Ekaterinoslaw, 12 Kinder aus Odessa. 5 Kinder aus Kischittew, 3 Kinder aus Kalarasch. J Kind aus Bogopol, und es wurden noch erwartet bei Abfassung dieses Berichtes 8 Kinder aus Scmionowka. Ferner trafen ein 3*1 Kinder aus Bialystok. die durch dett letzten Pogrom verwaist wurden. Herr Spiewak aus dem entlegenen Ekaterinoslow hatte mit grosser Umsicht und Hingclutng die entfernten Transporte bis an die Grenze geleitet. Die Kinder, die zum grossen Teil kräftig und schön sindr von denen aber auch einige sich nicht irti Besitze vollster Gesundheit befinden, wurden sofort nach Lemberg überführt. Nach einer gut verbrachten Nacht wurden die Kinder am folgenden Tage wiederum in zweckentsprechendster Weise verpflegt und nunmehr begann fiir die anwesenden zugereisten Komiteemitgliedcr und für die heimischen Hilfskräfte, die sich in aufopferndster Weise zur Verfügung gestellt hatten, eine, ausserordentlich schwierige Tätigkeit. Es werden dabei alter auch ganz besonders die Inter• essen der Kinder selbst 2u berücksichtigen sein. Es muss

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