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Jüdische Rundschau · 1906-08-10 · Heft 32 (10.8.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 474 * •JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 32 Wieder eine-Wahrheit In ihrem ..Allerlei“ tischt die SCHLESISCHE MORGEN'• ZEITUNG ihren offenbar leicht zu befriedigenden Lesern fol- Kcndes angeblich in Northeim geschehene Geschichteheu auf: ״Von einem herciugefallcucn indischen Frechling erzählt man sich iolgende niedliche Geschichte: Sitzt da eine Dame auf dem Bahnhof l. und 2. Klasse und trinkt ihren Kaffee, als ein jüdischer Herr an die Dame herantritt und sic scliroif auifordert, einen von ihr mit Sachen belegten Stuhl zu räunjen, damit er sich selbst hinsetzen könne. Als die Dame darauf hinweist, dass noch andere Stühle frei seien, besteht der Hebräer trotzdem au! seinem Verlangen, wodurch sich die Dame aber nicht einschiichtcrn hisst, sondern sagt, er möchte doch dahin gehen, wohin er gehört. Trotzdem r ä u m t der Jude seihst den Stuhl ab und nimmt Platz. (!) Die Dame steht auf und kommt in Begleitung eines — Stationsbeamten zurück. Dieser fordert energisch den Ausweis des Juden bezüglich der Fahrkarten. Dieser bringt nach einigern Sträuben eine Fahrkarte — vierter Klasse (!) zum Vorschein, worauf ihm bedeutet wird, dass ein Recht zum Aufenthalt in den Wartesälen 1. ur.d 2. Klasse nur solche Reisende, hesässen. die entsprechende Fahrkarten besitzen. Reisende anderer Wageukiassen würden nur geduldet, soweit sie sich entsprechend benehmen. Wohl oder übel musste nun der freche Jude aus dem Saal verschwinden und dorthin gehen, wohin er. wie die Dame richtig bemerkt, hatte, gehört. — Man sieht, man muss sich von den Juden nicht cinschüchtcrn lassen, sondern ihnen, w enn sie sich 11:1' verschämt benehmen, den Standpunkt gründlich klar machen. Das Vorgehen der betreffenden Dam״ verdient deshalb nur Lob, man nehme sich daran ein Beispiel! Natürlich wird der so glänzend hcrcingcfallcne Jude wieder tüchtig über d e Antisemiten schimpfen, die sogar unter den Eisenbahnbeamten zu finden seien, denn cs ist ja nichts neues, dass die Juden stets, wenn ihnen von jemandem so gekommen wird, wie sie» es verdienen, saccii. cs wären Antisemiten.“ Die SCHLESISCHE MORGENZEITUNG hat einen sehr bestimmten Grimd. warum sie den N a m c 11 des Jüdischen Frechlings“ verschweigt. Die Geschichte hat nämlich mit der Wahrheit dasselbe Teil gemein, wie das antiscinitisehe Revolverblatt, das sich ebenfalls lticus an non luccndo einen solchen Namen angemasst hat. Vielleicht aber reicht nur unser Verständnis für eine reiiigcrinanisclie Wahrheit nicht aus? Die Herren stehen auf dem Standpunkt des römischen Landpfiegers Pontius Pilatus: ״Was ist Wahrheit?“ Den Antisemiten ist sie bekanntlich Hccuba. Gerichtsentscheidung Strassburg. Eine bemerkenswerte Entscheidung fällte das Gberlandesgericht in Colmar. Es war in einem Prozess das persönliche Erscheinen der Parteien in der Sitzung, die an einem Samstage stattfand, angeordnet worden. Der Kläger — ein Jude — gewann den Prozess und beantragte dann dte Festsetzung seiner Kosten und Auslagen, die ihm der Gegner zu erstatten hatte. Mit der Begründung, dass die Religion ihm verbiete, am Samstag zu reisen, berechnete er die Auslagen für den Freitag und Sonntag. Das Landgericht bewilligte aber nur Ule Reisekosten und die Auslagen für den Samstag, weshalb er gegen die Streichung der übrigen Auslagen Beschwerdc bei dem Oberlandcsgcrichtc erhob. Dieses ordnete an dass die Auslagen für den Freitag und den Sonntag zu erstatten sind, weil dem Kläger als Juden das Reisen atn Samstag durch religiöse Vorschrift verboten ist und ihm die Vcr- Ictzuiig einer solchen Vorschrift jedenfalls dann nicht zugemutet werden kann, wem! er ohne dieselbe der richterlichen Anordnung nicht nachkommcn kann. Die Lage der Juden in Ungarn Die derzeitige Lage der Juden in Ungarn scheint eine durchaus bedenkliche und die politische Situation infolge der Etablierung der Koalitionsregierung nicht ohne Gefahr. Einen wichtigen Bestandteil der Koalition bildet bekanntlich die antisemitische Volk sparte! und wir in Österreich haben die Erfahrung gemacht dass bei einer solchen Bundes- Genossenschaft mit antisemitischen Elementen nach und nach oie übrigen Parteien antisemitisch verseucht werden. Nicht die fortschrittlichen Elemente beeinflussen die Antisemiten, sondern umgekehrt jene werden infiziert. Die Krankheit ist ansteckend, niemals aber die Gesundheit. Das zeigte sich auch bei dem jüngsten Wahlkampf im VIII. Bndancsler Wahlbezirk zwischen B a r a b a s und E ü t v ö s. Wiewohl Barabas niemals zur antisemitischen Partei gezählt wurde und er jeden Verdacht des Antisemitismus zweifellos mit Recht entschieden ablclmen wird, wurde dennoch der W a h 1 k a m p f mit a n l i s e!11 i ־ tischen Waffen geführt und die antisemitische Idee hat den ganzen Wahlkampi beherrscht. Die Agitation Barabas gegen Eötvös hat sich aniisemilischer Waffen bedient. Die Agitation entwickelte sich nach bewährten antisemitischen Vorbildern. Die Wähler des Karl Eötvös, gleichviel ob Juden oder Nicht Juden, wurden auf offener Strasse mit antisemitischen Beschimpfungen insultiert, wie ״Nieder mit dem Verteidiger der Juden!" ..Abzug Tis/a-Eszfar!־* * ..Hinweg mit dem Vertreter der Schächter!“ Als der demokratische Abgeordnete D r. Ernst Brody in einer Wählerversamnilung die Wahl des Karl Eötvös empfahl, ertönten plötzlich die Rufe: ״Eine Juden sch ule ist das!“ ״Nieder mit den J 11 d e n h u n d e n!“ ״Nieder mit Eötvös!" .Eljeu Barabas!“ Derjenige aber, der diese Rufe nussticss. war ein Polizist. No 6H. Josef Scliairanäk. Selbtsvers'ändlicli haben diese Vorgänge in Kreise!» indischer Wähler ungeheuere Verbitterung hervorgerufen und diese Wöhlcrniasstn für den Kandidaten Karl Eötvös entflammt. In der Tat wurde Eötvös mit 3518 Stimmen gegen 2562. welche auf Bcla Barabas entfielen, gewählt. Die Wahlvorgäugc zeigen Jedenfalls, welche Leidenschäften im Hintergründe der Volksseele schlummern, und unsere Stammesgenossen werden gut tun. sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. ÖST. WOCH. — Zuhause! — Und nicht am kaukasischen Militärkordon? Statt der Antwort zuckte sie mit den Achseln. ״ — Und ist er schon fort? fragte ich wieder. — Wer denn? — Nun, er, kennst du ihn denn nicht? Mittlerweile erschienen meine Eltern und fragten mich: — Erkennst du uns? — Natürlich! — Wie heissen wir? . — Selbstverständlich Papa und Mama! — Gepriesen sei der Ewige! riefen sic ganz־ entzückt aus. Jetzt wirst du rasch genesen. — Und mich in die Bettdecke fest enthüllend, erklärten sie mir, das Schwitzen sei heilbringend. Nach einigen Tagen erfuhr ich, dass ich vor einiger Zeit ohne irgendwelche Lebenszeichen nachhause gebracht worden war und drei Wochen lang bewusstlos darnicdergelcgcn hatte. Während des Fiebers hatte ich wiederholt von der ״Schule“ und dem Militärkordon, vom Doktor Lilientlial und von dem grosser. Kerl im Schafpelz gefaselt. Dein letzteren verdankte ich mein I Leben, wie die Eltern sagten, denn er zog mich aus dem Eisloch heraus und übergab mich den Händen einiger I Juden. Wie ich in das Loch geriet, konnten meine EIterit nicht erraten, sie vermuteten aber, dass ich auf dem Eise rutschend in das Loch hineinstiirzte. Docli ich hielt es fiir geboten, sie von diesem Irrtum zu befreien und erklärte ihnen den wirklichen Sachverhalt. Dann erst begriffen sic, welch höllische Angst und Furcht mir die ״Schule“ cingclagt hatte. Wäre auch nur der lmndertste Teil der Flüche und Verwünschungen, die sie dem Doktor Lillcnthal nachschickten, in Erfüllung gcgangem so dürfte cs letzterem kaum gelungen sein, den Ozean zu durchschiffen, um in Cincinnati als Rabbiner zu fungieren. Wer hätte damals vermutet, dass ich, der sein Leben aufs. Spiel setzte, nur um der Schule zu entgehen, einige Jahre darauf mir jammernd die Haare zerzauste, weil meine Eltern mir nicht gestatten wollten, die Schule zu besuchen, da sie beabsichtigten, mich zum Talmudisten heranzubilden? Aber es geschah in der Tat so. \

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