Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 472 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 32 fTT*. 1.■! ."!Htfl■ Rundschau ־ «*<=={ I__ ä Die Mischehen in Deutschland Unter den 477 822 Rhen, die 1904 im Deutschen Reiche geschlossen wurden, befanden sich 4.14 530 f alle, in denen Personen gleichen Religionshekenntnissos sich die! Hand 71::: Byndc für Lehen reichten. Von diesen Heiraten waren 283980 rein evangelisch. 145 60(» rein katholisch und 4001 rein indisch. Auf die rein konfessionellen tilien — wenn man sie so nenne<t darf -- kamen also 90.9 "׳ aller Rheschliessunge־!. so dass 9.1 % der Heiraten Mischehen waren. Im allgemeinen zeigt sich, dass bei den Angehörigen der evangelischen Kirche das weibliche, bei denen der katholischen Kirche das männliche Geschlecht eine stärkere Neigung zum Ringelien einer Mischehe hat. Wenn 1904 im ganzen sich 21 283 katholische Männer mit evangeiischen Frauen verbanden, wurde der umgekehrte Fall, also die Heirat zwischen einem evangelischen Manne und einer katholischen Frau, nur ■19 843 mal beobachtet. Die Mischehen zwischen Juden und Christen waren im Berichtsfahrc besonders häufig. Während 1902 nur 599 derartige Heiraten geschlossen wurden, wuchs ihre Zahl 1903 auf 655 ynd im folgenden Jahre gar auf 720. Der weitaus häufigste Fall war die Heirat zwischen einem Juden und einer evargelischen Christin, der 316 mal vorkam. Dann folgt׳::! die Rhen zwischen evangelischen Männern und jüdischen Frauen (256). Die 497 jüdisch-protestantischen Mischehen des vorigen Jahres waren somit auf 572 im Jahre 1904 gestiegen und betrugen annähernd vicrihal soviel, als die jüdischkatholischen Verbindungen, deren MS Fälle sich je zur Hä׳:':c auf die beiden hier möglichen Kombinationen verteilen. Die Äoncigung gegen eine eheliche Verbindung mit Juden ist as > auf katholischer Seite noch ganz bedeutend stärker ausgeprägt, als auf evangelischer. Jedenfalls ist die Tatsache zu beachten, dass die Häufigkeit der Mischehen in den letzten Jahren in unverkennbarer Zunahme begriffen ist. Während ihr Anteil 1902 8,7 % der Gesamtheit ausmachte, stieg er 1903 auf 8.S und im folgendes Jahre auf 9.1 9k. In einer Zeit, wo die Mischehe befähigt an der Spitze einer angeblich jfidisclmationalenl Partei zu stehen, isj das nicht zu verwundern. Man kann zur Mischehe grundsätzlich stehmi wie man will, das eine ist nicht zu verkennen., dass im allgemeinen das Judentum die Kosten zu tragen hat. Bodenreform ln einem sehr interessanten Artikel der DEUTSCHEN VOLKSSTIMME ..16 Jahre im Dienste der dctitschon Boderreform“ lässt sich Damaschke auch über die Zionisten gelegentiieh aus: ״Der ZIONIST: Die Feindschaft gegen uns 'vird im wesentlichen auch durch die soziale Not hervorgerufen, weil aüe Arbeitsgelegenheit eng und unsicher geworden ist. Dan:::! wendet man sich gegen jeden, der sic noch engerer oder undern, sie ihrem freien Willen überlassend, im freien Felde umherlaufe» Hessen. Oh, wie gern hätte ich in einer so glücklichen, freudevollen Zeit gelebt! Ich bekam düstre Gedanken, meine Stirn legte sich in unmittige Falten über die Tatsache, dass ich das Licht d:r Welt in einer so unglücklichen Zeit erblickte, wo die Juden weder Land, noch Wiesen, noch Kamele, Viehherden, Zelte, Schalmeien, Hirten und Hirtinnen besassen, dagegen aber Eigentümer waren von elenden Buden, Chedarim, Ehe- und Schcidungstraktaten, Pfeifenrohren, Donnerstagen und Freitagen, wozu nun noch die ״Schule“ und der kaukasische Militärkordon kommen sollten. Daraus ist leicht ztt ersehen, dass ich, wenn ich morgens um 9 Uhr unsre Wohnung verliess, erst gegen Mittag tm Cheder anlangtc, als meine Fiisse vom vielen Herumstreifen müde waren und der Ruhe bedurften. Rabbi Me!r pflegte dann meinen armen Rücken mit dc::1 verhängnisvollen Pieifenrohr tüchtig zu streicheln, — aber dennoch wiederholte sich dieselbe Geschichte schon tags darauf. Jemehr ich um den guten Türken leiden musste, desto inniger und fester schloss ich mich ihm an. sicherer zu mache» scheint. In einem Volke mit gesunden sozialen Zuständen, in dem jeder einzelne seiner Arbeit sicher und seines Lohnes (roh sein kann, ist man gern weitherzig und duldsam. In drängender Not missgönnt jeder jedem auch das trockene Brot. An vollbesetzter Tahle d'liötc reicht jeder iicumllieh dem Nachbar die volle Schüssel, darum ist die Bodenreiorm fiir uns der einzige Weg zu einem friedlichen Nebefieinandcriebcu.'‘ In demselben Artikel ist noch eine fiir uns im besonderen interessante Stelle: ״Fs hat stets Mitglieder des Evang. Bundes gegeben, die erklärten, trotz ihrer bodcnrcfoTincrischeu (iesinnung könnten sic dem Bunde nicht beitrclen. weil er auch Ultrainontane einsciiliesse. Stets gab es liberale Leute, die Anstoss an ״umstiirzlicker*־ Gemeinschaft nahmen. Jüdische Mitglieder haben ihren Austritt erklärt, weil sie nicht neben antisemitischen Führen: sitzen könnten, und Austrhtserklüruugen von antisemitischer Seite erfolgten, weil es unmöglich sei. mit jüdischen Herren zusammen zu arbeiten, wobei man sich meist auf den Namen Friedrich Kolm berief, dessen Träger, unser altes treues Vorstandsmitglied fn Dortmund, nun zufällig ein Urgermane ist.“ Der Kolm wird freilich urgcrmanisch sein wie die urve.rmaniselicn L c w i n und B e r » s t e i n . Hirsch und M a n n. Harden und L e w y s o h 11. B I e i h t r e 11 und Albert i. ״Unverkennbar“ Die STAATSBUERORRZEITUNO schreibt in dem bekam!- ten Stil, in dem sie allen Verbrechern entweder ein jüdisches Gewand anzieht oder, wenn das absolut nicht angeht, sic vor- ן sichtigerweise koufessioaslos lässt: ״Wieder einer! Ans Kempten flüchtig ist nach Unterschlagung von 61 mhi Mark der 50 Jahre alte Kaufmann S a 110 Stein (!). Er ist klein, hat braune Augen, schwarze, grau durchzogene Haare und ein unverkennbar j » d i - sch es Aussehen." Wir sind unmöglich in der Lage, das unverkennbar jüdi• sehe Aussehen irgend eines nachzuprüfen. •von dem die STAATSBUERGERZF.ITUNü ein solches behauptet, wie wir überhaupt die Aufgabe iür die Wahrheit der Naehrichten dieser Blätter einzustehen fiir allzuschwicrig und unmöglich erachten. Aber jedenfalls kann nicht jedermann ein so unverkennbar g c r in a 11 i s c 11 e s und 1111 s c 111 i t i s c 11 e s Aussehen haben, wie das unverkennbare Gesicht der Heimig und Brulmc. der Piieklcr und Dietrich, der Ahlwardt und Wrede. Das wäre auch nicht wünschenswert. Tagtäglich finden freilidi ..Unregelmässigkeiten" statt, hei denen die STAATS15UERGI:RIN vergisst, nähere Angaben über unverkennbar jüdisches Aussehen zu machen. So heisst cs soeben, freilich nicht in der STAATSBURRGRRZRITUNü: ״Nach Unterschlagung von 11 700 Mark ist ein Buchhalter Walter Lauck flüchtig: geworden, der in einem hiesigen grossen Geschäfte angestellt war. Der Ungetreue erhielt am Sonnabend 5700 Mark in barem Oelde und einen Check, auf den er 6000 Mark abhob. Den ganzen Betrag sollte er bei Mein Mclanied beschloss daher, mir in der Person seines Gehilfen einen Konvoy zu designieren, der sowohl meiner chronischen Flaniersucht bald ein Ende machte, als auch den süssen Träumereien von den Knmelen lind den biblischen Hirtinnen. Einst ereignete es sich nun, dass abends beim Schluss des Cheder mein beständiger Begleiter abwesend war; da es schon ziemlich spät war, konnte leb ihn nicht erwarten, überdies begannen die Chederbewohncr, nachdem sie ihr frugales Abendbrot verzehrt batten, den Fmtkleidimgsprozcss vorzunclunen, um nach der Tagesarbeit auszunihen. Ich befand mich in einer höchst unangenehmen Lage und machte mir sogar ein Gewissen daraus, die Vollziehung dieser guten lat nicht zu verhindern tmd verkroch mich daher bald in dieser, bald in jener Stiibcnccke, aber überall erwies sieb meine Anwesenheit als störend, da alle Ecken zum Nachtlager unbedingt erforderlich waren und im ganzen Mäuschen auch keine Spanne Raum unbesetzt blieb. Ich entschloss mich schliesslich, den Heimweg ohne Begleitung anzutreten, umso eher, als die Hausbewohner mich dazu anspornten tmd mir für diese Heldentat ihren Segen speudeten.