Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 462 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31 11 1! Seite wird «Hein die Zahl der jüdischen schwachsinnigen *Schulkinder auf über 500 veranschlagt. Aufnahme n! die plante jüdische Anstalt wird für AI schiilpfltchtiKe und f 1r -- altere beiderlei Ueschlechts gewünscht. Die Anstalt J01I »uf dem von der Stadtgemeinde Beelitz geschenkten Wuldterram zunächst für 40 jugendliche Personen errichtet werdm! l (rr Bau einschliesslich der inneren E.nricluung. ist aut 100 WO •איי• veranschlagt. Von dieser summe ist bis jetzt die Hmtu. \0n Seiten der Gemeinden und einzelner Gönner zur Vertagung gestellt. Bür den Herbst ist eine Sammlung zur Beschattung des Restes der Bausumnie geplant. ...... . Die Mitteilungen enthalten ferner eine Notiz über den von Herrn Gcheintrat Rosm ohne Beeinflussung seitens des D. 1. G. B. verfassten Orgauisationsentwuri einer israelitischen Rchgionsgemeinschaft in Prcusscu. Der I). I. G. B. enthalt sidi auch fernerhin jeder Beeinflussung der preussischen Gemein־ den und ihrer Verbünde, denen zurzeit der Entwurf zur Bturteilung vorliegt. .... Die Nekrologe für die im letzten Jahre heinigcgangcnen Ausschussmitglieder. Herren Justizrat Hermann Stern und Theodor Marcus geben uns die Lebensbeschreibungen von mannern. die als Musterbilder deutscher Juden dienen können. Von Theodor Marens, der ein Jahrzehnt lang die Friedrich- Wilhelm-Victoria-Stiftung gespendet hat. ist ein Fonds für solche Klienten dieser Stiftung gespendet worden die vorübergehend ausserstandc sind, die Prümie ihrer Lebensversicherung hei der Viktoria zu zahlen. Die Montcfiorc-Stiiuuig hat zum ersten Male die Prämie ihrer Lebensversicherung an einen Lehrer.der Handfertigkeit und des Gartenbaus % erteilt.. Eine bessere religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene ist angcbalmt worden, indem das preussische Ministerium des Innern, auf die Gesuche des D. I. G. B. hin, fortan die jüdischen Strafgefangenen Jedes Obcrlandgcrlchtsbezirks In einem einzigen Zuchthaiisc einer Stadt, die Sitz eines jüdischen .Seelsorgers ist. internieren wird. Den an die Bund.sgemeiitden versandten Exemplaren der Mitteilungen ist ein Nachtrag der von Herrn Martin Lebrecht sen. in Nürnberg bearbeiteten Liste der untcrstilt/.angsunwürdigen Gewohnheitsbettler beigefiigt. Einem Berich! über die Entwicklung des Gesamtarchivs der deutschen Juden ist zu entnehmen, dass 22 verschiedene Gemeinden wie verschiedene andere Korporationen und Pri- \׳ate ihre Akten dem Archiv übergeben. 5 andere die Ueberlassung zugesagt haben. 2 Grossgenieinden stellen Register und Abschriften ihrer Akten zur Verfügung. Ein indirektes Verdienst des Gesamtarchivs bestellt darin, dass durch sein Vorhandensein mehrere Gemeinden sich veranlasst gesehen haben, ihren Aktenschatz.cn verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. — Beachtenswert ist der Beschluss des Kuratoriums, die Gemeinden aufzufordern, keine Kassation von Akten ohne Befragen des Gesamtarchivs vorzunelimen. Entsprechend vielfachen Wünschen, wird eine Normal- Friedhofsordnung durch Herrn Rechtsanwalt Lebrecht in Leipzig ausgearbeitet. Die Rechnungsablage fiir I9;K> weist manche Verbesserungen gegenüber den Berichten früherer Jahre auf und erleiclitert auch dem Laien den Uebcrblick über das komoliziertc Rechnungswesen des D. I. G. B. Die Einnahmen und Ausgaben balancieren diesmal mit 161)000 Mark. Rettet, rettet-Seelen! In New-York sind letzt Erhebungen veranstaltet worden, irm festzustellen. was die Scelenreüung. d. 11. di•: Bekehrung, "kostet. Am kostspieligsten stellt sich die Bekehrung eines Juden zum Christentum; sie kostet durchschnittlich 5000 Dollars und ist nicht nur Jiusserst selten, sondern, wenn sie vorkommt, wie der Berielit bemerkt, gewöhnlich »nicht dauerhaft“. Die m'ichstgrüssten Kosten Verursacht die Bekehrung zum Mo r m«tientu m. wobei allerdings der Schau- Platz der Missionstätigkcit eine grosse Rolle spielt. So kostet es die Mormonen in Chicago 1500 Dollars, um ..eine Seele zu retten“ und zu ihrem Glauben zu bekehren, während cs in New-York mit der Hälfte dieses Preises abgelit. Die Seelen- «scher unter den englischen Lutheranern bczifiern die Kosten für jeden Bekehrten und iür ihren Glauben Gewonnenen auf -50 Dollars und die Methodisten auf 20 Dollars. Vom jüngsten Pogrom Bialystok. Der hiesige Fabrikant Wei er. Besitzer einer ADDreturanstaU baltischer Deutscher), hatte sich wahrend des Pogroms durch seine antisemitische Gesinnung ausgezetcliaet, trotzdem seine sämtlichen Kunden Juden sittdl Deshalb beschlossen alle jüdischen Fabrikanten, welche ihm bisher dire Ware zum Appretieren übergeben Hatten, ihn zu boykottieren, und musste er infolgedessen seine Arbeitet 118-20) entlassen. Als Protest erklärten mm die christlichen Arbeiter sämtlichen Appreturanstaltcn den Streik, obwohl die 1 iiidisclieu Fabrikanten versprachen, die bisherigen Weiter sehen Arbeiter zu beschäftigen. Durch diesen Streik wurden die . jüdischen Fabrikanten zum Stillstehen ihrer Betriebe ge/.wun- gen. Dieses Vorgehen der christlichen Arbeiter war schon deshalb auffallend, weil über Bialystok der Kriegszustand verhängt ist. Es war gleich klar, dass ihr Vorgehen sich der sVmpnthie der Behörde erneut. Wie weit diese Sympathie ging, sollte sich bald erweisen. Vorgestern liess Oberst Ijaschelr.ikow 11 jüdische Fabrikanten zu sich rufen und sagte ihnen, wenn sie Weiter nicht wieder Arbeit geben, werde er sie innerhalb 24 Stunden nach Sibirien schicken. Nachdem die jüdischen Fabrikanten trotz dieser erfreuliche״ Aussicht immer noch fest blieben, fügte der Oberst hinzu, die Christlieben Arbeiter seien sehr aufgeregt unJ er garantiere nicht für die Ruhe der Stadt. Die richtige Bedeutung dieser Drohung verstehend, unterschrieben die jüdischen Fabrikanten einen Schein des Inhalts, dass sie Weiter wieder Arbeit geben. — Das linde vom Liede war noch, dass die christlichen Arbeiter iür die vier läge, welche sie gestreikt haben, von den jiidisehen Fabrikanten den entgangenen Lohn forderten — und sio erreichten auch dies. Petersburg. Das Blatt RJETSCH meldet aus Wilna: Der Beschluss d-.r Stadtverordncten-Versammlung von Wilna, für die durch das Massakre in Bialystok Geschädigten tausend Rubel zu spenden, wurde vom Gouverneur von Wilna nicht bestätigt. Am Vorabend neuer Pogrome iDe RUSSISCHE KORRESPONDENZ schreibt: In dem Manifest über die Dunia-Auflösiiiig werden die Vertreter des Volkes u. a. beschuldigt, dass sie sich ״aus dem Bereiche ihrer Zuständigkeit' entfernten und ״sich mit Untersuchungen über die Handlungen der auf unsere .Anweisung eingesetzten Lokalbehörden beschäftigten.*‘ Es ist zweifellos, dass hier auf die Untersuchungsarbeiten der Dumakominission über die Ereignisse in Bialystok angespielt wird, die der Rcgierung sehr unbequem waren. Es scheint, als ob der Zar selbst auf seiten der Pogromstschikv stellt und die verbrecherischcr! Lokalbehörden. die die Hauptschuld an den Pogroins tragen, durch eigene Autorität zu schützen sucht. Zweifellos aber ist es. dass die Regierung die Pogromtätigkeit der schwarzen Baude nicht missbilligt, sondern im Gegenteil sie forciert und unterstützt. Ohne die.Beihilfe der Regierung wäre es ihr nicht möglich, eine solche Tätigkeit zu entfalten, über deren Umfang man sich eine Vorstellung machen kann, wenn man bctracalitet, dass die ..Rciseagitatoren‘* des ״Verbandes russischer Leute“ während nur eines der letzten Monate mehr als 2000 000 (2 Millionen!) BrosclnTrcn und ebensoviel Flugblätter verteilt haben. Aber ausser diese! Literatur, die von einer Zentralstelle aus verbreitet wird, entfalten auch noch eine ganze Reihe Lokalorganisatioiicu eine nicht unerhebliche literarische Tätigkeit. Es gibt ausserdem auch eine Anzahl Tageszeitungen, die direkt verbrecherische Artikel gegen die Duma und die Juden abdrueken. Diese Tätigkeit wird nicht nur geduldet seitens der Zentral- *und Lokalbehörden. sondern direkt unterstützt. Zur Charakteristik kann das nachfolgende Schreiben des Gouver« nairs von Minsk dienen das besagt: ״Infolge des Ersuchens der Pinskaer Abteilung des Verbandes der russischen Leute vom 25. Mai 1906 N. 176. schreibe ich den Bczirks-Polizci-Atif- Sehern, den Stanowoj Pristavs, den Wolostjverwaltungeii und den Kleinbiirgerhehördeii ׳vor!: der Verbreitung der Ideen des Verbandes .durch die Mitglieder und Vorsitzende des Verbaudes unter der ländlichen Bevölkerung keine Schwierigkeiten zu bereiten.“ Wie noch erinnerlich ist. hat der Fürst Urussow in der Duma auch Enthüllungen gemacht, die das nahe Verhä Unis der Regierung zu den Pogromstsehikys bewiesen haben. Danach ist es nicht verwunderlich, wenn das Zarenmanifest mit den l)11ter11chmu!11;£״ der Duma unzufrieden ist. Man möchte nicht gern sehen, wie die eigenen Verbrechen?ufgcdcckt werden. Andererseits lässt diese Stelle des Mnnifestes in Verbindung mit den mitgeteilten Tatsachen befurchten. dass die gan/.e Organisation der schwarzen Bande jetzt von der Regierung zu ihren Zwecken gegen die fortschrittliche Bevölkerung mobilisiert wird. Man kann sich leicht eine Vor- Stellung machen davon, was unter solchen Umständen in den nächsten Tagen oder Wochen in Russland sich abspielcu kann. Kaulbars Wien. 26. Juli. Ober die Unterredung, welche der Oeneralgouvernein Kaulbars einer jüdischen Deputation in Odessa zuteil werden liess. liegen nachstehende Einzelheiten vor: