Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 459 r «Tod den Juden.” heulte die Menge. als man dem rfauptmann seine Tressen vom Waffenrock riss. Und seither ist das ״Nieder mit den Juden!“ ein Feldgeschrci geworden. Wo. In Frankreich! Int republikanischen, modernen, zivilisierten Frankreich, hundert Jahre nach der Erklärung der Menschenrdchte! Der Fall Drcyfus Hisst sich in der Geschichte nur vergleichen mit dem Widenuie des Kdiktes von Nantes. Auch das geschah nach einer langen Zeit. Mehr als 9f* Jahre waren vergangen, seit Heinrich der IV. dies Edikt erlassen hatte, da nahm Ludwig XIV. die Hugenottcnireihcit zurück. Zwar ist jetzt der Staat nicht mehr das Ich eines Sonnenkönigs; der Staat deckt sich mit dem Volkswillen, doch das Ergebnis ist jenem ähnlich. Das Volk, wenigstens ein sehr grosser Teil davon, will nicht mehr die Menschenrechte für die Juden. Das Edikt der grossen Revolution wird widerrufen. ..Und da sind wir bei unserer Sache, da sind wir bei det geschichtlichen Lehre, die ein unbefangener Betrachter aus dem Falle Drevius ziehen musste. Bis dahin hatten dit meisten von uns geglaubt, die Lösung der .Indenfrage sei von der allgemeinen Entwicklung der Menscheit zur Duldung zu erwarten. Wenn aber ein, im übrigen fortschreitendes, gewiss hochzivilisiertes Volk auf solche Wege gelangen konnte, was war von anderen Völkern zu erhoffen, die noch heute nicht auf der Höhe sind, auf der die Franzosen bereits vor hundert Jahren hielten? Für die Juden gibt es keine andere Hilfe und Rettung, als die Rückkehr zur eigenen Nation und die Scsshaitmachung aui eigenem Grund und Boden. Das schrieb ich in meinem Buche ״Der Judcnslaat” im Jahre 189ö unter dem Eindrücke des ersten Prozesses Drcyfus.‘‘- Dreyfus ist inzwischen zum Major befördert 'worden und mit dem^Kreuz der Ehrenlegion geschmückt: Die Wahrheit hat ihr Ziel erreicht, nachdem Zola und die anderen unerschrockenen Männer ihr den Weg geebnet halten. Ist in der Judenfrage Indes eine Aenderung cingetretcn? Die russischen Gfeueltaten haben nur zu deutlich bewiesen, wie recht Herzl hatte, wenn er von solchen Völkern nichts zt, erhoffen wagte, •4ie noch heute nicht auf der Höhe sind, auf der die Franzosen schon vor 100 Jahren standen. — •׳ 'Für uns Zionisten bleibt die Drf.viuss-Aifärc ein lehrzciches Kapitel.- Bremen im Abb 56C>6. M. J. M a r k r e 1 c h. Judenmassaker und Judenfrage Von Lu c ie 11 Dr c y iu ss. ׳• Die vor kurzem erfolgten Judennictzeleien in Bialystok geben Herrn Eduard Goldbeck den Anlass dazu, in den FUN- KEN über jüdische Verhältnisse einige Bemerkungen zu ma* chen, die zwar nicht widerspruchsfrei sind, aber vorurteilslos und ernst der ewigen Judenfrage ersten Fetzen behandeln: Israels Rolle in der Politik. Sie sieht Herr Goldbeck durch die Juden, die im Besitze der führenden Zeitungen seien, in ungünstigem Sinne beeinflusst. Wegen des Kapitäns Alfred Dreyfus hätten die deutschen Juden, die einen der ihrigen beilroht sahen, eine unerhörte Presskampagne unternommen, ohne lange über gerechte Verteilung von Schuld und Unschuld zu grübeln. Genau so trachtete man heute wegen der Pöbelexzessc iu Russland eine politische Aktion in die "Wege zu leit.en, ohne überhaupt den Sachverhalt zu kennen. Das Rassegcfühl sei bei den Juden so stark, •dass sie in nervöser Aufregung skrupellos Partei ergriffen,' sobald irgendwo einer der übrigen in Frage komme. . Nun missbilligt natürlich Herr Goldbeck die an den Juden verübten Grcueltaten; diese Leute erscheinen ihm als beinitleidenswerte Opfer der historischen Entwickelung, und er sagt mit Emile Zola: s'ils sont ä part. c’est qu’on les v a mis. Die ungebildeten Bauern und Kosaken jedoch stellten keine Ueberlegung an, die alles zu verstehen und alles zu verzeihen!ehrte; sic siiben im Juden uur den wirtschaftlichen Ausbeuter und religiösen Glaubensfeiud. Wenn mm das fanatisiertc Volk die Gehassten totschlage, so gehe das uns Ausländer nichts an. Wenn der russische Bauer einmal aufgeklärt sei. daun würden auch die wüsten Gewalttätigkeiten aufhören. Und er krönt seine Ausführungen^ mit dem diplomatischen Vorschläge: ״Wir müssen uns darauf beschränken, den widrigen Vorgängen tatenlos zuztischen. wie man dem Wüten der Elemente zuschaut.“ Die literarischen Produktionen eines Schriftstellers, zumal eines so achtungswerten um! begabten wie Herrn Goldbecks, müssen eine Art oder doch einen Abglanz philosophischer Betrachtung der irdischen Geschehnisse zur Voraussetzung haben, von der aus die Dinge dieser W'elt gemessen und beurteilt werden können. Die Anschauungsweise aber, die der zitierten Ooldbcckschcn ־'eusserung zugrunde liegt, ist der trostloseste Quietismus. Ihr Urheber huldigt entweder dem fatalistischen־ Glauben der arabischen Religionsphilosophen, oder er ist Anbänger der materialistischen Geschichtsansicht, die einen mystisehen Gott ״Entwickelung” für den Fortschritt sorgen lässt, auf dass die Menschheit einstweilen die Hände ruhig in den Schoss legen dürfe. Daraui läuft Herrn Goldbecks Ausginandersetzuug hinaus, und dieses sein Endergebnis hätte ihn belehren sollen, dass seine Stellungnahme für einen abstrakten Einsiedler, für einen Guillot le Songeur vielleicht naturgemäss und praktikabel sein mag. aber nie und nimmermehr für ein zoon politikon. für einen historisch-politisch interessierten Mensehen von Fleisch und Blut. Von vornherein will ich bemerken, dass ich Goldbecks Kritik nicht grundsätzlich ablehne. Dass die an sich furchtbaren Roheiten des russischen Pöbels von überhitzten Reporterphantasien nach amerikanischer Weise ins Ungeheuerlich(, übertrieben geschildert werden, das ist leicht möglich. In diesem Prüfuiigspunktc bestellt die moderne Zeitung nicht viel besser als die mittelalterliche Chronik. Wer aber deswegen nun gleich alles leugnete, der würde dem wenig geistreicher! Irrtumc Voltaires verfallen, der die Weltgeschichte iür eine fable convcmic erklärte, weil in den Historienbiicliern stark gelogen wird - oder vielmehr wurde. Auch ist ohne weiteres zuzugeben, um bei Herrn Goldbecks Beispiel zu bleiben, dass in der Affäre Dreyfus von der Presse weit übers Ziel geschossen wurde, als sie meinen Namensvetter zum Zentralpunkte der politischen Interessen Europas machte. Aber kein Kundiger wird leugnen, dass der Fall Dreyfus ein wichtiges Kapitel d׳..r allgemeinen Zeitgeschichte ur.d insbesondere des französischen Gesellschaftslebens illustriert, und dass von ihm ab ein Umschwung und der kulturelle Aufstieg des dernokratischcn Frankreich datiert. , Mir scheint, dass Herr Goldbeck der Presse gegenüber ein zu harter Kritiker ist. Die Zeitungen wollen doch nicht so . wörtlich genommen sein. .Und braucht man hervorzuheben, dass z. B. die Afiäre des französischen Hauptmanns;!jemals sich zu dem aii'/estaunten Meerwunder ausgewachsen hätte, hätte nicht der romantische Stoff selbst die geeignete Re• klame zur Erregung der Sensationslust des abonnierenden Lesers geboten! Man bedenke, ein Offizier, ein Spion, ein Justizmord, eine Teuielsinsel und obendrein ein Jude, mein Liebchen Publikum, was willst du noch mehr? Ob nun die geschäftliche Ueberlegung nicht so schwer in die Wagschale fiel wie das angeborene Rassegefühl. als man für Alfred Dreyius in die Schranken trat, das wollen wir dahingestellt sein lassen. * Damit gelangen wir zu dem berüchtigten Rassegefühl. * Wenn man einer bestimmten Gruppe von Menschen, die nach den vier Enden der Erde zerstreut sind, überall aus demselben Grunde dieselbe Abneigung entgegenbringt, so muss das ihnen zukommende, gemeinsame Merkmal, sagen wir das Judentum, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen, das kein ehrlicher Christ der Betroffenen verargen wird. So haben jahrhundertelange wahnsinnige Verfolgungen und Qualen aller Art um die Juden die Bande eines natürlichen Solidaritatsbewusstseius geschmiedet, das durchaus anzuerkennen ist und das ,ihnen keineswegs zur Unehre gereicht. Die gemeinsame Not.‘ der gemeinsame Feind hält die Träger des Judentums zusammen, und die heftigsten Antisemiten haben sich als die schlechtesten Entiude,r bewährt. Was man so indisches Rasseeefiihl nennt, das ist dem Wesen nach nichts anderes als das zusa!nn.1eubindende Bewusstsein, als Juden verachtet, gehasst und unterdrückt zu werden. Das in seiner Stärke übrigens weit überschätzte Rassegefühl ist die immanente Begleiterschemupg des welthistorischen Schicksals, das seit dei Diaspora das mit dem Kainfluche beladen? Volk unstet und flüchtig durch Zeiten und Zonen scheucht. Zwei diskutierbare Versuche zur Beseitigung dieses Zu- Standes und somit zur Lösung der Judenfrage hat unsere Gecenwart gezeitigt. Am besten wird man Richtung und Ziel der beiden Wege erkennen und beurteilen können, wenn man die Persönlichkeiten, die sie gewiesen, einander gegenüberstellt. Zwei Männer bilden den typischen Ausdruck der Willensmeinung ihrer denkenden Stammesgenossen. Der eine, Maximilian Harden, ist der Typus des konsequenten Assimilauten, der vollständige Anpassung und restloses Aufgehen des jüdischen. Volkskörpcrs in dem grossen Organismus des nationalen Staates verlangt. Der Assiniilant bricht nicht nur mit anerzogenen und eingewurzelten alten, lieben Vorstellungen, sondern er scheut auch vor der Taufe und ihrem Odium nicht