Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 458 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31־ haben seinerzeit die Europäer aus den Türken das bekannte Einwanderungsverbot herausgedrüekt. Wir haben natürlich keinen Grund, zur Einwandcrung nach Palästina aufzufordern. Wer dorthin auswandert, tut das auf seine eigene Gefahr und Verantwortung, so wie die Kolonisten auch auf ihre eigene Gefahr und Verantwortung die Kolonisation ins Leben gerufen haben. Aber wir haben auch ebensowenig Grund, ihnen irgend welche Hindernisse in den Weg zu legen oder ihnen zu verbieten, nach Palästina zu gehen. .Wir würden uns damit auf den Standpunkt der jüdischen Hilfsinstitute stellen, die unter den heutigen Zeitumständen russische Juden wider ihren Willen ins brennende Russland zuniekschicken. Im Gegenteil haben wir allen Grund, ihnen durch guten Rat und durch Schaffung wiederum von Bedingungen d i c Hilfe zuteil werden zu lassen, die wir dem Einzelnen durchaus vorenthaltcn müssen. Wenn wir ihnen auch die Kreditbasis schaffen müssen, deren sic wie die ganze Kolonisationsarbeit, die einmal ja jedenfalls unternommen werden muss, bedürfen, so lehnen wir es grundsätzlich ab, sie mit Geschenken zu unterstützen. Aber auf diese rechnen gerade die Einwanderer von heute am allerwenigsten. Die Grundfrage bleibt freilich die luaugurienmg einer weitgehenden und wirksamen inneren Koloni* sation mit einheimischen türkischen und insbesondere palästinischen Juden. Man muss endlich damit be־ ginnen, die wertvollen Kräfte der in Palästina ansäsigen jemenitischen und inoghrebinischcn Juden für die Erhöhung des sozialen und kulturellen Standes der Judenheit im Lande Israel nutzbar 7m machen. Das kann gcschelten, ohne dass andere wichtige Aufgaben darunter leiden, wie die Eröffnung der Märkte für die Produkte der Kolonieeu. Man; soll auch bei der geplanten und gewiss* notwendigen Bauimvollkolonisation Palästina nicht deshalb ausschlicssen, weil cs gerade Palästina ist; nur soll man hierzu wiederum nur solche Juden verwenden, die bereits in Palästina ansässig sind, keine neuen .Einwanderer aber unsererseits dorthin führen. Wie lange jemand in Palästina ansässig ist iutchzuprüfen, würde freilich unsere Befugnisse 11 irschrbltett. Wir haben innerhalb des Rahmens, in C.iii wir uns alle einig sind, diejenigen, die eine Auflösung der bestehenden Kolonisation aus dogmatischen Gründen fordern würden, scheiden wir selbstverständlich hiervon aus, — eine reiche Palästinaarbeit, die geeignet ist, die politisch-diplomatischen Bemühungen unserer Führer überhaupt erst möglich zu machen. - Wir dürfen dabei nicht ungeduldig werden und die. Grenzen dieser Arbeiten aus Uebereifer zu eng, abej auch nicht zu weit stecken. An e i n em Tage und in einem Jahrzehnt wird ein Volk nicht geboren. Wir haben warten lernen. Mit Recht^tejlt Ibsen das Judenvolk als ein Muster der Geduld hin. Nur tatlos zu warten, wäre unpolitisch. Unsere Aufgabe ist jetzt, unsere politische Position dort zu stärken, wo wir ihrer am dringendsten bedürfen. Heinrich Sachse. Zionismus und Dreyfus-AfFäre Vor wenigen Wochen Ist jene Tragödie zum endgültigen Abschluss gelangt die jedermann unter dem Namen Dreyfus* Affäre bekannt ist. Was diese Affäre für Folgen und Umwälzungen in Frankreich gezeitigt hat braucht hier nicht weiter hervorgehoben zu werden; uns interessiert insbesondere die Tatsache, dass zu ihren wichtigsten Folgen der moderne Zio* nismus gehört, wie ihn Herzl gelehrt und ausgebaut hat. »Garn su letauwoh“. können wir ausrnfcn; ..cs war jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schaiit“ — jene gewaltige antisemitische Untat hat Herzl zum Zionisten gemacht. ״Und so ist cs wohl manchem westlichen Juden erKangen‘‘, schrieb Hcrzi 1899 in der NORTH AMERICAN RLVItM, ״manchem Juden der sein Volkstunt sehen völlig vergessen hatte: Die Antisemiten haben es ihm wieder aufgeweckt. Freilich von der ersten Erregung bis zu den! bewussten Ent- Schlüsse, wie er in der jetzigen zionistischen Bewegung sich äussert. ist cs noch ziemlich weit. Ich für meinen Teil brauchte dazu 12 oder 13 Jahre und icli bitte um Entschuldigung, wenn Ich das erzähle. Ich darf es vielleicht aus 2 Gründen tun: erstens weil wir das Menschliche doch immer am verlässlich• sten an uns selbst studieren, und zweitens, weil ein Stückchen Aktualität dabei ist. Zum Zionisten hat mich nämhen — det Prozess Dreyfus gemacht. Nicht der Jetzige in Rennes, sondorn der ursprüngliche in Paris, dessen Zeuge ich 1894 war. Ich lebte damals in Paris als Zeitungskorrespondent und wohnte der Verhandlung des Kriegsgerichtes bei. bis sie ße* heim erklärt wurde. Ich sehe den Angeklagten noch in seiner dunklen verschnürten Artilleristen-Uniform in den Saal kommen, ich höre ihn noch seine Generalien abgeben: Allred Dreyfus. capitaine d’artillerie, mit näselnder, gezierter Stimme. Und auch der Wutschrci der Menge auf der Strasse vor der Ecole Militairc, wo er degradiert wurde, gellt mir noch unvergesslich in den Ohren: ״a mort, a mort les Jinis!“ Tod allen Juden, w׳ei! dieser eine ein Verräter war! Aber war er wirk* lieh ein Verräter? Ich hatte damals ein Privatgcspräcli mit einem in der letzten Zeit viel genannten Militär-Attache. Dxa״ Oberst w usste von der Sache nicht mehr, als in den Zeitungen gestanden, er glaubte jedoch an die Schuld des Dreyfus. weil es ihm unmöglich schien, dass sieben Offiziere einen Karneraden ohne die erdrückendsten Beweise verurteilen konnten. Ich wieder glaubte an seine Unschuld, weil ich einen jüdischen Offizier nicht für fähig hielt׳ einen Landesverrat zu begehen. Nicht als ob ich die Juden im allgemeinen für besser hielte als die anderen Menschen. Aber gerade unter, den besonderen Umständen des Kapitän Dreyius. der‘mir persönlich nicht ein• mal einen sympathischen Eindruck machte, kam mir die Sache unwahrscheinlich vor. Ein Jude, der als Gcncralstabs-Offizier eine Laufbahn der Ehre geebnet vor sich hat, kann ein solches Verbrechen nicht begehen, sagte ich dem Oberst In einer tiefen Schicht der Gesellschaft wTirdc ich diese Möglichkeit bei Juden ebensowenig wie bei Christen leugnen. Bei Alfred Dreyfus lag hingegen eine psychologische Unmöglichkeit vor. Ein wohlhabender Mensch, der nur aus Ehrgeiz diese Karriere gewählt hat kann gerade das ehrloseste Verbrechen nicht begangen haben. Die Jud! haben infolge der langen bürgerliehen Ehrlosigkeit eine oft krankhafte Sucht nach Ehre, und ein jüdischer Offizier ist in dieser Beziehung ein potenzierter Jude. Mein damaliges Raisonnement war wohl das aller unserer Stanimesgeiiosscn seit Beginn der Affäre. Gerade weil uns allen die psychologische Unmöglichkeit von vornherein so klar gewesen, ahnten die Juden allerwärts die Unschuld des Dreyfus. noch bevor der denkwürdige Feldzug um die Wahrheit anfing. Man hat aus dieser Stimmung der Juden in ungünstiger Weise auf unsere Solidarität in allen, auch den schlimmsten Dingen, Schlüsse gezogen. Ich verwahre mich gewiss nicht gegen die nationale, Solidarität der Juden, doch, in diesem Falle lag etwas anderees vor.' Die Juden waren einfach die ersten, die den Justizirrtum erkannten, weil ihnen das Delikt unmöglich schien und weil sie zahllose Opfer falscher Anschuldigungen im Laufe der Jahrhunderte zu beklagen hatten. Nun sollte man sich aber vor einer sentimentaien oder melodramatischen Auffassung des E'alles Dreyfus hüten. Das ist mehr als eine abstrakte Begebenheit, wenn sie auch au ein zuckendes gequältes Menschenkind geknüpft ist. Man konnte sagen, das.•Schicksal des armen Hauptmanns sei nur eine für die gröbere Wahrnehmung dienende Illustration zu einer Bewegung der Geister, die sich im E'rauzosenland abspielt. Längst handelt es sich für die philosophischen Betrachter nicht mehr um die Schuld oder Unschuld dieses jüdischen Artillerie-Offiziers. Die Frage des Justizirrtums ist aller Teilnahme wert. Aber wir haben zu ihr keine andere Stellung zu nehmen, als wenn cs sich um den leidenden Angehörigen eines anderen Volkes handelte. Solange Menschen rechten, kann und wird es Irrtümer geben und die gerechte« aller Bekenntnisse und Nationen werden in dun Wunsche Zusammentreffen, sie gutzumachen. Aber der Fall Dreyfus enthält mehr als einen Justizirrtum: er enthält den Wunsch der ungeheuren Mehrheit in Frankreich, einen Juden und mit diesem Einen alle Juden zu verdammen.