Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite456 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31 11! n zu müssen, das die Gefahren abwendet, die den zum Auswandern Gezwungenen bei der Einwanderung nach überseeischen Ländern drohen. Ob Zionist oder Itoist, öb politischer oder chowewezionistischer Parteigänger, ob Assimilationsjude oder Nationalist, in Amerika und Russland muss jeder einzelne die Frage unter dem einzigen Gesichtswinkel betrachten, dass sofort etwas!,Taktisches geschehen muss. Und der Versuch des Herrn Strauss hat genau dieselben Beweggründe, wie die der ieurigsten atnerikaniselien Zionisten, die Notwendigkeit, dass man an die Arbeit gehen muss.' Es ist dabei eine sehr weise Einschränkung, die sieh die amerikanischen Zionisten selbst auferlegt haben, dass sic keine Arbeit wünschen, die nicht die vö 11 ige Bi 11i gu n g der Palästina- Kommission gefunden hat. j Es ist ja selbstverständlich, dass wir, trotzdem die j Türkei die Einwanderung nach Palästina freigegeben 1 hat und den Einwanderern jede Förderung zuteil werden \ lässt, sow eit sie von ihr abhängig ist, unter keinen 13cdmgungen die Einwanderung ermutigen dürfen oder wollen. Wenn wir auch aus Vcrnunngriimlen das Dogma durchaus verwerfen, dass wir Palästina nicht ן eher wertvoll machen dürfen, als bis wir es im eigenen i Besitz haben, so haben wir noch jahrzehntelang alle; Hände voll zu tim, wenn wir die im Lande ansässigen i Jude n wertvoller, vor allem wirtschaftlich und damit j politisch wertvoller machen wollen. Die Anhänger jenes Dogmas, dass wir Palästina nicht wertvoller j machen dürfen, ehe w ir cs durch einen Charter besitzen, ן sollten konsequenterweise die Auflösung der bestellenj den Kolonieen!'ordern, und müssten alle Kulturarbeit in j Palästina, vor allem auch den Bczalcl, durchaus bekämpfen. Dass sic das nicht tun, beweist, dass sie unbew usst denen doch Recht geben, die die Hebung der ,Juden Palästinas und Schaffung einer kulturellen und wirtschaftlichen Plattionn für notwendig erachten. Was wir seit langen Jahren immer und immer wieder geiordert haben und was bereits von Herzl begonnen werden ist, das ist die innere Kolonisation Palästinas. Neben dieser muss das einhergehen, was uns dereinst den Besitz des Landes sichert. Denn es wäre‘ sehr unpolitisch von uns gehandelt, wenn wir um der schönen Augen russischer oder anderer Diplomaten wällen den Besitz von Grund und Boden noch mehr in russische und jesuitische־ Hände übergehen lassen würden, als das bereits der Fall ist. Denn dieser Boden ist zum mindesten für viele Jahrhunderte dem Besitz und der Bearbeitung des Jüdischen Volkes entzogen. Wenn auch nicht der Nationalfond, wie noch die Anregung Friedemanns cs auf dem sechsten Kongress wollte. Land in Palästina kaufen soll, so müssen wir doch zum mindesten zulassen, dass der Grund und Boden in jüdischen Privat besitz übergeht, aus dem er immerhin leichter als aus fremdem Besitz in das jüdische Volkseigentum übergehen kann. Es wäre ein ungeheurer und nicht wieder gut zu machender Fehler, wenn wir uns von abstrakten Dogmen politischer Natur, stau in lierzls Sinne, von den notwendigen, in jedem Augenblick sich ergebenden Forderungen der lebendigen Gegenwart, d. h. von vormnmiger Realpolitik, leiten Hessen. Wir sollten doch wissen, dass noch kein Charter vom Himmel gefallen ist. Wenn w ir uns auch alle Wille geben müssen, dass wir das Misstrauen aus unserer Seele hcrausreissen, und sollte es noch so schwer werden, dass die Warnungen vor praktischer Palästinaarkit in einem versteckten Ableime״ Palästinas überhaupt •wurzeln, so dürfen wir doch nicht verhehlen, dass eine Ausschliessung der notwendigen Palästinaarbeit jede zionistische Politik, und das ist doch nur die Politik für die Zukunft des Jüdischen Volkes in Zion, lahmlegen muss. Es ist ein unberechtigtes Misstrauen, zu glauben, dass irgend jemand den Wunsch hat, mit den Mitteln des Nationalfonds einige Kolonieen zu gründen oder die Cieldcr der Kolonialbank in einigen unfruchtbaren kleinen Unternchnumgen festzulegen. Jedenfalls sind alle ehrlieh, die tms zumuten, dass wir solche Absichten haben. Nur sehen sie dann selbst nicht, dass sic etwas bekämpfen, w as nie und nirgend existiert. Die Zeiten, wo man den ersten Kongress und seine politischen Be- Strebungen vom kleinkolonisatorischcn Standpunkt aus bekämpfte, der niemals der Standpunkt der alten vorkongressliehen Zionisten gewesen ist, ist längst vorüber und k e h r t!1 i c h t w i e d e r. Das Schulgespenst (LLIko.ioGosshG Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithauen. Von Leo Lewa 11 da. Aus dem Russischen übersetzt von W i 11 i a m Z e i 11 i n. (Fortsetzung.) Der ersehnte Donnerstag brach endlich an. Um dem Publikum möglichst viel Raum zu gewähren, ordnete der Hauswirt an, alle überflüssigen .Möbel aus dem Hause zu entfernen■: selbst die einquartierten Soldaten wendete n nichts ein gegen die Verlegung ihres improvisierten Biwaks In ein benachbartes Häuschen. — Wir wollen Euren Gottesdienst nicht stören, sagten die Soldaten gutmütig, ihre Tornister hinübertragend, betet eiriig, — wir haben ja alle mir einen Gott! %ur festgesetzten tunde war unser Haus schon gestopft voll von Greisen, Frauen tmd Kindern, die sich drängten, u mdas Wort Gottes zu hören, sodass nicht mir im Häuschen selbst, sondern auch im Flur kein Platz mehr leer blieb. Alle Gesichter drückten eine ungeduldige Neugier aus. dankbar und voll knechtischer I Demut richteten alle ihre Blicke auf die Stelle, wo unser 1 Mc-Iamcd, seine Nase in ein Buch steckend, würdevoll j Stillscliweigen beobachtete. i Nach einem halbstündigen lästigen Warten setzte j endlich Rabbi Mcu seine Pelzmütze auf und räusperte j sich, was bedeuten sollte, dass er sogleich zu beginnen 1 beabsichtige, worauf sowohl im Hänschen als auch f auf dem Flur augenblicklich eine feierliche Stille eintrat. ) Nachdem Rabbi Mc'ir einen verwirrten, trüben j Blick aut das Auditorium geworfen hatte, leitete er die j Vorlesung mit einer Beschreibung des jerusalcmischen l Tempels ein und sprach von der Pracht und Herrlich-! keit des salomonischen Schlosses, von dem kolossalen j Prunk seines elfenbeinernen Thrones und ähnliche:•« ן Geschichten. Die Zuhörer schüttelten das Haupt, zuckten mit den Achseln und waren so erstaunt über j die ungeheuren Reiehtümcr der jüdischen Könige wie [•der ganzen jüdischen Nation, dass sie die Ueberzeugtmg gewannen, dass nirgends ein ähnlicher Reichtum | existieren könne. Stolz warfen sie sich daher gegenj scitig bedeutungsvolle Blicke zu, als wollten sie sagen: י Nun. wir sind doch das auserwälilte Volk, wenn wir 1 solche Reichtiimer besassen.