Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 452 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 30 Stützung jüdischer Handwerker und Ackerbauer in Syrien und Palästina“ eine erfolgreiche Tätigkeit, Der offizielle, politische Zionismus, wie er durch Herzl in ein Programm gefasst ist. hält von dieser Tätigkeit der Kolonisations-Zionisten und dem stark an ihr beteiligten Wohltätigkeitsprinzip gering. Er nennt diese Weise de! Sicdelung . י«"י* ••••- *״« - *־־• J11f;1»r1׳tinn** »rlcich. durch einige;Dutzend EaniiJicu als sunvenuomerie!!<»1• י״•• ״״״■ nungskolonistcn in Palästina" angcsicdelt werden" (Nordau). Noch in dem nach Schluss des letzten Kongresses erschienenen ״Aufruf" erklärt der neue Präsident: .Unser Ziel ist einzig und allein die Beschaffung einer öffentlich-rechtlich-gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk m Palästina. Von ihm dürfen wir weder nach rechts noch nach links um Haaresbreite abweichen. Wir dürfen weder abenteuerliche Landsucher werden noch in Palästina ohilanthropischc Klcinkolonisati.nl treiben." Richtig ist. dass die seit zwei Jahrzehnten betriebene Kolonisation weder eine öffentlich-rechtliche noch eine gesicherte Heimstätte für das Volk •׳־*hafft, obwohl die Türkei keineswegs so voll flagranter Rcchtsbrüche ist, wie cs häufig gemalt wird. Aber es dürfte doch zur Präge stehen, ob die jetzige Weise wirklich so ganz ,planlos" und ״unsystematisch‘, darum auch zwecklos und untcrstiitzungsimwert ist. Gewiss möchte man eine grusszügige Massenkolonisation wünschen. d׳c zunächst ein Heer jüdischer Arbeiter nach Palästina wirft und 0י!.’!י. die höheren Stände grupoenweise folgen lässt. So zeichnet es Herzl in seinem ..Judenstaat". Aber eine derartige Wirksamkeit ist eben zurzeit völlig aussichtslos. Sie setzt normale Dascmsbedinguugeti voraus, d. h. in diesem Falle die Erlangung eines Charters, eines Freibriefs von der türkischen Regierung, durch den die Zustande hi das Licht der Öffentlichkeit gerückt und gesetzlich geregelt werden. Solch ein Charter ist aber, wenn auch Herzl einmal nahe daran war. ihn zu erlangen, gegenwärtig nicht zu haben. Auch für Geld nicht. Der Mutesarrii (Gouverneur) von Jerusalem äusserte jüngst zu einem mir bekannten angesehenen Juden Jerusalems, der ihm in Begleitung zweier Konsuln einen Besuch machte, er betrachte den Zionismus als eine Utopie; eher würden die Zionisten Konstantinopcl erobern als Paiästinia. Söll darum die praktische Siedelungstätigkeit b's auf günstigere Zeiten brach liegen? Uns dünkt das wie eine Unterlassungssünde die mit daran schuld werden könnte, wenn einst der grosse Augenblick eine kleines Geschlecht fände. Ja. der grosse Augenblick, wird er kommen? Gegen־, wärtig liegt er in nebelhafter Form. Aber die Vorsehung mischt d.'^ Karten oft wundersam. Eines Tages könnte die Geldnot den Sultan für die jüdischen Millionen empfänglich machen. Oder die arabische Bewegung, die neuerdings von Nordsi'rien bis Südarabien um sich greift und in dem Yemenitenkrieg aufgeflarnmt ist. könnte es ihm wichtig erscheinen lassen, in Palästina ein zahlreiches und wohlorganisiertes Bevölkerungselement zu besitzen, das keine Angriffe auf seine Autorität duldet, sie vielmehr selbst gegen die eigenen Untertanen mit allein Nachdruck verteidigen würde. Darum kommt niemes Erachtens auch dem ^genannten praktischen Chowewc-Zioiiismus. der Kleinkolonisation. eine Bedeutung für die Lösung der Judenfrage zu. Ei ist. wiewohl von den oolitischen Zionisten noch auf dem letzten Kongress in einer Resolution ausdrücklich als ״planlos, unsystematisch. Dliilanthropiscli" abgelelmt, eines der Mittel zur Erreichung des Endziels. Wiewohl das Streben dahin gehen muss, meines Wissens auch immer mehr dahin geht, diese Unternehmungen des Wohltätigkeitscharaktcrs zu entkleiden oder wenigstens die Philanthropie als einen Zug itn System dem grossen Plan uiitcrzuordncn und die Kolonisten auf eigene Pusse zu stellen. Arbeit, nicht Almosen, das muss unbedingt für alle Wirksamkeit in Palästina die Losung sein! Aber mit dieser Absage an den bisherigen Kolonisationsbetrieb verzichtet der Zionismus keineswegs auf alle Gegenwartsarbeit Es war. kein Herzliches Dogma, dass in Palästina oder gar für Palästina nichts gegeben werden dürfe. Vielmehr legt er aui andere Punkte der Arbeit und Vorarbeit r.ur um so mehr Gewicht. Da das Ziel aller Arbeit ein nationales ist, so kommen auch die Mittel in Betracht die man sonst zur Förderung des nationalen Lebens anzuwenden pflegt. Politik und Geld, nationale Volks- und Jugenderziehung. Erschliessung des Landes auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Die Politik machte Dr. Herzl. 11t?jähriger Arbeit verhandelte er. freilich ergebnislos, mit der Türkei zwecks Erlangung des Charters und mit den europäischen Mächten zwecks Intcressicrung für seine politischen Bestrebungen, die zugleich ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse an der Lösung der Judenfragc entsprechen würden. Das Geld arbeitet in dem Jewisli Colonial 1 rust. der jüdischen Kolonialbank, und in dem jüdischen Nationalfonds. Pie Bank ist nicht ausschliesslich zum Gelderwerb gegründet, sondern in erster Linie das ״finanzielle Instiumcnt" der *zionistischen Bewegung, welches ihr die Durchführung des Endzieles. Schaffung einer gesicherten Heimstätte i:1 Palästina, ermöglichen soll. Demgemäss bestehen ihre Aukuben in der Verwaltung der Finanzen sämtlicher zionistischer Institutionen (z. B. des Nationalionds) und in der Begründung von Unternehmungen im Orient wie der Anglo-Palesrne Company in Jaffa und Jerusalem, deren Arbeit in der Hauptsache aui das gleiche Ziel gerichtet ist. Als Herzl die B״;:k gründete, forderte er für den Beginn finanzieller Verhandlungen mit der Türkei 50 Millionen Franken; das indische Volk gab ihm nur ein Achtel der Summe. Der Nationalfond sollte nach «einem Entwurf 200 000 Pfund betragen aber er hat noch nicht die' Hälfte dieser Summe erreicht. Neuerdings hat man zu seiner Hebung ein wirksames Mittel in der Sclbsibesteuerung gefunden. Sein Besitzerwerb an Grund und Boden soll Eigentum des ganzen Wilkes sein lind bleiben, während entsprechende kleiner Partien an Private iti Pacht und Erbpacht abgegeben werden. Den beiden Kapitalien hat sieh Ende 10 >1 die ״Palöstiiia-HaiidclsgcscIscliaft" hinzugesellt. welche ebenfalls in Palästina arbeiten wird, sobald sich Terrain gefunden hat. Der N a t io ital e r zic h 1111 g dienen drei jüdische Bildungsscliulen in Jerusalem, in denen neben den modernen Schuldisziplinen auch jüdische Geschichte und Literatur und vor allem die hebräische Sprache gepflegt wird. Sie wira künftig nach dem einstimmigen Beschluss des letzten Kougresses auch durch eine Jerusalemer Natioualbibliothck vertieft und verbreitert werden. Die in Jerusalem heicits bestehende Bücherei (Midrasch Abarbanell), zum grössten Teil eine Sehenkung des Dr. Chasanowicz. ist mit ihren HO K) Bälden für das jüdische Jerusalem zweifellos ein wichtiger Kulturfaktor, insolern auch orthodoxe Juden aus der grossen Masse hier die erste Berührung mit der neuen Zeit und der modernen Bildung empfangen. Aber der Kongress wird sic nun, nachdem er sie in seine Hut genommen, durch eine Kommiss;׳ a weiter zu einem Mittelpunkt jüdisclmationakr Kulturwirkuugcii ausbuueu. Für diesen Zweck ist ein festes jährliches Budget ausgesetzt, zunächst *1000 Franken: das Eigentumsrecht liegt ausschliesslieh in den Händen des Nationalionds. ln d;r Ferne mag man hinter der Bücherei daun auch noch andeic nationale Institute auiragen sehen, ein Nationalmuscum. tue jüdische Akademie und weitere Zukunftsschlösscr. In dieser Bibliotheks-Vertretung bildet die sogenannte Palästina-Kommission den überwiegenden Faktor. Der Schwer- Punkt der praktischen Arbeit hat sich überhaupt immer mehr in diese ״Kommission zur Erforschung P a I ä s t in a s" verschoben, die sich namentlich die wirtschaftliche und wissenschaftliche Erschliessung des Landes durch Förderung von Landwirtschaft und Industrie zur Aufgabe gesetzt bat. Sic bat, obwohl sie erst vor zwei Jahren auf den! (>. Kongress geschaffen wurde, anerkannt Bedeutendes geleistet. Was sie treibt, ist Pionierdienst für die Zeit nach Erlangung des Charters. vorbereitende Arbeit für die Aufgaben grossen Stils, die dann an die Judcnheit lierantreteu. lieber die Erwerbs- und Koloiiisationsmüglicliküten wird dann keine Unklailieit mehr herrschen. Diese Wirksamkeit wird auch von de;1 politischsten Zionisten immrr mehr als absolut unentbehrlich anerkannt. Der Snr>tt •über die Gegcnwartsarbeit verstummt. Und jeder Palästinafrcimd muss sich, auch ganz abgesehen \on den zionistisehen Gesichtspunkten, über die praktische, frische und erfolgreiche Arbeit freuen, die hier getrieben wird. Sie berührt sich mit dem Wirken des Chowewc-Zionistnus. kennt aber die Begriiie Mitleid. Wohltätigkeit, persönliche Unterstützung in ihrem Programm nicht. Für sie handelt es sich um Organisation. Beispiele. Versuche. Schaffung der Grundlagen für Privatinitiative, Beteiligung an giossziigigcn w irtschaftlichen Unternehmungen, wie Prof. Dr. Wat bürg vom Orientalischen Seminar letzthin in Basel ausfülirt״•. Ein Uebcrblick über die zweijährige Tätigkeit der Kommission wird das bestätigen und zugleich einen Eindruck von den positiven Leistungen gehen. Zu der Gruooe selbständiger, wissenschaftlicher Arbeiten gehört die im Januar 1901־ nach Palästina gesandte geologische Expedition und die Einrichtung von meteorologisehen Beobachtui'.gsstationeu auf den jüdischen Kolonien, die Hand in Hand mit den älteren Stationen des ״Deutschen Palüstina-Vereins" arbeiten: die ersten Niederschlags!;richte liegen soeben von Prof. Dr. Blankenborn .bearbeitet \״r. (..Altneuland“ J9uä Heft 10). Der Kenntnis Palästinas durch Popularisierung der wissenschaftlichen Ergebnisse dient die Heraus-