Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage 'N E RUNDSCHAU *»««־' Aus der zionistischen Bewegung wollten also nicht blos eine Kolonie neben anderen gründen, sondern sie betrachteten ihr Vorgehen als einen Beitrag zur Befreiung des jüdischen Volkes. Zunächst taten sic in den schon vorhandenen Kolonien um Jaffa herum Tagelöhnerdienste: zwei Jahre daraui kauiteji sie von den aus Russland gesandten Mitteln bei dem Dorteilen Katra eine eigene Scholle. Hier wollten sic 1111 Scnwcisse ihres Angesichts rechtschaffene Bauern sein, aber die rauhe Wirklichkeit machte ihnen das Bauernleben nicht leicht und stellte ihren Idealismus auf eine harte Probe, \veim sic dennoch die Probe heldenhaft bestanden, so verlieh innen dazu allein das Bewusstsein von der geschichtlichen Bedeutung ihrer Tat für das Wohl ihres Volkes Mut und Kraft. Freilich, an dem Hungerleben, an den Gefahren und Entbehrungen. wie sie kein Krieg so hart mit sich uHugt, vvai zum grössten Teil ihre eigene Uncrfalircnhcit schuld. Pas Landstrich־, das sie erworben hatten, war unfruchtbar und steinig, es musste kultiviert und entsteint werden. Das war eine Arbeit für Bauern, die durch Generationen hindurch bewahrt waren und die zweckdienlichen Ackergeräte kannten und besassen. Diese Arbeit wartete jetzt auf junge Männer, die bisher die Feder geführt und ihre körperliche Ausbildung nur zu sehr vernachlässigt hatten. In Körben trugen sie z. b. den teuer gekauften Dünger vom nächsten Dorf aufs Feld, weil die Gerätschaften fehlten. Neben der landwirtschaftlichen Arbeit lag den Unverheirateten auch die Hauswirtschaft oh. Dazu kam die Schikanlerung der türkischen Beamten, welche die Erlaubnis zum Häuserbau verweigerten. Zum Bakschisch, dem Zaubcrschliissel. aber laugten die Mittel nicht. Trotzcdem hat der Idealismus die unsäglichen Leiden und Opfer überstanden. Kolonisten, die der schweren Arbeit nicht gewachsen waren zogen fort: aber andere, auch Familien. traten an ihre Stelle. Heute ist Katra eine Kolonie, die sich bereits seit 9 Jahren selbst erhält. Unter den 126 Seelen sind 15 Kolonisten- und 9 Arbeiter- und Beamtenfamilien. Die Hauptqucile der Einnahmen ist hier, wie In den meisten jüdische» Niederlassungen Palästinas, der Weinbau; es sind ca. 20 000 Reben gepflanzt. Indes besitzen die Katrcnser auclt eine grosse Mandelpflanzung, deren Kultur im 'etzten Jahr auf den Hektar 165 Frks. Reingewinn brachte: auch treiben si? Acker, und Gemüsebau. Wein und Kognak werden au Ort und Stelle fabriziert. Der We־'!! ist zwar nicht so gut wie der bekannte Rischon Je Zion-Wein von der. ältesten Kolonie, aber immerhin verkäuflich und — sehr billig. Die rlasche kostet 20 Pi. Von dem Kolonistenwein gilt durchweg. dass er sehr süss ud alkoholhaltig Ist. der Kognak wird nach landesüblicher Weise parfümiert (der sogen, griechische Kognak), er gewinnt dadurch einen widerlichen Geschmack. Auch aus den Rosinen brauen die Eingeborenen einen mit Anis parfümierten Nationalschnaps, den Raki oder Traubenhramitwein. W. Bambus erzählt in seinen Reiscscliilderungcn ein besonders drastisches Beispiel von der Entwicklung dieser Kolonie. Einer der gewesenen Akademiker besitzt heute ein hübsches steineres Haus samt Viehstall in dem vier Milchkiihe stehen. Hühncrstall und Hundehütte. Als er vor Jahren ins Don kam. da hat er in dem Brcttergestell geschlafen, das jetzt sein Hund besitzt. Das Jahr darauf baute er die Hol/.- hätte, in der jetzt das Geflügel untergebracht ist, und wohnte iahrelang darin. Als er dann durch russisches Bakschisch die Bauerlaubnis bekam baute er einen hölzernen Schuppen, in dem er gemeinsam mit dem inzwischen beschafften kostbaren Viehbestand hauste. Darauf verheiratete er sich, und die Mitgift seiner Frau gab ihm endlich die Möglichkeit, das fetzige feste Dach über seinem Haupt zu errichten. Und nun sind alle seine Wünsche erfüllt, interessant ist es auch, dass diese russischen Studenten »'Inst religiöse Nihilisten, sich auf dein Boden der Väter und in der harten Schule oes Lebens zu frommen, gesetzestreuen Juden entwickelt habn Das ist die Geschichte von den studentischen Tagelöhnern und Idealisten in Palästina. Sie hat vor anderen romantischen Geschichten den Vorzug der Wahrheit. Das Vorgehen der Studenten hat der Kolonisationsbcwegung in Russland lebendige Impulse gegeben, auch fernerstellende zur Nachcifeiuug angespornt. Es entstanden dort Vereine zwecks Landerwerb in Palästina und Parzellierung. Sie nannten sich ״Zipns-Freu'nde“ (..Chowcwc-Zion“). griffen nach Rumänien und andern Ländern über und schlossen sich 158-1 zu Kattowitz zu einem grossen Verbände zusammen, der 1890 die Sanktion der russischen Regierung erhielt. Seitdem übt er als ״Verein zur Unter- ZentraUBureau des jüdischen Nationalfonds Wien IX. Türkenstrass09. W i e n. ini Juli 1906. Das bei uns vorhandene Agitatiousmaterial für die Nationalfand an Broschüren ist bereits spärlich. Bevor wir zu einer Neuauflage schreiten, erbitten wir die Rückäusserung der Gesinnungsgenossen über: ־ l. Welche von den Urnen bekannten Broschüren in Ihrem Rayon einen Wert für die Agitation besitzen: 2. Welche von den überhaupt vorhandenen Broschüren in andere Sprachen und in welche zu übersetzen wären (deutsch, hebräisch, jüdisch, englisch, italienisch, iranzösisch, polnisch, inagvariscli. rumänisch). 3. Ob Sic das eine oder andere und in welche Sprache dort zu übersetzen, eventuell zu drucken in der Lage und willens wären. Wir selbst führen dermalen am Lager: 1. ״Jüdischer N a t i o n a 1 f o n d". Bericht des Präsideuten der Nationalfondkonnnission an die Jahreskomercttz (1902). 2. Bericht über den jüdischen Nationalfond am VI. Kongresse von J. Kremenczky (deutsch). 3. Bericht über den jüdischen Nationalfond am VH. Kon- -,resse von demselben (deutsch). •1. ..Was ist und was bezweckt der Jüdische Nationalfond?“ Auflage 1905 des Aktionskomitees (deutsch). 5. ״Warum?“ von Dr. Leopold K a h n 1905 (deutsch). 6. ״Der Jüdische Nationalfond“ von Worts mann. Aufläge des Aktionskomitees (Jüdischdeutsch). 7. ״Der ״Jüdische Nationalfond“ von Ben Ada zu . Ausgabe des Vereins Mewascheres Zion. Paris 1903 (Jüdischdcutsch). 8. ״Le Sionism“ von Max N 0 r d a 11. Ausgabe des ECHO SIONJSTE (französisch); nur mehr in wenigen Exemplaren vorbanden. 9. ״L’Avcnir Commercia! de la Palcstinc“ von J. Zangwill. Ausgabe des ECHO SIONISTE (französisch): nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden. 10. Ein Flugblatt, anonym, um Kinder zum Sammeln für den Nationalfond anzueifern. Gegenwartsarbeit des Zionismus Von Rektor O. Eberhard-Zarrentin*). ״Vom Zionismus“. . 1. Der VII. Baseler Kongress (Akad. T.-Z. v. 15. XII. 05). II. Geschichte und Vorgeschichte (Akad. T.-Z. v. 1. I. 06). Ul. Gegenwartsarbeit (Akad. T.-Z. v. 15. I. 06. s. oben). Das Ziel des Zionismus ist ein nationales: Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina. Die Erreichung dieses Zieles bedingt k»!Ionisatorische Tätigkeit, wie sie nach den Judenhetzen des Jahres 1882 durch russische und rumänische Auswanderer praktisch tu Angriff genommen wurde. Leon Pinskcr’s, des Odcssaer Arztes, anonymer ״Mahnruf an seine Stammesgciiussen“ unter der Devise ..Autoemanzioation“ (Berlin 1882) trug kräftig dazu bei. Eine interessante Erscheinung unter den Ansiedlern, die damals in Palästina auftauchten, sind die Biluenser, Mitglieder des über ganz, Russland zerstreuten Vereins B J L U, der der Judenheit das hohe Prophetcnwort: ״Haus Jakobs, auf, wir wollen gehen" (Jos. 2.5) zurief und sich nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser Worte nannte. Einige hundert Mitglieder des Vereins, meist Studierende von russischen Universitäten und Technischen Hochschulen, hatten in flammender Begeisterung für den Kolonialgcdankcn ihre Studien aufgegeben, um in Palästina als bäuerliche Landarbeiter ein neues Leben zu führen, der nationalen Sache aufzuhelfen und zugleich das Vorurteil von der Untauglichkeit des Juden zum Ackerbau durch die Tat zu widerlegen. Sie *) Mit Genehmigung des Verfassers aus der AKADEM. ר URNZEITUNG, Verlag Aug. Hofimann. Leipzig-Reudnitz, Genieindcstr. 5. (No. 20. 15. Januar 191)6) abgedruckt. 1 f f I