Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite *1*16 No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU _ --.-; ' : f und sogar — der Jude gleich sein sollen .dass alle als russische Bürger mit gleichen Rechten angesehen werden. j Und dann wird die Duma sagen: So. jetzt gibt cs bei uns weder Herren noch Knechte, weder Russen noch Tataren, weder Christen noch Juden, sondern alle sind nur russische j Bürger, gleich vor dem Zaren und Gesetz. Und nun vorwärts an die Verteilung des Landes, auch unter die ackerloscn Juden, j einem Jeder vier Dessatinen. so dass allein für die Juden auf diese Weise zwanzig Millionen Dessatinen Land zur Austeilung ( kommen! Dies ist cs. was unsere Duma beabsichtigt, was ihre t heutigen Mitglieder wollen, welche durch die Juden oder die i durch sic erkauften Verräter, die russischen Demokraten, dort j hineingebracht worden sind. I Glaubt dieser Duma nicht! Etwas Gutes wird für Luch! dabei nicht herauskommen. Wollt Ihr Euer eigenes Land verj mindern, dann seht zu. wie dasselbe in Judenhände gerät, yict; Dessatinen auf Jede ungetaufte Seele! Da habt Ihr die Gleich-! heit, da habt Ihr auch die Agrarfrage! ן Hütet Luch also. Rechtgläubige, vor jener Duma! Sie ׳ verspricht, weich zu betten, aber hart wird Luch dies Lager sein. Sie verspricht viel, aber der Gewinn wird nicht Luch, Ihr rechtgläubigen Bauern, sondern nur das Judenaas erfreuen. ׳ welches sich auch breitmachen wird auf dem der Regierung I und den Gutsbesitzern abgenommenen Land. Dorthin auch j mir führt Luch der ganze heutige Verlauf der Dinge." Lin Kommentar hierzu ist überflüssig. j Aus Odessa wird geschrieben: ..In der Stadt und im Bezirk; wird eine grosse Proklamation des ..Schwarzen Hunderts" ver- « breitet, die an die Soldaten und Matrosen gerichtet ist. Die Armee wird darin aufgefordert. ..möglichst bald, so lange wir . noch stärker sind, mit den Juden ein finde zu machen: sonst wirds zu spät werden, denn die Juden werden unseren Zaren * niederwerfen und ihre!! eigenen auf den Thron setzen." * | Inzwischen sind bereits wieder viele Juden ermordet worden. Ägypter und Engländer In der BERLINER MORGENPOST werden in einem Briefe aus Port-Said interessante Mitteilungen über das Verhältnis der Ägypter zu den Engländern gemacht, deren Wahrheit jeder Kenner des Orients nur bestätigen kann: ״Man hasst sic (die Engländer) rechtschaffen. das ist wahr, man fühlt ihr gewaltsames Eindringen bitter genug ־ aber man ist sich darum doch klar bewusst, was man diesen hochmütigen Eroberern alles verdankt. Der Fcllach. der einst in der subtropischen Gluthitze der ägyptischen Sonne vom Tagrsgrauen bis zur Dämmerung in Lumpen gehüllt auf dem Felde gelegen und zum Entgelt für seine mühselige Arbeit kaum ein paar Fetzen seines dünnen ungesalzenen Brotes in die Busenöfmung seines Hemdes hatte bergen können — führt mm I als Gepäckträger. Schifisverlader, als Bootsmann. Stiefelputzer, j herrschaftlicher Diener; Bahnarbeiter oder Landpolizist ein auskömmliches Dasein. Nur die verhasste englische Invasion hat sein Leben 50 wunderbar verändert. Und wie ein Wunder wahrlich mutet es an. dass die fest schlummernde orientalische! Welt Ägyptens sich ■In eine so moderne lebensprühende hat ' umwände!» können. Nur ein Wunder vermochte in diesen dürren goldgelben Meeressand eine Stadt von solcher Pracht und Bedetung hineinziizaubcrn. Diese wohlgcpflastcrten, pcinlieh sauber gehaltenen, staubfrei gesprengten Boulevards mit ihren butten Trottoirs und den schattcnspcndendcn Akazienbäumen! Diese prunkvollen Hotels und märchenhaften Magazine! D>״scr RiescnleiiChtturm und dieses ganze imendliehe Gewimmel von Panzerkreuzern. Kohlendampfern. Handelsschiffen, leicht fliegenden Seglern und Ruderbooten am Ufer des weltlicherrsehenden Kanals. Und mag der ägyptische Katifniauu. Beamte oder Untermllitär auch noch so chauvinistisch sein: er muss es im Innern doch anerkennen, dass Jetzt eine öffentliche Ordnung und Sicherheit berscht, die fast nichts zu wünschen übrig lassen, wo vor zwei Jahrzehnten die hellen Strassen noch von Räuberlälln uiiJ Mördermesscru belagert waren. Dier ..verfluchten“ Engländer haben etwas mehr als ihr grosses Geld, sie haben ihr Organisationsgabe, ihren Welt » er• kehr und ihre geschützte Freiheit mit sich nach Ägypten hcriibcrgctragcn. * - ■ Ls ilt auch nicht der Muselmann, d'.i; heute au den englischen Ketten reisst. Auf keinen Fall ist die grosse Gärung, die Alliion solchen Schrecken ciujagt.!tu Herzen des arabischen Volkes geboren. ,Und es ist nichts weiter als loses Gerede odei mehr oder weniger bewusste Irreführung, was eine für ganz Europa gefährliche neu-panishamitiscfie Bewegung als schwtrzen Teufel an die Wand malt. Wer!:!er an der Ouello schöpft wie ich. vermag tiefer zu schauen. Das grosse Geschrei kommt von der Konkurrenz. Und die ist nicht das mohammedanische Element, nicht einmal — wie inan psychologisch schärfer denken könnte - das übrige kolonisierende auf England eifersüchtige Luropäcrtum. Die Konkurrenz und der wahrhaft bestialische Hass gegen Britanniens Söhne im sonnigen Ägypten sind dv. syrischen Griechen und die Armenier. Diese guten Christen emsigen Arbeitsbienen und goldgierigen Krämer und Wucherer haben überall da ihre Netze ausgeworfen. wo d’^ trübe schlummernden Fluten des faulen moslemischen Menschtmns ihre Ausbreitung haben. Die Städte der europäischen und asiatischen Türkei, insbesondere die Häfen Klcinasiens und Syriens sind in ihren Fängen. In Boden- Spekulation und Lcldverleihungspraktik leisten sic überall im Orient Erkleckliche«. Ihre Schlauheit. Liebenswürdigkeit, Falschheit und Härte sind überall gekannt und gefürchtet. Auch in Ägypten haben sie festen Boden gefunden; ein gc-‘ waltiger Teil des ägyptischen Handeln, ein enormer Prozentsatz der Beamtenschaft, des Bahn- und Seewesens und der niederen .Militäropositioncn sind ihre Domäne. Ihr einziger, überlegener Mitbewerber in der Herrschaft des Landes ist England. Und nur zähneknirschend nehmen sie cs hin. dass allerorten die allerersten Stellen: im Heere, in der Verwaltung und im Handel von englischen Männern andauernd in immer wachsendem»! Masse mit Kraft und Zähigkeit besetzt und zum mindesten die Früchte ihrer Bienenarbeit, dem Herrschcrvolk in die Tasche gleiten. Unter moslemischer Hoheit, das wissen bis zum Wahnsinn sich steigernde Fried- und Ruhelosigkeit unseres armen Volkes. Da waren sic wieder, die Schrcckcnstage von Kiew und Odessa und wie die zahllosen anderen Orte alle heissen — da tauchte es auf. das blutrünstige Gespenst von Bialvstok. wo Greise. Frauen und Kinder sich zu den Tieren der Felder und Wälder flüchten mussten, um bei ihnen Schutz vor dem viel wilderen und grausameren ״Menschenticrc" zu suchen. — wo sieh Wesen, die Menschenantlitz tragen, mir Wollust im Blute von ihresgleichen baden. Und der Schmerz von gestern und die Angst für morgen, sie fanden sich zusammen in der Frage: musste, muss all* dies Unerhörte sein? Wäre es so gekommen, wären diese Blutt ströme, diese geschändeten und zerrissenen Kinderleiehenmöglieh gewesen, wenn des edelti. unvergesslichen Herzls grosser, gewaltiger Wille eine Unterstützung, einen Rückgrat int jiidisehen Volke gefunden hätte? Und ist sich das jüdische Volk dieser grossen und schweren Unterlassungssünde bewusst? Eilt es. schliesst cs sich zusanimen. um den Frevel zu siilmciu um Jetzt mm um so cifriger helfend und rettend cinzutreten? Leider, ach. leider nein. Und doch wäre und war noch keine Zeit in unserer zweitausendjährigen traurigen Geschichte eine erlösungsgeeignete re. weil noch keine eine unglückseligere war. als •die heutige. Denn so niederschmetternd gleichgiltig sich auch die gesamte Kulturw'clt nach den ersten russischen Pogroms verhalten, der Fanbruch der wilden Horde in Bialvstok hat sie nun doch einigermassen aufgcrüttclt. Man beginnt cin/uschen. dass diese furchtbaren und rätselhaften Erscheinungen erst Mcnschheitssache sein müssen, dass sie erst durch die Initia- 1 tive der ganzen Kulturwclt. we:l dieselbe mitverantwortlich ist. weil sie ihr ewig zu Schanden sind, endgültig aus der Welt geschafft werden können. Man iüngt auch an zu bcgr.ifeu. dass dies in Russland kaum besser werden wird. Die wilden Leidenschaften sind geweckt — die Bestie hat Blut geleckt, sie kamt nicht einmal die Milde eines ..raschen Tötens" mehr. Unter dem provozierten oder schweigenden Gutli.issen von hohen Beatmen. Offizieren wird geplündert und abgeschlachtet. Mit Richtern und Geistlichen wird die Beute gcteilt. Das wird von keiner Macht mehr aufgehalten, das wird sich bei J.dem. auch dem geringfügigsten Anlasse w iederholen. Das weiss mau nun allüberall, und wenn wir jetzt entschlossen und einig genug wären, wenn uns der wahre, echte Wille, zu helfen, uns selbst zu helfen. bcsceL-n würde, die ganze, weite, gutgesinnte und einsichtige Welt müsste und würde — gerade eben jetzt - - uns die Hand und die Mithilfe zue Erlösung bieten. Aber das ist ja die gross.*, noch von keinem andern Volke gelebte Tragödie dass uns nicht die Kraft und der Mut — (י nein ־— dass uns nur der gemeinsame Wille zum Zusammen- Schluss und somit zur Rettung und Erlösung fehlt. Müssig und schweigend, höchstens dass er sich für die .Ueberlcbcndcn, das heiss; iiir die noch zu Mordenden, zu einigen Geldopfcrn;mischw ingt. sieht der grösste Teil unseres Volkes Sem Utitergang der Seinen zu. Und welchem Untergang. Keine elementare Naturgcwalt. gegen die menschliches Eingreifen machtlos ist. vernichtet hier Leben und Eigentum. Ein. wie schon gesagt wohlgeordnetes System, cingcfiihrr von Räubern und Mördern, vollzieht diese teuflische Aufgabe. Und wir könnten m»cl1 weiter unser Gewissen. das doch vew iss kein ״europäisches" sein soll und \