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Jüdische Rundschau · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 445 scheinlich nun sein!» .durch die Juden abgcschlachtet“ sei. Es u urde eine förmliche Hausdurchsuchung abgchalten. bei welcher . man den Knaben nicht (and. Die Aufregung sMcg immer mehr, •; Irls man andern l ass den Knaben auf der Strasse herumirrend aufiaud. Dadurch siUittcUu sich wieder die Worten der Er- | reguug. Warscheinlich wird die Sache noch ein gerichtliches ' Nachspiel haben. | Jewish Colonisation Association Die J. C. A. hat am 1. Juli in Paris ihre Jahrcsvcrsammnlug abr;chaltc;11. Der Berichtdicscs grössten jüdischen Hins־ instittits über die Arbeit im vergangenen Jahre verdient die׳ volle Aufmerksamkeit der jüdischen Öffentlichkeit. Im Mittel- Punkt der Tätigkeit der J.C. A. steht die Kolonisation in Argentinien, (legen die argentinischen Kolonien der J. C. A. sind ja im Laufe der Jahre immer wieder Stimmen der Kritik laut geworden. Zeluitauseiide sind angesiedclt worden und doch nicht sesshaft geworden. Der vorliegende Bericht der J.C. A. bietet jedenfalls kein unerfreuliches Bild. Es gibt gegenwärtig in Argentinien 9227 jüdische Kolonisten und 2195 Landarbeiter. Diese Ziffern bedeuteten gegen das .ahr 1934 eine Zunahme von 937 bezw. 1359. Es werden gegenwärtig über 160 DUO Acres Land bbaut gegen 118 WO im Vorjahre ־■־ ein. Fortschritt um beinahe 40 %. Auch der Viehbestand ist nach dem Bericht grösser geworden und die Kolonisten sind in der Lage, ihre Verbindlichkeiten gegenüber der J.C.A. nach und nach abzulösen. Sic tragen sogar einen Teil der Kosten für die Ein* richtungen ihrer Gemeinwesen. Wie der Präsident der J.C. A. mitteilt, ist man bemüht, die Kolonisten mehr und mehr zur öffentlichen Verwaltung heranzuziehen. In der Tat wird eine gedeihliche Entwicklung der Kolonien wesentlich davon abhängen, dass die J.C. A. die Ansiedler vor allem zur Scfbständigkeit zu erziehen bestrebt ist. Kür die Zukunft darf man eine bedeutende Vcrgrösserunc der Ausiedltmgen erwarten. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer über 500. Jedenfalls hat die J. C. A. die feste Absicht, die Meinung einiger Grosskapitalistcu auch ferner dem indischen Volke aufzuzwingen. Die beiden Kolonien der J.C.A. in Kanada — die eine mit 278 Personen und die andere mit 500 Personen — gedeihen. In Brasilien hat die Gesellschaft den Versuch einer landwirtschaftlichen Ansiedlmig mit 40 Eamilicn gemacht. In den Vereinigten Staaten subventioniert die J. C. A. die Gewerbeschule in New-York. d>c israel. Schüler in 6 Monaten in den Stand setzt, in Fabriken tätig zu sein und hat in Woodbinc (New Yersey) ein industrielles Zentrum und eine Ackerbauschule gegründet. Sie gewährt Einwanderer- Familien, die sich der LtndWirtschaft widmen. Darlehen; gegenwärtig gibt cs in den Vereinigten Staaten alles in allem 1250 jüdische Farmer (mit Familienmitgliedern 70Ü0 Personen). In Palästina verwaltet die J.C.A. die Baron Edmund von Rotl1schild*sche!1 Kolonien mit Ausnahme von Ekron. in Klcinasicn unterstützt sic bei Eski-Schehir die beiden Neue Worte oder neue Gedanken diesem ungeheuren Schmerz zu verleihen, ist mir nicht gegeben, ist wohl auch vielleicht gar nicht möglich, da er beinahe so alt ist. wie die uns bekannten, zumal europäischen Sprachen alle, denn cs wird wohl wenige Kultur-Idiome geben, in denen sich dieser unser ״Judcnschmcrz“ nicht schon in Worte ausgelöst hätte. Er allein ist uns treu geblieben, ״er“, *unser Gefährte, auf einem zwcitausendjnlirigcn Wanderwetje war und ist es. der uns hei den qualvollsten Leiden, bei der niedrigsten und schimpflichsten Behandlung nicht zum Tiere herabsinken licss — der unsere Menschenwürde hoch hielt — er ist cs. der uns stets und Immer geadelt hat und der uns auch heute noch die «Weihe und die Heiligkeit des Martyriums** verleiht — W i r fühlen und empfinden, wir haben ein Herz und eine Seele, das sind Dinge, die uns unsere schlimmsten Bedränger nicht rauben können, das sind ewige Güter, die ״Jenen“ abgehen — darum ihre Entmenschung. Uns aber werden sie noch zu jener Höhe bringen, von der wir schon einmal der Menschheit den Weg zum Licht gezeigt haben. Ihr werdet euch eins! noch rächen an den Völkern der Erde, sagte mir neulich in tröstender Weise, als ich ob der entsetzlichen russischen Gräuel in laute Klagen nusgebrochcn war, ein gutgesinnter christlicher Freund. Ocwiss. sagte ich. wir werden uns vielleicht rächen, aber auf unsere Art. Wir werden uns rächen, indem wir der Menschheit wieder auf’s Neue die Nächstenliebe lehren. Wir werden uns rächen, indem wir den Völkern zeigen, wie man Fremde behandelt, wie man sie vor Entrechtung schützt, wie man die eigenen und die fremden Volksgenossen vor sozialem Elend bewahrt, wie man die eigenen und die fremden Frauen ehrt und hochhält und wie man וווו ehemals Warburgsche». Ackersiedlungen und unterhält bei Smyrna eine Ackerbauschule. Vor der Auflösung Ehe die Duma aufgelöst wurde, hat die russische Regicrung bereits von langer Hand die Vorbereitungen getroffen, um das lästige Parlament, das die offiziellen Lügen von Bialvstok aufgedeckt hat. zu vernichten. Die neusten Mordtaten in Odessa, wo inan Juden totschlügt und plündert, sind auch nur Versuchsballons der hohen Regierung, wie weit man im Angriff auf das Volk im allgemeinen, auf die Juden insbesondere gehen darf: Die MOSKOWSKI WIEDOMSTI veröffentlichten einen Aufruf an das russische Volk, welcher zwar mit einer Unterschrift nicht verseilen ist. a*r aber dennoch durch die Wut gcgenübci den freiheitlichen Idtm und durch die Aussaat neuen Hasses gegen die Juden als e ,e neue, allgemeine, ungeheuerliche Provokation seitens der d •ch die sogenannte Sternenpartei unter Trepows Leitung zur . •־teidigung der alten bureaukratisclicn Willkiirlierrschaft betrie men Reaktion auf den ersten Blick sich kennzeichnet. Aus q י• ganzen Provokation, welche gegenwärtig in Form gedruckt!. Aufrufe unter das Volk im ganzen Reiche in hunderttausende. Exemplaren verstreut wird, klingt' die wohlberecbnete Absicl : einer Ernte neuer Pogroms nur allzudeutlich heraus. Die russischen reaktionären Blätter bringen diesen Aufruf auf der Hauptseite, von einem Trauerrand umgeben, gleich einem Menetekel, mit einem schwarzen, orthodoxen Kreuz an der Spitze und der Überschrift darunter: ״Prawosfawnvic Russkijc Ludi!“ '(״Rechtgläubiges russischcs Volk!“) Dann folgt das Motto: ,.Grosse Versorechungen macht Euch die Reichsduma, und .׳iclc Dinge erwartet Ihr von derselben. — aber wisst Ihr auch, was sie mit Euch vorhat?" Nach einer Besprechung der beiden Wege, aui denen die Agrarfrage gelöst werden könnte, nämlich durch Landverteilung zum bleibenden Besitz oder in Pacht, heisst cs dann weiter; ״Seht, so kümmert sich die Duma um Euch. Aber das ist noch nicht alles! Sie hat noch beschlossen. Euch durch Ausgleichung Eurer Sonderrechte mit den Rechten der anderen Stände zu beglücken. Dies bedeutet, dass Ihr von nun an keine Gememdcältesten mehr werdet frei wählen dürfen, dass Ihr keine Starosten, noch ein eigenes Gcmeindegcrielit mehr haben werdet, noch überhaupt alles das, was Ihr jetzt vor den anderen Stünden besitzet. Dafür aber werdet Ihr freie Bürger sein, in der Weise, dass cs keine Standesuntcrscliiede mehr geben wird, weder Adel, noch Stadt-, noch Landlcute. sondern alle werden vor dem Zaren und dem Gesetz gleich sein, gleichwie vor Gott. Und mag es schliesslich aucli so sein, aber das ganze Unglück liegt •darin, dass, wenn alle Standesunterschicdc unter den Untertanen aufgehört haben, die Duma alsdann auch nicht einen Unterschied in der Nationalität und Religion mehr wird haben wollen. Sie wird verlangen, dass alle, der Edelmann, Kaufmann. Bauer, der Rechtgläubige. Katholik. Mohammedaner Kinde jeglichen Stammes das Göttliche der Reinheit und U11schuld zu erkennen und heilig zu halten hat. Und dieses unser grosses und weitumfassendes RächeranU brauchen wir in unseretn künftigen gemeinsamen Heimatlande nicht erst zu ersiuneu. nicht erst zu neuen Gesetzen zu erheben, ist cs doch unser eigenstes, tireingescssenes. altjüdisches Recht, nach dem wir schon vor Tausenden von Jahren gelebt und gehandelt haben. Mein christlicher Freund senkte das Haupt und verstummte. Aber auch ich war in tiefes Nachdenken versunken. In impulsiver Auiwallung hatte ich mich in eine hoffuungsfreudige Begeisterung hineingesprochen, die mir die gUinzqudstcn Zukunftsbilder vor Augen stellte. Nicht von Reichtum träumte mir — o nein — aber vom Wohlergehen aller, von stillem ruhigem G!iick eines jeden und von ununterbrochenem, alles Gute fördernden, friedlichen Wettbewerb mit der ganzen Menschheit. Ich sah die Heimat mit ihren stillen grünen Tüjjpm. mit •ihre sonnigen Bergen, ihren prächtigen Olivenhainen und ihren blühenden, wogenden Feldern, auf denen die schlanken, beweglichen Gestalten unserer nun endlich einmal wieder bodenständig gewordenen Brüder und Schwestern in rül.'iger, besitzfroher Schaffensfreude sich emsig tummelten. Ich sah sie nach den Milben des Tages mit strahlenden Mienen heimkehren, sah sic von den Ihren in feierahcndlichcr Stimmung erwartet. Ich sah die Kinder sich vor den Häusern tummeln, die Alten vor der Türe plaudern — kurz. Ich sah die Heimat wiedererstanden in ihrer ganzen einstigen Schönheit, im Glanze eines friedlichen Glückes. Aber beinahe zu gleicher Zeit — denn plötzlich, wie eine Fata Morgana. war die bildliche Idylle meinem iuueru Auge entschwunden — sah ich auch die Jetzige Gliicklosigkeit. die heutige, bis zur Verzweiflung, ia

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