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Jüdische Rundschau · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite W . _.JÜDISCHE Gäste intervenierten, zu einem «rossen Hallob und Tätlichkeiten. Diese setzten sich, als die skamlaliereiulen Gäste das Restaurant gezwungen verlassen hatten, in verstärktem Masst auf dem Tauentzienplatz noch weiter fort, und einer der Reisenden erhielt von seinem antisemitischen Gegner einen Stockhieb über den Kopf. Aus dem erneuten Zusammenstoss entwickelte sich, da der Lärm zahlreiche Gäste aus dem .am Platze gelegenen, um .Mitternacht noch vollbesetzten Kafiee Residenz herbeigezogen hatte, dann ein Krosserer Auflauf, bei dem die Schutzleute eingreifen mussten. Strassburg, IS. Juli. -Ein Herr, der siehalscjnen Juden aus Mülhausen bezeichnet, polemisiert im JOURNAL au- SACK-LORRAINE dagegen. dass wir Drcvfus als Chauvin hezeichnet hätten. Der Herr hat offenbar das Buch nicht gelesen, in welchem Drcvfus selbst über sein Leben und seine Abenteuer auf der Tcufclsinsel berichtet hat. Hätte er es gelesen, so würde er mit uns »bereinstimmen. Wir stellen ihm also die Lektüre anheim. Im übrigen stellt der Herr test. .dass ein junger jüdischer Elsässer, der sich der Laufbahn als Onizicr widme! wolle, nichts anderes tun könne, als nach brankreich z:1 ecken, weil man ihn in Deutschland nicht annchtnc. Diese Feststellung entspricht allerdings den tatsächlichen verhaltnissen. wie zurzeit noch bestehen.“ STRASSBURGER POST. Bayrischer Lehrerverein Lauterbaclf, 17. Juli. Gestern hielt der Bayerische Israelitische Lchrcr-Vcrcin im Saale der Jüdischen Kultusgcnicmdc׳ zu Nürnberg seine Gcneral-Vcrsammluue ah. Die Versammlung war äusserst zahlreich besucht. Ein Vertreter der Kultusgcmeinde Nürnhere beerüsstc die Vcrsaimnlune mH assmülatorisch-atriotisierenden Redewenduneen. Interessant waren die Bcgrüssuogsnusfülirungen des Vertreter des Volksschullehrer- Vereins Nürnberg-Stadt, welche tu! foleendc Tatsachen berichteten : Als vor ca. 10 Jahren der bayrischen Volksschul־ lehrer-Vcrein den Ausschüessunespa.raeraphen für Mitglieder eines konfessionellen Lchrervereins (katholischer Lehrerverein) schuf, da verbrieten die letzteren auch den Ausschluss jener Lehrer, die zum Israelitischen Lehrerverein gehörten. Im An- Schluss daran erläuterte der Vertreter des Volksschullehrer־ Vereins, wie man den Israelitischen Lehrerverein nicht als konfessionellen Verein betrachte: habe, weil seine Mitglieder innerhalb diesef Vereins nur ein berechtigtes Eigenleben betätigen. Man achte und ehre die Eigenart des liidischen Stammes, sofern sie gepflegt würde und als Zeichen dieser Hochachtung wollte mau von einem Ausschluss absehen. Die sachlichen Beratungsgegenstände (nicht minder interessant auch ausserhalb der blauweisse (irenpfälile. Herr Dingseider- München sang das uns allen wohlbekannte Lied von der Zurücksctzung der jüdischen Religions-Angehörigen und empiahl die Neugründung jüdischer Volksschulen sowie die Bildung einer Zcntralkasse für die bayrischen Kultusgcmeinden. Letztcre Frage wurde auch diskutiert. Die anwesenden Herren Rabbiner bekämpften jede Art von Zentralisation, während die gestern nachts der Erzengel Michael, die Posaunen -nicht umsonst, geblasen und ich weiss es genau, was dies bedeutet — sagte Rabbi Tauchurn feierlich und wart einen begeisterten, schwärmerischen Blick auf die Umstehenden, dass sie unwillkürlich bebten und erschauerten. . An diesem Montag war die Almosenbüchse reichlieh gefüllt, alle, selbst die arme Dienstmagd, eilten, um ihr Scherflein beizutragen; auch wir Checlerjungen versäumten nicht, unsere Taschen zu leeren und unsern Sparpfemiig zu opfern, indem wir Rabbi Tanchmn inständig baten, er möge sich dafür verwenden, dass der Krieg gegen Gog und Magog recht bald, womöglieh noch vor dem nächsten Freitag beginne, damit wir in der allgemeinen grossen Verwirrung der sonst an diesem Tage üblichen Leibesziichtigung entgingen. Die ganze Woche hindurch war unser Glieder von einer derartigen mcssianischcn Stimmung beseelt, dass es der Mclamcd für angemessen hielt, uns zu melden, dass er demnächst das ״Omar Rabbi Jochanan“ vorlesen werde, d. h. die talnmdischeu Sagen über die letzten Zuckungen des jüdischen Staatskörpers, welche gewöhnlich nur an den Tagen, die der Erinnerungsfeier RUNDSCHAU " No. 30 Lehrer eine solche befürworteten. Herr Dr. Kolm. Distrikts- Rabbiner von Ansbach, der seinen Worten durch die mysteriöse Mitteilung, dass er wisse, was ,.oben" vorgeht seinen Morten eine besondere Bedeutung zu geben versuchte, meinte, dass man ..oben" eine Zentralisation aber ohne Kasse plane und warnte aus orthodoxen Befürchtungen vor jedem Anfang. Diese Golusjtiden — 01> orthodox oder ticolog — sehen wohl was ״oben" vorgeht, lind übersehen — was ״unten" nottut. Die neologcit wie die orthodoxen Orgamsationsplünc müssen scheitern, weil sie von der veralteten Auffassung diktiert sind, statt mit Ideen — mit Geld organisieren zu wollen. Das neuzeitliche jüdische Lehen ging bis jetzt noch spurlos an ihnen vorüber. Vom Zionisinus sprach man — natürlich pri%־at ־— ganz im Tone des «)herflächlichsten ßclächclns. Das grosse Weh der Qesanitjiidviilieit kommt nicht zur Geltung bei den kleinlichen Vereiiisschiner/en. Wenn die Kleinen schreien, müssen die Grossen schweigen und bedienen. Ganz schüchtern und verschämt hat eine Buchhatidlung bei der Ausstellung jüdischer Werke neben Werken jüdisch-wissenschaftlichen und methodischen Inhalts aticü Schriften zionistischen Inhalts, wie Herzlschriften. Broschüren von Roth. Kahn. Friedcmann usw. ausgelcgt. Da die tmeiitgcltiich abgegeben wurden, fanden sie reissenden Absatz. -- Wann wird der jüdische Lehrer erkenne 11. dass die abnorme jüdische Lehrerfrage nur ein Teilder Judenfrage ist? Mir er endlich cinschcii. dass durch die Lösung der Judenfrage alle jüdischen Teilfragen mitgelöst werden —? Lehrer 0 p p e n 11 e i m e r. ״Diesem ist es schlimm ergangen“ Dem General Mercler Ist cs schlimm ergangen. Nicht gcring, dass Drcvfus nicht getötet worden ist, sondern jetzt wieder mit höherem Rang der Armee angehört, nicht genug, dass der Monsieur Mcrcicr hat erfahren müssen, w ie man in llen Vorhaiidltmgen des Kassationshofes und in der Deputlerteiskammer seiner gedacht, im Senat hat anhüreii müssen, was ihm nnaiigenehm genug war. geben ihm die A n t i s e 111 i t c 11 i n Frankreich jetzt noch den Eselstritt. Sie iordem ihn auf. zu offenbaren, was er bisher verschweigen zu müssen behauptet hat. zu sagen, welches die 1mamcc;1;:»areu Beweise für Drevms’ Schuld sind. Wenn er nicht rede, sondern schweige, dann müsste man annehmen, dass er auvh sich von den — luden habe bestechen lassen. Und dabei wissen die Herren von der LIBRE PAROLE, in der diese fiirchterlichc Drohung ausgestossen wird, recht gut. dass General Mcrcicr aus dem denkbar triftigsten Grunde schweigt, nämüch weil er nichts zu sagen hat, keine Schuldbcwcisc besitzt. Also wird es dabei bleiben, dass nach antisemitischer Behauptung auch Mercler Im Solde des Drcvfus-Syndikats steht. Ritualmord-Märchen Budapest. Ober ein R i t u a 1 m 0 r d Märchen wird aus Nagvinärton berichtet: Kürzlich erschien eine Anzahl aufgeregter Bauersleute beim hiesigen jüdischen Restaurateur Tik und forderte die Herausgäbe eines Knaben, der von daheim verschwunden und wahrder Zerstörung Jerusalems vorangehen, vorgelesen zu werden pflegen: jetzt waren wir bereits im Monat Tcbctli (Dezember). Diese überraschende Nachricht erfreute nicht nur die Chederjungen. welche Aussicht auf interessante Lektüre statt der gewöhnlichen langweiligen Repetition hatten, sondern aucli viele öüssehenbewohner, welche den Wunsch äusserten, dieser erbaulichen Vorlesung beiwohnen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Brief aus Mannheim In diesen Taecn iü’disch-uatiouaicr Trauer, fr. denen der grosse, nie zu verwindende und in der heutigen Zeit doppelt aktuell empfundene Verlust von Heimat und Vaterland, tiefer und eindringlicher denn je unser Sein beherrscht — wo auch heisser denn je die Sehnsucht nach Wiedererlangung dieses höchsten aller Erdengüter in uns aufwallt, ist es wohl jedem einzelnen gestattet, seine klagende Stimme zu erheben und sein ״tiefes Weh" in alle Welt hinausztischrcien.

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