Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 442 No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU ~ ״־ —׳— *-♦ Aber nicht den! Privateigentum, der Bodenspekulation, soll das vom Nationalfond erworbene Land anheimfallen, vielmehr soll es für immer Eigentum des Jiidi־ sehen Volkes in Palästina bleiben und zum Wohle der Gesamtheit dienen, wie es das alte jüdische Gesetz verlangte, das in seiner Gerechtigkeitslicbe, seinem sozialen Sinn bereits allermodernste Ideen vorweggenommen hat. Welch ein edles Streben für die Zukunft, weLh herrliche Möglichkeit, vielen verfolgten Brüdern Heimat und Arbeit zu verschaffen, keine entnervende Fabrikarbeit, sondern die Arbeit, nach der sich das heutige Judentum am meisten sehnt, die für Körper und Geist gleicherweise gesunde Landarbeit! Von allen unseren Institutionen ist deshalb der Jüdische Nationalfond zuerst in seiner segensreichen Bestimmung allgemein anerkannt und von den Sympathien weitester Kreise begleitet worden, und viele, die unser Endziel nicht teilen, die nicht die nationale Wiedergeburt des Jüdischen Volkes in ״ Palästina erwarten,'haben gern zum Nationalfond gesteuert, so weit sie nur ein Herz haben für die leidenden Brüder. Gibt es doch in' Mitteldeutschland eine vornehme grosse Stadt, wo bereits die ganze jüdische Gemeinde es einhellig als Ehrenpflicht erkannt hat, zum Nationalfond beizustcuern.' Jeder Jude kann an der Stärkung dieses Nationalgutes mitarbeiten. Arm und reich sollen, ein jeder nach seinen Kräften, ihre Spenden darbringen, sich freiwillig besteuern, bei frohen und trüben Ereignissenי: des Nationalfonds gedenken. In unser!! Kindern können wir frühzeitig die werktätige Liebe zum Judentum stärken, indem wir sie anhalten, für die jüdische Gesamtheit zu sparen und zu sammeln. Welche Zeit aber wäre geeigneter, des Nationalfonds zu gedenken, als die Trauerzeit des Judenvolkes im Monate Abh! Ihr alle, die Ihr die Bedeutung des 9. Abh nicht habt vergessen können ,noch vergessen wollen, meidet in diesen Tagen jede unnütze Ausgabe, verzichtet auf Wein, Bier und Tabak, entbehret mit Freuden Vergnügungen wie Konzerte und dergleichen ־ und wendet das Ersparte dem Nationaliond zu. Auch Ihr andern alle, die Ihr Euch noch als Juden fühlt, gedenket wieder der früheren glücklichen Zeiten des Judentums und traget durch Euer Scherilein dazu bei, Ettern gehetzten Brüdern die alte ־ Heimat wiederzugewitmen. Die Trauertage seien nicht mir ein Anlass zu Klage und Gebet, sondern zugleich eine Zeit der Hoffnung und der Arbeit für eine glückliche jüdische Zukunft. ־ (Nach e'ne n Flugblatt des Grtpp .,nverbaudes ״O b e r s c h 1 e s i e 1.“) ״Allerteutscheste“ und das Christentum Wie die Antisemiten das *Christentum beurteilen, ist immerhin interessant: Wir entnehmen den nachstehenden Bericht der DEUT- FCHEN HOCHWACHT vom H. Juli: ״Die am Mittwoch ahgclialtenc Monatsversammlung der Bezirirsgrtippc Norden. Nordwest und Zentrum des Deutschen Volksbiir.des hatte einen seitr zahlreichen Besuch atifzuwcisen. Bb. Redakteur Schäfer, der in einer Vortragsreihe die Stellung des deutschen Volkes zur heutigen ״Religion“ hehandeln will, behandelte als Fortsetzung des ersten Vortrages das Thema ״C h r i s t e n 111 m und germanische W e 11n uifassung“. Scharf ging der Redner mit den Vertretern des Domas ins Gericht. Es ist eine Lust zu leben in einer Zeit der grossartigsten Resolution auf geistigem und Wirtschaftliehen! Gebiete, die in ihrer Tragweite keinen Vergleich aushalten kann mit der Reformationszcit usw. Diesen Kampi mitzukämpfen ist unsere Pflicht. Die Religion und ihre bcrufenen Vertreter haben einen unheimlichen Einfluss auf unsere Verhältnisse gewonnen. Wir haben kein Volk, das innerlich gefestigt dasteht, sondern das geknechtet am Boden liegt. Die Religion der ״Nächstenliebe“ hat sich nur durch die rücksichtsloseste G c w a 11 h c r r. s c h a f t so ungeheuer ausbreiten können. Nicht die wahre Nächstenliebe zeichnet das heutige Christentum aus. sondern eine iaische Nächstenliebe, durch das asiatische Element in unsere 'gerniamsclie Auffassung hiueingebracfit, die das tmsiegbarste Elend hat gross werden lassen und das Gegenteil von dem ist. was wir darunter verstanden wissen wollen. Aber es ist schon Bresche geschossen: es geht vorwärts auf der ganzen Linie. Mit dem neuen Volksschulgesetz ist ein Verrat am deutschen Volke verübt, wie er schlimmer nicht gedacht werden kann. Das internationale Judentum einerscits und andererseits die modernisierte noch gemeinere Art. die Jesuiten, sic beherrschen das Erdenrund. Sie sind e.s. die Amerika in Händen haben und ihre Hand Das Schulgespenst (IUKO.’10ß0a3Hb) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithauen. Von Leo Lewanda. Aus dem Russischen übersetzt von William Z e i 11 i n. (Fortsetzung.) VIII. Einförmig ruhig verstrichen unsre Tage im namciilosen Gässchen am Ufer des anonymen ״Sees“ und unter der unbeschränkten Regierung des Pfeifenrohrs unseres mürrischen Lehrers Rabbi Mc'tr Israelländer. Int Zimmer herrschte der althergebrachte Wirrwar und es schien, als ob das alles bis zum jüngsten Gericht so unverändert fortdauern sollte .... Da plötzlich erschien in unsrer Stadt Doktor Lilienthal! Zuerst überbraehtc uns die erschütternde Nachricht von der Ankunft des deutschen Doktors und seine verruchtcn Absichten Rabbi Metr selbst, als er aus dem Beth Hamidrasch kam, wo diese Angelegenheit vielfach besprochen wurde. Obwohl er sonst unlcutsclig und verschwiegen war. beeilte er sich jetzt, allen Haus- | bewolmern davon Mitteilung zu machen. Bald darauf wurde das Gerücht vom Brotbäckcr Jankel bestätigt, der seine Fabrikate nach der Stadt trug und mit einem Sack voll Kupfermünzen tmd Neuigkeiten zurückkehrte. Endlich berichtete uns ausführlich und mit allen Details der Rabbi Uri, Kollektor, der täglich zum Zwecke der Anpreisung seiner Lotterielose die ganze Stadt durchquerte tmd überall Gerüchte und Klatschereien aufsog, wie ein Schwamm das Wasser. Er diente daher jedem als wandelnde Zeitung. Die. obenerwähnte verhängnisvolle Nachricht erschlitterte das Gemüt jedes rechtgläubigen Juden und störte die herkömmliche Ordnung in unsernt Chcdcr. Unser Melanted — welch ein Wunder! .— fing an zu sprechen, der Hauswirt gab das Singen, der Tapezierer das Klopfen, das Ehepaar Kussicl das Zanken, der Brotbäckcr Jankel das Schwatzen samt den mutwilligen Streichen auf. wir wurden von der Pfcifcnroltrprärogative erlöst; 1111 Lehen und Treiben der Judengassc trat eine Stockung ein, weil die verschiedensten Geriiehte und Klatschereien vom gottlosen Doktor und seinen monströsen, diabolischen Absichten alle Sinne der jüdischen Bevölkerung vollständig absorbierten.