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Jüdische Rundschau · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I I Seite •134 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 29 Stadt fanden politische Kundgebungen statt, hei dcr.cn fotc Flagge!! mitgefiihrt und revolutionäre Lieder gesungen wurden Auf der Nikolaibriickc und an einigen anderen Stellen hie :011 die Manifestanten die Strasscnbahncn an und verlangten vom Publikum, dass cs die roten Plaggen und die freiheitliche Bewegting durch Entblössen des Hauntcs begriissc. Das Publikum kam der Aufforderung Hach. An einigen anderen Stellen wurden die Strassenbalmwagen mit Steinen beworfen. Kavallcriepatrouillcn zerstreuten die Ruhestörer: zu Zusammenstösse״ mit der Polizei oder dem Militär scheint es indes nirgends gekommen zu sein. Nach de. kürzlich veröffentlichten amtlichen Darstellung der Judenmetzeleien in Bialystok, In der. wie erinnernd!, die Schuld der Regierungsbeamten und die Teilnahme der Soldaten an dem Pogrom auf das Entschiedenste in Abrede gestellt worden ist, darf cs als ein sehr erfreuliches Zeiche 1 betrachtet werden, das«, jetzt nach einer Meldung aus Petersburg, der (jouverncur von Grodno, Küster, zu dessen Amtsbezirk Bialystok gehört, abberufen worden Ist. Küster, der baltischer Deutscher ist wie Keller und N e i d 11 a r d t in Odessa, seil, wie seinerzeit berichtet, sich •in rohester und perfidester Weise über die guten Folgen eines Pogroms für den russischen Staat ausgesprochen und hat diese Oesinnung auch durch Verweigerung jeglicher Beihilfe zur Verhinderung des von den Bialvstokcr Juden befürchteten Pogroms aktiv 1יtätigt. So wurde von jüdischer und iiichtjndisehcr Seite hehauptet und die mimnehr erfolgte Enthebung Küsters von seinem Posten lässt diese Behauptungen als begründet und zutreffend erscheinen. Aber auch auf die weiteren Angaben von jüdischer Seite dass das Militär die Massakres nicht mir nicht verhindert, sondern werktätig unterstützt habe, gede .kt die Regierung genauer cinzugcheu. Zu diesem Zwecke ׳st bcrcits Genera( Buluiew־ in Bialystok elngetroffeii. um eine Urite-־ suchmig über die Haltung des Militärs während des Pogroms anzustellen. Ob allerdings diese Untersuchung zu Ergebnissen führen wird ist eine andere frage. Judenhetzen Aus Odessa wird der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ geschrieben: .ln der Stadt lind im Bezirk wird eine grösst Proklamation des ..Schwarzen Hunderts“ verbreitet .die an die Soldaten und Matrosen gerichtet ist. Die Armee wird darin aufgefordert ״möglichst bald, so lange wir noch stärker sind, mit den Juden ein Ende zu machen: sonst .wlrds zu spä׳ werden, denn die Juden werden unseren Zaren niederwerfen und Ihren eigenen auf den Thron setzen.“ — über Bialvsok wird in der Proklamation gesagt: die Juden schossen die Soldaten wie die Spatzen nieder und dasselbe Schicksal erwartet die OdessaCr Soldgteu und Matrosen. Die Proklamation endet mit der Aufforderuug: Stehe auf. erwach’, nimm die Arbeit auf!“ Das Oedessacr Sernst wo tat die notwendigsten Schritte, um die massgebenden Stellen zu bewegen, zeitgemüsse Massnahmen zu treffen und einen eventuellen PPogrmn zu verhiudem. Ob das helfen wird, wird uns die nächste Zukunft zeigen. Der Grund der Judenheize in Bialystok .Die deutsche PETERSBURGER ZEITUNG fabriziert eine! ..Privatbrief“ eines ״hochangeselicnen deutschen Fabrikanten“, der mehrere Jahrzehnte in Bialystok gelebt und die Stadt erst seit kurzem verlassen haben soll. Eine Geschäftsreise führte ihn wieder dorthin, so heisst es. gerade als der Tumuit ausbracli. In diesem angeblichen Briefe heisst es: ״Man hat in Russland (ine wunderbare Art, durch Deputationen. Konsultationen.4־,!terpretationen usw. stets das zu erfahren, w׳as mail hat hören wollen, und das dann im Brustton tiefster Überzeugung dem Publikum mitzutcilen. Hat Russland d.'im wirklich nicht mehr die Möglichkeit, die Wahrheit zu hören und zu ertragen? Sind nur Lügner und Schönfärber da. wenn es heisst, die Wahrheit zu erkennen, um daraus die nötigen Lehren zu ziehen! Jetzt soll nach Versicherung der Zeitungen die Bialystokcr Duma erklärt haben, es habe nie ein Mission, eine Schärfe zwischen Juden und Christen bestanden, also sei der Pogrom eine Nichtswürdigkeit, die natürlich von agents provocatcurs und in letzter Reihe von der Regierung äugezettelt sei. Nein und tausend mal nein! Das alles ist nur ein uaukclsptcl mit Morten. Juden und Christen haben seit Janresfrist gemeinsam unter der Tyrannei von Dritten gelitten. •S» cs s0.P‘c,lt weitergehen konnte. Gegen diese Dritten r i1•’ ul1 ״ lrcr T'den w illen, ein solches ftiass von Hass ״14.״”‘1 ״״r׳• »«,״mv'esammelt. in allen Schichten der Bevolke- 7״,fV *e1 C’liristen. dass es nur eines Funkens bcp'i H; u,.״ Zimdsto» /ur Explosion zu bringen. Arbeiter und raor1kante,1. 1 rivate und Gewerbetreibende, alles was seiner Arbeit und seinen Geschäften ehrlich nachgehcn wollte, sowohl Juden wie Christen, alles das seufzte unter dem Drucke dickes tyrannischen dritten Teiles. Und we.r ist dieser dritte Teile Das sind die Revolutionäre bezw. die Revolution spielenden meist jungen Burschen und Frauenzimmer von 15. 10, 18 Jahren, wie sie zum Teil aus den Schulen zu Bialystok hervorgeheu. Wieviel Bomben sind •im Laufe des Jahres geworfen worden, wie viele Polizcibeamte. Soldaten. Fabrikanten. Katifieute sind totgeschossen, zu Krüppeln geschossen worden, von diesem halberwachsenen Volk, das den Tyrannen von Bialystok spielt! Die haben keinen Unterschied gemacht zwischen Juden und Christen, mir haben die Juden sich vielleicht noch viel mehr von ihnen gefallen lassen müssen, als die Christen. Aber ••um kommt das für die Juden tragischste Moment: diese jungen Revolutionäre die vor Mord und Raub. Strassenraub und Hausraub nicht zuriickschrcckcn. die die Juden noch mehr belästigen als nie Christen, sind in der allergrössten Zahl.־ich glaube 911 Prozent ist noch zu wenig. Judeujungeii und Judeninädclicn. und der Vorwurf, der nun von Christen, diü mit ihnen und scHimmcr als sic leidenden Juden, den alten, gemacht wird, ist der: ״Warum erzieht ihr eine solche Rotte Korah lind warum haltet ihr eure Sprösslinge nicht besser in Ordnung und Zucht?' Jetzt schreien die alten Juden selbst iiber das. was sie selbst hcrangezogen haben. Und wiederum, wen» solch o:11 Jüdenbengel ein Verbrechen gegen Leib und Leben, gegen Sicherheit und Eigentum begangen hat. wer ist es dann, der alles daran setzt, tun den Verbrecher den!fänden der .,Gerechtigkeit", sagen wir in diesem Falle lieber der .straien sohlenden Behörden.“ zu entziehen? Das sind wiederum die alten Juden. Und warum? Teilweise ist cs das Gefühl der absoluten Solidarität des ganzen Volkes Israel, zum zweiten aber auch die Furcht vor der Rache der eigenen Snrösslingc, die auf den Schutz aller anderen Juden rechnen als auf etwas Selbstverständliches, auf ein Recht, das sic!׳allen. Deshalb wird ja so selten ein saldier Verbrecher erwischt, aber bekannt ist es doch in Bialystok ganz aih^niein und alle Spatzen pfeife!» es vom Dache, dass diese junge, durch und durch revolutionäre Judenschaft der jedes Mittel, auch das extremste recht ist. dass diese direkte und indirekte IJrlieber und Vollbringer aller der Verbrechen sind, die sich in Jahr und Tag in Bialystok häufen. So ist in Bialystok der Pogrom entstanden, nicht aus Hass der Juden gegen die Christen oder umgekehrt sondern weil die junge Judenschaft d:e Verhältnisse zu unerträglich gemacht hatte, weil die Bckörde aus eigener Schlappheit, aus Sentimentalität oder durch höhere Einflüsse gehindert, dieses Unkraut, diesen Unfug hat in die Höhen wachsen lassen bis zur Unerträglichkeit: dadurch kam die Auslösung der Spannung in Form des Pogroms. Und weil cs die jimve Judenschaft war, die den Hass auf sich geladen hatte, war es die alte, besitzende Judenschaft, die dafür hochgenommcn wurde, erstens weil die junge sich rechtzeitiger drücken konnte und zweitens weil hei den Alten mehr zu holen war. Die baltischen Deutschen sind es also wiederum, die die Verleumdungen und Lügen gegen die Juden weiter in die Welt setzen. Bei dem Berichte der PETERSBURGER ZEITUNG müsste man sich eigentlich fragen, warum sich denn die Juden nicht in allererster Linie an dem Pogrom gegen die Revolutionäre beteiligt haben. Der Grund ist ein sehr einfacher: weil eben die PETERSBURGER ZEITUNG blanke Lügen berichtet. Aber sie ist das getreue Spiegelbild der baltischen Seele: feige, falsch und voller Judenhass; dabei eingebildet auf die angebliche Zugehörigkeit zur dcutscheu Nation, die man mitsamt dem evangelischen Glauben \ erlässt, wenn es Vir teil bringt. Amtsenthebung des Oberbürgermeisters von Bialystok Nach einer Meldung aus Bialystok wurde das Stadthaupt Malinowskv vom Gencralgouverneur des. Amtes enthoben, weil er beabsichtigt hatte, eine ausserordentliche Sitzung der Stadtdunia cinzuberufeii. um den Bericht des Generals v. Bader über den Pogrom zu widerlegen. Abberufung des Gouverneurs Kuester Petersburg. S. Juli. Der Gouverneur von Grodno, General Kuester. zu dessen Amtsbezirke Bialystok gehörte, ist abberufen worden. Kuester ist ebenso wie Bader Balte und Antisemit und einer der Hauptschuldigen von Bialystok. DiechristlichenArbeiter gegen den Pogrom Die organ.sieiten christlichen Arbeiter in Bialystok bähen folgende Resolution beschlossen: ..Wir christliche Arbeiter verschiedener Bialystokcr Fabriken protestieren gegen die von Rcgicrungsagencett ausgestreuten Gerüchte, dass der Pogrom ein Racheakt der Christen gegen Juden gewesen sei. Wir

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