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Jüdische Rundschau · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 433 worden; deshalb trügen die Israeliten gern zum Wiederaufbau der Kirche bei.“ , ' A ״ Die Berliner Kirche am Zoologischen Garten, die aus Judcngcld gebaut wurde, ist ®!»cufaHs und noch1 viel mehr ein Zeichen der Toleranz im Sinne des BERLINER TAOhBLAi 1LS. denn Christen n ich t jüdischer Abstammung sicht man dort, ausser Pastor und Küster, überhaupt n.cht. Otto Ernst Herr Otto Ernst bcschiiitigt noch immer die Kunstpreise Hamburgs. Herr Dr. Rache in Hamburg ist bekanntlich aus dem Vorstand des dortigen Cioethelumdes .uisgesclucdcn. weil er nicht mehr mit Otto Ernst Zusammenarbeiten wollte. Nun erlässt eine Anzahl jüdischer Freunde Ernsts. darunter Dr. m. Caro. Dr. J. Löwcnfild und Dr. M. Spanier eine önentliclic Erklärung, worin es heisst: ..Wir jüdischen Freunde Otto Ernsts crkläien es aus langjähriger und intimster Kenntnis seines Charakters und seiner Gesinnungen für aiisgcscnlasseii. dass er einen McnChcn ,.als Juden denunziere“. Seine —־ allerdings auf irrtümlichen Voraussetzungen beruhende — Bekauptung. ״es sei bezeichnend für Herrn Lindner. dass er als Jude für antisemitische Blätter schreibe“, ist ihrem innersten Wesen nach eher judcnfreundlich als judenfeindlich. Otto Emst ist einer der wenigen namhaften modernen Schriftsteller, vielleicht sogar der einzige, der unausgesetzt mit leidenschaftliche! ücreclitigkeitsl'cbc und Unerschrockenheit im־ das Recht der Juden eingetreten ist.“ Der Vorstand des Üoclhchundcs erklärt seinerseits, die Gründe des Austritts Dr. Ri-hcs nicht als bcrcchtigt anerkennen zu können. In der von Otto Ernst gebrauchten Wendung sei nur der Versuch einer Charakcristik zu erblicken, diese Charakteristik sei aber weder als Denunziatiou noch als antisemitisch zu betrachten. Hessische Judenverfassung Darmstadt. JO. Juli 1906. Der Zweiten Kammer R'tik ein Gesetzentwurf über die Verfassung und Verwaltung der jüdischen Religionsgcmeinden zn. Die bürgerliche ur:d politische Gleichstellung der Juden mit den anderen Staatsaugehörigen ist in Hessen durch ein Gesetz vom 2. August ISIS gewährleistet. Eine umfassende gesetzliche Regelung der Rechtsverhältnisse der jüdischen Religionsgemciiidcn und der Gesamtheit der Juden wurden wiederholt im Landtage gefordert und soll nun durchgeführt werden. Das Gesetz, •.•estattet zunächst, dass künftig au einem und demselben One mehrere jüdische Religionsgemcinden neben einander zugelassnn werden können. Den einzelnen Judeg wird vollständig Ei eiheit in ihren religiösen Anschauungen und den Gemeinden bezüglich der Formen der Gottesverchrung und der religiösen Gebräuche wie seither das Sclbstbcstimmungsrccht zugesichert. Bezüglich der Vermögensverwaltung und des Rechnungswesen d£r Religionsgemcinden werden die bestehenden Vorschriften mit den neueren Vcrwaltungsgcsetzen in Einkunft gebracht. Die Umlagen sollen nach dem Alassstabc der $t־'!at׳ liehen Einkommens- und Vermögenssteuer erhoben werden. Den Gemeinden steht das Recht der Wahl eines Rabbiners ihrer Glaubensrichtimg zu, welcher nur der Bestätigung des Oberrates, der neuen oberen jüdischen Vet waltungsbehö,• Je, bedarf. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt der Religionsunterricht und die Anstellung von Religiouslchrern. Arnrn Gemeinden könnenZuschüssc zu den Schulkosten aus der Zentralkasseder jüdischen Gesamtheit desLandcs gewährt werden. Unter gewissen Voraussetzungen sind den jüdischen Religionslehrern die Rechte der Volksschullchrcr zu verleihen, wobei ihm Dienst- Zulagen bis zu J850 Mark jährlich und ausserdem Witwen- und Waiserversorgung gewährt wird. Dem israelitischen Qberrat steht eine Entscheidung über den Kultus und Ritus nicht zu; er soll in erster Linie Verständigung über Meinungsverschicdenheiten herbeiführen. Dem erweiterten Oberrat steht das Recht der Erhebung einer Landessteuer für die kirchlichen Bedürfnisse zu. Für die Verwaltung der Geldmittel wird d;e Bildung einer Zentralkassc vorgesehen. Die Zahl der Juden beträgt im Grossherzogtum nach der Volkszählung vom Jahre 1900 2-4 4S6. die Zahl der jüdischen Religionsgemcinden beträgt 220. Dem Gesetzentwurf, welcher in wahrhaft toleranter Weise den Bedürfnissen uud Wünschen der indischen Religion:» gemeinden gerecht wird, kann nur zugestimmt werden. Theodor Herzl-Strasse ״Theodor Herzl-Strasse“ In Czernowltz. Wie das LEM- BERGER TAGBLATT vom 13. d. Mts. zu berichten weiss hat der Czcrnowitzer Gemeinderat einstimmig beschlösse!‘, eine Strasse in Czernowitz nach dem verstorbenen Ziom§tc;1 fiihrer Dr. Theodor Hcrzl zu benennen. Dies ist die crsic Theodor Herzl-Strasse der Welt. Major Dreyfuss und General Picquart DIE WELT AM MONTAG in Berlin schreibt zum Ab- Schluss der Dreyfusaffure: ״Die unverwüstliche geistige Volkskraft der Franzosen hat sich wieder in der hochherzigen Sühne der Dreyius- Tragödie, nachdem sic. lange durch das Fieber des Chauvinismus uud Kicrikalismus geschüttelt, tatkränig und entschlossei! sieh befreit haben. Die Jahre höllischer Qualen auf der Teuieisinsel haben der» armen Hauptmann, dessen Persönlichkeit sonst wenig Sympathisches hätte, zu einem der grossen Mrtvrer der Justiz gemacht, an dessen Befreiung die ganze Kulturwelt Anteil nahm. Das Ende der Affäre ist auch eine Erlösung iiir die französische Armee, die durch den Mund eines ihrer Angehörigen der Kammer aussprach, dass sic endlich klar sicht, sich von den Fälschern. Verbrechern und Dummköpfen lossagt und freudig den Triumph des Rechts bcgrösst. Der internationale Klerikalismus und Antisemitismus sah in der Dreyfuss sah in der Drcsfussachc seinen Triumph; ei ist jetzt n:it gerichtet. Der eigentliche Held des Dramas war der tapfere Majo:• Picquart, der heute General ist. Er setzte, trotzdem er selbst antisemitische Neigungen hatte, seine ganze Existenz, für den Sieg des Rechts auf das Spiel. Der deutschen Regierung muss matt nachsagen, dass sie nachdrücklicSt. so weit sic konnte, gegen das Unrecht eiutrat. Bei unsern Gcscaärtsantisemitcn aber überwog die Freude an der Ausbeutung des Falles jede nationale Rücksicht und sic stellteil die eigene Regierung als Lügner hin. Sic verziehen sogar Herrn Maximilian Harden, dass er einst Isidor Wit- 1: o \v s k i iikss. weil er schön warm iiir die klerikale Verbrecherbande im Generalstab und iiir die Schuld des uri glückseligen Artilieriehauptmanus eintrat. Wie unbequem manchen Leuten jetzt die völlige Rcliubiiition von Dreyitjs ist. beweist ein Leitartikel der LEIPZIGER NEUESTEN NACHRICHTEN, der Drcyfus geradezu vorhält, er hätte als •Soldat auch unschuldig alle Schuld auf sich nehmen müssen, um nicht zu stören, und höhnisch über das rege Mitgefühl der Mensch!’,eit sich verwundert. Offenbar hätten Männer von der heroischen Seelengrösse und gerichtsnotorischen Charakterstärke der Herren Ltimaim und Harden getan. Also Deutscher, der du ein guter Staatsbürger sein willst, merke dir, lass dich beschimpfen, verfehincn. verbannen, aufspiessen, hängen, wer.:*, es das Interesse einiger hochstehenden Schurken!‘ordert und wenn du zehnmal fühlst. wie bitter Unrecht dir geschieht. Sonst bist du ein Feind deines Vaterlandes; auf keinen Fall ..ein grosser, vornehmer Charakter“. Für die LEIPZIGER NEUESTEN NACHRICHTEN wenigstens bist du sonst: wie Drevfus. ..ob schuldig, ob nicht schuldig, ein ,völlig gleichgültiger Mann!“ So lange Deutschland noch solche eisernen Mannesseclen sein eigen nennt, kann man getrost singen: ..Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Aus Holland uer .Minister aes Ausserti nat (Jer Zweiten Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, der einen Kredit von 75 000 Gulden zum Empfang der Mitglieder der zweiten Friedenskotuerenz im Haag fordert. Da inzwischen der Zusammentnt> der Konferenz auf das nächste verschoben worden ist. so fand die Erörterung des Gesetzentwurfes bei der diesjährigen Budgetberatu:,זנ nicht statt. Somit unterblieb auch eine mt.־rcssante Iiiterndlation, die die Regierung in mehr als einer Hinsicht in \erlegenheit gebracht hätte. Denn erstens war die h1terpella:on von einer Gruppe von konservativ- und unioiisliberaku Kjg.m1crmitgliedern beabsichtigt, also von Augehörigen der Regierungspartei selbst, und zweitens sollte sich die InterpeHaEon gegen Russland richten, eine ..befreundete Nation ,die zudem der holländischen Regierung das Programm überreicht hat. aut Grund dessen die Niederlande die Vertre.er t.cr Mächte zur zweiten Friedenskonferenz in die hoHändisone Residenz ein’aden sollte. Die an die Regierung adressierte Interpellation sollte aber folgenden Wortlaut haben: .,Die Kammer nimmt mit Schmerz und Entrüstung Kenntnis von den blutigen Verte.gungen, denen ein Teil der Bevölkerung in einem befreundeten Lande ausgesetzt ist, die mit vielen unscer eigenen Burger durch enge Bande vereint ist. Die Kammer erachtet, das; der weitere Ausbau von Theorien über Recht und Meusclilicnkcit unvereinbar is tmit der gesunden Vernunft, so lange 111 dem Reiche, dass den Aufruf zur sogenannten r neuwnskomerenz erhess. fortdauernd Greuel geschehen, die die ganze gebildete Welt entsetzen. Die Kammer ersucht daher die Regierung die Übermittelung der russischen Entladung zur ZusanmienKunft der Friedensgesandten auf holländischem Boden so lan-e zu unterlassen, bis Garantien erhalten werden hokii ״erartl1r־' traur,RC Ereignisse sich nicht mehr wieder- Die Vorgänge in Russland Wenn anci: irlikklidimveise die fiir den 8. Juli in verschiedenen Städten des russischen Reiches befürchteten Pogrome Ha10tstad^n־״־ljL״ labeV’• 50 is| der Tag speziell in der Hauptstadt mutt ganz ruhig verlaufen. Au vielen Punkten der

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