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Jüdische Rundschau · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 432 No. 29 . . JÜDISCHE RUNDSCHAU sehr ständig zunehtncn wird. Das Interesse wird sich dann wahrscheinlich der indischen Tcppichwarc zuwenden, obgleich Felle des Orients Teppiche des Orients in der Modcgunst verdunkeln werden. ־ Gleichzeitig erhfilt die .lUFDISCHF RUNDSCHAU folgendes Schreiben: i Jerusalem den 2. Juli 1906. Sehr geehrter HerrRcdaktcur! In Ihrem werten Artikel ..B e z a I e I. K u n s t g e w c r b cschule In Jerusalem“ haben sich leider manche unrichtige Zahlcnangaben der Schüler des Bezalel hincingeschlichen. Ich bitte Sic daher, wie ich Ihnen folgend m Kurzem angebe, dies richtig stellen zu wollen: Die Schule zählt letzt 44 Schüler und *16 Schülerinnen. Die Schüler teilen sich folgenderweisc: 10, welche aus verschiedenen Landern Europas gekommen sind. (6 aus Russ^nu. 2 aus Galizien. 2 aus Bulgarien) und früher schon Kunstschulen besucht haben, werden nach 3 Jahren als Lehrer und Muster- Zeichner in den zu gtfindenden Bezalclfilialen angestellt werden. 6 hiesige junge Leute in der Vorbcreitungsklasse, welche noch keine Schule besucht haben, aber zum Zeichnen und Malen Talent besitzen. 23 Abendschiiler, meistens Handwerker. Ausserdem besitzen wir zwei Spezialabteilungcn: Gipsgicsserei und Teppichknüpferei. In der ersteren arbeiten 6 Jungcns, welche schon Modelle, die dio Schule nötig hat, giessen. •16 Frauen und Mädchen beschäftigen sich mit dem Friemen der Teppichknüpferei. Fs haben sich zwar mehr als •100!■rauen und Mädchen für die Teppichknüpferei gemeldet, wurden aber wegen Mangel an Raum, welcher auch für die mitgenommene Zahl nicht genügt abgewiesen. Ich freue mich. Ihnen mitzuteilen, dass alle hiesigen Finwohncr. sowohl Freie als auch Fromme, mit den! Bezalel ausserordentlich sympathisieren. So haben z. B. die sephardischen Rabbiner unsere Schule besucht, und ihrer Freude über den Bezalel Ausdiuck gegeben Sic haben auch den Bauplan des letzt in Bau begriffene!» Waisenhauses bei uns machen lassen. Vorige Woche kamen in die Schule die Vorstände der hiesigen grossen Synagoge, welche die Ruine des Rabbi Jchuda Hachassid חורבת ר׳ ידדדה החסיד genannt wird und nachdem sie dem Bezalel ewigen Bestand und fruchtbare Tätigkeit gewünscht hatten, schlugen sie vor. die Synagoge von den Schülern des Bezalel malen zu lassen, was auch geschehen wird. (Diese Malerei wird aus Landschaften und jüdischen Ornamenten bestehen.) Es ist auch bemerkenswert dass die hiesigen frommen Rabbiner den Bezalel mit keinem חרם belästigen, wie die übrigen hiesigen Schulen, da sie mit dem Volke fühlen und verstehen, dass der Bezalel die jüdischen palästinensischen Einwohner aus dem Sumpfe der Armut, in welchem sic so lange geweilt haben herauszicht. sie von der Last des Bettelbrotes der Chatuka befreien und ihnen dafür die Möglichkeit geben wird, sich von ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Mit Zionsgruss und Hochachtung Prof. Boris Schatz. 3M1 Rundschau Hottentotte mosaischer Konfession Der KUJAWISCHF BOTE in Hohcnsalzn. das bekanntlich Inowraziaw ist. pflegt das Tcutschtum in der gleichen Weist, wie Isidor Witkovvski. von dem wir bedauern dass er Jude ,׳war: ״Abraham Morris doch ein Rabblnersohn aus der Provinz Posen. Maximilian Harden schreibt in der ZUKUM־ I : Oberst von Deimling hat •im Reichstage erzählt, der Hottentottenfiihrcr Ahraham Moriis sei der aus Posen gebürtige Sohn eines Rabbiners. Das klang wie ein Märchen, scheint aber wahr zu sein. Fin englischer Agent, der auf den Namen Lenmann Cohn hört, hat berichtet: ״Ich kenne Morris persönlich, war oft. auch in London, mit ihm zusammen und kenne auch seinen Vater. Der war Rabbiner in der Provinz Posen und kam von dort •nach London, wo ihm daun dieser Sohn geboren wurde. Abraham lief als vierzehnjähriger Junge •von Hause iort. nahm zuerst atii einem Kaufialirtciscliiff Dienst, brannte nach drei Jahren durch und tauchte später in Südafrika auf. Fr diente in britische׳! Regimentern und hatte es 1900 bis zum Wachtmeister gebracht. Im Burenkrieg focht er denn huch auf englischer Seite, zeichnete sich durch verwegene Patrouillenritte aus und leistete besonders während der Belagerung von Mateking unter Baden-Powcli gute Dienste. Dafür wurde et reichlich belohnt. Seitdem lebte er in Südafrika, trieb einen für seine Verhältnisse grossen Aufwand und war als hitziger Kartenspieler bekannt.“ Wie er dann unter die Hottentotten־ krieger geriet, ist noch nicht testgestellt. Interessant ist aber, dass einer der Hauptü.hrcr der schwarzen Orlogleutc, die uns in Südwestafrika nun schon so lange zu schaticn machen, aus Preusscn stammt und früher 4m englischen Kriegsdienst stand.“ Tohleranz Das BERLINER TAGEBLATT macht Stimmung für jüdische Spenden zum Kirchenbau• in Hamburg, wenn es schreibt: ״Für den raschen Wiederaufbau der M i ch a e 1 isk i r c h t zeigt isclt in den hiesigen Bürger•; vereinen grosse Opferfreudigkeit. Dafür bewilligten zwei Biirgcrvcreine 500 und 101)0 Mark. Der Kaufmann I.cvisohn erklärte dabei, dass die alte Michaeliski־׳cl1e ein Wahr- Zeichen der Toleranz gewesen sei. denn in früherer Zeit sei die Ansiedelung von Juden um die Kirche geduldet übergehend zu besänftigen und unsre ferneren Kriegs• Operationen ztt hemmen. Ausserdem figurierte nicht selten im Friedensvertrag noch die ausdrückliche Bcdingung, uns ״die an der Wand hängenden Städte zu zeigen.“ Die Eltern des kleinen Chassid betrieben ein Weingeschäft, das sehr häufig von Gymnasiallehrern besucht wurde. Da diese Herren die liebenswürdige Gewöhnheit hatten, viel zu trinken und nichts zu bezahlen, so Hessen sie dem Wirt verschiedene Gegenstände zur Erinnerung zurück, unter denen sich auch Landkarten befanden. Mit diesen Karten Hess der Vater unseres Kameraden das Billardzimmer schmücken, ••nd er war so schlau, auf den Karten verschiedene Städte aufzu• suchen, obwohl er der christlichen Schriftsprache unkundig war. In diese eigenartige Kunst hatte er auch seinen Sohn cingesveiUt, der die Fertigkeit, Städte auf der Wandkarte ausfindig zu machen, in solchem Masse sich aneignete, dass er bei allen Prüfungen den Sieg davontrug. — Nun, Berel, zeige uns mal Petersburg, Moskau Und Warschau! sagte der Vater. Berel berührte mit dem Finger drei verschiedene Punkte auf der Karte und die gewünschten Städte erschienen darauf, als habe sie ein Zauberer heraufbeschworen — wenigstens behauptete sein Vater, diese Städte zu sehen, während wir Schriftunkundigen keine Städte, sondern mir dunkle Punkte bemerkten. — Wo ist die Leipziger Messe? Berel zeigte sogleich die gewünschte Messe an. d. h. einen dunkeln Punkt, der vermutlich die Leipziger Messe bedeuten sollte. — Und wo wohnt dein Onkel? — Welcher Onkel, Abraham oder Isaak? — Onkel Isaak! — Der wohnt hier, antwortete Berel, siegreich auf einen grossen Punkt verweisend, über dem ich einige Jahre später den Namen ״London“ las. —־ Woher stammt der Tee, den wir täglich trinken? Berel wandte sich sofort einer anderen Karte zu. legte seine ganze Hand an eine von verschiedenfarbigen Strichen begrenzte Stelle; wir wussten also das Exportland des Tees, welchen wir täglich mit Buttcrsemme! oder Rnndkrmgel genossen. Diese Dinge interessierten uns so sehr, dass wir unwillkürlich eine gewisse Achtung vor utiserm Kameraden, der eine solche Kunst so wundervoll bcherrschte, empfanden. Diese Achtung hinderte uns jedoch nicht, ihn nach wie vor zu verfolgen, denn abgesehen von seiner Kunstfertigkeit stand er doch schutzlos da — und wie verführerisch ist es, einen Wehrlosen zu verfolgen! .... (Fortsetzung folgt.)

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