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Jüdische Rundschau · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 230־ No. 69 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Wenn man liest, was in Bialystok vorfiel, beginnt man zu zweifelt!, ob man nicht im Mittelalter lebt. Vo: einem Jahrtausend lebten Menschen, die ihr: Kinder den Göttern opferten. 9er erste, der nicht seinen Sohn, sondern einen Widder opferte, war Abraham. Der grosse Philosoph Steinthal weist nach, dass das Verdienst Abrahams darin bestand, dass er verstanden hat, dass Gott keine Menschenopfer verlangt. .Wir aber haben einen Tempel aufgebnut, in d«־.*n ein Gott steht, der Menschenopfer iordert. Pogroms waren auch früher, aber sic trugen einen anderen Charakter. Da» war zur Zeit der Inquisition und damals hat man 'S im Namen Gottes getan. Ware unsere Polizei religiös, wären die Pogrome infolge religiöser Gefühle, etwa infolge gottloser Resolutionen, die auf einem entlegenen Friedhof gefasst werden, entstanden — das wäre was anderes Hier war cs aber nicht so. Hier ist cs ein anderer Gott, der Opfer verlangt Die Geschichte sagt, dass die grossen Inquisitionen nicht so viel um das Seelenheil sorgten, wie um die mögliche Güterkonfiskation. Jetzt geschieht dasselbe. Damals sagte man: ״Du bist gegen Gott, geh’ auf den Schciterhaufen“. Jetzt sagt man anders: ״Du bist gegen das alte Regime. du bist gegen die Götter in Epauletten geh’ auf den Scheiterhaufen.“ Früher war es alles grandios. In! Namen Gottes wurden die Scheiterhaufen errichtet. Jetzt geschieht das all• s still, auf den Böden in versteckten Ecken. Der Gott, in dessen Namen das jetzt geschieht, ist einer finsteren, standhaften Abstammung, er vertragt kein Licht. Ich spreche jetzt als Jude, aber denken Sie nicht, dass ich nur jüdische Interessen im Auge habe, trotzdem das fm Moment wohl erlaubt wäre. Ich sehe viel weiter M. H״ das Schicksal der 6 Millionen russischen Juden ist *>־it dem des russischen Volkes, mit dem Schicksal anderer Völker Russlands eng verbunden. Man will einon Teil der Juden vernichten, den andern Teil verdrängen. Lassen Sie das den alten Pharaonen. Sehen Sie, was für einen Schrecken das ' Jüdische Volk ln den letzten 3 Jahren erlebt hat. Zirka vierhunderttausend Juden sind nach Amerika ausgewandert. Amerika hat nichts gegen sie. Alles, was kräftig, Jung 7oll Initlative Ist — ist dahin. Hier bleiben alte, schwache»״ Aber Das Schulgespenst (LIlK0n060f!3Hb) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithauen. Von Leo Lew and a. Aus dem Russischen übersetzt von W i 11 i a m Z e i 111 n. (Fortsetzung.)_ VII. Am Mittwoch pflegte Rabbi MeVr seiner Frau, die ihn nur an diesem Tage zu sehen bekam, Audienz zu erteilen. An den übrigen Wochentagen begab er sich nämlich sofort nach Beendigung seiner Beschäftigung im Cheder nach dein Bcth-Hamidrasch, wo er stundenlang über den Büchern zubrachte. Dann kam er erst spät nach Mitternacht nach Hause, wenn seine Frau bereits schlief, und früh stand er auf und ging fort, wenn der Hahn krähte und seine Frau noch im tiefsten Schlummer lag. So blieb der Frau eben, wenn sie häusliehe Angelegenheiten mit ihrem Manne besprechen wollte, nichts anderes übrig, als nach dem Chcdcr zu wandern, was sie gewöhnlich am Mittwoch unternahm, weil an diesem Tage der Samstag schon in Sicht ist. Der Bericht der Frau begann gewöhnlich damit, dass zuerst die Frau schwieg und der Mann lauschte und dann der Mann schwieg und die Frau zuhörte. Schliesslich aber, wenn ihr diese eigentümliche Art der Berichterstattung überdrüssig geworden war, brach sie die Zahl der Juden \ermindert sich nicht. Die Pläne der ägi'ptischen Pharaonen muss man fallen lassen. Ihr Schicksal ist mit unseren! verbunden und das unsere mit dem lhrigen. Die gegenseitigen Beziehungen der Völker sind ni'l.t auf Liebe begründet, wie Baron Roop meint, der darauf hi.!weist, dass man die Juden nicht Ücbt. Wenn man von Beziehungen der Völker zueinander spricht, so meint man in Wirkt'chkcit nur eine Klasse. Wir haben keine Anhaltspunkte, um zu urteilen, wie ein ganzes Volk sich zu einem andern verhält. Wir sind eng verbunden, wie die siamesischen Zwillinge. Und was Sie trifft, trifft uns und umgekehrt. Das Glück Russlands ist das Glück aller Völker Russlands. In unserem Interesse ist cs, Russland gross und stark zu sehen, dass in Russland cinc Solidarität zwischen allen Völker 1 existiere. Wenn wir an die schrecklichen Gcscliichtsiehrtn erir.ncrn, so ist cs nicht, nrn in Ihnen das Gefühl des Schreckens zu erwecken. Unseren bösesten Feinden wünschen v :r auch nicht nur eine Stunde in unserer Haut zu sein, und Sie halfen wir doch für unsere Freunde. Wir beten ewig zu Gott: dass uns diese Schrecken verlassen, wir erwarten nachts ״mit Ungeduld den Morgen und morgens warten wir, dass der Tag vorbei ist. M. H., unsere Zeit ist ein Rezidiv der Wildheit, ein• Rezidiv der Barbarei; und die, weiche von der europäischeu Zivilisation eine Ahnung haben, wissen, dass tnserc Sache ihre Sache ist, dass cs unsere gemeinsame Sache ist. M. H., mit Interpellationen allein wird nichts geholter;. Wie Sie sehen, schlage ich Ihnen weder eine Tagesordnung., noch eine Interpellation vor. Das wird nicht helfen. Was können 1ms die Minister sagen! Sie verabreichen uns Lüge!• unter dem Staatsbandcrole und meinen, , das wäre die Wahrheit. Wir haben 2 Berichte über Bialystok und wir wisse־!, wclchcm von beiden wir glauben müssen. Endlich — was für Hoffnungen können wir auf die Minister setzen? :sehen Sic doch, was jetzt geschieht? Es fährt ein General, um das Verhalten des Militärs in Bialystok zu untersuchen, und wir haben gleichzeitige telegraphische Nachricht, dass de! Soldaten der Dank für das musterhafte Verhalten während des Pogroms ausgesprochen wurde. Es fahrt ein Beamter, um die Vorgänge zu untersuchen, aber die Minister kenne:, schon im Voraus seinen Bericht Es gibt eine Anekdote von einen! nach einem ausführlichen Gähnen in die folgenden Interjektionen aus: — 0 weh! . . . . Ach! . . . . WehO well! Rabbi MeVr öffnete die Schleusen seiner Ohren und raffte sich auf, um geduldig anzuhören, was diesen be־ deutungsvollcn Worten folgen werde. — Das Holz ist ausgegangen; kein Späncheti ist mehr übrig, begann die Frau. Rabbi MeVr ergriff rasch seine Tabaksdose und öffnete sic krampfhaft, als befände sich darin eine Klafter guten Brennholzes, das er seiner Frau präsentieren wollte. — Die Kalialdiencr, fuhr sie fort, pfändeten für die rückständigen Gemeindesteuern ein Kissen und einen Leuchter, wobei sic erklärten, dass sie uns vom Beginn der nächsten Wochen ab täglich den Exekutor schicken würden. Rabbi MeVr nahm darauf eine Prise. — Unsere Ziege ist krank; ich fürchte, sie yird draufgehen! Was fange ich nun an? Rabbi MeVr zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: Ich habe leider die Veterinärkunst nie erlernt. Der Oien ist eingestürzt, ich kann daher nicht mehr heizen. Rabbi MeVr holte einen tiefen Seufzer, als wollte er sagen: Schade, dass ich kein Ofensetzer bin. Nun folgte eine Pause, in der die eine Partei schwieg und die andere lauschte.

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