Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-07-20 · Heft 29 (20.7.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651476--03760-2660702
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abonnementspreis einschliesslich LITERATURÜLATT vierteljährlich: 1. durch die Expedition: a) In Berlin —,90 Mark, bj nach auswärts I,— Mark, c) für das Ausland 1,50 Mark. 2. Im Posta'jonremcnt: 1,25 Mark. T Insertionspreis die vicrgcspaltene Petit-Zeile oder derer Raum 25 Pfennig. 1 Allgemeine Jüdische Zeitung• Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4 Telephon: II, 3287. Expedition und Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Jüdische Rundschau, E. G. nt. b. H. Berlin N. 54, Augustsir. 49a. GescliSftxstuodcn der Expedition täglich (ausser Sabbat undSonntag) vormittags 10—I, nachmittags 3 ל Uhr. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDJSCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 29 Berlin, 27. Tammuz 5666 20. Juli 1906 XI. Jahrgang Rede des Abgeordneten Dr-Schemarjah Lewin in der Reichsduma % Nach allem, was liier über Bialystok uni über den Bialystoker Pogrom gesagt worden ist, hätte ich auf dat Wort verzichten sollen. Ich habe aber infolge einiger Worte und Ausdrücke des verehrten Baron Roop im letzten Äuget blicke beschlossen, doch zu sprechen. Es ist selbstverständlich, dass der Pogrom den Baron Roop wie einen jeden von uns empört; dabei verfällt aber Baron Roop unwissentlich in denselben Fehler, den unser Ministerium wissentlich Ugcht, indem er das ganze Judentum für das verantwortlich .macht, was von einer jüdischen Organisation getan wird, ir.dem er diese Organisation nicht mit ihrem Namen, sondern einfach ,jüdische Organisation“ nennt. M. H., ich hatte schon einmal die GelcgeuheU und bcnutze sic jetzt wieder, den Gedanken auszusprecheti, dass auf dem Gebiete der politischen Bewegung, auf dem Gebiete der Idee keine Beschränkung möglich ist und dass die Juden sich nach denselben Gesetzen entwickeln, wie auch die Russen, Polen usw. Sie hätten doch unmöglich sagen können, die Regierung habe einen Anschein des Rechtes den Moskaucr Kaufmannstand zu überfallen, weil viele Revolutionäre Kaufleute sind; oder könnten sic etwa sagen, die Regierung dürfe das polnische Volk verfolgen, weil in seiner MStt.‘ revolutionäre Parteien vorhanden sind? Man sagt, die Juden erregen die Bevölkerung. Welche Bevölkerung? Es gibt unter den Juden cin,e revolutionäre Partei, die dieselben Rechte besitzt, wie die revolutionären Parteien anderer Völker. E$ gibt einen ״Bund“, eine reinjüdische Partei wie es gibt rein polnische, littaulsclie usw. Das ganze jüdische Volk für das, was chic Partei tut, verantwortlich zu machen, ist also unmöglich. Baron Roop hat hier behaupt:*״ die Sclbstwchr wäre eine revolutionäre Partei: an dieser Selbstwehr nimmt das ganze Jüdische Volk teil — das ganze jüdische Volk besteht also aus Revolutionären. Vor Ihnen, m. H. stellt ein Mensch, der sich ablehnend zur Revolution verhält und der die ganze Zeit an der Sclbstwchr teilgcnominen hat. Ich konnte den Revolver nicht handhaben, aber die Not hat mich gezwungen, ihn zu ergreifen. Nach Kischinew "ar ein Zirkular von Plcliwe erschienen, in dem es hiess, die Juden dürften keine SelbstvcrtekliguiiKSvercine bilden, da die Regierung Mittel genug besitzt, sie zu schützen. Was für Ironie, was für ein böser Spott! Ich war damals Rabbiner in Qincr Stadt mit 50 000 jüdischen Seelen und \vc die Pogrome chronisch sind —- das ist J eka te r in ׳*sla w. Der Gouverneur, Graf Keller, hat mich zu sich, kommen lassen und las mir das Zirkular vor. Ich sagte .;hm darauf: ״Sollten die Räuber mein Haus, meine Frau oder mein Kind aiiriihrcn, so werden keine Zirkulare mich davon at!״alten, die zu schützen und schlimmstenfalls für mich eine Kugel durch den Kopf zu behalten, um mit ihnen zusammen zu sterben.“ Auf diese Weise entstanden die Selbstwchr-Vercine! Ich muss Ihnen sagen, dass wir selbst uns bemüht haben, ihnen keinen Parteicharakter zu geben. Wir wusste 1. dass dort, wo jüdische Revolutionäre sind, diese uns besser schützen können, aber wir fanden, das wäre unpassend. Alle Juden müssen auf der Strasse sein, wenn es gilt, sich im kritischen Moment zu verteidigen. M. H״ ich bin lungenkrank, und trotzdem iiabc ich Nächte lang in der Sclbstwchr auf Posten gestanden. Ist dem Herrn Roop ein solcher Zustand bekannt? Baron Roop sagt, wir alle haben die Pogrome erlebt. Ja, alle. Aber nicht alle im selben Masse. Ich konnte nicht ruhig einsclüafen, weil ich eine Tochter habe, und ich musste nicht nur für ihr Leben fürchten, sondern auch für ihre Ehre. Ist jemanden von Ihnen dn solches Gefühl be% kannt?• v . " Ich wollte niemanden töten, aber ich habe auf aüe Juden eingeredet, sic sollen an der Selbstwehr teilnehrnen, damit ein Häuflein Hutigans uns nicht abschlachten könnte. Und was war in Bialystok? Ist Ihnen denn das ganze uns vorgelegte Material nötig, um sicli zu überzeugen, dass der Pogrom vorbereitet war? Sie besitzen doch Logik genug, um zu begreifen, dass eine Stadt mit über 70 Prozent iü’discher Bevölkerung, und wo von den übrigen 30 Prozent nur eia ganz minimaler Teil an den Plünderungen te.Igen.mimen hat, tatsächlich nicht vernichtet werden kann, wenn nicht besonders günstige Umstände vorlicgen. Als wir die Nachrieht bekommen haben, ״das Militär ist in die Erfüllung seiner Pflichten eingetreten,״ fühlten wir alle den Schrecken der Lage. Wcnu die Soldaten in den Kasernen, die Polizei auf den Wachen gesessen hätte, wenn sie ihre ״Pflichten“ nicht erfüllten — wäre in Bialystok kein Mord geschehen. Das ist eben das schllmnite, dass das Militär bei uns ״schütz t“. Man sagt — Bialystok ist ein revolutionäres Nest. Baron Roop kennt sogar einen nicht zu ernsten, aber eigenartigen Witz von einer revolutionären Versammlung aui dem Friedhof. Da haben sie sich auf einem toten Ort versammelt und haben eine Resolution angenommen — es gäbe keinen lebendigen Gott. Und das Kosakentum und die Polizei wurden dadurch aufgebracht, und haben für diese Gottlosigkeit einen Pogrom angerichtet. Ich sage aber: es gibt absoh* keine logische Verbindung zwischen der Gottlosigkeit einer Gruppe von Juden und der Erregung der Polizei und des Militärs.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.