Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 4>2 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. n Krossere Bedeutung beizumessen, als gleichen Nachrichten, die aus 'vielen Städten cinzulaufcn pflegen. Die Lage ist darum als sehr ernst zu betrachten, da in Wilna ein Gcfangniswächtcr festgenommen wurde, welcher einen Provokationsschuss abgegeben hat und sofort schrie: ״Die Juden schiessen.“ Diese Tatsache und die fernere, dass Aufrufe zur Ausrottung der Juden in Wilna verbreitet werden, lässt schwerste Befürchtungen als gerechtfertigt erscheinen. Amerikas Sympathie Washington, 22. Juni. Senat und Haus passierte־, heute eine gemeinsame Resolution, in weicher der Kongress seine Sympathien fiir die Juden in Russland kundgibt. Scnatoi McLauri» von Mississippi legte dieselbe im Senat v«.1, und als sie ans Haus gelangte, beschloss das Komitee für aus• würtige Angelegenheiten d:e Annahme der Resolution sofort zu *empfehlen, und dem ward stattgegeben. Mine Dis! ussion fand nicht statt. Nur Repräsentant Goldfoglc von New- York gab seiner Sympathie in kurzen Worten Ausdruck und erhielt Erlaubnis, seine Bemerkungen im CONGRESSIONAL RECORL) weiter auszuiiihren. Die gemeinsame Resolution hatte folgenden Wortlaut: ״Dass das Volk der Vereinigten Staaten über die Bericht* von dem Massakre der Juden in Russland auf Grund ihrer Rasse und Religion entsetzt ist. und dass denjenigen, welche hierdurch in Leid gestürzt wurden, die herzliche Sympathie des Volkes dieses Landes ausgesprochen wird." Als die Einwanderungs-Bill vor das Haus gelangte, hat Repräsentant Goldfoglc ein Amendement vorgesJilagen, welches darauf abziclt, russischen Flüchtlingen, welche aus politischen oder religiösen Gründen Russland zu veranlassen gezwungen waren, das Asylrecht in den Vereinigten Staaten nicht zu verkümmern und dieselben von der Bestimmung, welche das Vorzeigen bestimmter Subsistenzmittel vorschreibt, ausztmchmeti. Herr Goldfoglc erklärt, dieses Amendement »ei fast identisch mit den entsprechenden vom englischen Parlament angenommenen Bestimmung. Der K°ngress solle angesichts der furchtbaren Lage, in welcher die Opfer der ruseischcn Judenverfolgung sich befänden, aus Humauitätsgründc! eine Ausnahme zu gunsten dieser Unglücklichen machen, d׳? aus ihrem Heimatiande zu fliehen gezwungen seien, um dem Tode oder grausamen Martern zu entgehen. ״Wenn England es für weise erachtete, diesen politischen und religiösen Flüchtlingen In dem ״Aliens Act“ Grossmut zu erweisen, so sollte Amerika dem Britischen Reiche nicht nachstehen.“ sagte er. Die Annähme eines solches Amendements würde nach Richter, Goldfoglc’s Ansicht eine zweifache Wirkung haben. Es würde darin ein praktischer Beweis der a :.ד e r i ־ ka 11 i schcn Sympathien für die russischen Juden liegen, und es würde dadurch denjenigen, die in Russland vom Pöbel ihrer Habe beraubt worden, die Möglich- Reit gegeben werden, sich eine 11 e u e H c i m a t z u sichern. Das Amendement wurde angenommen. Beschränkung der Einwanderung New-York, 29. Juni. Obgleich die B111 zur Be- Schränkung der E;i 11 wan dc ru 11 g für die gegenwörtige Kongress-Session schcinbai abgetan ist. hat diel neue ״Knownothing"-Strön1ung docli einige Massrcgel gezeitigt, die dem eingewanderten Element Grund zur Vcr- Stimmung geben. Bei den Herbstwahlen wird sich diese zuni Schaden für die Republikaner wohl zeigen. Da ist zunächst das neue Naturalisatao 11 sgesetz das gestern angenommen wurde und!voraussichtlich die Unter- Schrift des Präsidenten finden wird. Es enthält eine Bcstimmung, laut welcher niemand naturalisiert werden darf, der nicht die englische Sprache spricht. Dieser Paragraph wird Tausende mit Erfolg davon abhalten, sich im Naturalisations-Gericht zu melden. Der Mann, der — .wie fast jeder neue Einwanderer — täglich 9 bis 10 Stunden oder mehr schwer arbeiten muss, mag er im Laufe der fünf Jahre genug von der Landessprache erlernen, um sich überall durchzuhelfen, aber es Jst doch mehr ein Radebrechen als ein Spreche«. Dem Belieben des Naturalisations-Richters ist da ein Spielraum gelassen, ln der Praxis wird das Gesetz die Folge haben, dass viele Menschen, die, ausser einer guten Kenntnis des Englischen, alle sonstigen Qualifikationen für die Beteiligung an politischen Angelegenheiteu haben, von jedem Einfluss auf das öffentliche Leben ausgeschlossen werden. In der neucif Konsuiats-Bil'. die soeben angenommen wurde, findet sich auch eine Bcstimmung die entsprechend im deutschen Gesetz viel strenger und scharfer besteht: Es soll nämlich von jetztab niemand mehr als amerikanischer Konsul in das Land seine k Qeburt geschickt werden. Während der Rabbiner MargoIIes von dem Tempel Kehilath* Jeshuruu in New-York am 6. Juni die Schreckuj der Judenverfolgung fn.Bialystok vor einer Massenversammlung schilderte, die einen Protest gegen die Greuel in!Russland dokumentieren so;!te, schluchzten Frauen auf dem Balkon laut und eine Zcitlang vermochten die Worte des I^edners das Gejamtner der Menge nicht zu iibertöuou. Die Versammlung protestierte ausserdem gegen die Passicrung der Einwandcnmgs-Vorlage i 111 Kongress, durch welche den russischen Juden die Einwanderung u n m ö g l i c 11 gemacht werden soll. Die Szenen waren im höchsten M.assc ersehntterud. Ex-Supremc Court Richter William N. Cohen hielt eine längere Rede, in welcher er sagte: ״Wenn di* Vereinigten Staaten einen Bürger in diesem Massakre verloren hätten, so würde unsere Regierung noch nicht eine Stunde zaudern und energisch eingreiien. Aber die Situation ist anders. Wir sind nur anderthalb Millionen von den etlichen achtzig Millionen Bewohner» der Vereinigten Staaten, und wenn wir verlangen wurden, dass unser Land einen Krieg mit Russland anfinge, so würden alle anderen Millionen erklären: ״Dies ist ungerecht. Weshalb sollten wir uns einmischcn?” Die Vereinigten Staaten können sich nicht in die inneren Angclegcnliciteu Russlands mischen. Andere Nationen könnten fragen, weshalb verhindern die Vereinigten Staaten nicht die Lyncherei von Tausenden von Negern? Panik in New-York lin Ncw-Yorker Ghetto herrschte fabelhafte Aufregung infolge des Gerächtes, dass dort ein allgemeiner Pogrom nach russischem Muster bevorstelie. Einige Kinder der Volksschulen waren seitens städtischer Arzte Halsopcrationcn unterworien worden, um Wucherungen in den Nasenwurzeln zu ent• fernen. Daraus entstand das Gerede, alle Kinder sollten operiert werden .worauf tauscndveisc die Mütter den Schulen zustürmten, um ihre Lieblinge zu retten. Ein irländischer Gasarbeite!• bemerkte zynisch, allen jüdischen Kindern sollten die Hälse abgcsclmitten werden, worauf der Mob einen Lynch• versuch unternahm. Erst einem Massenaufgebot von I^olizei gelang cs mit grösster Mühe, die Ifrihe herzustellcn. Tausende durchzogen die Strassen und riefen, die Juden •:ollten sich gegen die Angriffe bewanncu. Die UTO in Amerika und England Der amerikanische Zweig der Jewish Territorial Orgauisation, der Erde April in New-York gegründet wurde, glaubt in diesem Lande ein weites Feld für seine Propaganda suchen zu sollen. Die wirkliche Meinung der amerikanischen Juden über diese Bewegung hisst sich bis jetzt noch nicht genau fcststelicn. Eine grosse Anzahl von Leuten, von welchen man bestimmt erwartete, dass sic sich dieser Bewegung anschliessen würden, wollen, wie wir hören, erst dann dieser Organisation beitreten, wenn sic den genauen Arbeitsplan in Händen haben. Der Wechsel in der Leitung dieser Bewegung kurz nach ihrem Bekanntwerden, Hesse doch sehr auf unsichere Elcmente scklicssen. Das hat natürlich in Amerika keinen gilnstigen Eindruck gemacht. Nach Ansicht des JEWISH EXPONENT stünde gleichwohl zu erwarten, dass Leute, die dem Zionismus gleichgiltig gcgeniiberstclicn oder ihn gar ablehnen, dieser Bewegung eben darum beitreten werden. Am 1. August soll nunmehr in London, wie MORN1NO POST von Mr. Zangwill erfährt, in London eine Versammlung über Ziele und Mittel beraten und beschlicssen, die die JTO in Aussicht nehmen soll. In England wird einstweilen noch der Kampf zwischen Zionismus und Tcrritoria'ismus fortgesetzt. Die Zionisten hoffen aber bald sich vor einer Situation zu sehen, wo sie sich nicht mehr nach dieser Front hin zu decken haben und ihre Kräfte wieder auf Ausbreitung und Vertiefung des politischen Zionismus ausschliesslich verwenden zu können. Panislamismus Die Gefahr einer panlslaiulsclieu Bewegung, die am meisten die englische Herrschaft in Ägypten bedroht \cranlasst die Engländer zu energischen Gegemnassregcln, Wie die Londoner DAILY MAIL aus Alexandria erführt, sind angesichts der Gefahr einer panislamischcn Bewegung Befehle nach Malta und Gibraltar ׳egebeu worden, Truppen bereit zu halten zu möglichst sofortiger Beförderung nach Agpyten. Eine fort- Währende Vermehrung der britischen Besatzung־ auf eine Stärke, die es mit jeder plötzlich ausbrechcuden Revolte aufm Innen könne, werde wahrscheinlich sobald als möglich stattfinden. Besondere Aufmerksamkeit solle auf die Artillerie des Okkupatümsiieeres verwendet werden. Hierzu wird aus Kairo der DEUISCHEN ORIENT-KORRESPONDENZ gemeldet, dass die Regicrungskrcisc in London sich irren oder die öffentliche Meinung in Europa absichtlich täuschen, wenn sie kchaupteil, dass die in Aegypten bestehende Garung gegen die