Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite 420 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28 Auf diese Weise sparte man Zeit und konnte die drei für den Pogrom bestimmten Tage nach bester Möglichkeit ausnutzen. . Nur in Ranz seltenen Fällen gestatteten die c h r 1 s t ־ liehen Mitbürger den Juden, sich bei ihnen zu retten. Christliche Rechtsanwälte warfen die bei ihnen zur Sprcchstunde anwesenden jüdischen Klienten zur Tür hinaus, aut der Strasse wurden sie beraubt und verprügelt, ein Schullehrer. der während des Pogroms seine Schülerinnen in ihre Wohnungen begleitete, weigerte sich, seinen jüdischen Zoglingen denselben Schutz augedeihen zu lassen: ״Mit Judenwe bern gehe ich nicht“ . . . . Wo man selbst in der ersten Aufregung jüdische Frauen und üreisc (niemals Männer) in christliche Wohnungen hineingelasscn hatte, wari man die ungebetenen üüste später wieder hinaus, mit der bezeichnenden Ausrede, dass das Militär alle jüdischen Häuser zerschiessen werde, und dass man sein Haus nicht auch in den falschen Verdacht bringen wollte, ein jüdisches zu sein. Und so sticss man die Wehrlosen in ihr sicheres Verderben. Die einzige Entschuldigung kann die sonderbare Betätigung christlicher Nächstenliebe in dem Verhalten der Polizei finden, welches dazu angetan war. den Leuten jedwede Neigung zur Barmherzigkeit auszutreiben. — Eine Christin telephonierte an die Polizei um Hilfe für zwei auf der Strasse liegende schwerverwundetc Juden. Man fragte sie: .Habt Ihr eine christliche oder eine jüdische Seele?“ ״Eine menschlich e.“ ״N u n. w enn eine mciisc 11• liehe, dann ist sie aber gänzlich v e r j:: d e t.“ — Schluss Der Direktor der Handelsschule telephonierte um polizeilichen Schutz für seine Schüler. Antwort: ״Für J u d e n s c 11 u I e n haben wir keine \V ä c 111 c r." Auf dem B a h n 11 0 i mordeten indes die vereinigten Chuligans. Polizisten. Dragoner und Kosaken nach Herzenlust die jüdischen Ankömmlinge. Die Soldaten erklärten, dass dieser Krieg viel lustiger sei als der mandschurische. Die Eiscnbahnbeaniten halfen tüchtig mit. Der Stationschef und anwesende Offiziere rührten keine Hand. Ja. als ein zufällig auf dem Bahnhof anwesender Gendarm aus einer fremden Stadt zwei Juden vom Tode erretten wollte, trat ein Polizei- Offizier auf ihn zu und verwies ihm barsdien Tones vom Bahnhöfe.-- Zwei ausschliesslich von Juden bewohnte Strassen wurden vollständig verschont: die Kupitscheskij und die Surasehe Strasse. In der erstem! verhinderte ein einziger Offizier zu Picrde die Mörder am Eindringen, wahrend sich am Eingänge der Suraschen Strasse die gesamte jüdische Selbst* wehr konzentriert hatte. Heldenhaft widerstanden hier unserer jungen Leute dem Ansturm der Soldaten. Polizisten und Vagabunden aller Art. Diese ausschliesslich von jüdischen Arbeitern bewohnte Gasse in Bialystok, zeigte, dass der Mut und das Ehrgefühl der Hasmonäer in unserer Jugend noch nicht erstorben sind. Dass natürlich die Selbstwelir gegen die Kosaken, welche mit ganzen Wagenladungen voll Munition die Stadt durchzogen, nicht aggressiv Vorgehen konnte, ist selbstverständlich. Aber der hier geleistete Widerstand rettete vielleicht Tausende vom Verderben. Nachdem das Militär sich etwas verzogen hatte, •ging die Selbstwelir unter Lebensgefahr sofort daran, die Verwundeten aufzmicljmen und in Sicherheit zu bringen, sowie auch den Hqligans einen Teil des Rauhes wieder abzujagen. Sie taten dies tatsächlich unter schwerer Lebensgefahr: denn auch'noch nach dem ersten Teile des Pogroms wurde von der Polizei auf jeden bewaffneten Juden, auch wenn er einem Verwundeten Samariterdienste leistete, geschossen, eine noch von dem mandschurischen Kriege her beliebte Kampfeswelse. Aber weder dies noch die nach •icm Pogrom vicliach erfolgenden Verhaftungen konnten unsere jüdische Jugend abhaltcn. mit äusserster Hingebung ihre Pflicht gegen ihr Volk zu erfüllen.- Die am Freitag nach dem Wegfahrcn des (ehemaligen) Gouverneurs Küster vom Militär ausgeführte systematische Besehiessung der Stadt soll angeblich durch jüdische Schüsse, besonders auf das Polizeigebäude, provoziert worden sein. Der Brictschreiber begab sich mit zwei Kollegen sofort zu dem fraglichen Gebäude, dessen Äusseres er auf das sorgfältigste untersuchte, ohne aber in Wänden oder Festem auch nur die Sour einer Beschädigung durch Kugeln feststellen zu können. Jüdische Häu.!er dagegen waren oft zehnfach durchlöchert. al. Christenpflicht an russische Juden Der Essegger Theaterdirektor Edmund Snilier, welcher ge genwürtig mit einem Ensemble das bekannte Drama ,.Die Juden“ von Eugen Tschirikow in verschiedenen Städten Oesterreichs zur Aufführung bringt, kündigte für den 3. d. M. eine solche Vorstellung auch in Leltmerltz a. E. an Dies war schon genügend Grund, uni die Schriuleitunß des dortigen christlichkonfessionellen DAS VOLK zur Herausgabe folgenden Flugblattes zu bewegen: Christen von Leit 111er itz! Die russischen Juden will man Fuch im hiesigen Stauttheater voriührcu. Christen von Lcitmcrit:׳.! Ls soll^ dies e i ti Appell an E u e r e T a s e I! c n f ü r jüdische Zwecke s e i n. Ihr seid j*uch doch Euerer Pflicht, die Ihr den russisehen Juden gegenüber zu üben habet, bewusst! Die Schriftleituiig des VOLK. Es wäre interessant, wenn man fcststellen könnte, wieviele GesTmunesgcnosscn des Lcit'ucritzcr VOLK diese Auffassung von der Christenpflicht au Juden teilen. Chuliganenwelsheit Die RJETSCH, das Hauptnrgan der konstitutionellen Demokraten. erzählt aus der grossen Judenstadt Minsk: In Minsk herrscht Pogromoanik. Die Juddti gehen zum stcllvertretenden Gouverneur Kurlow, (dem Schützling Durnowos. dessen Gewissen durch die vielen Menschen, die er beim bekannten ״Minsker Blutbad" hat morden lassen, sich gewiss nicht bc• lastet fühlt, und bitten ihn um Schutzmassrcgcln. Er antwortet: ..Drei Dinge hasse ich: Revolutionäre. Chuliga! s und Pogrome“ — und die Deputation geht beruhigt nach Hause. Gleichzeitig aber erlässt er nachstehendes geheimes Zirkular an die Beamten seines Gouvernements, in dessen Besitz der RJ ETSCH gelangt ist: . ״No. 3819 ״An alle unsere Polizeikommissürc, Laudgemcinden. Stadtgemeinden und Stadtverwaltungen. Betreffend die Meldung der Pinskcr Abteilung des ״Ver» eines des Russischen Volkes" (das sind die Chuligans) vom 8. Juni 1906 Nr. 176 schreibe ich vor den Provinzkommissärcfi. PoÜzcikommissären. den Landgemeinden, Stadtgcmeinden und -Verwaltungen, sie sollen die Mitglieder und Vorsitzenden der Bezirks- und örtlichen Abteilungen des Voreins in ihrer Arbeit, unter der Bevölkerung dit Ideen des Vereines zu verbreiten, nicht stören, da sein festes Prinzip ist, durch gesetzliche Mittel dem orthoJoxcn Glauben. dem russischen Kaiser und dem Vatcrlandc zu dienen, was zum Ausdruck kommt durch die Broschüren und Flughlätter. die das Zentralkomitee hcrausgibt und durch die Auszüge aus patriotischen Zeitungen, die die örtlichen Abteilungen alldrucken. Der stclLertretendc Gouverneur F. Kurlow; statt des Vize-Gouverneurs der ältcsjc Rat: Jusefowitsch." Geht nun die Saat der ״Patrioten“ (d. h. der Chuligans) nuf und wenden sich die Juden an den Minister, so ist er ungehalten über ihre . Nervosität* und erklärt, soeben vom Gouverneur die beruhigendsten Nachrichten erhalten zu haben. Herr Kurlow ist um kein Haar weniger ..patriotisch“ als sein deutsch gewesener und Russe gewordener Kumpan General von Bader. Eine fromme Tagung der Chuligans Die russische Zeitung NASCHA SHISN schildert eine Vcr- Sammlung, die die Abteilung des ״Vereins der echt russschen Leute“ (lies: Schwarze Rottel in Petersburg nach dem Biaivstoker Pogrom abgehalten hat. Die Mitglieder des Vereins wurden durch besondere Anzeigen, worin cs hiess ״man wird sich wegen des Biaivstoker Pogroms zu einer Tasse Tee zusammenfinden.“ cineeladen. Der Vorsitzende der Versammlung, die sehr zahlreich besucht war. erklärte in seiner Rede, dass das russische Volk, Gott sei Dank, zum wollen Bewusstsein erwacht sei und verstanden habe, dass es nur. nachdem alle Juden und alle Umstürzler vernichtet sein würden, die Selbstherrschaft seines Zaren wiedcrlicrstcllen könne. Eine besonders charakteristische Rede hielt ein gewisser Maikin. Er als Mitglied des Zentralkomitees brachte eine Resolution ein. man solle der Biaivstoker Abteilung de ״Vereins der russische״ Leute“ eine Rüge erteilen, weil sie nicht genügend die Gelegenheit, die sich beim Biaivstoker Pogrom dargeboten habe, ausgeniitzt hätte, die nämlich, alle Juden zu z w i n g c n. nach Palästina zu gehen. Dieser Vorschlag hat zwar Zustimmung geiunden. wurde jedoch vom Vorsitzenden zuriiekgewiesen mit der Erklärung, er sei zwar mit dem Inhalt vollständig einverstanden, sei aber dagegen, weil ״Gott mit denen sei. die mit Wenigem zufrieden sind." l)cr Sitzung wurde ein Bericht über die Tätigkeit der ״Reisenden“ des Vereins erstattet, d. h. derjenigen Mitglieder, die als Propagandisten herumreisen. Danach wurden mi ״letzten Monat über zwei Millionen Broschüren und ebenso! 1eic Flugblätter verteilt und viele neue Mitglieder Ä