Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wahlkreis ohnehin aller Voraussicht nach den Juden zufallen dürfte. Um aber Jeden Zweifel darüber 2a beseitigen, beantrage er. den Vorort Sadagora diesem Wahlkreise zuzuschlagen, wodurch die jüdische Wählerschaft׳ des Bezirks gestärkt würde.‘’ Russische Juden und jüdische Russen In dem Entwurf ״Uebcr die Gewissensfreiheit“, den die russische Regierung als Vorlage für die Dumaberatungen bestimmt hat heilst es: ״Man muss unterscheiden zwischen ״Jcwrei“ (Juden) und Personen ״judejskawo wjeroispowedania" (jüdischen Bekenntnisscs). Erstercs bedeutet die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation, letzteres die Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession.“ Wenn ein Christ sich zum Judentum bekennen wird, wird er dadurch nicht Jude. d. h. Mitglied der jüdischen Nation son• dern er gehört in die Kategorie der ״Russkle ludej'skawo wjeroispowcdatiia“. der ״Russen jüdischen Bekenntnisses“. Hier wird zum ersten Male von Staatswegen zwischen jüdischer Nation und jüdischem Glauben korrekt geschieden, freilieh gibt es in Russland Tausende von nationalen Angehörigen der jüdischen Nation, die man zum Bekenntnis des Christentums gezwungen hat. aber auch viele Millionen von Gerim. das heisst Vollblutrussen. die um des von ihnen angenommenen Bekenntnisses willen täglich erfahren müssen, dass Russlaiul ein christlicher Staat ist. Gemordete Königsberg. Mehrere Opfer der Judenmetzeleien in Bialystok, die bei dem Pogrom schwer verwundet wurden, sind wegen Herstellung Ihrer Gesundheit nach Königsberg in Kliniken gebracht worden. Drei von den hierhergekommeiicn, zwei Frauen und ein Mann, sind an den Folgen der erlittenen Verletzungen inzwischen verstorben und auf dem hiesigen jüdischen Friedhöfe zur letzten Ruhe bestattet worden. Am Dienstag Nachmittag wurde ein neues Opfer auf demselben Friedhöfe der Erde fibergeben. Es war die in der» dreissiger Jahren stehende Frau eines Kaufmannes Atlas aus Bialystok. Am Sonnabend nach dem Fronleichnamsfest drangen, wie berichtet wird mordende Soldaten auch in das Haus des bei der Familie weilenden Kaufmannes ein und verletzten Frau Atlas durcli einen Revolverschuss schwer am Kopfe. Selbst das dreh* ä h r i g c Kind wurde von ihnen misshandelt, und nur durch eine grössere Geldsumme Hessen sich die Soldaten bewegen, die übrigen Familienmitglieder zu schonen. Infolge der Schwierigkeiten, die sich bei Erlangung eines Passes herausstelltcn. konnte die Verletzte erst einige Tage später nach Königsberg in eine Klinik gebracht werden, leider zu spät, denn am Montag Mittag verstarb sie an den Folgen der erlittenen Schussvciletzung. Die Trauerrede bei der Bestattung der Leiche hielt Rabbiner Dr. Vogelstein. Russisches Parlament Im Verlaufe der Sitzung vom 9. Juli wurde wieder über die Baalvstoker Ereignisse verhandelt. Der Deputiertc für Wilna, der katholische Bischof Baron Ropp, führt aus. ein General habe ihm gesagt, die Soldaten würden niemals auf Christen schiessen, sondern nur auf “Jude n. Redncr sei überzeugt, dass cs in der Hand der VcrwaUungschcfs liege, Pogrome zu verhüten, wenn sic wollten. Der Generalgouverueur von Wilna habe einmal die antisemitischen Agitatoren zu sich berufen und sic ersucht, keine Pogrome zu veranstalten. Darauf wurde ihm von den Agitatoren erwidert: ״Wenn Sic es nicht wünschen, werden wir nichts untcpielimen.“ Redner erklärt, cs bestehe eine gewisse Miss- Stimmung gegen die Juden unter den Soldaten und der Polizei. die ihren Grund in der Organisation der Juden habe, die den Neid der Christen errege. Redner schlichst mit der Aufforderung, für! die) westlichen Provinzen die Selbstregierung cmzufiilircn. da anderenfalls die Gefahr der Pogrome fortbestehen werde. Die Zentralrcgicrung sei schuldig, und verbiete sogar die Bildung einer gemässigte 1 überaten Partei fit Wilna unter dem Vorsitz des dortigen Blschofs. W i!1 a w c r weist in einer langen, vom Bcifa'. des Zentrums utid der Linken aufgenommenen Rede die Teilnähme der Zentralrcgicrung an dem unter den־ Juden angerichteten Blut ha de nach. Darauf bespricht Roditschew in scharfer Rede die Politik der Regierung und erklärt, diese sei voll von Lügengeweben und bringe das Land in grosse Gefahr. Redner schliesst: ״Wir haben uns an die Minister gewandt und sie gebeten, zurückzutreten. aber sie sind taub und wollen die Stimme der Nation nicht hören, das Gewitter nicht, das naht. Wenn die Regierurig sich aus Furcht vor ejner Explosion zum Rü’cktritt entschlossen wird, wird cs zu spät sein. Roditschew. der sehr erregt gesprochen hat verlässt die Tribüne unter den Beifallsrufen des ganzen Hauses. Nach einer Rede des Deputierten Dr. Schertiarja L e w i 11 wird die Wcitervtrhandlung über die Bialystokcr Ereignisse auf morgen vertagt• Nachdem das Haus dann noch über Interpellationen beraten hatte, wurde die Sitzung geschlossen. England und Russland London. Das politische Komitee des Neuen Reform- Klubs fasste eine Resolution, in der die russischen Metzeleien verurteilt werden und die englische Regic'ung auigeforllert wird, das Programm ihrer flbttenmanövcr so zu ändern, dass ein Besuch englischer Kriegsschiffe i n russischen Häfen nicht stattilnden kann, um ein weiteres Missverstehen eines solchen Aktes blosser Höflichkeit zu vermeiden. Diese Resolution erregt darum Aufsehen, weil Vorsitzender des politischen Komitees des Neuen Reform-Klubs Edmund Robertson Sekretär der Admiralität ist. der als Mitglied der Regierung erster Vertreter der Admiralität im Unterhaus ist. Nicht aus Heidenlanden Ein Augenzeuge schildert in der FRANKFURTER ZEI- TUNG einzelne Vorgänge, die sich einen Tag nach den Judeo• metzeteien auf dem Bialystokcr Bahnhof ereignet l:abcn. in folgender Weise: Der Warschauer Schnellzug wird angemeidet. Das Bahnliofsgebaude und der Bahnsteig sind vom Militär Jresclzt. Der geräumige Wartesaa! zweiter Klasse ist mit Offizieren angefüllt. Auf dem Platz vor denn Bahnhofsgebäude Stehen Soldatenposten. berittene Kosaken galoppieren vorbei. Weiter auf dem Wege nach der Stadt ein Haufen lauernder Mitglieder der ״schwarzen Rotte“ in Eisenbalmcrmützcn. Der Zug läuft ein. Drei jüdische Reisende werden von den Wacht- Posten durchgelassen. kaum haben sic einige Schritte getan, als die falschen Eisenbahner sich auf sie stürzen, sie mit Lassos einfangen und zu Boden zerren. Auf die hilflos Daliegenden regnet e<; Steine. Knüppel. Eisenstangen, bis sie sich in blutige Breimassen, die in ihrem Blut schwimmen, verwandelt haben. Zwei sind lautlos unter den Schlägen zusammengebroclieii. der dritte, der etwas stärker zu sein scheint, ist noch nicht tot und wälzt sich in einer Blutlache. Plötzlieh weichen die Mörder zurück: ein Wachtposten nähert sich dem Tatort. Der Soldat bleibt eine Weile »Iber dem noch zuckenden Onfer der entmenschten Meuchelmörder stehen, schüttelt schliesslich der« Kopf und geht ohne ein Wort zu sagen, auf seinen Posten zurück. Der Verwundete versucht mit der letzten Anstrengung seinen Kopf zu heben. Da tritt aus der zu ruckgewichenen Mörderbandc ein zerlumpter grosser Kerl hervor. Er schwingt einen gewaltigen Pflasterstein in seiner blutigen Faust. Der Stein saust auf den Schädel des Unglückseligen, dass blutiges Gehirn aufspritzt. Dieses geschieht vor den Augen der im Wartesaal zweiter Klasse versammelten Offiziere, eines Priesters und noch einiger Reiscndeu (Christen). Nach einiger Zeft kommt ein Einspänner über die Strasse gefahren. Die drei Leichen, die von den Mördern nochmals genau untersucht und betastet wurden. Hielt der Kutscher auf. Die drei Blutlachen auf dem Bahnlmfsplatz werden mit gelbem Sand zugeschfmet. Unter den falschen Eisenbahnern entsteht ein lebhafter Wortwechsel. Die den Toten bei der letzten Revision geraubten Taschenuhren und Portemonnaies gelangen zur Verteilung. — Und wieder dasselbe Bild: Wachtposten, yoriiberreiteude Kosaken und im Hintergrund lauernde Mörder in Eisenbahncrniüfzen, bis der nächste Zug angemeidet wird und wieder zwei jüdische Reisende, die von den wachtliabcnden Soldaten auf den Balmliofsplatz durchgelassen werden, wo sie dasselbe Los erwartet wie die drei vorherigen. Russland ist der christliche Staat, auf dessen Initiative man ehrlstlieheuropäische Kultur nach China brachte. Der Pogrom In Kenntnis der vorzüglichen Organisation des hlalvstoker iiidisehen Selbst-Schutzes Hessen sich die feigen PI ü 11 ־ derer in den ausschliesslich von Juden bewohnten Gassen nicht blicken. Die Greuel wurden fast ausnahmslos in den Strassen mit aus Juden und Christen gemischter Bevötherimg yyrübt,. da man dort keinen geschlossenen Widerstand der jüdischen Massen befürchtete. Auch wurde ganz Programmimissig gegen cinzelstehende Häuser jüdischer Honoratioren vorgegangen. Das Haus unseres Gesinnungsgenossen Dr. C 11 asanowitsc h wurde־ vollständig ausgepliiudert 1md wie ein Sich durchschossen. Im Hause des Rabbiner* Dr. Mobile \v e r wurden sogar nach der Ph'inderun ד noch Türen und Fenster ausgehoben. Man ״arbeitete“ ganz offenbar nach einem Zettel, der, von ortskundigen Leuten aijfgestcllt, genau die Orte angab, wo lohnende .Arbeit“ zu machen war.