Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28. tit'r Minicf^r dr»s Innern. Df. Freiherr V. BIC- Seite 418 Vom Krakauer Ziomsteniag Krakau. 3. Juli. Die auf Einladung des Kalizischen Distriktskomitecs Samstag, den 30. Juni hier abgchaUcnc Kalizische Landeskonferenz, an welcher ausschliesslich Dclcgierte aus Galizien teiinahmen. beschloss die Gründung eine* zionistischen Tageblattes in polnischer Sprache. Galizische Kommissfon Am Sonnabend, dein 16. Juni fand in den Räumen des liilfsvereins der deutschen Juden eine Sitzung der gaiizischcn Kommission unter Zuziehung einer Anzahl kompetenter Persöniiehkeiten statt. Von dem Hilfsverein für die notleidende indische Bevölkerung in Galizien Wien waren die Herren Dr. Pappenheim und Dr. Lederer nach Berlin deputiert worden. Als Vertreter der Jcwi$11 Colonisation Association war Herr Justizrat Dr. Edmund Lach mann erschienen. Aus Hamburg wohnte der Sitzung der Vorsitzende des Jüd!- sehen Zweigkomitccs des deutschen Nationalkomitees zur Bckümpfimg des Mädchenhandels. Herr Gustav Tuch, bei. Die Grösstogc für Deutschland war vertreten durch Herrn Justizrat Timcndorfpf und Siegmund Bcrtfcl. dev Hilfsverein der deutschen Juden durch Herrn James Simon und Dr. Paul Nathan. Auf spezielle Einladung wohnte der Sitzung ferner Herr Bankier Emst Caro, Berlin, bei. Ihre Abwesenheit entschuldigt hatten die Herren Dr. Hildesheimer und J. V/isloch. Frankfurt a. M. Die Wiener Herren waren in der Lage, neue Projekte vorzulcgen, um den Juden in Galizien Arbcitsmöglichkcitcn zir schaffen. Einen besonders erfreulichen Aufschwung hat die Spitzcnhäkefei genommen. Aus den Berichten, die die Wiener Herren die Güte hatten, zur Verfügung zu stellen, teilen wir die folgenden Tatsachen mit: Ncusandez. In der Sitzung der Ortsgruppe wurde hervorgehoben, wie sehr dieser Erwerb den verschämten Armen dieser Stadt zugute komme. Sambor. Die Spitzenhäkelei bewährt sich ausgezeichnet und entwickelt sich von Tag zu Tag: cs sind 52 Arbeiterinnen durchwegs arme Mädchen und Frauen, beschäftigt, für welche dieser Verdienst eine wahre Wohltat ist. Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir noch höhere Summen an Verdienst erzielen werden. Tlumacz. Alle klammern sich an die Spitzenhäkelei und cs sind schon beinahe 50 Mädchen. Wygoda. Ich habe über 50 Schülerinnen, wenn ich abends spazieren gehe, vor allen Häusern sitzen die Mädchen und häkeln. Die Industrie ist wirklich ein Segen für alle. Von Bolcchow höre ich. dass die Mädchen bis zu 5 Mk. wöchcntlieh verdienen. Plstyn bittet um Einführung der Häkclindustric. Nadwoma. Die Sache macht grossartige Fortschritte. Etwa 100 Frauen und Mädchen arbeiten und verdienen 5•—10 Kronen wöchentlich. Günlans־. Es verdienen solche Mädchen 6. 7 und.8 Kronen wöchentlich, die noch nie wussten, was Arbeit und Verdienen ist lind sind sehr glücklich. Unter diesen Umständen wird alles Notwendige geschehen, um die Weiterverbreitung der Soitzcnhäkclei zu fördern. Der Wiener Hilfsverein übernimmt diese Aufgabe. Allseitig«: Zustimmung fand der Plan. Analphabetenschulen in Galizien zu errichten. Der Wiener Hilfsverein ist mit den Vorarbeiten betraut worden, die notwendig sind, um derartige Schulen Ins Leben zu rufen. Durch die Tätigkeit des Herrn Tuch in Hamburg besteht bereits eine solche, ln Lemberg. Andere Proicktc. die vorgclcgt worden sind, wurden bis auf die Einzelheiten durchgcsnrochcn. Es musste aber allseitig konstatiert werden, dass noch eingehende Untersuchungen angestellt werden müssen, heyor an die Verwirklichung der Pläne heranectretcn werden kann. Da cs ausserordentlich schwierig ist auch von Wien aus die geeigneten Informationen und die notigen Details Über die Verhältnisse in Galizien zu erhalten, so bewilligte der Hilfsverein der deutschen Juden in Ucbcrcinstimmung mit der Grossloge für Deutschland *1000 Kronen ausschlicslich zu dem Zwecke, damit eine geeignete Persönlichkeit angestellt wird, die Oalizicn bereist und die einschlägigen Verhältnisse studiert, sodass auf Grund der so gesammelten Materialien zweckmassige Vorschläge für die Weiterführung des cabzischcn Hilfswerks gemacht werden können. Anerkennung der jüdischen Nationalität fn der Sitzung des österreichischen parlamentarischen \% ahlrcforinausschiisscs vom 27. Juni machten die Deutschen ihre Ansprüche auf ein galizischcs Mandat geltend. Darauf nertli u. a.: ״Es wurde darauf hingewiesen, dass der aus diesem Kreise gewählte Abgeordnete — wobei als sclostvcrstanalieh vorausgesetzt wurde, dass dieser der deutschen Nationalität angehören würde — gewissermassen auch das Mandat erhalten würde, die übrigen in Galizien lebenden Deutschen mitzuvertreten. Aber auch diese Anschauung scheint mir in den Verhältnissen nicht näher begründet zu sein. Nach der letzten amtlichen Statistik befinden sich in Galizien allerdings Im ganzen rund 212 000 Deutsche• unter diesen sind aber zirka 140 000 bis 150 000 Juden, die der deutschen Nationalität wohl nicht 1111־ bedingt zugcrcchuct werden d fi r f c 11. Es bcfinden sich in Galizien im ganzen 82 Gemeinden, in denen man von einer Majorität der ansässigen deutschen Bcvölkerung sprechen kann: es sind dies im grossen und ganzen durchweg Orte, in denen sich seinerzeit schwäbische Kolonisten ansiedelten, die ihre Eigenart noch bis heute bcwahrt haben. Die Bevölkerungsziffer dieser Oitc beträgt jedoch nur rund S20OO. u!!tor denen wieder nur 56000 Deutsche sind. Und wenn man jene Gemeinden abrechnet, in denen die Bevölkerung eine vorwi ,gend jüdische ist. dann erhält man fiir das ganze Kronland — und da sind die in dem Antrag Kaiser und Demel aufgczählten Gemeinden bereits mit inbegriffen -- doch immer mir eine Ziffer von rund 45000 Deutschen. Ans diesen sachlichen Gründen erscheint der Antrag der Abg. Kaiser und Dr, Demel wohl nicht begründet.“ Es war dies das erste Mal. dass vom Regicrungstischc aus die Juden als ein von den andern Nationen untcrscliicdener Faktor bezeichnet w urden. Sofort erhol) sich auch der deutsche Abgeordnete Ritter v. Demel und erklärte: ״Er müsse mit Verwunderung konstatieren, dass in der Rede des Ministers des Innern zum erstenmal von der Regicrung die Juden als eine separate Nationalität in Oesterreich behandelt werden. Dies müsse eine gewisse Ucbcrraschting hervorrufen, um so mehr, da doch diese Anschauung bei den Herren in Galizien (den Polen) nicht vorhanden ist.“ Und nach ihn! gab der dcutschvolklichc Abgeordnete Kaiser seinem Erstaunen Ausdruck, ״dass die Regierungen früher niemals den Statidmmkt eingenommen hätten, die Juden von den Deutschen ahzurcchncn. — obwohl er persönlich gegen diesen Standpunkt nichts einzuwenden habe.“ Es war bisher so bequem für die Deutschliberalen, sich von den Juden wählen zu lassen, für die antisemitischen Deutschen, die Juden als Frcnidnationalc zu erklären, sich ihrer aber doch als ״Deutsche Wähler" gegen die Slawen zu bedienen. -* als das natioiialjüdische Problem abermals im Wahireforinaiisscliusse auftauchte. Man behandelte die Frage der gaiizischcn Mandate. Und da verzeichnet das Sitzungsprotokoll folgende Ausführungen des Abgeordneten Dr. Bobrzynski: ..Redner weist auf die zionistische Bewegung in Galizien hin und meint, dass der Prozess der Assimlation der Juden mit den Polen noch nicht so weit gediehen sei. dass man für alle Zeiten auf die polnische Gesinnung der Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung rechnen könnte. Es sei daher nicht ausgeschlossen, dass Abgeordnete gewählt werden, die gar nicht als nationale Polen anftietcn.“ In der weiteren Debatte, die sich auf die Mandate der Bukowina bezog, sprach der rumänische Abgeordnete Dr. Ritter v. Oncitil und betonte. ״dass in der Bukowina der Prozess der reinlichen Scheidung der Juden von den Deutschen beginne, indem sieh die dortige Judenschaft als eigene Nationalität zu fühlen anfaiigc. Die Juden w'ollcn deshalb, dass ihnen zwei Wahl- ‘kreise gcsichcrt werden. Das sei Jedoch mit Rücksicht auf die geographische Schichtung unmöglich: wohl aber wäre cs möglich, den Wünschen der Juden im dritten Wahlkreise cntgcgciizukommcn. weshalb er den Antrag stelle, die Stadt Radautz aus dem Wahlkreise 3 auszuscbeidcii und dem Wahlkreise 4 znzuweisen, wogegen die Gemeinden WizniV/. und Sadagora ans den Wahlkreisen 0 l^ezielmugswcisc 5 auszuscheiden und dem Wahlkreise 3 zuzuweisen wären. Er überlasse cs der Billigkeit der Ausschussmitglieder, ob sic den Juden in der Bukowina ein Mandat ־/iigcstehen wollen oder nicht.“ Nach ihm erklärte der dciitschfortschrlttliclie Abgeordnetc Dr. Gross: ״Da die Juden eme entsprechende Berücksichtigung bei der Aufteilung der Mandate beanspruchen, so sei diesem Wunsehe bereits durch die gegenwärtige Wahlkrciseinteilung insofern Rechnung getragen, als dcP erste Czcrnowitzer