Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 417 Russische Juden In Bingerbrück Frankfurt a. M. Vor einigen Tagen kamen wieder « e c h s russische Auswanderer hierher zurück, wc'׳ die Kcjntrollstation Bingerbrück sie nicht passieren liess. trotzdem die Leute 150t) Mark in barem Oelde bei sich tmttcr. Allerdings verfügten sic nicht über Schiffskartcn Alle sechs kamen vorläufig Ins hiesige Pollzelgelängnls (!). Der israelitische Hilfsvercin wird sich der Ärmsten annehmtn und dafür sorgen, dass sie nicht wieder nach dem ״heiligen Russ• land" zurückkehren müssen, sondern auf einem deutschen Dampfer einer hoffentlich besseren Zukunft entgegengeführt werden. Warum aber, fragen wir wiederholt, werden russisehe Auswanderer über die preussischc Grenze gelassen, wenn nicht alle Papiere und Ausweise in Ordnung sind? Weshalb befördert man die Leute für ihr gutes Geld 1000 Kilometer weit, um sie plötzlich anzuhaltcu und daun zurückzuschicken? Warum tun ferner die jüdischen Zeitungen in Russland nicht ihre Pflicht, vor der Fahrt in solcher Art, dringend zu warnen, wo man die auswandernden russischen Juden bgr handelt, als ob sie Zuchthäusler wären. Wenn die russischen Juden vor der Abreise wüssten, wie sehr ärztliche Untersuchung bisweilen das weibliche Schamgefühl zu verletzen geeignet Ist. so würden sic unter keinen Bedingungen Wege einschlagen, auf denen ihre Frauen und Töchter* derartig untersucht werden, dass sic in ihrem ganzen Leben nicht vergessen werden dass sie in einem ascmitischcn Lande Durchreisende waren. Frankfurt. 9. Juli. Die erwähnten sechs russischen Auswanderer sind Montag, durch Vermittlung des israelitischen Hilfskomitees rach Rotterdam abgereist, um sich von dor.t nach Amerika einzusebifien. Protestversammlung in Prag Prag, 8. Juli. Heute, fand um 11 Uhr vormittags im grossen Saale des Hotels Central eine von allen zionistischen Vereinen Prags einberufene Protcstversammlung gegen die Bialystokcr Greuel statt. Der Saal war überfüllt. Die Späterkommenden konnten keinen Einlass mehr finden. Es waren nicht nur Zionisten, sondern auch Juden sämtlicher Partcischattierungen. sowie Vertreter der Kultusgemcindeti und .verschiedener Vereine, endlich auch Deutsche und Tschechen erschienen. Nach kurzer Begrüssung durch den Obmann des Jüdischen Volksvereins Dr. M. Kolm erteilte derselbe dem Referenten Dr. Melsel aus Wien, der an Stelle des Herrn Abg. S t r a u c 21 c r gekommen war. das Wort. Derselbe legte in längerer, von vielfachem Beifall oft unterbr/ichener Rede die gegenwärtige Situation dar. Er zeigte, dass trotz der Konstitution die Lage der Juden in Russland auf die Dauer keinerlei Sicherheit verbürge, dass die Juden in Russland dies selbst fühlen, und in unutitcrbrehenem Auswandererstrom das Land verlassen. Er zeigte weiter, dass diese Auswanderer bei dein gegenwärtigen Stande, wo sie überall als unwillkommene Gäste angesehen werden, auch anderwärts sozial nicht gesunden, und daher auch nirgends eine wahre Heimat finden können. Es bleibe daher nichts anderes übrig, als ,eine internationale Regelung der Judenfrage, welche auch im Interesse aller Kultur- Staaten gelegen sei. Der Reicrcnt unterlässt auch nicht, auf das schmähliche Verhalten der europäischen christlichen, als auch jüdischen Finanz sowie, auf die. jedem menschlichen und Freiheitsgcfühl Hohn sprechenden Inschutznahme der russischen Regierung durch Dr. K r a in ä r z in flammender, oft durch tosendem Beifall unterbrochener Rede hinzuweisen. (Rufe: Hiinha Kramärz. Pfui Taussig.) Er schloss seine begeisterte Rede mit einem Appell, mitzuwirken an der Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Hierauf wurde vom Herrn Direktor Wertheimer folgende Resolution beantragt und einstimmig angenommen: ״I. Die jüdische Bevölkerung Prags gibt ihrem tiefsten Abscheu Ausdruck über die Verbrechen, die an den jüdischen Brüdern in Bialvstok begangen wurden. Sic vc,urteilt aber auch jene, welche ein derartiges Rcgicrungssysteni finanziell unterstützt haben. 2. Sie gibt ihrer Bewunderung Ausdruck über den Heldenmut der. jüdischen (Bevölkerung) Selbst wehr, auf deren Heldenmut ui'!*Todesverachtung alle Juden stolz u sein das Recht haben. 3. Sic verhehlt sich aber nicht, dass durch Sympathien allein, die bei allen Kulturvölkern so reichlich an den Tag getreten sind, keine wirklich Hilfe geschaffen werden kann. Sic gibt ihrer Überzeugung Ausdruck, dass nur die Schaffung einer gesicherten Heimstätte Rettung für die Verfolgten darstellt." (Anhaltender Beifall.) Es sprachen noch Herr Techn. Hirsch und Jurist Gach. beide tschechisch. Erstcrcr wendet sich hauptsächlich gegen das Verhalten des Dr.Kramärz und letzterer erklärte, als Vcrtretcr der Poale-Zion. die Solidarität der jüdischen Arbeiter- Schaft mit dem ,gesamtjiidischen Interessen. Beide Ausführungen gipfelten in der Erklärung ,dass den Juden nur durch eigene Kraft geholfen werden könne und dass das Endziel bleiben müsse: Ein freies Volk, auf freiem Boden. Die am Schlüsse cineclcitejte Sammlung ergab eine namhafte Summe für die Hinterbliebenen acr Opfer von Bialvstok. Reichsparteiiag der österreichischen Zionisten Am I. Juni fand in Krakau der Reichsparteitag der österrciehischcn Zionisten statt. Die Tagung stellte die grösste Parteikonferenz dar. die bisher von den Zionisten Oesterreichs veranstaltet wurde. 159 Delegierte waren anwesend. Der Präsident de• österreichischen Landsmannschaft. Dr. Isidor Schalit. eröffnete die Tagung mit einer tiefempfundenen Ansprache, in der er darlegte, dass die jüngsten Judcumdssakers in Russland die Judenfrage zu einer Frage Europas gestempelt hätten. Die Frage müsse daher aut die Tagesordnung der Haager Konferenz gesetzt werden. Vor gerade 2 Jahren hätten die ersten Judenmassakers in Russland stattgefunden und damals sU auch der erste Zionsverein entstanden. Durch das unvergängliche Verdienst Hcrzls zählten w'r heute mehr als tausend zionistische Vereine. Die beste Ehrung Herzls sei die Unterstützung der gegenwärtigen Leitung, deren Zusammensetzung die Kontinuität der politischen Arbeit garantiere. Als erster Referent bespricht hierauf Dr. Schalit die Judenpolitik, die seit vierzig Jahren eine unglückliche gcwesen sei. dadurch dass sic Anteil an frcmdnationalen Kämpfen genommen habe. Die .einzig richtige Politik für die Juden Österreichs sei eine versöhn liehnat:onalc auf demokratisch-autonomer Grundlage. Pflicht der Zionisten sei cs. eine solche Politik zu unterstützen und zu diesem Zwecke eine von der Kongressorganisation unabhängige Aktion cinzulcitcn. Der Korreferent Dr. Margulies- Wien bringt im Namen der Parteileitung eine Resolution ein. dass die zionistische Landesorganisation Österreichs keine politische Partei darstclte. aber die Gründung einer neuen politischen Organisation unter zionistischer Leitung und Kontrolle begriisste. Die Politik der neuen Partei müsse sozialfortschrittlich und gut österreichisch sein. In einer ausgedehnten und mitunter stürmischen Debatte wenden sich Dr. K ahn-Wien und York-Stelner -Wien gegen jede oiiizielle Beteiligung der österreichischen zionistisehen Organisation an der Landespolitik, wahrend sich die Herren Dr. Braudc und Dr. Stand unter lebhaftem Beifall der Versammlung unbedingt für die offizielle Verbindung der bisherigen mit der neuen Organisation cinsetzen. Sch"esslich w ird der A111 r a g d e r P a r t e i I e i t u 11 g a ri g e n o m m e n: wi, 14 >, %! v t r 1 111 ן( l II /11 IV. 1 I V I V»II3!•Dl IVWIIIV* politische österreichische Partei. Sic hegriisst jedoch die Konstituticrung einer neuen politischen Organisation der österrciehischcn Juden, da der politische Zusammenschluss ded österreichischen Juden auf nationaljiidiselier Basis geeignet ist. das jüdische Volk in seinen wirtschaftlichen und moralischen Interessen zu stärken, seine Beziehungen zu den anderen Nationen zu klären und seine volle Gleichberechtigung mit den anderen Völkern durchzusetzen. Der Parteitag erwartet aber auch, dass das Programm der neuen politischen Partei nicht bloss nationale Forderungen enthalte, sondern auch sozial* fortschrittlich und gut österreichisch sei.“ Hierauf fand sofort unter dem Vorsitz des Abgeordneten Dr. Strauch er die konstituierende Versammlung der neuen Partei statt. In vertraulicher Sitzung wird die KvJiistituidrung einer ״Reichspartei der Juden Österreichs“ beschlossen In die Leitung der Partei wurden gewählt die Herren: Dr. Schalit, Dr. Margulies, Bochm und Dr. We seng f ü n aus Wien. L ö w - Prostutz. Dozent M a h 1 c ,־ - Prag, Dr. G 01 d w a s s e r. Dr. S y r o p - Krakau. Dr. Stand und R c i c 11 - Lemberg. Dr. Braudc und H a I p e r 11 Stapislau. Dr. Strauch er und Weis glas-Czernowitz. Der Zentrale der neuen Partei in Wkti wird die Durchführung der Wahlaktion überlassen. In diesen Verhandlungen wurde die Erklärung des Ministers des Innern. Freiherrn v. Bicncrth, aus Anlass der Forderung nach einem deutschen Mandat für die Stadt Biala einer eingehenden Diskussion unterzogen und seine Ausführungen mit voller Zustimmung zur Kenntnis genommen. Die Vorhand- Ingen dauerten, drei Tage.