Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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« Seite 416 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28 neue, frische Kräfte hinzugekoninten. die sicherlich neues Leben schaffen werden. , Der langjährige Streit der Kolonisten mit der /'diniinstration wegen des Weinkellers in Rischon endete insofern mit einem Erfolge der Kolonisten, als sic den Weinkeller •in eigene Regie bekommen haben. Sie gründeten ein Syndikat aus allen Kolonien, das die Sache leiten soll. Gleichzeitig wurden unabhängig davon einzelne kleine Syndikate gegründet die eigene kleine Keltereien anlegen und Verbindungen mit dem Auslande (z. B. mit Amerika), zum Verkauf ihrer Produkte pflegen sollen. Den kleinen Gesellschaften gehört die Zukunft: Die Kolonisten werden nach dem verderblichen Einfluss der Kolonisationslcitung nicht fähig sein, ihre Geschäfte :urcli eine solch umfangreiche Gesellschaft wie das ZentralsMidikat zu leiten. Die Weinernte war im verflossenen Jahre eine sehr gute, um 25 Prozent höher als durchschnittlich. Die letzten Jahre waren für Orangen sehr gewinnbringend, weil, dank der schlechten Ernte in Italien, uie Preise von 3 Er. pro Kiste auf 8 Fr. stiegen. Jetzt gibt es i. den jüdischeu Kolonien ungefähr *1000 Dunam Orangenpflarzungcn im Werte von 5 Millionen Franken. Die Orangengärten stellen schon deswegen eine der vorteilhaftesten Anlagen dar. weil sie schon fm fünften Jahre Früchte tragen. Eine grosse Zukunft erwartet die Oiivcnnflanzungen, da die palästinischen Olivenhätime reiche Früchte tragen, die vorzügliches Oel liefern. Erschwerend ist cs aber, dass die Oliven erst sehr spät Früchte bringen. Es wäre sehr ratsam, die Oliven zwischen Getreidefelder zu pflanzen.- da die Kolonisten während der Zeit, wo die Bäume heranwachsen, von dem Ertrag an Getreide leben könnten, und die Oliven wären dann in der Zukunft ein sehr guter Zuschuss. Es werden aber vorläufig leider sehr wenig Olivenbäunie gepflanzt In der letzten Zeit hat man gute Versuche mit Industriepflanzen gemacht, wie z. B. Tabak. Baumwolle und aromatischen Gewächsen. Erst vor zwei Jahren haben Privatleute Tabak zu pflanzen begonnen, nachdem schon seit Jahren in M e t u 1 e Tabak mit Erfolg gebaut wird, und haben damit gute Resultate erzielt. Das Produkt ist zufriedenstellend ausgefallen und kostet verhältnismässig in der Herstellung nicht viel. Ein Kolonist hat die Ware angekauft und suJit zurzeit dafür einen vorteilhaften Markt. Die Kolonisten beginnen jetzt wieder aromatische Gewüchse zu pflanzen, nachdem sie diese früher einmal nach dem misslungenen Versuch der damaligen Administration einfach ausgerodet hatten. Im vorigen Jahre hat ein Franzose zusammen mit einem Juden eine kleine Parfümtab ik begründet. die gute Geschäfte gemacht hat und die fetzt schon erweitert wird. In der Kolonie P e t a c h - T i k \v a h ist e>ne Gesellschaft zur Pflanzung von Baumwolle gegründet w •rder•. und man kann erwarten, dass die Baumwotipflanzungen sich in Palüstina bewähren werden. Was den Getreidebau betrifft, so brachte das vorige Jahr eine glänzende Ernte. Leider haben nicht alle Kol 1ו16ו,י davon profitiert, da sic. entmutigt durch 2 Jahre einer Missei nte, wenig Getreide gesät hatten. Dafür haben d!'•• gDlreidebauenden Kolonien (Kastania. Slchron-Jakob. Mik'icniia etc.) geradezu aufgeatmet. Ini allgemeinen wird der Getreidebau im Qcgc1׳Satz zum Weinbau noch auf sehr primitive Weise betri;.חסו Die Mehrzahl der Kolonisten benutzt als einziges Werkzeug den arabischen Karst und nur einzelne besitzen landwirtschaftliche Maschinen und besseres• Werkzeug. Trotz al*edcm kann man auf Grund der gemachten Erfahrung behaupte:;. da״s dem Gctreidebau in Palästina eine grosse Zukunft bevorötcht. weil das Land gut ist — viel fetter Boden liegt noch vollständig brach — und die Getreidepreise, dank der geographischen Lage Palästinas, im allgemeinen hohe sind. Vom Getreidebau werden sicherlich viele Menschen leben können: ebenso solche mit kleinen Kapitalien, wie solche mit grösseren Geldmitteln, die ausgedehntere Farmen gründen können. Die Viehzucht ist sehr wenig entwickelt, und das Ist sehr zu beklagen, da es in Palästina viele Gegenden g'bt, die für die Viehzucht geradezu geschaffen sind — so Berghohen und Sumpfgegenden. Es gibt eben leider keinen einzigen Veteripärarzt in Palästina. In der letzten Zeit erschien ein neuer Tvpls des Kolonisten auf der Bildfläche — der Pächter. Allerdings waren dis ersten Versuche nicht von Erfolg begleitet, aber das einzig und allein wegen schlechter Massnahmen. So mieteten Kolonisten Land bei Arabern in einer sehr ungesunden Gegend und mussten das Land sofort verlassen. Andere w׳cder haben zu schlechten Boden bekommen. Aber trotzdem kann man vermuten, dass dieser neue Typus von Kolonisten eine Zukunft haben wird. Denn der Pächter braucht nlch* viel Geld, s nur Mittel für Inventar, und die kann er im Notfall von einer Kreditgcsellscliaft ״der von einer Bank entleihen. Das gmssc Uebcl der palästinischen Landwirtschaft -- die Zehntenabgabe, lastete auch hu vorigen Jahre schwer auf einigen Kolonien, so: "Katra, Pctach-Tikwah, Chcdcra und. in Ober-Galiläa. In Pctach-Tikwah beschlossen die Kolonisten dieses Jahr nicht zu säen, tim den Anpetit der Pächter der Zehntenabgaben etwas zu tnässigen. Das eine ist ichcr dass den Ucbcin. mit denen die Zehntenabgabe verbunden ist, abzuhelfen wäre, und zwar mit Verstand. Fs gelio.t dazu nur fester Wille und etwas Kapital. Und es ist wirklich an der Zeit, dass diese Hilfe von irgendeiner Seite geleistet wird. Wie wir piivatim erfahren, so kommt in Hutsicht des Zehnten der Pascha von Jerusalem den Kolonisten in hohen) Masse entgegen, so dass der Zehnte, der für Kat-a im vergavgenen Jahre noch 18 Prozent betrug, im taufenden Jalne nur noch 6—7 Prozent betragen wird. Die Kolonisten können die Zchntenlast überhaupt durch Pachtung des /’.ehnten ausserordentlich erleichtern. Dazu gehört vor allen; die Gründung von Pachtgenossenschaften. Das Wohlwollen das die Türkischc Regierung den Kolonien und Kolonisten cntgegcubringi, und von dem die Wirksamkeit des Pascha besonders Zeugnis ablcgt, macht es ihnen möglich, auch auf diesem Wege gute Fortschritte zu machen. •> Rundschau <= Die ״Alierdeulschesien“ unter sich Auf dem antisemitischen Kriegsschauplatz in Htsscn wirö fortgesetzt von beiden Seiten mit grosser Erbitterung geiocli• ten. Die d c u t s c 11 s o z i a I e Partei Hatte ein F'ugblatt verbreitet, in dem allerlei dunkle Andeutungen über ״D i ä t e n- Jäger“ usw. enthalten waren. Der Kandidat der Reform- Partei. Hel me rieh, glaubte diese Anspielungen auf sch beziehen zu sollet! und bezeichnctc in einem Gegenflugblatt eine solche Insinuation als eine .,gemeingefährliche Ehrabschneidere i“. Er forderte Liebermanti von S011t]cnberg auf, sich in einer öffentlichen Versammlung wegen dieser ״verleumderischen Behauptungen“ zu rechtfertigen. Die HESSISCHE RUNDSCHAU setzte noch folgenden Trumpf darauf: ״Dass ausgerechnet Herr v. Llebermann von ״D i ä ten- Jäger n" und , verkrachten Existenzen“ redet, wird in ganz Deutschland stürmische Heiterkeit erwecken. Der a Itc Herr fängt offenbar schon jetzt an seine Autobiographie zu schreiben.“ Von dem dcutschsoziale» Flugblatt wurde ferner gesagt: ״Jeder Satz dieses Wisches enthält eine U n w a h r h e i t.“ Dp; DEUTSCHSOZIALEN BLAETTER charakterisieren das Auftreten der beiden Agitatoren der Kasseler ״Frei, deutschen“, der Herren Stich und Redakteur W i I k e, ajso: ״Der erste Redner mit all den M ä t z c h e n und W ״ t z c n, die vielleicht P ii c k 1 c r oder A h I w a r d t benutzen würde und der letzte Redner in einer Weise, die an Gehässig- Feit und Unsachlichkeit nicht so leicht ühertrofien werden kann.“ Der dcutschsoziale Generalsekretär H e n 111 g s e n erklärte in dieser Versammlung, wahrscheinlich nach vorheriger Verabredung mit Liebcrntann von Sonnenbcrg: ,.Wie Herr Liebermann v. Sonnenbcrg über die Einladung des Herrn Helnterich. sielt ihm und seinen Freunden •in einer Versammlung zu stellen, denkt, weiss ich nicht. Ich würde es aber sehr bedauern, wenn er dieser Einladung Folge leistet־.׳, denn wer etwas Selbstachtung besitzt der darj mit ״Politikern" vom Schlage der Freidcutseher! nicht in Be r ii h r u n g ko nt nt c n.“ Er selbst erklärte zum Schluss ebenfalls, dass er es ״unter seiner Würde hielte, sich noch weiter mit solchen Leuten einzulassen“. Der reformcrische ARIZONA KICKER, wie das DEUTSCHE BLATT die HESSISCHE RUNDSCHAU höhnisch apostrophiert, lässt sich freilich durch derartige Drohungen nicht irritieren; er donnert weiter: ״Eine ge 11 ei nt konservative. regierungsf r 0 m nt c und volksfeindliche Clique, gefolgt von einer kleinen Schar kritikloser Alitlüufer, das sind die Dcutschsozlalen, und nichts weiter!“ Die Herren haben so viele Jahro mit einander gearbeitet, dass man dem Urteile, dass sie gegenseitig von einander haben, einigen Wert beimessen muss.