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Jüdische Rundschau · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 2S JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 41$ Was ist uns Theodor Hcrzl? Wir lächeln ob der Frage. Herzl, unser Herzl, unser Befreier, unser Erlöser, unser Bruder. . Unser ist er, einer von uns, von uuserm Fleisch und Blute einer, einer wie wir, ein Jude, ein Jude der wie wir zwischen den Zeiten stand, aber der erste, der den Schritt getan hat, zur neuen Zukunft, und der, der uns gc־ rufen, dass wir auch hinübcrschritteii. Wie wir hat er gedacht und gefühlt, wie wir hat er Schmerz empfunden und Lust, Hoffnung und Enttäuschung, wie wir hat er gea beitet, gelebt, gelitten und geirrt. Und wie wir hat er den Weg verloren und hat ih!1 wieder gefunden, der erste, der ihn wiederfand. Und wie uns dieser Mann, wie uns Herzl heilig ist, so ist uns sein Leben heilig, seine IrrtiVmer sind uns heilig. Wir ehren sie um so Höher, weil sic uns diese־* Mann zu unscrni Ocnossen stempeln, weil sie ihn uns vertraut machen und wert, und auch, weil sic uns Zeichen sind, wie wir nicht gellen sollen, so wie er uns wies wie wir gehen sollen. Was ist uns Theodor Herzl? Ein Mensch, kein Gott, ein Vorkämpfer, ein Mitstreiter, nicht ein Idol, nicht ein Phantom. Und er wäre der letzte gewesen, der das. w׳as «?s falsch sich herausgestellt hatte, nunmehr hätte‘ heilig gesprochen haben •wollen, weil er einmal so gedacht Er w׳ar e:n Politiker. Er w usste, dass es nicht gut ist, heute B zu sagen, w׳cil man gestern A gesagt. Und; •־ war ein Mcnsclu ein Mensch mit Herz und Blut. Gewiss hat er vieles und manches gesagt und geschrieben und als Prinzip aufgcstellt. Aber hat er nicht selbst ein neues gegeben, wenn das alte überlebt war? War er denn einer von denen, die hocken und sitzen bleiben auf einem Punkte, weil sie einmal dorthin gestellt? Und darum wehren wir uns dagegen, dass man heute seine Worte, nimmt und sic prägt, wehren wir uns dagegen, dass seine Schriften Herzl gewesen sein sollen, und nicht sein Werk? Wehren wir uns dagegen, dass wir nicht mehr mit Herzl sollen streiten dürfen, so wie wir mit ihm gestritten, als er noch lebte, wehren uns dagegen, dass wir uns nicht mehr sollen mit ihm auseinaudersetzen dürfen. Sollen wir Herzl nicht mehr erleben dürfen? Sollen w׳ir ihn nur mehr glauben? Wie kann man es wagen, das herauszunehmen und lenes, was er einmal geschrieben, weil es damals und unter den Umständen gut war und ihm geschickt dünkte und ts zum Dogma stempeln, w׳ie kann man sagen, in diesem Falle hätte er so gedacht und getan, weil er in lenem so handelte. Wir können nicht zulassen, dass man Herzl auf diese Weise zum Antipolitiker stempeln wall, zu einem Manne, der ׳»ach einmal gegebenen Sätzen und nicht nach der Notwendigkeit der Um» stände handelte? Herzl hat den ״Judenstaat“ geschrieben. Fin krosses Werk, ein bedeutsames Buch, bedeutsamer vielleicht, als wir heute absehen können. Hat er aber sein eigenes Buch als Dogma betrachtet? Hat er nicht selbst nachher ganz anderes gesagt und getan, als das, was ihm noch richtig er* schien, als er das Buch schrieb. Herzl hat ein zweites Buch geschrieben, hat Aufsätze und Essais verfertigt. Können wir nicht aus ihnen den Politiker ’erkennen, den Ma״n. der nur das Ziel kennt und der jeden Weg benutzt, der rangbar und anständig!ist? Herzl hat Reden gehalten und diese Reden sind gedruckt worden. Sind sie darum Glaubenssätze geworden? Hat er nicht von heute auf morgen neue Erfahrungen gemacht? Hat er etwa von Anfang an so genau gcwusst, wie nur ein Gott es hätte wissen kommen, wie alles kam, wie das wurde und jenes? Wir dürfen uns Herzl nicht nehmen lassen, Indem man uns dafür Stücke von ihm geben will. Es gibt kein: Also sprach Herzl. Herz! hat uns mehr gegeben, als Auszüge und Sätze. Herzl war immer bei uns. so lange er lebte, und wird bei uns sein, so lange wir, so lange das Jüdische Volk, dank ihm, lebt. Aber nicht so, dass wir Auszüge machen und sie betiteln: Theodor Herzl an den und den, und nicht so, dass er von uns entfernt steht, hoch und für uns nicht erreichbar, für unsere Kritik nicht und nicht für unser Leben. Herzl gehört unter uns, der ganze Herzl, wie er lebte und wie er irrte, und nicht mehr können wir ihn ehren, als dass w׳ir die Fehler erkennen und uns zunutze machen, die er beging, weit er ein Mensch war, und weil er nie mehr sein wollte. Julius Bär. Unsere Kolonien In einem interessanten Berichte aus Palästina, den wir der ncubegründeten. von unseren Freunden Dr. Joseph L u r y und Dr. Schmcmarjah Lev in geleiteten jüdischen Wochenschrüt DAS JUED1SCHE VOLK entnehmen, schreibt H. Smeljansky, der selbst Kolonist ist und die Verhältnisse Pa.Iästinas sehr gut kennt, dass dieses Jahr m palästinischen Leben bemerkenswerte Spuren hinterlassen wird. Es sind Rabbi McTr zuckte mit den Achseln. — Aha, ich errate es schon! Sie wollen wegen meiner Chanele ■mit mir sprechen? Rabbi MeVr holten einen tiefen Seufzer und heftete seine nachdenklichen Blicke auf den Ofen. — Ich muss Ihnen, Rabbi Meir, offen erklären, — fuhr der Bäcker fort, als ob der Seufzer unsres Melamed die beste Antwort auf seine Frage gewesen wäre — Uh muss Ihnen erklären, dass aus diesem Brei kein Bier wird. Rabbi Motele gefällt mir nicht, obwohl er ein ganz guter Melamed ist und die Reichen ihm ihre Kinder anvertrauen. Aber dennoch gefällt er mir nicht; er ist ein Naseweis — und einem solchen gebe ich meine Chanele nicht zur Frau. Weshalb sollte ich sie einem solchen Naseweisen geben, während mir die Möglichkeit geboten ist, sie mit einem Drechslertneister zu verheiraten? Kennen Sie den Drechsler Rüben? Rabbi Aleir neigte das Haupt. — Seit voriger Woche ist er Witwer. Bei diesem Worte bewegten sich die Lippen des Rabbi Meir leise und lispelten*. — Gepriesen sei der gerechte Richter! — Hören Sie, dieser Rüben schickte gestern einen Heiratsvermittler zu mir. Ihm will ich mein Chanele geben; er ist ein tüchtiger Handwerker, kann seine Frau ernähren. Rabbi Motele, möge er lange und glücklich leben, passt nicht als mein Schwiegersohn. Rabbi Meir holte wieder einen tieien Seufzer, zuckte mit den Achseln und winkte uns, die Folianten zu ergreifen. Als nach einigen Tagen Rabbi Motele wieder erschien, um das Resultat der Unterhandlungen zwischen seinem Protektor und dem Brotbäcker zu erfahren, öffnete unser Melamed statt jeder besonderen Meldung seine Tabaksdose und betrachtete sie lange nachdenklieh, dann schlug er den Deckel zu, seufzte und machte mit der Hand eine Bewegung. Aus dieser Mimik folgerte Rabbi Motele, dass sein Prozess definitiv verloren sei und Tränen traten ihm in die Augen. Einige Wochen lang erschien er nicht mehr mit seinen Zöglingen bei uns, was wir natürlich ausserordentlich bedauerten, da seine Abwesenheit uns einiger Erholungsstunden beraubte, die wir als unser gutes Recht zu betrachten gewöhnt waren. (Fortsetzung folgt.)

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