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Jüdische Rundschau · 1906-07-13 · Heft 28 (13.7.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ו Seite 414 JÜDISCHE würde ihn gründlich missverstehen. Aber er konnte, eben weil ein Herzl nur in Zionspolitik denkbar war, jeden möglichen Weg unbesorgt einschlagen, und alle wussten, dass dieser Weg nicht einmal auf Umwegen, sondern direkt nach Zion führte. An seinem heutigen zweiten Jahrzeittagc ist die Wunde, die uns sein Tod geschlagen, noch so frisch wie an den« Tage, wo uns die Trauerkunde diirehsehi'itterte, dass der Manu, in dessen Liebe das Jüdische Volk sic:1 selber liebte, von uns geschieden sei. Das Volk hatte sich in der kurzen Zeit seiner — beinahe inücbtc man sagen — Regierung gewöhnt, stolz und zuversichtlich zu ihm aufztischaucn, der das Werkzeug der Geschichte zu sein schien, um dem unglücklichen Volke den Weg gen Zion zu weisen. In diesen Wochen der I raner, die uns an den Fall unserer Herrlichkeit in Palästina gemahnen, in diesen Jahren der immer wicdcrkchrcnden Mordtaten, die von gewissenlosen Bluthunden an unserin Volke nach vor• gesetzten Plänen verübt werden, ist die Jahrzeit Theodor Herzls ein jüdischer Gedenktag, der uns mit tiefer Trauer, aber auch mit zuversichtlicher Honntmg erfüllt. Auch zur Erinnerung an unsern allergrössten Mann haben wir nur einen Gedenktag, der sehr wenigen unter uns bekannt ist, weil ja die grösste Grösse unseres grossen Lehrers seine grosse Bescheidenheit war. Fs ist dies der Tag der Jahrzeit von Moscheh Rabbenu Von ihr nehmen unsere Leser an, dass sie der Grund war zur Rettung des Jüdischen Volkes in der ersten (jolusvcrfolgung unter Maman. Die Jahrzeit Theodor Herzls ist der Tag, an dem wir mit Schmerzen und in tiefer Trauer, aber mit freudiger und zuversichtlicher Hofinung des so Frühgeschiedenen gedenken und uns immer wieder heilig geloben, alle unsere Kräfte zusammenzunehmen, dass wir bald in der Lage sein mögen, seine Gebeine mit uns heraufzuführen in das Land, das er geliebt hat mit derselben Licbcsglut, die er seinem Volke entgegenbrachte. In Theodor Herzl haben wir den wiedererwachen־ den Genius des Jüdischen Volkes gesehen. Kr ist nicht gestorben. Denn sein Geist lebt mit uns und in uns. Und wenn wir dereinst das Ziel erreichen werden, den; RUNDS C H A U ' _ _______No. 28 er mit der Glut seiner grossen und weichen Seele zustrebte, dann werden wir uns des Unglücks unseres Volkes und seiner Hofinung erinnern am Tagc^ der Jahrzeit von Theodor Herzl. E I jü qim. Was ist uns Theodor Herzl? Noch können wir nicht Geschichte über ihn schreiben. Noch stellt er uns zu Italic, als dass wir ihn Überschauen konnten, noch ist die Wunde nicht vernarbt genug, als dass wir ohne Schmerz seiner gedenken könnten. Wir können ihn noch nicht ermessen, wir können ihn nur schmerzlich und tief vermissen, wir können sein* Andenken in Ehren halten. Und an diesem Punkte ist es, wo wir uns über etwas klar werden in;, sen, das insbesondere in der letzten Zeit autgetaucht, von .guten I reuuden und in bester Absilit geschaffen wurde, und was im Grunde nichts anderes :st, und was deshalb so bedeutungsvoll ist, weil damit gerade das Gegenteil von dem erreicht wird, was augestrebt wird! ״Statt einer \ ergrösserung Herzls eine Verkleinerung.“ Es handelt sich darum, ob wir uns nicht davor hiiteu und Pruitt dagegen machen müssen, dass mau unsern verstorbenen Führer seiner Menschlichkeit entkleidet, indem man ih i zum Gölte stempeln will, ihn uns fern und ferner rückt» statt ihn uns ivher zu bringen. Denn gerade das ist es ja, was uns Herzl so lieb und teuer gemacht hat. das ist es ja. warum ihm sein Volk, das Volk des Zweitels und der Kritik, das Volk der Arinnt | und der Knechtschaft, so begeistert, so einmütig zugcjubelt hat, ihm gefolgt ist und sich zu 'laten hat begeistern lassen,! dass er herabgestiegeu ist zu seinem Volke, zum Volke, dass | er seinen Schmerz aus dem des Volkes gefühlt, sich seinem j Volke zum Opfer gebracht hat. Er kam herunter von der | Höhe seiner Kultur, zu uns, den Armen, Verachteten, er entriss uns der Schmach des Almosens, indem er iiir uns betteln ging. Und darum können wir nicht dulden, dass man ihn uns entrückt, ihn seines Menschtums entkleidet, *11» uns tutverständlich machen will, indem man ihn zu etwas anderem macht, als wir sind, wir, die er seine Brüder genannt hat. Es ist gewiss keine schlechte Absicht aber es ist wohl an der Zeit, einmal darüber zu reden, wie sehr man dem Toten Unrecht tut, indem man ihn zu dem erhebt — oder erniedrigt, was er nie und nimmer sein wollte, zum Gotte, zum Götzen. Das Schulgespenst (LLJK0n060H3Hb) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithaucn. Von Leo Lew and a. Aus dem Russischen übersetzt von William Zeitlin. (Fortsetzung.) Obwohl wir noch so unschuldig wie die Tauben waren, so bemerkten wir dennoch bald genug, dass der allwöchentliche Besuch des blonden, galanten Rabbi Motele nur scheinbar lediglich dem Examen seiner Schüler galt, während er in Wirklichkeit ein ganz anderes Ziel verfolgte. Der Zweck der Besuche war vielmehr Chattelc, die erwachsene hübsche Tochter des Brotbäckcrs Jankel, zu weicher in Liebe zu entbrennen, Rabbi Motele als Witwer ein unbestreitbares Recht hatte. Aber Jankel schien dieses Recht nicht einzusehen. Jedesmal, wenn das Examen zu Ende war, ging Rabbi Motele auf Jankel zu und präsentierte ihm aus einer zierlichen Tabaksdose eine Priese, während dessen | aber betrachtete er die schöne Chanele. Der Brotbücker befleissigtc sich allerdings, seine Tochter i: solchen Momenten irgendwohin zu schicken; ausserdem 1 überraschte er trotz seiner Schwatzsucht den auf• j dringlichen Freier durch sein Stillschweigen. Der Freier kehrte alsdann mit gesenktem Haupt und verstimmter Miene zurück und flüsterte lange Zeit mit dem schönen Geschlecht unseres Häuschens, welches anscheinend den lebhaftesten Weil an seinem Schicksal nahm. Endlich gedieh die Sache soweit, dass unser Mclantcd seinem Protege versprechen musste, er werde selbst mit Jankel Rücksprache nehmen. Mit grosser Spannung erwarteten wir nun jenen Augenblick, wo unser Mclatned diese heikle Angelegenheit ins Gespräch ziehen würde, zumal wir bislang noch niemals gehört hatten, wie Rabbi Metr über Dinge sprach, die ausser dem Bereich seiner Profession lagen. Rabbi MeVr lud eines Tages den Brotbäcker zu sich ein. woraui dieser auch soiort erschien. ־- Sie riefen mich hierher, Rabbi MeVr? fragte der Brotbäcker, eine Priese nehmend und sich auf das | l'abii rot niede Hassend. Rabbi MeVr neigte das Haupt zum Zeichen seiner Zustimmung. — Wollten Sie mir was mittcilen? Rabbi MeVr neigte hieran! wieder das Haupt. Was wollten Sie denn sagen?

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