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Jüdische Rundschau · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 410 No. 27 1 I JÜDISCHE RUNDSCHAU Beschlüsse einem ausserordentlichen Parteitag: Vorbehalten, der S bereits einberufen ist. Wegen der eminenten Bedeutung:, die dieser Parteitag: voraussichtlich für die Ranze zukunftiRC Entwicklung und die Geschichte des Zionismus in den 1m Rcichsrat vertretenen Königreichen und Ländern haben wird, ist es selbstverständlich, wenn das Interesse hierfür alle übrigen derzeit zur Diskussion stehenden Fragen in den Hintergrund drängt. Der letzte in Prag tagende Parteitag hatte dn Form einer Resolution ausgesprochen, dass die österreichischen Zionisten keine österreichische politische Partei darstellen und dass die politische Betätigung Jedem Einzelnen freistehe, jedoch nur insoweit als er dadurch nicht mit dem Baseler Programm, mit dessen nationalem Geist und der fortschrittlichen Tendenz des Zionismus überhaupt in Kollision kommt. Ich bitte Sie nun vor allem daran festzuhalten. dass an dieser Tatsache formal bisher weder etwas geändert wurde, noch etwas geändert werden kann. Aber als wir vor nun genau einem Jahre diesen Beschluss fassten, konnten wir nicht denken, dass die Ereignisse über uns hiiiwcßschrciten würden. Die Gründe, die uns speziell hier vcranlassten, für diese Resolution cinzutretcn, waren folgende: Erstens bringen es die politischen Verhältnisse im Lande Böhmen mit sich, dass Jede Form der Betätigung, und sei es auch die in der unschuldigsten sozialen Form, dass — wie unser sehr verehrter Gg. Herr Dr. Bergmann in Pardubitz sehr richtig sagte — Jeder Pioifenrauclikhib ein politisches Gepräge hat. Der Zionist strengster Observanz musste daher stets im Innern das Gefühl haben, bei jedem Schritt, wenn auch nicht de facto, so doch dem Scheine nach mit dem strengen Statut unserer Organisation in Konflikt zu kommen. Inwieweit ein solcher Konflikt kein ernster Gewissenskonflikt sJ. konnte natürlich nur von!־all zu Fall entschieden werden. Und da lag denn ■die Gefahr nahe, dass unwillkürlich das Gewissen sich erweiterte und man leicht als erlaubt annahni. was de facto verboten sein sollte. Einerseits mussten wir in Betracht ziehen, dass oft die harte Notwendigkeit des Lebens, der reine äussere Zwang den einzelnen dahin führte, der Not. nicht dem eigenen Triebe gehorchend, wenn auch nur materiell und mit geringen Summen, so doch wenigstens scheinbar fremdpolitische Richtungen zu unterstützen. Sollten wir solch einen Mann, der gewiss —* wenn er die Diskrepanz fühlte — ein guter Zionist war. sollten wir. so frage ich, den Mann zwingen, aus unserer Organisation auszuscheiden und abseits zu stehen? Das wäre parteioolitischer Selbstmord. Auf der anderen Seite konnten wir es auch nicht darauf anlegen. hunderten und tausenden Juden in Böhmen das Märtyrertum auizuzwingen. Waren so Überlegungen ethisch-politischer Natur für uns bei der Fassung Jener Resolution massgebend, so waren es andererseits nicht minder Momente, die für den Staatsbürger als solchen allein dn Betracht kommen. Die Frage stellt sich folgendcrmassen: Soll der Zionist mit dem Momente, wo er wirklich ein solcher ist. auf alle staatsbürgerlichen Rechte verzichten? Soll er cs aufgeben. bei der Besetzung der Mandate in den Verwallungskörpern des Reiches, der Stadt, des Landes mitzusprechen? Und wenn er das tut. wenn er dieses Opfer bringt, hat die Partei einen Vorteil davon? Alle diese Fragen müssen mit Nein beantwortet werden. Denn, wie die Verhältnisse bei uns liegen, steht die Wahl gewöhnlich zwischen zwei Ucbctn und da müssen wir Juden uns doch wenigstens das Recht wahren, von zwei Übeln das kleinere wählen zu dürfen, resp. das grössere übel abwehreu zu helfen. Ich erinnere nur an den praktischen Fall in Kolin. wo einem Antisemiten von der Ritualmord-Obscrvanz ein solcher gegenüberstand, der sich damit begnügte. Antisemit der gewöhnlichen Koulcur zu sein ein sogenannter .Svobodomvsi.iv“ (Freisinniger). Für solche Fälle mussten wir uns Elbogcn-Frcihcit wahren und wir können ruhig sagen, dass bisher die diesbezfißlich vertretene und gepflogene Taktik die richtiße war. * Doch was bis vor einem Jahre ins Reich der Märchen zn gehören schien, hat sich heute zur Warheit entwickelt. In Österreich ist eine jüdische Politik möglich, sie wird gemacht werden, gemacht werden müssen, wir mögen uns dazu stelle״, wie wir wollen, einfach, weil die Verhältnisse es erzwingen. Wir sind uns vollständig darüber klar, dass der Zionist, der dem Verbände ״Zion“ und einem seiner Einzelvereine angchört. als solcher unmöglich irgend welche politische Arbeit leisten kann. Doch — und das war die Frage die uns in den letzten Wochen beschäftigte — cs musste ein Instrument geschahen werden, das als wahrer Ausdruck die jüdischpolitischen Anschauungen, oder wenn Sic wollen, die Privatansichten der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Zionisten repräsentieren sodtc. ein Instrument, das den Juden die Sicherheit gibt. In der nun folgenden Entwickelung des politischen Lebens als vollwertiger Faktor aufzutreten. Dies soll min in der Weise erreicht werden, dass allüberall, w.» Zionisten sind, dieselben sich in politischen Vereinen organisieren, die jene Tätigkeit zu entfalten haben, welche den Finzel vereinen des Verbandes ..Zion“ statutarisch untersagt ist. Über die Wichtigkeit einer derartigen Aktion viele Worte zu verlieren, hicsse Eulen nach Athen tragen. Doch das Eine möchte ich,, ob zwar cs mir sclbstverständlieh erscheint, besonders betonen! Da cs nun in Oesterreich eine jüdische Politik gibt, so ist es selbstverstündlich, dass es keinen Zionisten geben darf, der bei einer andern Politik mittut. Es ist von gewisser Seite die Ansicht vertreten worden, dass bei uns die Betätigung in jeder politischen Richtung erlaubt sei, nur nicht in jüdischer Politik. Man muss sich tatsächlich fragen, wie eine solche Umkehrung aller Begriffe möglich sei. (Schluss folgt) נ Aus den Ortsgruppen Berlin. Donnerstag, den 12. Juli, veranstaltet die Berliner Zionistische Vereinigung in Dräscls Festsälen. Neue Friedrichstrassc 35. eine Gedenkfejcr zur Erinnerung an die Wiederkehr des Todestages Dr. Theodor Ilerzls. Die Feier beginnt pünktlich um 9 Uhr. Die Parteigenossen werden gebeten, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Vergangenen Montag fand die diesjährige General- Versammlung der Berliner Zionistischen Vore i 11 i g u!1 g statt. Der neue Vorstand besteht aus den Herren Rechtsanwalt Dr. A. Hantke (Vorsitzender). Dr. Heinrich Loewe. Dr. H. Mühsam. J. H. Wagner. Dr. Hans G. Hey mann. Artur Hirsch. Graupe. Dr. Alfred N o s s i g und cand. phil. Moritz Bau m. Bericht des Gruppenverbandes Posen für die Arbeltspcrlodc Juli 1905 bis Juni 1906. Das abgelaufene Jahr war ein an Arbeit überreiches, an Erfolgen hochbefricdigcndcs. Die Fülle der Arbeit erhellt daraus, dass das Bureau des Gruppenvcrbandes im gesamten Distrikt diesmal 18 Vcrsam m 1 u n gc 11 (im Vorjahr 9) mit eigenen Kräften (Lehrer Auerbach, E. Bend ix, stud. Hecht, Dr. Jeremias. Dr. Kassel Dr. Kollen sc her. L. Lesscr. Dr. Manasse. stud. S c h m u h I abgchaltcn. den ersten wolilgelungencn Distriktstag einberufen, die Kahn’sche Broschüre und ein von der Poscncr Ortsgruppe hcrausgegcbencs Flugblatt im ganzen Bezirk verbreitet und eine auf 200 E i n g ä 11 g c und 250 Ausgänge angewaehsene Kroresnondcnz mit,allen Plätzen unterhalten hat. Die Erfolge lohnten denn auch alle Miihe. Es entstanden 7 neue Gruppen (Samt er. Obcrsitzko. Stralkowo. Sciscrn. Pieschen, Mosch in) und in weiteren 10 neuen Orten wurden Kinzelsehckelzahler gewonnen, so dass der Distrikt au .13 Plätzen etwa 420־ S c h c k e 1 z a 111 c r zählt (im Vorjalir 16 Plätze mit 260 Schckolim). Die grösste Gruppe im Bezirk. Posen, wuchs von 85 am 125 Schekelzalilcr, trotzdem gleichzeitig 25 Mitglieder durch Wegzug oder Tod ausschieden. Ausserdem sind 20 Einzclschckclzahler in der Provinz der Ortsgruppe angeschlossen: für diese ist in dem Jahresbeitrag von 6 Mark der Schekel und Landesbeitrag wie das Abonnement auf die RUNDSCHAU Inbegriffen. Die Ortsgruppe hatte üfientliehe Versammlungen mit Rechtsanwalt Groncmaim und Dr. Loewe. ziemlich rcgclmassige Mouatssitzungen, dazwischen Diskussionsabende. Sehr wirkungsvolles Makkabäerfest und Purim-Kinderfest. Stetig wachsende Verbreitung von RUNDSCHAU. FRANKFURTER FAMILIENBLATT und GENERALANZEIGER. Masseuvcrbrcitimg der Kalm’schcn Broschüre und eines eigenen Flugblattcs. Lebhafte und erfolgreiche Arbeit für Verbreitung von Erzeugnissen ncujiidischcr Kunst und Literatur in zionistischen wie nichtzionistischen Kreisen. Stetig wachsende Frequenz in• der von der Ortsgruppe gegründeten und verwalteten Jüdischen Lesehalle. Veranstaltung jüdischer Gcsehichtskiirsc für Gymnasiasteii der Oberklasscn und für Damen. Gründung eines Diskutierklubs durch Zionisten. Siegreicher Kampf für deit Anschluss des bestehenden Turnvereins an die Jüdische Eur- I 0

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