Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 27 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 407 l Zaren; er hat aber verdientermassen nach der Aufnahme des 1 Anlehens den Eusstritt bekommen. Wir haben erst kürzlich Im österreichischen Abgeordnetenhause eine Interpellation an die Regierung cingebracht und gefragt: Was ist es mit diesen österreichisch ungarischen Staatsangehörigen? Ist ihnen von Seite der russischen Staatsregierung der •oft kolossale Schaden, der ihnen durch die Exzesse verursacht worden ist. namentlich in den Häfen und in anderen Etablissements, vergütet worden? Wir haben bis heute keine Antwort wohl aber enthält der Bericht des Herrn Referenten des’ Budgetaus- Schusses ein ungeheures Lob auf die tapfere russische Armee. — Rundschau Abgeordneter Dr. Emil Byk Der Rcichsratsabgeordnctc Dr. Emil Byk ist Samstag, den 23. d. M. nachmittags plötzlich verschieden. Die Todcsnachrieht kam um so überraschender, als Dr. Bvk bis zuletzt in voller geistiger und körperlicher Frische seinen parlamcntarisehen Piliehten nachkam und noch kurz vorher an der Sitzung des Abgeordnetenhauses tcilnalun. Dr. Emil Byk der einer angesehenen und reichen Familie entsprossen war. wandte sich frühzeitig dem politischen Leben zu. In der Zeit des Ministeriums Glaser-Ungcr 1873 gründete er den Verein .Scliome: Israel“ in Lemberg, dessen Präsident er wurde, mit der politisehen Tendenz des innigen Anschlusses der gaüziscbcn Judenheit an die deutsch liberale Partei in Oesterreich und er proklamierte damals ein Bündais der Juden mit de;»• Ruthenen bei den politischen Wahlen. Nach dem Rücktritt dieses Ministeiums machte der Verstorbene eine politische Schwenkung in das na t io na I p o 1 n i s eh c Lager, er vcrlicss den von ihm gegründeten Verein ..Scliomer Israel“ und verteidigte seitdem die Politik der leitenden Männer des Polenklubs. Als im Jahre 1SSJ Dr. Bloch im Rcichsratswahlbezirke Kolomea, Buc/.acz. Snvatin \\m der dortigen jüdischen Wühler- Schaft für den Reichs rat kandidiert wurde, stellte sich Dr. Emil Bvk ihm als Gegenkandidat entgegen: er unterlag, was ihn aber nicht hinderte, bei den Neuwahlen 1S9J den Versuch zu wagen. Dr. Bloch das Mandat zu entreissen. Dass er dc:1 leitenden Männern des Polenklubs allzu häufig grössere Konzt.iionen gemacht hat. als es. mit den; jüdischen Selbstbewusstsein und den jüdischen Interessen verträglich ist. hat kein Geringerer als der vor wenigen Wachen verstorbenc Sektionschef und Rciclisratsabgeorducte Ritter von Gniewossz-Ülexow s. A. in den Spalten dieses Blattes, in Erinncrung gebracht. In jüngster Zeit Hess er die zionistischen Vereine von der polnischen Szlachta sperren, die!4«n als ihren Hofjuden betrachtete. Sein Tod bedeutet bereits die Ablösung der mutlosen Aniclmung at» das Folcntum durch selbstbewusste Jiidisehnationalc. Ejne geheimnisvolle Werkstatt Die Struvcsche Zeitung DUMA schreibt: Jn Ergänzung zu den Enthüllungen, die der Fürst Urusoff in der Gosstidarstvennaja Duma über die Pogromtätigkeit des Poiizeidepartements machte, haben wir von Personen, die mit den Verhältnissen in» Departement gut vertraut sind, die Meldung erhalten, dass in» Departement eine besondere Abteilung vorhanden ist, zu der der Eingang nicht nur für Unbefugte, sondern auch für die Beamten des Departements streng verboten ist. Die Türen dieser Abteiluug werden immer bewacht und nur wenige Auserwählte dürfen das Zimmer betreten. Die Fragen, mit welchen die Beamten des Departements an diese Wenigen sich wenden, bleiben ohne Antwort. Während der Dienstzeit herrscht in den» Zimmer Totenstille, aber abends und besonders nachts wird dort eine rastlose Arbeit bemerkbar." Werden dort vielleicht Bomben für die Provozierung von Pogromen verfertigt? Von einem Augenzeugen U\ d«T WELT gibt Bertbold Fehvcl, der auf die ersten Nachrichten aus Bialvstok von Köln dorthin geeilt war* seine Eindrücke und Beobachtungen wieder, aus denen wir einiges Tatsächliche hier wiederholen: ״Ein Haus am Rande der Stadt. Vor der Türe ein paar Kinder, innen in einer dumpfen Stube Männer und Frauen, junge und alte. Aus einer Nachharstubc dringen seitsan»e. qualvolle Schreie. In diesem Hause sind von einer zwölfköpfigen Familie Vater. Mutter und drei Kinder erschlagen worden. Die älteste T«»cl1tcr aber hat der Wahnsinn erfasst. Bis weit hinaus auf die Strasse hört man die Angstschreie der Irren, und die Kinder vor der Türe zucken erschreckt zusammen. so oft sic die gellende Stimme hören . . .“ Ein armseliges, verfallenes Häuschen, vor dessen Front sic!» ein roter Streifen hinzicht. Blut .... Drinnen eine winzige Stube, mit vier Lagerstätten, eng ane»1 nndergedrängt. so dass kaum das Stückchen Platz frei ist. das den Eintritt ermöglicht. Auf einer der Lagerstätten liegt eine junge Frau. fast noch ein Kind, mit dunklem Lockenkopf. einen Säugling an der Brust haltend. An der War.J ein Bild Theodor Herzl's. auf einem der Betten einige indische und hebräische Zeitungen . . . Wie von weit her klingt die Stimme der ju!»gcn Frau, die erzählt, wie ihr Mann einen Augenblick vor die Türe trat, wie ihn sofort eine Kugel traf, wie sie den Blutenden in die Stube ziehen wollte, wie die Soldaten sic selbst niederzuschiessen drohten und wie sie schliesslich doch mit Aufbietung aller Kräfte den Körper des Mannes ins Haus schleppt und die Türe versch'oss. Als sie siel» aber über ihn beugte, um die Wunden zu verbinden, war es schon um einige Minuten zu spät. Verblutet, tot ... Wie ein erstarrtes Weinen, leise zitternd, schaurig-einförmig klingt ihre Stimme durch den dunklen Raun», während sic bewegungslos dalicgt, den Säugling an die Brust drückend . . . Ein anderes Bild: Ein altes Mütterchen, lind ein junges Weib in eitler armen Stube. Sie bringen Photographien herbei: Ein•; stell; einen hochgewaclisemn Soldaten dar mit der grossen Pelzmütze auf dem Kopf, da•: Georgskreuz und die Verdienstmedaille auf der Brust. ..Das ist mein Sohn,“ erklärt das Mütterchen, ״der steht noch draussen in der Mandsehurei.*■ Und dann weist sie auf die andere Photographie: ״Und das ist sein Sühnclicn. drei Jahre war cs alt. das haben sie erschlagen. Und diese, seine Schwester, auch erschlaget», da bah’ icii mich den» Offizier zu Eiisseir geworfen.“ erzählt die Alte, ״und hab' ihm die Hände geküsst. Er wollte noch wenigstens einen junge!» Menschen aus der Nachbarschaft erschicssen. da hab* ich ihm nochmals die Hände geküsst, da hat er mich von sich gestossen. ist aber fortgegangen. Aber ein Unteroffizier hat sieb an die Soldaten gewendet: .*Erschlagt ihn. es ist ein Anarchist. Da haben sie ihn an die Wand gepresst und sind auf ihn gestürzt, bis er zusammengebrochen ist. Er liegt jetzt im Spital mit fünfzehn Bajonettwunden. Und s״ wütend waren die Soldaten, dass sie nochvor der Tiirc zwei Hunde niedergeschossen haben . In Erwartung der Pogrome י Die Nachrichten aus verschiedenen Ortschaften über die Pogrombcwcgungen hören nicht auf. Nachfolgci'd sind clio Nachrichten der letzten 3 Tage zusammengcstellt. die ein ge-!lügendes Liebt auf die Vorgänge werden. Aus Kiew, wo vor einigen Monaten ein grosser Pogrom stattgefunden hat. wird gemeldet, dass dort tügliah י euc Aussclireitungen gegen die Juden befürchtet werden. Tie Polizei ist verstärkt, der General-Gouverneur lässt eine Prokla»»1at»ou erscheinen, die die Bevölkerung beruhigen soll. Ausserdem werden auf Anordnung der oberen Behörde Broschü'rcn koufisziert, die offen in der Stadt .verbreitet werde!» und zum Kampf gegen die Juden. Polen, die Gossudarstwennaja-Duma und die fortschrittliche Presse auffordera. Aus Tscherkassv und Proskurew (Siidrussland) komtiiv!» Nachrichten, dass die dortige jüdische Bevölkerung der Umgegend einen Pogrom befürchtet und eiligst die Städte verlässt. Die Eisenbahnzüge sind überfüllt, die Stimmung ist gediiickt. Fine eilige Emigration findet überall in den Städten und Flecken statt und der Geschäftsverkehr stockt immer mehr. Aus Arsamass im Gouvernement Nishnv-Nowgorod kommt eine Depesche: Hier werden energisch die Proklamationen der ״Russischen Fahne", unterzeichnet von A. Dubrowin (eit» bekannter Agitator des ..Schwarzen Hunderts“ verleitet. Die Proklamationen suchen die Bevölkerung gegen die *Juden und die Gossudarstwennaja-Du1»»a anzustacheln. Man spricht von einen» in Vorbereitung befindlichen Pogrom. Die Stimmung ist eine niegergcdrückte.“ Auch aus Saratow laufen Depeschen ein. die von Vorbereitungen zum Pogrome spreche-1 An der Spitze der örtlichen schwarzen Bande steht de» bekannte Bischof Gcrmogen. Die Juden »lüchteu. Weitere Mddüngen über bevorstehende Pogrome aus Krementschu. G״uvernement Poltawa. aus Uomef. Minsk. Baba unj aus Kiew. Uebcrall befindet siel» die jüdische Bevölkerung in grosser Aufregung. Nach dem Pogrom 1. Die Nachforschung nach den geraubten Gegenständen. In der Jüdischen Gewerbeschule. I.ipowajastrassc. befindet sieb die Sammelstollc fiir die geraubten Sachen, soweit sie wieder herbeigesehaiit werden. Bald nach dem Pogrom suchten viele Juden mit Hilfe der Behörden ihr Eigentum zurück- I ( f I I