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Jüdische Rundschau · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I Seite 406 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 27 mir ein jfidisclier Jäger lächelnd: ״letzt wird man uns daheim nicht mehr ״Jid“ schimpfen.“ — — — _ Und noch eine Stelle aus Tolstoi (liest): . ״Jetzt, nach den Schrecken von Kiew. hhsabethgrad und nutzenden anderen Orten, jetzt, da ich weiss, wie cs gemacht, wie das Feuer entzündet und wie es gelöscht worden ist. sehe ich Ranz deutlich, dass es ihrer Hände Werk ist. Zu einer bestimmten Stunde kamen Leute die von der Polizei autReiietzt, bestochen und der Straflosigkeit versichert waren, ochrcicud und fohlend auf den Marktpint/, vernichteten und biautit‘11 alles nieder, mordeten und entehrten öfteiithch brauen. Sic zerrissen Kinder. Sic zwangen schwangere Frauen in Badewannen, verbrühten sie und warteten In kaltblütiger Fühlloslßkelt auf die Entbindung zerrissen daun das neugeborene Kind in Stücke und warfen die Stücke zum Fenster hinaus. Und die Soldaten standen in Waffen daneben und riefen der Menge zu: ..Schneller! Macht fertir! Macht fertig! Seid nicht so langsam!“ Und sie teilten die Beute mit der Polizei. Die Omzicrc schwiegen, die Polizcinspektorcu liefen umher, die Generäle ritten von einer Stelle zur andern und alles schien vorbereitet und progranungeniäss ausgcfiihrt. und alle schienen befriedigt. Diese furchtbare und dabei ruhige Haltung der Organ!- satoren. die ihre Arbeit ohne Hast und Unruhe verrichteten, ist der beste Beweis, dass die Verbrechen verübt worden sind von den Hütern des Friedens, entweder von der Polizei selbst in Verkleidung, oder von dem Volke mit ihrer Zustimmung. Und nun bemerke man die Einfachhct, mit welcher diese Metzeleien organisiert werden. Flin wcissgckleideter Mensch marschiert an der Spitze der Bande und schwenkt statt einer Fahne ein schwarzes Tuch «der rührt eine Trommel. In einem bestimmten Augenblick gibt er ein Zeichen mit der Hand und sofort stürzen sich die mit entsprechenden Instrumenten versehenen Leute auf die Läden, sprengen die Türen, zerschlagen die Fenster .und ziehen sich alsdann zurück. Sofort folgen ihnen andere aus der Bande und stehlen und plündern methodisch, ohne die lieberische Hast von Räubern, die fürchten müssen, von der Polizei verio'gt zu werden. Wenn die Diebe ihr Geschält vollendet haben, kommen die Brandstifter an die Reihe. Diese tragen!nit Petroleum getränkten Zündstoff herbei, verteilten ihn in den Läden, zünden ihn an und ziehen sich dann zu der Bande zurück, deren Vor־: trab bereits mit der Plünderung anderer Läden beschäftigt ist. So ist man in Balta vorgegangen, in Kiew unJ in anderen Städten, und das ist die Methode, nach der man in allen diesen Orgien verjährt — die Weintonnen werden der Menge zur Verfügung gestellt. — Diese kühl ausgetüfteltc Verruchtheit der {Organisatoren, die ihr Werk ruhig und ohne Hast vollbringen, ist der augenscheinlichste Beweis, dass diese Ungehcuerlichkcjten von den Hütern der Ordnung verübt sind, die mit dem Segen der Polizei Vorgehen . . .“ und so fort. Warum ich von diesen grauenhaften Dingen hier an dieser hohen Stelle spreche? Einfach darum, weil ich als Bürger eines gesitteten Staates, als Volksgenosse dieser der Barbarei und dem Fanatismus zum Opfer gefallenen Juden meine Stimme erheben muss, um die gemeinsame Regierung, um die Ocffent. lichkcit in diesem Reiche anzurufen, ob Oesterreich mit verschränkten Armen diesen blutrünstigen Attacken seines Nachbars rubig Zusehen dürfe. Ein Gefühl unsagbaren Wehs über-;kommt mich, wenn ich daran denke, wie die Verfolgung der 'Christen in China zu einem Feldzuge gegen das himmlische Reich führte — wie Serbien. Bulgarien und Rumänien ihre Unabhängigkeit gewannen, weil Europa mit Recht nicht dulden ׳ konnte, dass Christen von Türken massakriert wurden — w׳ie eine mächtige Flottcndcmoiistration im Angesicht von K011stantinopei stattfand, als das Blut der Armenier zum Himmel schrie, und wenn ich weiters denke, dass keine Hand sich gerührt hat, als man die Juden, meine Volksgenossen, zu Tausenden erschlug. Ich muss den Kelch der Leiden bis auf den letzten Tropfen leeren und muss mir sagen, dass eine Intervention europäischer Mächte, und s״ auch Oesterreichs, zu Gunsten der Juden eine unmögliche Sache ist. die man nicht erhoffen und erwarten, noch weniger fordern kann, weil die Antwort auf diese Forderung nur ein Holingcläeliter wäre. Was, Juden erschlägt man. das geht uns weiter n i c h t s a n! Ich muss traurig gestehen, dass kein Beweis von Vater-!ai.'lsliebe und Opfcrfrcudiekcit den Juden genützt hat. um die Freundschaft oder gar den Schutz der anderen Völker zu erzwingen. Uebcr 50 000 Juden haben in der Mandschure! gedient, in dem Land, von dem sic wussten, dass selbst im Fall eines Sieges ein jüdischer Fuss cs nie betreten dürfe. Ist mir ein Fall von Feigheit oder Descrtation bekannt, haben diese Juden nicht so heldenmütig für ihr Vaterland gekämpü. Wie die Russen oder Tataren? V'or den Wällen von' Plewna verbluteten Tausende Juden, um Rumänien die Freiheit zu geben, diesem Lande, das ihnen so schnöde gedankt hat. indem cs die Bestimmungen des Berfilier Vertrages vom Id. Juli IS7S, die den Juden die Bürgerrechte cinräumten. ohne viel Aufsehen einfach durch Erlassung der Gesetze gegen die ״Fremden" illusorisch machte. — — feil weiss ja. meine verehrten Herren, von einer Intervention ״,u (Imisten der Juden kann absolut keine Rede sein. Wenn aber in der nächsten Zeit die Haager Fried mskonfecenz einherufen w ird, so möge Seine Exzellenz der Herr Minister des Auswärtigen dem Anträge, der von berufener Seite und von hervorragenden Mächten Europas gestellt werden wird, nicht entgegentreten, sondern demselben im Namen Ogsterreiclis seine Unterstützung leihen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten besteht unter den Juden aller Länder eine Bewegung, die sich die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk zum Ziel gesetzt hat. Diese Bewegung hat jüdische Massen ergriffen, die Jugend dient ihr. ein grosser Teil der Intelligenz gehört ihr an, viele Tausende zionistische Vereine bestehen auf dem Erdeurunde. und man kann ohne Ucbertrcibung sagen, dass wohl der grösste Teil des jüdischen Volkes die Hoffnung hegt der Rückkehr in das Land seiner Ahnen. Damit sei keineswegs gesagt, dass irgend ein Zwang ausgeübt werden soll. Nur der Jude, der sich nicht assimilieren kann oder will, soll hinaus in das Land seiner Väter: wer sich an der Stätte seiner Geburt wohl fühlt und sich eine Existenz gegründet hat. von der er hoffen kann, dass sie ihn und seine F'amilic in ehrlicher und ehrenhafter Weise durchs Leben führt, bleibe, wo er ist. Der Zionismus ist eine grosse kolonisatorische Wohlfahrtsbewegung. von der Wohltaten und Almosengeben ansgcschaltet sind. Aus eigener Kraft soll der Jude das Brot sich schaffen, mit seinem Schwcisse soll er den Boden düngen, der ihm ein geheiligter ist. Diese Bewegung ist gross und so erhaben, dass ihr jeder Europäer, ob Christ oder Jude oder Türke, zustimmen sollte. Diese Bewegung ist aber nicht nur idealistisch, sie ist auch eminent praktisch, denn sie löst mit einem Schlage die Judenfragc. Man kann wohl Juden brandschatzen und töten, das jüdische Volk aber kann inan nicht erschlagen. Die so viclgerülimte Methode des Hängens, Köpfens oder Spiessens wird wohl schwerlich in Europa in Anwendung gebracht werden können und doch drängt die Judenfrage zur Lösung nicht nur deswegen, weil cs nicht .augclit. mehr als acht Millionen Juden in einem Ausnahmszustande leben zu lassen, sondern schon deswegen, um das Leitmotiv allen jenen Parteien und Bestrebungen zu nehmen, die unter dem Vorwände des Judenhasses eine allgemein zerstörende, zersetzende und verheerend• Tätigkeit auf dem Gebiete des Fortschrittes und .der Menschheit entfalten. Die zionistische Bewegung hat nichts Utopisches mehr an sich: sic ist das Ziel der Arbeit reifer Männer und bildet den Gegenstand ernster Erwägungen. Politische Machtiaktoren. regierende Persönlichkeiten und Staatsmänner sind zur Erkenntnis gelangt, dass die Judenfrage ein Problem sei. dessen vernünftige Lösung der Zionismus anstrebt. Im Sinne dieser Erkenntnis laufen Bemühungen, die Judenfrage auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz zu setzen. Ich erlaube mir daher. Seine Exzellenz den Minister des Auswärtigen zu bitten, die Intervention, die wir bei den russischen Massakres vermisst haben, nun In der Welse zu üben, dass unsere gemeinsame Regierung diesen Bemühungen sich nicht widersetze. sondern im Gegenteil ihnen Ihre wärmste Sympathie und Unterstützung angedeihen lasse. Es verlautete auch schon in den letzten lagen, dass die russische Regierung in! Herbste dieses Jahres an die Aufnähme einer neuen Anleihe schreiten will. Nach den bekam!• ten Ereignissen ist zu erwarten, dass die europäischen Banken darauf wohl nicht cingehen werden, und wenn ich einen Vorwurt gegen die Regierung erhebe, so ist es der. dass man die Banken und Haukimlen erst dazu verleitet und dies dann gegen die ganze Judcnsclmft ausniitzt. Meine Herren! Wir schenken ihnen diese Bankluder!, die von der Regierung beeinflusst und veranlasst werden, bei der Aufnahme derartiger Schandunlchen mitzuwirkeu und die ihr eigenes Volk in Misskredit bringen. Das Regime Wittes in Russland war gleich jenem des bvriiehtigten Plehwc ein schändliches. Er der da* Massenatispeitsclmngcn in Tw־cr, Kiew־ und Samara durchführen liess. der durch seine Massnahmen die russischen Gefängnisse. Arreste und Kerker hat füllen lassen, er.- der das Blutbad in Moskau hat »uriehten lassen, er war der Vertrauensmann des

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