Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 27 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 405 sein, ich wurde es aber für verkehrt halten, wenn der Verein es als seine Hauptaufgabe betrachtete, die Palastinakonimission materiell zu unterstützen. Will unsere Organisation eine leistungsfähige Palästinakonunission haben, so muss sie schon selbst die nötigen Geldquellen dafür ausfindig machen, und der einfachste und gradeste Weg scheint mir der Palästina-Schckel zu sein. Nun noch zum Schluss einige Worte über die Palästinakommission selbst. Sic sieht bekanntlich ihre Hauptaufgaben 1. in der wissenschaftlich-wirtschaftlichen Erforschung Palästinas (literarische Studien, Versuche und Expeditionen), j i 2. in der Verbreitung dieser Kenntnisse durch Schrift und Wort (Korrespondenz, ALTNEULAND, Ferienkurse), 3. Vorarbeiten und Anregung zu wirtschaftlichen und kulturellen Unternehmungen (Palästina-Handelsgesellschaft, landwirtschaftliche Versuchsstation. Oelbaumspende, Bezalcl, Pflanzungsverein Palästina, Industrie-Syndikat für Palästina), 4. bildet die Palästinakommission den Beirat des Aktionskomitees in wirtschaftlichen Palästinafragen, und 5. die vorläufige Verwaltungsstelle der Ländereien des Nationalfonds. Vorläufig sage ich deshalb, weil selbstverständlich bei zunehmender wirtschaftlicher Aufschliessung Palästinas auch dorthin die Zentrale für die Verwaltung der Ländereien des Nationalfonds kommen muss. Die Palästinakonunission hat dann i!1 dieser Frage nur noch den Beruf, die Forderungen der palästinischen Konimission der Zentrale gegenüber zu vertreten resp. letztere in ihrem Verkehr mit den Palästinern zu beraten. Schon jetzt ist cs durch Uebersiedclung einiger Aktionskomitecmitglieder nach Palästina möglich geworden, einige der von hier aus schwer zu führenden Verwaltungen ' des Aktionskomitees palästinischen Kommissionen anzuvertraifen. Die meisten aufgeführten Aufgaben werden aber der Palästinakommission noch lange verbleiben müssen, da wir leider keinen Grund haben, hoffen zu können, dass Palästina sich für uns zu einem Zentrum Wissenschaftlicher Bestrebungen und zu einem kapitalkräftigen Land schon bald entwickeln wird. Aber der Weg dahin ist offen, es wird von unserer Energie abhäugen, wann wir unsere PalästinaarbeL hier schliesscn und die weitere Entwicklung dem Lande unserer Väter selbst werden überlassen können. Möge jeder Zionist durch Unterstützung der Palästinaarbeit sein Scherflein dazu beitragen, dass dieser Zeitpunkt nicht .allzufern lielgt. (Langanhaltender Beifall.) Aus der Rede des Abgeordneten Dr. Straucher In der Delegation des Reichsrats am 21. Juni 1906 Wir können leider Raummangels halber aus dieser sachlieh so interessanten und bedeutsamen Rede nur einige ganz kurze Auszüge bringen, und knüpfen daran den Wunsch, dass die Rede in einer Massenauflage dem jüdischen Publikum bald zugänglich gemacht wird: M-Am IS. Oktober 1905 begannen die Plünderungen in Kiew, die Häuser, in denen die Juden wohnten, waren bezeichnet; die jüdischen Kaufläden wurden auf ein gegebenes Zeichen aufgebrochen und die Waren hinausgcschleudert Das Publikum wurde aufgefordert, sich an der Plünderung zu beteiligen. Alt und Jung. Knaben und Mädchen. Soldaten und Offiziere, Beamte, elegant gekleidete Damen. Dienstmädchen, Polizisten, alle, die nicht Juden waren, raubten und ieder Jude, der sich zur Wehr setzte, wurde auf bestialische Weise erschlagen. Kaum hatte die tierische Menge Blut geleckt, ging sie hinaus in die Vorstadt, und ein Sterben begann unter den Juden, so grauenhaft, so schrecklich und so furchtbar, dass das Herz im Leibe erstarrt, denkt man daran! Fünf Tage dauerte die Schlacht in Odessa, viele Hunderte Juden wurden getötet, viele Tausende schwer verwundet. Tausende und Abertausende um Hab und Gut und ati den Bettelstab gebracht. Ganze Häuserzeilen wurden dem Erdboden gleichgcmaclit. Im Hause 79 der Judengasse in Odessa wohnten 78 jüdische, schwer arbeitende Familien, meistens Handwerker. Hie« fand man am dritten Tage 17 Tote und 54 Schwer erwundete, die dem Tode nahe waren, von den vielen Leichtverwundeten nicht zu reden. Dieses grosse vierstöckige Haus war durch und durch zerschossen, alles war vernichtet, und nur die firmsten Ucberrestc von Kleidungsstücken. Handwerkzeugen und Möbeln, die mit Blut getränkt waren. Hessen erkennen, dass auch hier einst Menschen gewohnt hatten. Am zweiten Tage legte der Dampfer ״Ismail“ in Odessa an. Auf die Bitten der zu Tode geängstigten jüdischen Reisenden kehrte der Kapitän auf die hohe See zurück. Die jüdischen Passagiere glaubten sich gerettet da kamen die Matrosen heran und forderten Geld. Diejenigen, die genügend Geld bei sich hatten, bezahlten •für ihr Leben, die nichts oder nur wenig hatten, wurden einfach über Bord geworfen! Als die Juden in Odessa sich zu flüchten begannen und alle Züge benützten, wurde diese Flucht gleich Iiiuausgemeldet; kaum war der erste Zug in der nächsten Umsteigestation, Rastelnaja, angelangt.• als sich der Pöbel unter Führung von 14 Eiscnbalmbedicnsteten auf die Juden warf und 39 Juden in den Waggons tötete. Damit kein Jude entkommen könne, hatte der Stationsvorstand vorher alle Ausgänge absperren lassen. So geschehen im Jahre des Heils 1905. Das Resultat der Massakres in Odessa war ein glänzendes. Einen ganzen Bezirk hatte man fast vernichtet, viele Tausende wurden schwer verwundet, und die Zahl der den Massakres sofort zum Opfer gefallenen Juden ist bis heute amtlich noch nicht bekanntgegeben worden. Ganze Familien wurden erschlagen, viele Tauseifde Familien wurden zu Grunde gerichtet. Ucber 30000 Menschen mussten nach den Massakres in verschiedenen Lehranstalten. Spitalern, Kasernen und sonstigen Unterkunftsstcilcn ein- Quartiert werden. Der fünfte Tag hatte in Odessa allein 350 Kinder zu Waisen gemacht! Und diese Opfer waren Juden, brave, ehrliche, vaterlandsliebende Juden, die willig ihre Blutsteuer zahlten, die treu ergeben dem undankbaren Lande dienten, die alle Ausnahmebestimniungen und Gesetze geduldig auf sich nahmen, nur um in diesem Lande, das trotz seiner Schrecknisse ihne1־ so teuer ist weiter leben zu können. Ich möchte nur hier einige Stellen aus einem offenen Briefe des bekannten russischen Schriftstellers und Kriegsbcrichterstattcrs Nernlrowltsch-Daiitschenko zitieren. Er sagte (liest): «Die Greueltaten der Baschi-Bodzuks, die ganz Europa erzittern machten, gaben im Jahre 1877 bis 1878 den Anlass zum türkischen Kriege; aber was für Stümper waren schliesslieh die muselmännischen Fanatiker gegen unsere .Schwarze Bande“! Diese haben sich sogar den Ruf erobert, kleinen Kindern den Kopf abzuschlagen, Frauen den Leib aufzuschlitzen und mit Federn vollzupacken. Ich muss an die jüdischen Soldaten denken, die neben ihren russischen Brüdern auf dem Felde der Ehre hingestreckt wurden und über die in offiziellen und nlchtoftizlelleu Berichten viel Heldenmütiges gesagt wurde. Diese selben Juden, die letzt geschlagen werden, lagen in den Lazaretten mit tödliehen Wunden neben ihren russischen Kampfesgenossen. Ich entsinne mich, wie nach einer verzweifelten Schlacht eine Rotte in Nacht 1׳nd Nebel auszog. um einen jüdischen Helden zu suchen, der im schwersten Artilleriefeuer die russische Fahne verteidigt hatte. Unvergesslich wird mir auch ein anderer Jude bleiben, der unter den feindlichen Geschossen den Schaho durchschwamm, verwundete Soldaten zu retten, die im Gefechte vergessen worden waren. Auf keinem Gebiete stand das jüdische Militär hinter dem russischen zurück — aber unter den plündernden und besoffenen Soldaten sind mit keine Juden begegnet. Sic haben hingegen alle Unbilden des Krieges, wie: tropische Hitze, die sintflutlichen Regengüsse, Hunger. Kälte und Anstrengungen mit der grössten Selbstbeherrschung und tapfer ertragen, ebenso wie die Polen Russen und Tataren. Nach einer Nacht der schrecklichen Qual sagte