Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile #1 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 27 verhindern noch die traurigen Zustände in Russland eine energische Agitation zugunsten der Bibliothek. Der Ausbau des kleinen, von Prof. Schatz im Zusammenhang mit dem ״Bezalel“ begründeten M u - seums wird wohl geringere Schwierigkeiten machen; jedoch muss sich erst die Schule des ״Bczalel“ als lebensfähig erweisen, bevor man das Sammeln von Oel־ dern und Kunstgegenständen für das Museum in stärkerem Masse betreiben kann. Alle diese Bestrebungen erfordern aber Mittel, die wir Zionisten aus unseren laufenden Einnahmen nicht zu bestreiten vermögen. Selbst wenn ein obligatorischer Palästinaschekel eingeführt werden sollte, so wurde er niemals genügen können, um die Nationalbibliothek, das Museum, uic Schulen beträchtlich zu unterstützen. Wir halten daher die Begründung eines Palästina-K ulturfonds für eine ebenso wichtige Aufgabe wie die Schaffung eines Agrarfonds. Eine kleine, schon jetzt ausführbare und vermutlich nur geringere Mittel beanspruchende Aufgabe möchte ich ganz speziell den deutschen Zionisten ans Herz legen, das ist die Bekämpfung der Malaria in Jcrusalern. Bekanntlich gibt cs keinerlei Sümpfe bei Jcrusalern, und die Malaria hat fast ausschliesslich ihre Brut- Stätten in den Zisternen der Stadt, die Schlupfwinkel und Brutplätze der Malariamücke darstellen. Es sollte doch nicht schwer sein, unter Leitung eines geeignet vorzubildenden Arztes in Jerusalem eine Organisation zu schaben, welche die Ueberwachung, Desinfizierung und Ausräucherung der Zisternen sich zur Aufgabe stellt in der Art der englischen Mosquitobrigadcn, die in Westafrika und Port Said so ausserordentlich günstig gewirkt haben. Ich möchte Vorschlägen, dass die zahlreichen Aerzte, die hier versammelt sind, die Sache in die Hand nehmen und zum Studium und zur Durchführung dieser für Jerusalem eminent wichtigen Angelegenheit eine Kommission bilden, welche von der deutschen Landeszentrale mit den zur Vorarbeit nötigen Geldmitteln versehen werden könnte. Was die Schaffung des Agrar-und Kulturf o n d s betrifft, so Ist meine Ansicht die, dass die Bank jährlich eine gewisse Summe aus ihrem Gewinn für den Agrarfond zurücklegen sollte, und dass andererseits die Aktionäre ersucht werden sollen, ihre Kupons haupt- Jerusalemischen Tempelruinen und deren noch erhaltener Westmauer, und von den indischen Stämmen der Bene-Dom und Bene-Mosche, welche noch zur Regierungszeit des Königs Salamanassar Palästina verliessen und jetzt irgendwo hinter unbesteigbaren Bergen und wmderbaren Flüssen leben; dies alles berichtete er ausführlich und genau detailliert, so dass man den Eindruck gewann, er stehe mit den B’ne-Dom und B’ne-Mosche in ununterbrochenem, direktem Brief- Wechsel. Seine Erzählungen klangen stets dahin aus, dass die Ankunft des Messias nicht mehr fern sei, dass von den erwähnten beiden Stämmen schon die nötigen Vorbereitungen für seinen Empfang getroffen worden seien und dass er nicht vergebiieh zuweilen im Traume die Posaune des Erzengels Michael höre. Diese Geschichten rührten uns bis zu Tränen; wir nahmen uns dann stets fest vor, den Talmud fleissig zu studieren und den Herrgott inbrünstig anzubeten; merkwürdigerweise verschwand aber, sobald Rabbi Tanchum den Cheder verlassen hatte, allmählich auch der tiefdemütigende Eindruck seiner Geschichten und gegen Abend waren wir wieder dieselben Faulenzer wie vorher. sächlich diesem Fond zur Verfügung zu stellen. Für die Speisung des Kulturfonds hingegen sollte Jede Ortsgruppe in jedem Jahre eine Festlichkeit veranstalten, und zwar, da cs sich um Aufgaben handelt, an denen auch Nichtzonistcn sich gerne beteiligen werden, in einer Form, welche die Nichtzionisten ’nicht verletzt. Gerade die Veranstaltungen der Propagandakomuiission in Berlin in diesem Winter haben gezeigt, dass dieses unschwer möglich ist. Würde man hiermit gleichzeitig einen Verkauf von Palästinaprodukten und Kunstgcgenständen des ״Bezalcl“ verbinden, so würde man einen dreifachen Zweck damit erreichen: unauffällige Agitation für die zionistische Bwegung, Speisung des Kulturfonds und Unterstützung der wirtschaftlichen Bestrebungen in Palästina. Was die hier gleichfalls zur Diskussion stehende Einführung eines Palästina Schekels betrifft, so bin ich natürlich ein Anhänger desselben. Die Abgabe muss aber für jeden Zionisten eine Steuer sein, kein Geschenk; jeder Zionist soll dadurch das Bewusstsein gewlnncn, dass, es seine Pflicht ist, auch für Palästina sein Scherflein beizutragen. Daher wäre ich auch, wenn es sich durchführen lässt, für eine obligatorische Steuer; lieber wurde ich einen kleineren, vielleicht von den einzclnen Ortsgruppen festzusetzenden Minimalbctjag sehen als die Degradierung zu einer blossen Gabe. Was den Palästina verein betrifft, so können wir die Gründung desselben natürlich mir begriissen; einen Ersatz für die Palästinasteuer bietet er aber nicht. Nur wenn letztere abgelehnt werden würde, wäre er ein notdürftiges Surrogat. Hingegen glaube ich, dass ein solcher Verein neben der Palästinasteuer durchaus seine Berechtigung hat; hier würden sich alle dieienigen unter den Zionisten zusaminenfiiiden, die den Drang nach Arbeitsbetätigung in Palästina besitzen, und binnen kurzem werden sie einen Kreis von Aufgaben sich geschaffen haben, deren Lösung sehr viel zur Entwicklung des Landes beizutragen vermag. Mit Recht wird hervorgehoben, dass gen. Verein auch. Nichtzionisten beitreten werden, und man kann hoffen, dass er bei tätiger Arbeit sich mit der Zeit zu einer fruchtbaren Ergänzung des bekanntlich nur auf die Landwirtschaft beschränkten Vereins ״Esra“ auswachsen wird. Die Verbindung mit der Palästinakommission wird natürlich eine engere Am Dienstag pflegte uns Rabbi Motele zu unterhalten; er war ein junger Melamed mit hellen Augenbrauen und Wimpern und stand unter dem Protektorat und moralischer Abhängigkeit von unserm Rabbi Meir. Er katn nie allein, sondern stets in Begleitung seiner sämtlichen Zöglinge, welche Rabbi Meir jedesmal einer Prüfung unterzog. Wir freuten uns, sobald wir diesen jugendfrischen Rabbi Motele sahen, wie er sich um die Gunst unseres Melamed bewarb, ehrerbietig seinen Bemerkungen lauschte und jedesmal vor Freude strahlte, wenn Rabbi Meir seine Unterrichtsmethode approbierte und die Fortschritte seiner Schüler ko!!- statierte. Augenscheinlich, dachten wir uns, ist unser Melamed ein ganz famoser Lehrer, und es schmeichelte unserm Ehrgeiz, dass gerade wir das Glück hatten, zu den Füssen eines so berühmten Mannes zu sitzen. Mit Verachtung sahen wir aui diejenigen Jungen herab, denen dieses Glück nicht zuteil wurde, denen wir aber trotz alledem die Pieifenrohrprärogative gern überlassen hätten. (Fortsetzung folgt.)