Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 27 JÜDISCHE RUNDSCHAU -Seite 403 Spanien vertrieben wurde, dessen Leben in Russland von Chmelniekis Zeiten bis zu den Tagen von Kisehincw und Kiew, von Hornel und Bialystok durch eine einzige breite Blutspur in den Blättern der Geschichte bezeichnet wird, diesem flüchtigen Volke eine Ruhestätte gewährt zu haben, wäre ein Ruhmestitel,' ebenso unvergänglich wie die Lebenskraft des Jüdischen Volkes, das niedergetreten und geknechtet, aber nicht vernichtet werden kann. Möge den flüchtigen Juden noch einmal von Holland aus die Sonne der Freiheit leuchten. Gr.Tanunuz 5660. W. Andcrvogcl. Palästinafragen Referat des Mitgliedes des Engeren A.C. Prof. O. Warburg auf dem Delcgicrtentage in Hannover. (Schluss.) Die Hauptsache muss der Privatinitiative überlassen bleiben, und wir meinen, dass cs am besten sein würde, wenn diese Fragen von einem eigens hierfür begründeten und kaufmännisch geleiteten Industriesyndikat studiert und in •den günstige Resultate versprechenden Fällen durch Gründung von Gesellschaften in die Praxis umgesetzt würden. An dem Syndikat, dessen Kapital wir im Minimum auf 100 000 Mk. veranschlagen, in Anteilen von 1000 Mk. mit Anzahlungen von 500 Mk., sollte natürlich auch die Bank beteiligt sein, schon damit sie das nötige Interesse für die Tätigkeit des Syndikats auch dauernd bewahrt. Werden gut durchstudierte und ausgearbeitetc Projekte vorgelegt, so sollte es nicht allzuschwer sein, die nötigen Kapitalien dafür aufzubringen, zumal da momentan ja in Russland gerade iüdischerscits viel Geld brach liegt, welches die Besitzer sehr gerne jn rentabel erscheinenden Unternehmungen in Palästina anlegen würden. Schon haben sich für einige der Unternehmungen kapitalkräftige Interessenten gemeldet. Es ist ja auch klar, dass solche von grösseren Gruppen und von unserer Bank gestützte Unternehmuugen den ungünstigen Verhältnissen in der Türkei weit leichter Widerstand leisten können als Einzelpersonen,, namentlich, wenn es Ausländer sind, die, wie die Russen und Rumänen, bei ihrer Regierung häufig' keinen genügenden Schutz finden. Was schliesslich die kulturelle Hebung Palästinas betrifft, so hat sich ein erfreuliches Zusammenarbeiten der Zionisten mit dem ״Hilfsverein der deutschen Juden“ angebahnt. Die ״Alliance“ wandelt zwar noch in Palästina ihre eigenen, wenig erfolgreichen Wege, aber es ist doch infolge der Bildung der deutschen Konferenzgemeinschaft der ״Alliance“ eine Möglichkeit vorhanden, auch sie eines bessern zu belehren. So sehr wir auch die Tätigkeit der ״Alliance“ in den anderen Landern des Orients zu schätzen wissen, so können wir doch nicht umhin, cs für höchst bedauerlich zu halten, dass die ״Alliance" es ablehnt, in Palästina mit den wenigen anderen Institutionen, die den Kultunortschritt in Palästina erstreben und vertreten, genfeinsam zu arbeiten. . Neben dem Verein ״Be za lei“, der seit März in Jerusalem seine Schule für Kunstgewerbe und Hausindustrie eröffnet hat und die zclmiachc Zahl an Anmeldungcn hat, als er aufzunchmcn in der Lage ist, ist es vor allem die Frage der Errichtung einer Mittelschule resp. eines Realgymnasiums in Jerusalem, die stark ventiliert wird, und die auch der Hilisverein auf unsere Anregung; hin mit in sein Programm aufgenommen hat. Im wesentlichen handelt es sich hierbei nur um die, Aufbringung der nötigen, recht erhebliehen Fonds, da cs nicht möglich ist, die Anstellung der Lehrer und den Bestand der Schule von ungewissen Jahresbeiträgen abhängig zu machen. Erst nach Vollendung der Mittelschule, also frühestens in 4 Jahren, wird man >m die Gründung einer Hochschule denken können. Eine weitere, sehr wichtige Auigabc ist die Errichtung von Schulen in den kleineren jüdischen Gemeinden Palästinas, wie z. B. in Gaza und Hebron, damit die jiidisehen Kinder nicht genötigt sind, die überall vorhandenen christlichen Missionsschulen zu besuchen; auch hierbei ist ein Zusammenarbeiten mit dem Hilfsverein das Gegebene. Die Ausführung der Beschlüsse des letzten Kongrosses bezüglich der Nationalbibliothck musste leider infolge der pekuniären Verhältnisse unserer Organisation noch unausgeführt bleiben, und auch jetzt seinem Erscheinen lachten und jauchzten alle. Schon auf der Schwelle rief er ״Gott helil“, ging auf unsern Melamed zu und fragte ihn, vor ihm stehen bleibend: ״Haben Sie eine Prise Tabak?“ Nachdem er an uns Katzenköpfe ausgeteilt und mit jedem seinen Spass getrieben hatte, licss er sich auf das umgestürzte Taburet nieder und begann seine fabelhaften Geschichtchen von den Franzosen, deren er sich noch zu erinnern wusste, von denen er aber auch schonungslos log. Was für wunderbare Märchen erdichtete er über jene wcltbew.cgende Zeit! Einst erzählte er, dass zur Franzosenzeit soviel Gold im Verkehr war, dass die Strassen unpassierbar waren, so dass man mit Schaufeln den Weg bahnen musste. Eines Tages habe er zum Samstag einen Hecht gekauft, in welchem er, als er ihn aufschnitt, fünfzehn holländische Dukaten fand, wofür er einen Fuchspelz erwarb. Auf die bescheidene Anfrage, weshalb er sich damals nicht für das ganze Leben genügend mit Geld versehen habe, erwiderte er, cs habe sich nicht um die Ansammlung von Vorräten gehandelt. Er habe Fässer mit Gold gefüllt und sie verscharrt, aber nach Abzug der Franzosen aus Russland sei das Geld spurlos verschwunden gewesen, als sei es durch die Erde hindurch entwendet worden. ״Sie sehen wohl,“ fügte er seinem Bericht hinzu, ״es war des Teufels Gold; einigen erging es jedoch recht wohl, sie erbauten pompöse Häuser und überhäuften ihre Kinder mit Reichtümern. Die minder Glücklichen blieben arm, — es war eben Glückssache!** Rabbi Meir war dem schlauen Brotbäcker ob seiner lügenhaften Neigung abhold, dennoch erwiderte er nie etwas und bestritt seine fabelhaften Geschichten weder, noch entlarvte er sie, — weil er in diesem Falle hätte sprechen müssen. Er liebte es aber, stets Stillschweigen zu beobachten. Am Montag besuchle gewohnlich Rabbi Tanchum unsere Glieder, ein hocTTge* wachscncr, hagerer Greis mit sonnenverbranntem, abstossendem Gesicht, der in Lumpen gehüllt war und in vollständig abgetragenen, zerfetzten Pantoffeln einherschritt, in einer Hand einen schweren Eichenstock und in der andern eine Blechbüchse mit Dcckeliuschriit tragend. Dieser Rabbi Tancluim sammelte immerzu Liebesgaben für verschiedene^ angeblich wohltätige Zwecke, und unser Lehrer wart allwöchentlich einen Groschen in die Büchse.. Nachdem er ein Priesdien genominell und sich neben Rabbi Meir niedergelassen hatte, begann auch er seine Erzählungen besonderer Art. Sie handelten nämlich von Palästina, von den