Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 402 No. 27 JÜDISCHE ist selbstverständlich. Schlau sind die Magyaren immer gewesen, so schlau, wie die ungarischen Juden politisch naiv, und das will doch wahrlich viel sagen. Aber die galizischen Juden, die sich in Ungarn niedergelassen haben, werden aus dem Heim verjagt, in dem sic sich seit ein und zwei Jahrzehnten redlich ernährt haben. Dass die ungarischen Juden oder -- denn wir wollen sic nicht in ihren patriotischen Gefühlen verletzen — die Magyaren mosaischer Konfession diese Vertreibung und das Weiterjagen der verfolgten russischen Juden ohne sich zu mucksen, zulassen, beweist, dass sie ihre Metzger selber wählen. Sie verfolgen dieselbe Politik wie die freisinnigen Abgeordneten deutscher Nation aus der Provinz Posen, die zufällig mosaischer Konfession sind und die cs ebenfalls ausgezeichnet verstehen, den Kopf ln den Sand zu stecken, wenn sic Gefahr wittern. Sie brauchen sich dieser altbewährten Politik nicht zu schämen. Kein geringerer als der allergrüsste unter den Vögeln macht es genau so. Aber die Tatsache besteht, ״dass die russischen indischen Flüchtlinge in Ungarn hur das Durchzugsrecht haben, sieh dort aber nicht länger anflialten dürfen“. Und welches Land macht cs anders? Dabei ist.es ganz gleich, ob ein besonderes Einwanderungsgesetz ad hoc geschaffen wurde, oder ob die alten Polizeigesetze genügen, das Land von einer Einwanderung frei zu halten, die von einer herrschenden iremden Rasse als Unerwünscht angesehen wird. Den Juden gegenüber verfolgen heute alle Länder, tnit einziger Ausnahme des Türkischen Reiches und seiner Nebenländer, die Politik der verschlössehen Tür. Die aus dem brennenden Hause Flüchtendert stehen überall vor solchen verschlossenen Türen Und haben nur die Wahl, im Feuer umzukommen, oder sich In das Wasser zu stürzen. Dadurch wird das weitangelegte Werk, das der Zionismus für das Jüdische Volk bedeutet, immer mehr zu einer gebieterischen Frage für die nächste Zukunft und für die Gegenwart. Wer es nicht mitansehen will, dass die Millionen der Vcrfolgten einfach zu Grunde gehen und qualvoll psychisch und physisch zu Tode gemartert werden, der muss seinesteils dazu beitragen, dass es unmöglich wird, dass die nächste Haager Konferenz achtlos an dieser Frage Das Schulgespenst (lilK0no60a3Hb) Humoreske aus der jüdischen Vergangenheit in Lithauen. Von Leo Lewanda. Aus dem Russischen übersetzt von W i 11 iam Zei tlin. ' (Fortsetzung.) VI. Obwohl Rabbi Mcir bekanntlich stets mürrisch und verschwiegen war und fast immer wie ein Einsiedler lebte, so pflegten dennoch sonderbarerweise die Leute gern mit ihm zu verkehren; Sie kamen zu ihm, um freundschaftlich mit ihm zu plaudern und seine Meinung in solchen Angelegenheiten zu hören, von denen er niemals eine Ahnung hatte. Allerdings erteilte er, soweit ich mich erinnere, auch niemand seinen Rat, er antwortete nur äusserst selten und stets nur durch Kopfnicken, trotzdem aber glaubten die Leute, seinen Rat nicht entbehren zu können, — weshalb sie ihm denn auch beim Verlassen des Chedcr jedesmal für den erteilten guten ״Rai“ aufrichtig dankten. Wahrscheinlich spielte dabei der Glaube die Hauptrolle: Die Leute glaubten, dass unser Rabbi ein vernünftiger, cinsichts- RUNDSCHAU 1 vorübergeht, und muss daran arbeiten, dass sic Stellung ן zum Zionismus nimmt, der einzigen Lösung der jedenfrage, die zugleich human und im Interesse aller europäischen Staaten und Völker gelegen ist. Der Zionismus ist eine politische Bewegung. Er nimmt daher jedes politische Mittel in Aussicht zur Erreichung seines nationalen Zweckes. Solche politischen Mittel sind die Besiedelung Palästinas mit jüdischen Handwerkerii, Ackerbauern und Gewerbetreibenden, solches Mittel ist auch die-Zusammenfassung der Juden in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes, ein solches ist aber nicht minder die Erlangung der Zustimmung der Völker und ihrer Regierungen, um das Ziel des Zionismus zu sichern. ״Der Speer, der die Wunde schlug, soll nach alter Uebcrliefcrung sic auch!teilen. Das despotische Russland, das die schweren und allerschwersteti Wunden •dem jüdischen Volkskörper geschlagen hat, hat die Anregung zu den Haager Konferenzen gegeben. Das freiere Russland, die aufstrebende Volksvertretung wird vielleicht die Hand dazu bieten, dass auf der zweiten Haager Konferenz auch das Schicksal des Jüdischen Volkes besprochen und ein Weg in zionistischem Sinne Ungeschlagen wird. An das holländische Volk, dem die holte Aufgabe und Ehre zuteil wurde, diesen Selticdsgerichten Ort und Leitung zu geben, aber sollten sielt die Juden aller Länder mit Vertrauen wenden. Diese an Zahl kleine Nation, die an historischer Grösse sieh mit den ruhmvollsten Nationen aller Zeiten ebenbürtig messen kann, war es, die zuerst Menschenrechte und Bürgerrechte den Juden verlieh, ohne jemals von ihnen zu verlangen, dass sie um dieser willen ihre eigene Nationalität aüfgeben sollten. Sie wird ant ehesten in Erinnerung ihres glorreichen Frciheitskampfcs verstehen, dass es ein neuer Ruhmestitel wäre, den Weg gebahnt zu haben zu der Freiheit einer Kulturnation, die den Grund gelegt zu aller ethischen" Ku!tur der abendländischen Welt, und die es wohl verdient hat, dass cs ihr vergönnt sei, auf heimischem Boden den Faden der Geschichte fortzuspinnen, den die erbarmungslose Hand des römischen Eroberers abgesclinitten hat. Dem flüchtigen Volke, das in Rom vernichtet, das von Frankreich verbannt, aus England, Deutschland und voller Mann sei. Dies genügte, um bei ihnen die Ueberzeugung zu befestigen, dass er ihnen bei der Lösung schwieriger Lebensfragen hilfreich sein könne, — obwohl sie von ihm niemals auch m.r ein einziges, bestimmtes Wort erfuhren —• weder Ja! noch Nein! Wie dem nun auch sei, uns war der Umstand, dass Leute unseren Mclamcd als einen Weisen achteten und seinen Rat einholten, höchst willkommen, weil er uns häufige Erholungsmomente verschaffte, welche uns nie überflüssig erscheinen konnten. Der Unterricht lastete so drückend auf uns, dass jede gelegentliche Unterbrechtmg als eine Wohltat des Himmels mit Freude begriisst wurde. Unser hcisscstcr Wunsch war der. dass die Leute recht viele Sorgen und geschäftliche Wirren haben möchten, um noch häufiger den Rat unseres Lehrers in Anspruch zu nehmen. Abgesehen von zufälligen Besuchern hat unser Chcder auch seine regelmässigen, ständigen, welche periodisch zu bestimmten Tageszeiten erschienen und den Unterricht störten, wofür wir auch ihnen natürlich sehr dankbar waren. $0 stürzte z. B. jeden Nachmittag unser alter lustiger Nachbar, der Brotbäcker Jankel, ein Grossmaul und Possenreisser, lärmend herein. Bei