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Jüdische Rundschau · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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u tibi) Abonnementspreis tfnschllessllch LITERATURBLATT *teritljihrlich: 1. durch dlo Expedition: i) In Berlin —,90 Marie, b) nach aus* vXrts 1,— Mark, c) für das Ausland 1^) Mark. t. bi Fttlahonnement 1,25 Mark. Insertloneprefs Alt •!«־gespaltene Petit-Zelle oder deren Raum 25 Pfennig. Allgemeine Jüdische Zeitung Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 3387. Expedition und Adresse für Geldsendungen and Bestellungen: Verlag JQdltch« Rundschau, E. 0. m. b. H, Berlin N.&4, Auguststrau• 49a. Nummer 27 Oeaehiftaatandea der BapeVUtloo täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vor* mittags 10—1, nachmittags 3—7 Uh*. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. . ,.... mmm. 11 ... ■ ■■Wgggglggrgff Berlin, 13. Tammuz 5666— 6. Juli 1906 XI. Jahrgang Flüchtlinge ״Viele russische Juden, die aus Bialystok und anderen Orten, wo Judemnetzeleien stattgefunden haben, oder aus Furcht vor den bevorstehenden Juden- Verfolgungen Russland verlassen haben, ililchteteii nach Rumänien, wo sic jedoch infolge des bekannten Judengesetzes nicht geduldet werden. Sie treffen nun!nassenweise über Prcdeal in Ungarn ein. Der Minister des Innern hat jetzt den Qrenzbehörden eine noch unter Tisza erlassene Verordnung zur strengen Beachtung empfohlen. Nach dieser Verordnung haben die r u s s i - sehen jüdischen Flüchtlinge ln Ungarn nur dac Durchzugs recht, dürfen sich aber hier nicht länge* aufhalten.“ Diese kurze Zeitungsnotiz lässt an Trockenheit der Berichterstattung-, nichts zu wünschen übrig. Wie viel Tränen, welche Unsumme von Verzweiflung sie für die davon Betroffenen in sich birgt, davon geben die kalten Zeilen keinen Begriff. Wer sogar durch eigenes Elend imstande ist, sich ein Bild von fremdem Unglück zu machen, ist doch nicht in der Lage, zu begreifen,, was es heisst, wenn ein Volk auf der Flucht ist, ein ganzes Volk, das aus einem Lande sich retten möchte, in das I es durch die Schrecknisse des deutschen Mittelalters mit Feuer und Schwert, mit Blutbeschuldigungcii und Hostienverleumdungeii, mit Bruimenvergiftungeii und schwarzem Tod, mit Judenverfolgungen und Judeimot in der gleichen Weise liineingctrieben wurde, nachdem es ein ganzes Jahrtausend dazu beigetragen hatte, in Deutschland Kultur und Bürgerstand mit zu schaffen. Damals öffnete sich ihnen das gastliche Polen, das den Hass und die Verachtung, aber auch den Wirtschaftliehen Segen auf sich nahm, der mit der Aufnahme der verfolgten Juden zusammeiiliing. Als dann Spanien seine Juden vertrieb, die länger als die Romanen und länger als das Christentum dort sassen, die am allermeisten mit den stammverwandten Arabern zur Blüte Spaniens beigetragen hatten, da öffneten sich die Pforten des kleinen und doch so grossen Holland fiir eine kleine Zahl Auscrwählter und die breiten Tore des gastlichen islamischen Tüikischen Reiches, das nicht um des Vorteils, sondern um der Menschlichkeit willen den Hunderttausenden spanischer Juden willig Raum und Recht zum Leben einräumte. Das Mittelalter ist vorüber. Aber der Messer, mit denen man die Juden schlachtet, sind nicht weniger geworden. Das ganze christliche Europa schaut gemächlich zu, wie man alle Schandtaten aller Jahrhunderte gemeinster Rohheit übcrbictct, für die die heidnischen Völker nicht genug Erfindungsgeist bcsassen. Und die Juden flüchten, müssen fliehen, und wo es einen Weg gibt, da suchen sic aus den Gefahren zu entkommen. Sic wollen sich und ihr Leben, vor allem aber die Ehre ihrer Frauen und ihrer Töchter und die zarten Leiber der Kleinen vor den Brutalitäten retten, denen Europa ruhig zuschauen muss, weil Russland sich anmasst, ein christlicher Staat zu sein. Dass sie nicht über die deutsche Grenze flüchten können, ohne sofort weiter ziehen zu müssen, ist bekannt. Es hat auch gar keinen Zweck, über die Gründe naebzudenken. Sie sind verständlich, wenn man bedenkt, dass in der von den Zionisten einberufenen Protestversammlung immer noch mehr Nichtjuden anwesend waren, als in der allgemeinen Versammlung, in der ein Naumann zu Wort kam. Deutschland ist eben asemitisch. Das lässt sich nicht wegdeduzieren. Damit muss man eben rechnen. Dass Rumänien die Juden ohne weiteres weiter jagt, ist nur konsequent von einem Lande, das widerrechtlich die Hunderttausende seiner seit vielen Jahrhunderten einheimischen Juden zu rechtlosen Fremden macht, während eine Handvoll wirklich Fremder sich zu Herren des Landes machen durfte. Rumäniens liberale Regierung ist eben nichts weiter als eine Fremdherrschaft von Griechen, Armeniern und andern aus allen Stämmen und Ländern zusanmiengewürfelten internationalen Interessengemeinschaft, die Juden und Rumänen in gleicher Weise ausbeutet, den Juden ausserdem rechtlos und friedlos macht. Rumänien würde sich selbst desavouieren, wenn es den Vertriebenen und Verfolgten eine Zufluchtsstätte gewähren wollte. Das Land, das seine Juden in der Donau ertränken lässt, weil es sie nicht gerade über d i e Grenze setzen kann, welche es zu diesem Zwecke ausgesucht hat, kann nicht den Opfern der russischen Staatskultur den Weg zur Rettung bieten. Liberale Regierungen sind eben noch kein Beweis für die Immunität gegen Judenhass. Das in allen Tönen als Judomagyarenland von antisemitischer deutscher Seite verleumdete Ungarn Ist ebenso liberal in der Judenvertfcibuug wie Rumänien. Dass cs nicht die Juden austreibt und verfolgt, die in den nächsten fünfzig Jahren noch die nationalen Kastanien den Magyaren aus dem Natlonaliitätenofen holen müssen,

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