Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 393 steht, wie Angehörige der meistbegünstigten Nation zu behandeln. Der neue deutsche Handelsvertrag nnt Russland vont 8׳. Juli (r. St. 15. Juli) 1901 enthält zu Art. 12 den Zusatz, dass hinsichtlich der Gewerbescheine und des Betrages der Gebühren dafür zwischen den Personen der christlichen Religion und denjenigen der mosaisejieu Religion ein Unterschied hicht gemacht wird. Diese Verbesserung ist eine Folge der VorsteUfmgem welche seiner Zeit der Zentraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens rechtzeitig veranlasst, hatte. 111 der Presse ist neuerdings behauptet worden, dass die französische und die Regierung der nordamerikanisclien Union für ihre jüdischen* Staatsangehörigen die Berechtigung erreicht hal>c, auch in denjenigen Landesteilen Russlands sich aufzuhalten, welche als sogenannte Obiasti den russischen Juden verschlossen seien; sowie ferner, dass die Aufentlialtsbefugnis auf Nichtgewerbetreibende ausgedehnt sei. Die Nachricht ist unrichtig. Die Durchsicht der neuen Verträge und Krkundigungen au den bcstinforiniertcu Stellen ergeben, dass Russland beiden Ländern nicht weitergehende Befugnisse zugestanden hat als jJem Deutscheu Reiche. Die Meistbcgiinstigungsklauscl käme detn deutschen Reiche nach dem mitgctciltcu Vertragsinhalt übrigens nur für seine in RusslauJ sich auflialtciider. Kauf 1 cu tc und Qcwerbe treibenden zugute, nicht für Angehörige der sogenannten freien Berufe. So sehr dieser Zustand einer Verbesserung bedarf, so wenig kann behauptet werden, dass Russland, in dieser Be- Ziehung die mit dem Deutschen Reiche bestellenden Verträge verletzt, oder dass die deutschen Behörden die Innchaltung der Verträge nicht mit genügendem Ernste verlangen. Sollten russische Konsuln in Deutschland, wie zuweilen gemeldet wird, noch jetzt bei Erteilung der Passvision für deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende jüdischer Religion hiusichtlicli der Giilt-gkeitsdaucr Unterschiede machen, so wäre allerdings eine Vorstellung an das Deutsche Auswärtige Amt geboten. Parität Aachen, 29. Mai. In einer Versammlung des Israelitischen Gemeindevereins legte Hauptlehrer Dubton dar. dass von den 24 000 jüdischen Volksschülcrn der preussischen Monarchie die eine Hälfte christliche, die andere zu ungefähr gleichen Teilen jüdische und paritätische Schulen besuche. Jüdische öfientliehe Volksschulen gebe es in Preussen 244 ausser zahlreichen jüdischen Privatschulen. Dieser wenig ideale Zustand solle durch das neue Schulgesetz noch wesentlich verschlechtert, werden. Es berücksichtige nur die christlichen Bekenntnisse gebührend und wolle für die Juden einen unerträglichen Ausnahmezustand schaffen. Ja. dieser Gesetzentwurf werde in seinen Folgen die jüdischen Volksschulen vollständig eiltrechten. Ein anderer Redner. Lehrer Wallach, führte aus, dass der Geist der Schule nicht ultramontan-katholisch, nicht evangelisch-dogmatisch, nicht jüdisch-orthodox sein solle, sondern staatsbürgerlich, und das3»״das Ideal der paritätischen Einheitsschule, wie es in den Zukunftsträumen des preusslschdeutschen Lehrerstandes lebe, mit allen Mitteln erstrebt werden müsse. Wenn aber die Schulen schon einmal konfessionell. sein sollen, dann müssten auch die Juden mit aller Bestimmtheit verlangen, dass ahnen für ihre Lehrer und Schulen dieselben Rechte cingerüumt •würden, wie den anderen Konfessionen. _ Myslowltz. Eine net♦׳' Illustration zu der vom Zentrum so oft geforderten Parität bietet folgender Fall, über den die PREUSS. LEHRERZEITUNG dieser Tage aus Mvslowiz berichtete. Dort sollten an der städtischen höheren Mädchenschule einige Lehrerinnenstellen besetzt werden. Da nun von den Schülerinnen der Anstalt ein Drittel jüdischen Qlaubens ist. so stellte Rechtsanwalt Richter den Antrag, auch eine jüdische Lehrerin anzustellen. Stadtpfarrer Klaszka erblickte jedoch in der Anstellung einer Jüdischen Lehrerin ״eine Gefahr für den katholischen Religionsunterricht'‘, und es entspann sich deshalb eine scharfe Debatte. Der Antrag Richter fand keine Annahme, es wurde vielmehr beschlossen, von den vakanten Stellen drei an katholische und die zwei übrigen an evangelische Lehrerinnen zu vergeben. Eine ganze Anzahl Jüdischer Einwohner des 0־־tes wollen jetzt mit Rücksicht auf diese Intoleranz ihre Töchter In Kattowitz beschulen oder sic privat unterrichten lassen. Welch ein Entrüstungssturm würde durch die uUramontancn Reihen gehen, wenn »׳gendwo im deutschen Vaterlande unter gleichen Verhältnissen und in solcher Weise die Anstellung einer katholischen Lehrerin verhindert worden wäre. Das Ocschrci wäre sicherlich bis zu den Ohren des Kultusniinlsters gedrungen.“ Jüdische Turnerschaft Am 3. und 4. Juni hat in Prag die erste Tagung der O bmannschaft der Jüdischen Turnerschaft | stattgefunden. Aussex den Vertretern des erst wahrend der Tagung den! Verbände beigetretenen Jüdischen Turnvereins zu Prag nahmen an den Beratungen der in Berlin ansässige Ausschuss der Jüdischen Turnerschaft und zum Teil durch mehrere Abgesandte die Bundesvereine in •Berlin. Wien. Stettin, Prosanitz• Mühriscli-Ostrau und Bilitz. Biala teil, wührend einige der am Erscheinen verhinderten Obmänner Schriftliehe Referate ciugesandt hatten. Die Übmaunschaftstagung hat in verhältnismässig kurzer Zeit ihren Teilnehmern eine Fülle von praktischen Anregungen gebracht und ein gut Teil crsprlcssiicher Arbeit geleistet. Von besonderem Interesse waren zunächst die Berichte des Ausschusses und der einzelneu Vereine, aus denen hervorging, dass die Turnerscliait in! verflossenen Jahre innerlich und äusscrlich kräftiger geworden ist. Einige schwächlichere Vereine sind eiugegau״en. dafür sind zukunftsreichere dem Verbände beigetreten oder neu gegründet worden, sodass die Zahl der Bundesvereine auf 15 gestiegen ist. Die im ,vergangenen Jahre erfolgte Festlegung der Tendenz des Verbandes, die damals Gegenstand heftiger Angrliie eines Teiles der Presse gewesen ist, hat sich in der Praxis aufs beste bewährt Der auf dem 2. Turntage gegründete Verbandsfonds hat sich als sehr wirkungsvoll und segensreich erwiesen. Von den gefassten Beschlüssen, die der Aufgabe der Tagung entsprechend, nur die praktische Arbeit berühr.eiu sei erwähnt, dass die Herausgabe eines turnerischen Elementarleitfadens in Aussicht genommen ist, der den besottderen Bedürfnissen der Jüdischen Turnerschaft entsprechen soll, und dass die Entsendung eines Wanderturnlchrers in einige der Vereine vorbereitet wird. Für den weiteren Ausbau der Organisation scheint es bedeutungsvoll, dass sich im mährischschlesischen Gebiete, wo mehrere Vereine cinigcrmassen benachbart Ziisammenlicgen, spontan das Bedürfnis nach engerem Zusammenschluss in einem eigenen Kreise bemerkbar gemacht hat. Als grössere Veranstaltung ist im Jahre 1907 der HI. Jüdische Turntag geplant, der voraussichtlich zu Ostern in Wien verbunden mit einem Verbandsschauturncn. zu dem. wie man hofft, 150 Turner antreten werden, und mit änderet׳ turnerischen Veranstaltungen abgehalten werden wird. Auf Grund eines von Dr. Ludwig Werner, Wien, dem Vorsitzenden der Obmannschaft vorgelegten Entwurfes, wurde ein Normal- Statut für Jüdische Turnvereine, dessen Fehlen bisher schon lebhaft empfunden worden ist. durchberaten. Graf Heinrich Coudenhove-Kalergi schliesst einen Bericht Über die Schrift des Prof. H. J. M. Schleiden: ..Die Bedeutung der Juden für die Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter“ mit folgenden Sälezn: ״Der bei weitem grösste Teil der Lehre Mohammeds ist Jüdischen Schriften entnommen. Nach der Ansicht Schopenhauers sind die Juden sogar die Erfinder des Monotheismus. So ungeheuer gross und bedeutend ist dieses kleine Volk. Wer sich diese Tatsachen zu Gemüte Führt und wer über sie nachdenkt, wird diesem wunderbaren Volke seine Bewunderung nicht versagen können. Aber nicht nur Christen ist die Lektüre der Schleiden’- sehen Broschüre zu empfehlen; heilsamer •>och und nützlich er dürfte sie auf gebildete junge Juden wirken, von denen leider eine so grosse Zahl sich i 11 rer Abstammung schämt und durch alle denkbaren Mittel zu ve.bergen und zu vertuschen trachtet, dass jüdisches Blut, eines der edelsten der Welt, in ihren Adern rollt, eine Gesinnung, durch welche sie dem Judentum mehr schadet, als alle christlichen Antisemiten zusamniengcnommen, denn ein jeder Jude, welcher die Tatsacken, die Prof. Schleiden in seiner so interessanten Broschüre angeführt hat, betrachtet, müsste notwendigerweise stolz sein auf seine Abstammung, sich ihrer rühmen ja sogar mit ihr posieren, dieselbe nach aussen hin, so 0*t sich eine Gelegenheit bietet, zur Schau tragen und sogar dann, wenn er vom jüdischen Glauben zu einem anderen übergetreten sein sollte. Nur dann könnte er sich in den sogenannten ..arischen“ Kreisen Achtung erringen und Interesse für das Judentum erwecken. Aus diesem Grunde wünsche ich der Schleiden'schen Broschüre von Herzen die grösste Verbreitung.“ Stampiglien-Schneider Ueber den Abgeordneten Schneider, der in» Oesterreichischen Reichsratc seit Jahren das echte, obnverfülschte Teutschtum vertritt, schreibt eine ÖSTERREICHISCHE WOCHENSCHRIFT: ״Der Mann mit den Stampiglien und dem Schussgeld hat seine verblasste Popularität mit einem geistreichen Einfall aufgefrischt. Er bat bei der Demonstration«- Versammlung Im Rathause einen ungarischen Politiker Jm