Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ו t r |; Seite 392 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 26 suche von Erfolg gekrönt sein werden, werden in den Jahren darauf nach und nach Tausende Morgen Land mit Baumwolle bepilanzt werden. Die Lokal-Behörden versprechen den An- Siedlern in jeder Weise behilflich 7.u sein. Eine neue Landstrasse von Jaffa nach Nablus, ungefähr *K) englische Meilen lang, ist augenblicklich im Bau; die Strasse von hier nach Jerusalem wird jetzt repariert. Ebenso wird projektiert eine Landstrassc von hier nach uazari. *13 englische Meilen südwestlich von Jaffa, zu erbauen. Der Herbst des Jahres J9M war ebenso wie von da ab der Schluss des Jahres sehr regnerisch. Die Allgemcingcsundheit des Volkes war trotzdem gut. Epidemien and ansteckende Krankheiten waren nicht zu verzeichnen. Ende 1903 wurde Viehpest in das Land geschleppt und von dem Sfldwesten aus (Clazah) weiter verbreitet. Diese Viehseuche war im Jahre 190-1 in ganz Palästina zu Roden. Es wird taxiert, dass dadurch ca. 20000 Stück Vieh verendeten. Einige Dörfchen, •von Juden und Deutschen bewohnt, wurden jedoch dadurch von der Viehkrankheit verschont, dass sie ihre Tiere in scharfer Quarantäne hielten. Die Lokal-Behördeu sandten Tierärzte durch das ganze Land, um dem Vieh Serum zu injizieren. Es scheint jedoch, dass dies keinen Erfolg gehabt hat. S. B. L L Rundschau Jüdisches Arbeiterproletariat Im Verein jüdischer Studenten zu Charlottenburg sprach A. H. Dr. D o b r z y n s k i über ״Das jüdische Arbcitcrproletariat“. Der Referent schilderte zunächst das Proletariat der westlichen Länder. Die Judennot im Osten Europas hat die mittellosen Massen des jüdischen Volkes zum grossen Teile aus ihrer bisherigen Heimat in die Hauptstädte ferner Industrieländer getrieben. So entstanden in London und New-York jene ungeheuren Zentren, moderne Ghetti. deren Bewohner grösstenteils in der Industrie beschäftigt sind. Ihre wirtschaftliche Lage ist aber eine überaus elende, da ihr_ eigenes Ueberangebot an Arbeitskräften, das noch im fortwährenden Wachsen begriffen ist. sie den Unternehmern bedingungslos ausliefert und an eine Besserung ihrer Lage durch eigene Kraft kaum zu denken ist. Aehnlich. teilweise sogar noch schlitnnier, ist es in anderen Grossstädten, so in Amsterdam und neuerdings in den grossen Industriestädten Deutschlands. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, dass alle diese Länder, schon im Interesse ihrer eigenen Arbeiter, ihre Pforten dem einwandernden jüdischen Proletarier verschliess^m werden, wie es zum Teil schon geschehen ist. Und doch ist die Lage dieser jüdischen Massen ini östlichen Europa noch eine viel schlechtere! Dort vegetiert nach wie vor die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes innerhalb eines Milieus des furchtbarsten Schmutzes und Eiendes. Nur ein kleiner Teil hat in der Industrie Unterkunft gefunden, um dort zu Hungeriöhnen zu arbeiten und. so besonders in Galizien, ein Einkommen zu haben, das noch nicht mal ein Exfstcnzminimum darstelit. Dabei sind diese der schrankenlosesten Ausbeutung seitens des Unternehmertums preisgegebeneu Unglücklichen noch besser daran, wie die ״Luftmenschen‘*, deren ihre Existeuzmöglichkeit selbst ein Rätsel sein dürfte, ln Russland wächst in gefährlicher Weise die Tendenz, die jüdischen Arbeiter aus der Industrie wieder herauszudrängen, somit die Gefahr wirtschaftiicher Katastrophen noch vergrüssernd. Die der Sozialdemokratie angeschlossenen jüdischen Arbeiter Russlands sind im ״Bunde“ organisiert, der als nationale Sonderorganisatioa von der Parteileitung nur sehr widerstrebend anerkannt wurde. Dass die Sozialdemokratie aber dem indische.! Proletariat nicht die Erlösung bringen kann, kaben zwei Führer. Kautsky und Plechonow direkt ausgesprochen, indem sie vorher die völlige Assimilation, also eine Unmöglichkeit, forderten. Daher . .cln, ^er indischen Arbeiter in Russiand und Oesterreich-Ungarn sich dem Zionismus angcschiossen. weil er nur durch ihn eine Lösung der Judenfrage überhaupt für möglich hält. Er bildet dort die Polaei-Zion. die sich aui ihrem letzten Parteitage zu einer festen Organisation mit einem bcstimmten Programme, bestehend aus einem nationalen und sozialen Teile, vereinigt habe und die wohl noch berufen sein dürfte, innerhalb der zionistischen Bewegung eine grössere 1Pe sp,ek״• Line Besserung der Verhältnisse der jiTdipirn Pr0letar׳cr ist erst auf dem Boden Palästinas, nach Erfüllung des zionistischen Zukunftsideals, zu erwarten. In der Debatte versuchte Vbr. Dörnberg den Beweis zu erbringen, dass sich der Zionismus den Forderungen einer vernunftigen Sozialpolitik gegenüber bisher verschlossen habe, als Beweis hierfür die Schriften ..Xcu-Judaca", sowie ״Unser Programm" von Ussischkin nennend. Das Hauptmitte! zur Beseitigung der sozialen No; sei die Sicdiungsgenosser.schatt nach den Ideen von Dr. Franz Oppenheimer und diese werde in Palästina sich schwer verwirklichen lassen. Dagegen hielt Redner solche in anderen, wirtschaftlichen Zentren wohl iür möglich. Seitens des Referenten und in der weiteren Debatte wurden dem entgegengetreten mit Hinweis auf Th. Herzls ״Alt-Neuland“. das eine durchaus soziale Tendenz habe. Aliseitig wurde aber anerkannt, dass ^ein zionistisches Staatswesen, nur auf bodenrcformerischcr bezw. siedelungsgenossenschaftiicher Grundlage möglich sei. Eine eingehende Erörteruiig dieser letzteren Fragen soll demnächst stattfinden. Der Verein jüdischer Studenten wird sich mit der weiteren Behandlung dieser Fragen zweifellos ein sehr grosses Verdienst erwerben, da für das jüdische Volk und dessen Zukunft speziell die Bodenreform, von einer Tragweite ist die an der Bedeutung zu ermessen ist. die die Bodenfrage bereits im alten Testament hatte. Und der Zionismus kann daraus lernen, dass, wie die moderne Arbeiterbewegung zeigt, die wirtschaftiicher) Fortschritte der Völker, die Grundlage ihrer Ent- Wickelung, meistens von dem Proletariat erkämpft wurden, während die sogenannten ״oberen Zehntausend“ häufig hemmend im Wege standen! gw. Schmutzstücke gemeinster Art Bei der Rcichstagsersatz-wahi in Altena-Iserlohn treiben die Christlichsozialen, die das wahre Christentum in Erbpacht genommen zu haben behaupten, eine fröhliche Judenhatz. Dafür mag ein Ausspruch ais Beispiel dienen, den der christlichsoziale Kandidat kürzlich in Meinerzhagen nach dem LUEDEN- SCHEIDER T.AGEBLA1T tat. Der Herr bedauerte, dass die Schauspieler zu 70 Prozent aus Juden beständen'und dadurch keine Schillersche Tragödie mehr an deutschen Theatern, sondern nur Schmutzstücke gemeinster Art aufgeführt würden! Das Hamburger DEUTSCHE BLATT, das offizielle Organ der Deutschsozialeu, hat die Stirn, die vor den! Reichsgericht verhandelte Revision in Sachen des Beutheuer Land ger i c h t s r a t BI u 111 e n b e r g. obwohl ihn! genau bekannt sein muss, dass der Angeklagte kein Jude ist. unter der Spitzmarke zu veröffentlichen: ״Juden als Richter.“ Diese Fälschung ist um so plumper, als im Text mitgeteilt wird, dass Blumenbergs Vater Pastor in Breslau gewesen ist. Für wie dumm hält das DEUTSCHE BLATT seine Leser! Blumenberg ist Christ und Deutscher wie die Herren vom DEUTSCHEN BLATT. \ In Stolp zirkulierte dieser Tage ein sensationelles Gerücht. In einer Kiste sollte auf dem Güterbahnhof der nackte Körper eines chloroformierten Mädchens entdeckt worden sein: der Frachtbrief zur Kiste sollte die Adresse eines jüdischen Geschäfts in Stolp getragen haben, ln welcher Weise das Gerücht sensationell ausgemalt wurde, kann man sich leicht denken. Hierzu bemerkt die ZEITUNG FÜR HINTERPOMMERN': Die Nachricht ist vollständig u n w a h r. Die Polizei hat bereits gestern Ermittelungen nach dem Urheber der Nachricht angestellt, die aber vergeblich waren. Erst kürzlich meldeten die cchtteutschen Blätter eine gleiche Sache aus Posen, die ebenso gewissenhaft aus ihren Staatsburgernngern gezogen war. Auf einer Handvoll fpustdicker Lügen kommt es diesen ״Deutschesten“ Blättern eben niemals an. Deutsche Juden in Russland Die deutsch-russischen Passand Aulenthaltsverträge haben durch den russischfranzösischen Handelsvertrag keine Veränderung erfahren. In dem Caprivischeu Handelsverträge mit Russiand vom 10. Februar .(r. St. 29. Januar) 1S9-I, Art. 1 und 12, ist bestimmt, dass die Angehörigen beider Teile, welche sich im Gebiete des anderen Teiles niedergelassen haben oder sich vorübergehend dort aut'halteit. im Handel- und Gewerbebetriebe die nümüchen Rechte geniessen und keinen anderen Abgaben unterworfen sind als die Inländer. Sic geniessen die Vorrechte der Angehörigen des meistbegünstigsten Landes. Den besonderen Gesetzen und Verordnungen auf dem Gebiete des Handels, der Gewerbe* und der Polizei, die im Inlande gelten oder auf all« Ausländer Anwendung finden, sind auch die Angehörigen der Vertragsländer unterworfen. Hinsichtlich der Pässe -und der den Handelsbetrieb treffenden Abgaben sind Kaufkute, Fabrikanten. Gewerbetreibende und Hardlungsreisende, denen übrigens die Befugnis zum Wareneir.kau! und zur Auisuchung von Bestellungen wie in ihrer Heimat zu-!**>#, //