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Jüdische Rundschau · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 394 ״ JÜDISCHE Bilde atifhüugcn lassen. Sein gewöhnlicher und sein Blutdurst schreien eben nach Befriedigung und so sucht er letzteren wenigstens mit einem Stück Pappendeckel zu 1/cfr lediger! Wenn; schcm Hanswurste nufgchniigt werden sollen, warum nimmt man erst künstliche aus Ungarn? Herrn Schneider dürften doch noch sonst welche bekannt sein? Er hat hei der feierlichen Justifizierung einer glänzenden Papnendeckclillustration der cliristlichsoziafcu Scheinpolitik überhaupt die klassischeu Worte Rehraucht man solle cs gewissen Leuten in EtinneruriR bringen, dass es in Wien noch Kandelaber Rebe. Nun. den Schneider haben diese Kandelaber nicht erleuchtet. ־Sonst würde er wohl seine durch verschiedene Einflüsse stark gefärbte Nase in seine eigenen Sachen stecken, ehe er als der grosse Retter des Volkes durch die Strassen und Wirtshäuser zieht. Er würde 7. B. dafür sorgen, dass sein einziger Sohn nicht eine Eamilie. ins Unglück stürzt und sich unter den Augen des würdigen Papas so verlumpt, dass ihm nur mehr Heilanstalt oder Amerika fibrig bleiben.“ Der Herr Schneider hat bekanntlich den Justizirrtum Hilsner persönlich zu Wege gebracht. Zur Auswanderung der Juden!11 den Jahren!SSI bis!90-1 sind, der RIO. RUNDSCH. zufolge, aus Russland nach zuverlässigen Daten in 1 ander Zahl nicht wenig :r als 1 Million und 31 000 Juden ausgcw'andat. d. h. etwa ein f.inftel der Gesamtzahl der Juden im russischen Reich! Diese Erscheinung erklärt sich in erster Linie einerseits wohl aus den mit dem Jahre I8S1 beginnenden Judenhetzen namentlich in den südlichen Gouvernements, ferner aus den vielen Bedruckungen, unter welchen die Juden besonders unter der Regierung Alexander III. zu leiden gehabt haben. Im einzelnen sind im angegebenen Zeitraum ausgewandert in die Vereinigten Staaten Amerikas. 788 000. nach England SO 00. nach Palästina 25 000. nach Kanada 20 Göu nach Südamerika 33 000. nach Deutschland 15 000. nach Erankrcicli 40 000. andere Länder 30G00. Schneiderstreik Im Ostende von London Äst ein grosser Schneidersticik ausgebrochen, an dem bis jetzt bereits mehr als 10 QC0 Schneider teilnchmen. Die Streikenden sind zumeist Ausländer, hauptsächlich russische und polnische Juden, die in den armen Distrikten von Whithccheapci und Bethnal Green eine bedauernswürdige Existenz fuhren und von den Arbeitgebern mit wirklichen Hungerlöhtieii bezahlt werden. Die Leute haben?ich meistens .den Arbeitgebern schon ausgcUefcrt. ehe sic ihre Heimat verlassen, und es dauert, wie die englischen Blätter feststcllten. oft 10 bis 20 Jahre, ehe cs ihnen gelungen ist. sich freizumachen. Die Zahl der irn Ostende für ganz unglaublich geringe Löhne arbeitenden Schneider männlichen und weiblichen Geschlechts wird auf 20000 gerechnet. Die Leute arbeiten zum Teil in Kellern zusanmrmgcpierclit. Der Staat soll sie allerdings durch seine Arbeitjinsp^ktoren vor ungesunden Verhältnissen bewahren, aber die Leute erklären, dass die Inspektion in Wirklichkeit reine SJ.ausp clerci sei. Sie finde mit langen Unterbrechungen statt und werde stets vorher angekündigt. Die Leute haben dafür •in Räumen, in denen jeder englische Arbeiter sich zu arbeiten weigert, würde, bis zu 20 Stunden täglich zu arbeiten. Dalei müssen sie häufig für einen ungesunden Raum.׳ in 'dem die ganze Familie lebt wöchentlich dem Arbeitgeber, der meistens auch der Mictsherr ist. 8 Schillinge Miete bezahlen W*r am Mittwoch die Strassen des Ostends besuchte, der konnte Tausende von hungrigen, abgemagerten Leuten umherziehen sehen. Die Streikenden fordern die Einführung des zwölfstündigen Arbeitstages. Die ausserordentlich lebhaften Rcdcr wurden meistens Jiddisch gehalten. Die Streikführer ermahnen die verzweifelten Leute zum Aushalten. Sic hegt finden ihre Hoffnung auf den Erfolg des Streikes merkwürdigerweise auf das Fehlen von Streikfonds. Arbeiter, die einen Streikfonds hinter sich hätten, würden nachgeben, sobald dieser Fonds zusammenschrumpfe. Dass diese Beobachtung etwas Richtiges an sich hat. ist zwar nicht zu bestreiten, aber es ist andererseits richtig, dass die Streikenden ohne Geld nicht existieren köuneri, und die Aussichten sind deshalb für die Streikenden schlimm genug. 25 Unternehmer haben freilich den Zwölf* stuudontag bewilligt, und ihre Arbeiter geben von ihrer kargliehen Einnahme wöchentlich 5 Schillinge an die Streikenden ab. aber diese Summe ist nur ein Tropfen Was :.ei auf den heissen Stein. Der Gcwerkverein der Schneider, dem diese mittellosen Leute nicht angchören. hat verlangt, dass die Streikenden die Streikfrage einem Schiedsgericht; nterbreiten. Nur für diesen Fall will er Unterstützung gewähren. Die Streikenden haben stell vorläufig dazu nicht bereitlinden lassen und appellieren an die Hilfe aller Gewerkverei*.i von Ost- London. Die Aufregung im Ostende ist so gewachser, dass UNDSCilAÜ ־ No. 26 starke Polizeiaufgebote dorthin gesandt werden mussten. Polizeipatrouillen durchziehen die Strassen, aber ohne die Versammlungsfreiheit der Leute zu stören. Es wurden rerseliiedeiie Fälle von Gewalttätigkeit gemeldet. Die Unter• ncluuer erhielten zum Teil Briefe, in denen sie mit dem Tode bedroht wurden. Jenseits des Teiches In den Vereinigten Staaten von Amerika hat das Kongresstnitglicd Dermcitt im Kongress eine überaus eingehende Rede gehalten, um die religiösen Vorurteile gegen die Juden zu bekämpfen und namentlich die Behauptuuge! zuriickznweiscii. dass sie für die Kreuzigung Cliris'i verantwortlich Seien mui dafür zu btissen hätten. Wegen was für!)':,ge mau 1111^ nur entschuldigen muss! Diese RcJe hat. obgleich sic nichts neues enthielt, drüben grosses /.;!!sehen gemacht. Interessanter ist. dass der Präsident der Clark ,Uni.ersität Dr. O. SlanJev Hall bei der Legung des Grundsteins einer neuen Synagoge in Worccster. Massachusetts, eine Auspräche hielt, in welcher er die Juden ermahnte, ihre Ahstammnng nicht zu verbergen, im Gegenteil sich ihrer zu rühmen, stolz auf ihre Rasse zu sein, aui ihren Namen, ihre Religion. Erhalten Sie Ihren Kindern, sagte er u. a.. die grossen alten Namen Israel. Abraham. Moses und Rebekka usw. Ei ziehen Sie Ihre Kinder, indem Sic ihnen von den grossen Uehcrlieferungcn Ihrer Vergangenheit erzählen, und lassen Sie sie i.n Hebräischen unterrichten, in der jüdischen Geschichte usw. ... In unseren amerikanischen Gymnasien und Universitäten gibt cs Juden und Christen. Unsere Gclehrte studieren semitische Sprachen Schulter an Schulter mit den Ihrigen. Wir graben Babylon, Ninivch und Jerusalem aus, wir entziffern alte Inschriften, sammeln archäologische Reliquien und veröffentfichen gemeinsame gelehrte Studien. Es ist jetzt für uns an der Zeit, alle alten Verschiedenheiten zu vergessen und nicht weniger herrlich und ehrenvoll in allen anderen Dingen zusammenzuarbeiten. Endlich sind wir Bürger e׳nrs Vaterlandes und schlingt die Erinnerung an die patriotischen Taten Ihres Stammes in der Geschichte dieses lindes ein gemeinsames Band um uns. In Memphis. Tencssee, hielt der Pastor der Zentral* Methodistenkirchc, Dr. Belling. eine Predigt, in welcher er das Thema ״Die Haltung der Christen gegenüber den Juden“ behandelte. ״Die Juden, führte er aus. unterscheiden sich von uns im Glauben, mögen vom theologischen Standpunkt als Ketzer angesehen werden und bisweilen hatten wir ihre Rcligion für niedriger, aber ich wage die Behauptung, dass kein Volk fleissiger. intelligenter, gesetzlicher und reiner in der Lebensführung ist als die Juden, die, obwohl zerstreut über die ganze Welt und ohne eine eigene Regierung, doch im Verhältnis zu ihrer Zahl weniger Verbrecher in ihrer Mitte haben, als jedes andere der Kulturwelt bekannte Volk. leb bin ein Christ aber wenn Russland etwa das Christentum repräsentieren soll, dann würde ich bei weitem vorziehen, Jude zu sein. ... Zu lange haben wir dieses Volk vcrnacli* lässigt und während wir den Splitter in den Augen .d(Tr Juden gesehen, nicht auf die Balken an den unsrigen geachtet. Machen wir unserem Vorurteil und unserer Gleichgültigkeit ein Ende und pflegen wir mehr den Geist der Liehe zu den Nachkommen Abrahams .... Das neue Einwanderungsgeseiz Washington, 26. Juni. Das Repräsentantenhaus nahm das Einwanderungsgesetz mit einem Amendement an. nach welchem solchen Einwanderern, die Zulassung zur Union begehren, um sich religiösen oder politischen Vcrfol* gungen zu entziehen, nicht auf Grund von Mittellosigkeit oder sonstiger Ungecignetheit der Eintritt in die Vereinigten Staaten verwehrt werden soll. Die Annahme dieser Zusatzantrages Ist offenbar auf die jüngsten Vorgänge in Biafystok zurückzuführen. Kleine MiUeilungen Die 3. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung In Dresden erhalt eine eigenartige Vorführung durch den Vorsitzenden des Arbeitsausschusses der Gesellschaft zur Erforschung, jüdi* scher Altertümer. Direktor Heinrich Fraubcrger in Düsse!* darf. Er stellt für diese Gesellschaft eine vollständige Sy na* goge aus. Hierbei geht er von den älteren Anlagen dieser Art aus. in denen das Pult für die Vorlesungen aus der Thora (Gebetrolle) ni der Mitte des Raumes stellt, nicht, wie jetzt meist• üblich an einer Schmaleite. Dadurch entsteht eine von christlichen Kirchen vollständig abweichende Raumcintcilung. Für die Ausschmückung der Synagoge und ihrer Geräte wur- ״Russland. Wie aus Warschau gemeldet wird, hat eine Versammlung christlicher und jüdischer Kaufieute einen

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