Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 26 ־״ Seite 391 JÜDISCHE RUNDSCHAU für die Lösung der Judenfrage auf die Gruppe abwälzen würden. Wenn hingegen die Juden in die andern Parteien eingegliedert sein werden, können sie eher ihren daduich gesteigerten Einfluss dazu verwenden, um diese Parteien zu einer günstigen Erledigung der russischen Judenfrage zu bcwegen. Des weitern sei ein Grund gegen die Bildung einer Gruppe die Tatsache, dass diese Oruppc kein durchaus bestimmtes Programm für alle Fragen vertreten könne, und da eine moralische Einigkeit in bezug auf die Judenfrage unter den jüdischen Abgeordneten ohnehin bestünde, so sei die Gruppe sogar überflüssig. Es sei nicht zu befürchten, dass , bei der Lösung der Judenfrage in der Duma die jüdischen Abgeordneten verschiedene Projekte werden auftauchen lassen. was die Anhänger der Gruppe als eines ihrer Argumente aufstcllteu. Dieses Vorhandensein der moralischen Einigkeit unter den jüdischen Abgeordneten genüge, und eine öh'entliehe Sanktion dessen, eine Disziplin, sei nicht notwendig. Es sei jetzt nicht an der Zeit, meinten einige, nationalistisch.* Tendenzen durchzuführen, sondern an der Arbeit der Rcorgalusation des russischen Staates mitzuwirken, nicht nur vom jüdischen Standpunkt die Dinge zu betrachten, sondern an das Wohl aller zu denken. Es wurde noch die Befürchtung ausgesprochen, dass, wenn sich die Juden zu einer besoaJcreu nationale!) Gruppe vereinigen, es auch die Russen tun werden. um ihre nationalen Rechte zu verteidigen. — und dann würden die Juden alles verlieren. Diese und ähnliche Ar- «umente wurde pro und contra in äusserst aufgeregten Dis- *fcussionen ausgeführt und begrifndct. wobei mehr als 40 Red- 11er sich in die Rednerliste cintragen Hessen. Schliesslich, um S Uhr nachts, als die Erregung beiderseits ihren Höhepunkt erreicht hattr, wurde von den Anhängern ddr Gruppe folgende Resolution zur Abstimmung gebracht: «Die Jüdischen Deputierten ir* der Duma bilden c!ne jüdischc Gruppe, die gemeinsam auitriit in den Fragen der Jüdischen Vollberechtigung gemäss den Bestimmungen der ilnaer Konferenz. DU Mitglieder dieser Gruppe, im festen Bewusstsein ihrer nationalen Einigkeit, arbeiten im gegensetigen Einvernehmen die Prinzipien ihrer kpo/dmie-ter» Tä- Jigkeit aus״״ Die Gegner der Gruppe schlagen vor. statt des Wortes «Gruppe“ die Bezeichnung ״Kollegium“ zu gebrauch .,n und statt der zweiten Hälfte der Resolution den folgenden Satz: ״wobei die Mitglieder des Kollegiums keiner zwingenden Diszipfin unterworfen sind.“ Diese Abänderung wird mit 57 gegen 44 Stimmen &bgelehnt und die Resolution der Zionisten mit derselben St'n mennehrheit angenommen. Nach dem Bekanntwerden dieses Ergebnisses wurde unter ausserordentlicher Erregung der Versammlung von de* Minorität die Erklärung abgegeben, dass die 44 Gegner der Gruppe Ihre weitere Mitarbeit an dem Verbände für unmöelicJ halten und deswegen sich zum Austritt veranlasst sehen. Dieselbe Erklärung wurde :m tarnen von 6 Abgeordneten der Durpa abgegeben, nämlich im Namen der Herren Winawer. Biamson, :Scheftet, Tsdtcrwonenkis. Jollos und Ostrogorskn. Am nächsten Tage wurden jedoch zunächst privatim die Verhandlungen wieder aufgenommen, und da auf beiden Seiten «der lebhafte Wunsch vorherrschte, zu einer Einigung aui der Basis eines beide Telle berücksichtigenden Kompromisses zu :kommen, gelang es schliesslich, in nachfolgende!• Resr’ution •einen gemeinsamen Boden zu finden: ״Die vierte Konferenz des Verbandes für jüdisch* Vollberechtigung erklärt es für nötig, dass die jüdischen Depu- ־.tierten in der Duma eine jüdische Gruope bilden zur gemein- •Samen Aktion In allen Fragen der jüdischen Vollbeiech- •tigung, gemäss den Beschlüssen der Wilnaer Konferenz. Die Mitglieder der Gruppe sind an keine zwingende Dsziplin :gebunden. Im festen Bewusstsein ihrer nationalen Einigkeit :arbeiten die Mitglieder der Gruppe irn gegenseitigen Ein- -vernehmen die Prinzipien ihrer koordinierten TäHvkeit aus.“ Diese Resolution wurde dann im Plenum einstimmig angenommen, worauf die Konferenz nach einer Rede Winawers und anderer, die ihre Zufriedenheit mit det־ wiedergewonnenen ־Einigung ausdrückten, zu Fragen der inneren Organisation iDberging. Palästina-Bericht (Schluss.) Konsulats-Bericht über Jaffa für das Jahr 1904 von Vize-Kousul M r. F a l a 11 g a. In der kommerziellen, sowie in der finanzieller. Lage Jafta's ist eine allgemeine Verbesserung cingctrcten. Ausser der in Statistiken gezeigten Vermehrung (No. 20 der JL'EDISCHEN RUNDSCHAU) sind während des Jahres 19• »5 mehrere Filialen sowie Agenturen bedeutender europäischer HanJIungshäuser. Versicherungsgesellschaften und Banken gegründet worden. Kürzlich hat die ״Kaiserliche Ottomanische Bank" in Jerusalem eine Depositenkasse eröffnet Es ist Aussicht vorhanden, dass auch demnächst in Jaffa eine solche geschaffen wird, In der Be.ölkerungszahl Jaffa's kann man eine hemerkenswerte Vermehrung verzeichnen; speziell in dem jüdischen Element das iibvr ganz Palästina verbreitet ist und den uhternehmendsten Teil der Bevölkerung repräsentiert. Geld war in diesem Jahre leichter als in dein vorhergehenden zu haben. Gegen 8 Prozent Zinsen p. a. und gute Sicherheiten konnte man es überall erhalten. Die Konkurrenz beim Import von Fabriks-Artikeln wurde bis jetzt erfolgreich von Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien bestritten, wohingegen der englische Markt ziemlich unbeteiligt blieb. Schuld daran ist die schon im vorjährigen Konsulaisberichte erwähnte Tatsache, dass englische Handlungsreisende und Agenten, die den Markt und seine Bediirfnissc studieren können, in Palästina noch immer wenig zu finden sind. Es scheinL dass der Konsum des in Palästina gebrauchten Patent-Brennmaterials in Zukunft steigen wird. In de! Nähe von Jerusalem ist eine grosse Leimkocherei gegründet worden, und zwar auf Grund eines neuen Systems der Feuerung mit Patent-Brennmaterial anstatt Holz. Die britische Schiüahrt wurde von denselben Gcsellschaiten wie im Jahre 1903. betrieben; nämlich der ״Prince Line Company" und der ..Westcott and Laurcnce Company" für Güterbeförderung, dann der ״Khedivial Mail Line Company“ und .Rells Alia Minor Company“ für Güter und Passagierhefördtrung an der syrischen Küste. Die Dampfer dieser letzteren Linie halten an allen Häien von Alexandria bis Mersina. Während des Jahres 1904 landeten ca. 40)0 Touristen zwischen Haifa und Jaffa, ausser 9000 Pilgern, von denen die meisten aus Russland kamen, Da die Seuchensperre.für die von Aegypten kommenden Dampfschiffe jetzt unterdrückt ist. ist zu hoffen, dass sich der Fremdenverkehr im Jahre 1905 ziemlich verdupoeln wird. Die Saison für die Touristen fie; ginnt in jedem Jahre im Dezember und dauert bis zum April. Die Passagiere kommen meistens mjt den grossen Dampfern der Oriental Company**, der ״White Star Line" und einigen Privat-Yachten unter englischer Flagge an. Das Zollhaus in Jaffa, das sehr mangelhaft gebaut und auch nicht genügend gross ist. verursacht die grössten Unzuträgiiehkeiten bei der Passagier- und Güterabfertigung. Es wird allerdngs jetzt beabsichtigt, ein neues Zollhaus n.uh einem besseren Bauplan auf einem anderen guten Platz zu cfhauen; hoffentlich wird dies Projekt bald ausgeiührt werden, da es für die Schiffahrtim allgemeinen von grossem Nutzen ist. Das Gesundheitsamt in Konstautinopel beschloss letztens eine Desiniektionsstatlon im Siidwcsten Jaffa’s zu errichten. Die Erbauung dieser Station schreitet sehr schnell vorwärts. Die Errich!ung dieser Station ist für die Schiffahrt ebenfalls .011 grossem Nutzen, da durch die Möglichkeit einer Deainfektinn an diesem Hafen Zeitverlust und Ausgaben, die bis jetzt nötig waren, um irgendwo sonst die Schiffe untersuchen zu lassen, vermieden werden können. Die Getreide- und Traubenernten zur Weinbereitung dieses Bezirkes waren im Jahre 1904 mir sehr dürre. Die Orangenernte w׳ar dafür aber sehr gut. Die Exporteure hoffen aber auch ausnahmslos gute Preise für ihre Ware in Gross-Britannien zu erzielen. Zu Ende des Jahres I9M war es hier sehr nass und regnerisch; die Aussichten für die Ernte,! des Jahres 1905 sind daher sehr gute. Die Anpflanzung von Baumwolle ist gegenwärtig das grösste Ziel der das Land bebauenden Bevölkerung. Für das Land sind Baumwoilpflanzungeit etwas ganz N$ues; ich daubo jedoch, dass sich das Land ganz gut dazu eignet. u113 dass die Baumwollernte!! ganz zufriedenstellende sein werden. Mit Hilfe einer britischen Firma in Liverpool sind die Eingeborene!! veranlasst worden, ca. 200 Morgen Land mit verschiedenen Sorten Baumwollsaat zu besäen, allerdings in verschiedenen Teilep des Landes auf kleineren Parzellen. Wenn diese Ver-