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Jüdische Rundschau · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 390 No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU , ״Soll mau sie anschicssen" J ״Los damit!“ , J Der Schutzmann erhob sich und gab einen Schuss ab. Die 1 Kugel durchdrang den Acrmcl der Bluse und verwendete die Hand. Allerlei Das bestelle Blutbad. Die Münchener JUGEND hat in einem russischen regierungslreumil ehe!» Blatt folgende Fcuilletonuotiz entdeckt: Ein belauschtes Gespräch. Ort der Handlung: B i a 1 y s t o k. Personen: Mehrere Juden. Der erste Jude: wich muss sagen, ich fühl' mich nicht mehr wohl in Russland! Seit drei Wochen keine Judenmctzclciai mehr! Wo uns doch nichts eine grössere Freude bereitet, als gemetzelt zu werden!" Der zweite Jude: ״Wie wär's. wenn wir den Popen ermordeten?“ Der erste Jude: ״Das langt nicht! Wir müssen sic bis zur Besinnungslosigkeit reizen! Bedenkt die Enttäuschung, wenn sie uns nicht hinschlachtcten! Dann hätten wir die ganze Mühe umsonst gehabt!“ Der dritte Jude: ״Wie wär's. wenn wir die K'rehe in Brand steckten?“ Der zweite Jude: ״Auch das wirkt mellt sicher!“ Der erste Jude: ״W enn wir aber eine Bombe in die P r o z e s s i o 11 w ii r f c 11?“ Die beiden anderen (entzückt): ״Gott segne die!» für diesen Ged-nkeu! Du zweiter Salomo! 01». das wird wirken! Ich iühle schon, wie mir die Augen ausgestochen׳ werden! Welche Wonne! Ich sehe ein Blutbad ohne Gleichen! Heil uns. dass wir endlich die saumseligen Christen dazu br.'ngern werden, uns zu metzeln!“ — Das russische regierungsfreundliche Blatt fügt ninzu* ״Und so kam cs denn auch! Unser •Bericht ist um so glaubwürdige.־, da ihn eben jener Agent der Regierung selbst geschrieben hat, der die Bombe in die Prozession warf.“ Konferenz -des Verbandesjür jüdische Vollberechtigung in Russland ln der Zelt vorn 24. bis 27. Mai tagte in Petersbuig die vierte Konferenz des ״Verbandes für jüdische Vollberechtigung“. Der Verband stellt bekanntlich die politische Organisation dar, die vor und während der Wahlen zur Reichsduma die Führung der jüdischen Bevölkerung übernommen hatte. Der Verband vereinigt in sich Vertreter verschiedener Riehtungen. darunter viele Zionisten und Nationaljudcii. denen als einigendes Ziel die Erreichung der Vollueicchtigung vorschwebt. . Schon che nun der Verband zu seiner dritten Konferenz zusammentrat, konnte man mit Etcstimnitlicit erwarten dass die diesmalige Zusammenkunft zu lebhaften Auscimiidersctzungen führen w’iirde. Die Fragen der Tagesordnung waren Wochen vorher Gegenstand hitziger Diskussionen in Versäum»- lungen und in der Presse, und in den verschiedenen Lagern sorgte man für eine zahlreiche und gute Beschickung der Konferenz, auf der tatsächlich neben den Dumaabgeordneten eine ganze Reihe in der Ocffentliclikcit bekannter Person- Jichkcitcu erschien. Die Versammlung nahm aber einen noch weit erregteren Verlauf, als man yorausgeschcn hatte, ja cs gab sogar stelleuw׳cisc stürmische Szenen, bei denen die Geister auf das heftigste anciuaiiderpralltcn und ein Zusam• nicnbruch des Verbandes zu befürchten war. Sicherlich ist ein Teil der Erregung der allgemeinen nervösen und hochgespannten politischen Stimmung zuzuschreiben, von der Pctersburg jetzt erfüllt ist. Zweifellos aber handelte cs sich um weitreichende prinzipielle Kämpfe, die für die weitere Ent- Wicklung dcT russischen Juden von grosser Bedeutung sind, und von denen es leicht verständlich ist. dass sie mit dem Einsatz aller Kräfte geführt wurden. Mit um so grösserer Genugtuung kam» man das Endergebnis begriissen, das in einem Ausgleich der schon für unüberbrückbar gehaltenen Gegensätze und 111 einer Einigung aller Parteien gipfelte. Diese sclilicssliche Einigung ist ein Zeugnis für die politische Reife der russischen Juden, die angesichts des Ernstes der‘ Situa- L . . . tion das Interesse der Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte höher stellten als ihre Parteiforderutig. Die Hauptfragen, die vor der Konferenz standen, w׳aren: Sollen die jüdischen Abgeordneten in der Duma eine nationaljüdische Gruppe bilden, oder sollen sic, unter die Einzclparteien je nach ihren Anschauungen verteilt, die jüdischen Intcressen nach eigenem Ermessen vertreten? Und wenn sic eine Gruppe bilden, soll diese einen Klubzwang nach dem Majoritätsprinzip auf ihre Mitglieder ausüben können? Für und gegen die Gruppcnbildung. für und gegen den Klubzwaug ging die Diskussion der Delegierten (deren Zahl etwa IW betrug). Die Gründe, die für eine national-jüdische Gruppe und deren verbindliche Kraft ins Treffen geführt wurden, waren ungefähr folgende: Die Juden habet» trotz aller Drohungen und Einschüchterungen seitens der verschiedensten gegnerischen Elemente des Landes eine ganz aussergewöhnliche Anteilnähme an den Wahlen genommen, sie haben jüdische Vertreter gewählt. weil sic bestimmt voraussetzen, dass die Juden au ihnen ihre unbedingten Sachwalter und Verteidiger haben w׳erdcn. Diese jüdischen Deputierten hätten demnach kein Recht, in anderen Parteien unterzutauclien und den Schutz der jüdischen Interessen unter der Firma anderer Parteien zu leisten. Die jüdischen Wähler haben ihre Deputierten nicht als K.-D. oder S.-D.. sondern als Juden gewählt. Selbstverständlich müssen sich die jüdischen Abgeordneten zu einer Gruppe Zusammenschlüssen, um das Judentum deutlich in die Erscheinung zu bringen, 1111» durch die Existenz einer Gruppe allein den indisch-nationalen Gedanken zu manifestieren und zu beweisen, dass die JurJei» sich als eine besondere Nation fühlen. w׳as viele noch zu bestreiten geneigt sind. Die Existenz der Gruppe wird weiter dazu führen, dass die Judenfragc offen auf die Tagesordnung der Dun»a gesetzt und nicht auf Umwegen gelöst werden wird, wodurch ei!» Umschwung im Rcclitsbewusstsein des russischen Volkes und der ‘Beamten, die bis jetzt gewohnt waren, dass alle Gesetze auf die Juden keine Anwendung finden, sich vollziehen ward. Da!nit die jüdischen Abgeordneten sich in jedem Falle, berate!^ können, müssen sie selbstverständlich ihre Plätze nebeneinander einnehmen, wie es die Abgeordneten der anderen nationalen Gruppen tun. Die Notwendigkeit einer jüdisch-nationalen Gruppe ergibt sich weiter von dem Gesichtspunkte aus. dass man vorbereitet sein muss für den näheren oder icrncren Zeitpunkt, wo die Völkerschaften, die Russland bewohnen, — die Juden inbegriffen. — auf der Giundlage der Autonomie ihr nationales Leben einrichten werden. Was die Frage bctrifft, wie weit das Zusammengehen der Mitglieder der jüdisehen Gruppe sich erstrecken und für w'clchc Gebiete des politischen Lebens es gelten soll, so wurden einige Stimmen laut, wonach diese Pflicht sich auf alle Fragen der inneren Politik ausdehnen solle. Die Mehrheit der Verteidiger der ״Gruppe“ vertrat jedoch die Meinung, dass nur In bezug auf solche Fragen, die unmittelbar die Judenfrage berühren, deren Lösung in irgend einem Sinne alle Juden beträfe, die Abgeordneten verpflichtet sein sollen, gemeinsam zu handeln und einen Weg zu gehen; was die Fragen betrifft, die auf• das allgemein-russische Leben übergreifen und die Juden nur in ihrer Eigenschaft als russische Bürger angelten, so dürfen die jüdischen Abgeordneten mit denjenigen Parteien stimmen. r!1 W’vlclien sie sich ihren sonstigen politischen Anschauungen nach zugehörig fühlen. Die Frage des Klubzwanges. d h. die Unterordnung unter d;e Beschlüsse der Majorität der Gruppe, wurde von einigen als unumgänglich notwendig bezeichnet, da sonst die Gruppt• ihren eigentlichen Zw׳eck verfehle. Andere Anhänger der Gruppe aber glaubten, es ohne Schaden für die gedeihliche Wirkung der Gruppe dem freien Ermessen der einzelnen Abgeordneten überlassen zu können, ob sic sich den» Beschluss der Mehrheit unterordnen sollen oder nicht. Für die GruppenbÜdung treten die zionistischen Deputierten und Dr. Frenke! und die zahlreichen Zionistei»- Delegierte»».• unter ihnen Dr. Bernsteiu-Kofnn. Tcinkin. Motzkin. Sehabotinski. Pasmauik. Brutz.ky usw\, ein. Gegen eine jüdisch-parlamentarische Gruppe sprachen unter anderen die folgenden Dumamitglieder: Winawei, Bramson. Ostrngorskv. Scherte! und Tscherwoiienkls. Ihre Ausfiihrungcn waren etwa folgende: Prinzipiell sei niemand von ihnen gegen eine iiidisch-Darlamentarisclie Gruppe. Es handle sich nur darum, inwiefern die Gründung eurer solchen Gruppe schon letzt zweckmässig und von Nutzen *sein könne. Und da sei zu befürchten, dass die Bildung einer jüdischen Gruppe, die Absonderung der jüdischen Delegierten iti der Duma, für den Hauptzweck des Momentes — die Erreichung der jüdisehen Gleichberechtigung ־ schädlich werdet» könne, da die anderen Parteien infolge der Absonderung der jüdischen Ab- I geordneten in gewissem Sinne die moralische Verantwortung

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