Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 26 Seite 389 JÜDISCHE RUNDSCHAU die in Biaiystok zahlreich vertreten sind, ausreichend zu schlitzen. Daraufhin hat die russische Regierung erwidert, dass sie derartige Massnahmen gelrofien habe. Klagen deutscher Rcichsangehöriger über erlittene Schädigungen liegen einstweilen nicht vor. London, 21). Juni. (Unterhaus). Der Liberale Stuart Samuel fragt an. ob der Staatssekretär des Auswärtigen. Sir Edward Grey. gewillt sei. bevor irgendwelche Schritte unternommen werden, die Freundschaftsbande zwischen England und Russland enger zu knüpfen, die russische Regierung über die Ansichten zu unterrichten, die das britische Volk über die Judenmetzeleien hegt, ln Vertretung des Staatssekretärs erwidert Parlamentssekrctär Runciman. der Eindruck, der durch die Ruhestörungen und den Verlust von Menschenleben hervorgerufen, und die Sympathie, die nicht nur in England, sondern überall für die Betroffenen geweckt werden, sei der russischen Regierung bekannt. Es seien dies aber keine Angelegenheiten, bezüglich deren eine offizielle diplomatische Einmischung üblich und w ünschcnswcrt ist. London, 25. Juni. (Unterhaus). H a r w o o d richtet die Anfrage an den Staatssekretär G r e y , ob seine Aufmerksamkeit auf die Rede des Fürsten Urussow gelenkt sei, die im Zusammenhang stehe mit den' Judcnmctzelcicn in Russland, und ob er eine Zusicherung von der russischen Regierung erhalten habe, dass sic ihr Aeusserstes tun werde, um die iiiJisehen Untertanen zu schützen. Parlamentssckretär Runciman erwidert. Grey habe den Belicht der Rede‘ in der Presse gesehen, die englische Regierung habe ■aber nicht um citre derartige Zusicherung nachgesucht. Harwood habe zweifellos die Reden der russischen Minister in der Duma beachtet, sowie die Tatsache, dass der Minister des Innern Instruktionen an die Gouverneure und die Polizeiminister gegeben habe, in denen er sie auffordert, jede nur mögliche V'orsichtsmassregel zu treffen, um Aufstände zu verhindern, die gegen die Juden gerichtet seien. — Straus stellt die Frage an den Staatssekretär des Auswärtigen, ob er mit dem deutschen und dem französischen Botschafter in Beratung treten könnte hinsichtlich der telegraphichcn Sendung einer gemeinsamen Note, in der aus Gründen der Humanität gegen die B e 11 a n d l u n g. d e r Juden in Russland .Einspruch erhoben werde. Grey erwiderte, aus den bereits angegebene!] Gründen könne die Regierung da ihr zugennitetc Verfahren sich nicht zu eigen machen. DAILY TELEGRAPH, der unter dem letzten Kabinett vielfach das Sprachrohr des Auswärtigen Amtes war. schreibt: ״Wir können im Westen nicht beisteuern, um eine Regierung des Blutvergiessens und der Grausamkeit im grossen Stil uauernd zu stützen. Wenn Europa nichts anderes tun kann, so kann es wenigstens die Gewährung der Geldmittel entstellen und damit der russischen Oligarchie und dem ganzen Grossfürstenregimc die letzte Warnung ankündigen, dass Verbrechen, die das Gewissen der Welt erschüttern, nicht länger in einem Lande geduldet werden können, das auf die Sympathie der Welt Anspruch erhebt.“ Wien, 22. Juni. In der heutigen Abgeordnctcusitzuug forderten Strauch er und $ k e d 1 die Regierung auf. bei dem Auswärtigen Amt dahin zu wirken, dass wegen der Judenverfolgungen in Biaiystok in Russland ernstliche Vor- Stellungen erhoben werden. - - Abg. Graf Sternberg hat folgende Anfrage an den Präsidenten gerichtet: Er sehe sich veranlasst, das Präsidium zu fragen, warum cs keine Kundgebung gegen die Judemnassakres in Biaiystok nach dem Muster des englischen Parlaments veranlasst habe. Man könne über die russischen Juden verschiedener Ansicht sein, über die Kultur könne man mir eine Ansicht haben. Es sei das Interesse aller europäischem Staaten, dass die Sicherheit des Lebens und des Eigentums gewahrt bleibe.“ Vizepräsident Di. Zacck erwiderte, er werde diese Angelegenheit im Präsidium zur Sprache bringen. Berlin. Zu den Massakers in -Biaiystok nehmen auch die Gewerkschaften Stellung. Der Deutsche M c t a 11 a r b e i t e r v c r b a 11 d hat folgende Erklärung' heschlossen: ..l)ie Metallarbeiter halten cs für ihre Pflicht, einen wuchtigen Protest gegen die zurzeit in Russland verübten B c s t i a 1 i t ä t c n und ״Ürdn ungs“-Morde zu erlieben. Ebenso verurteilen sic entschieden das Schweigen des Reiches der G o 11 e s f u r c 111 und frommen Sitte und der vielen A u c h c h r i s t e 11 zu diesen ungeheuren SchauJtaten, die sich dadurch zu Mitschuldigen an diesen Greueln machen. Sie sprechen ferner ihie Verachtung jenen Leuten aus. die durch Geld die Organisation jener Mordbuben aufrecht erhalten. Die Versammelten geben sich der Hoffnung hin. dass cs dem russischen Volke in absehbarer Zeit gelingen möge, jenen Massenmördern und ihren Anstiftern das Handwerk für immer zu legen und verpflichten sich, das russische Proletariat in seinem Befieitmgskampfc. soweit es in ihren Kräften steht, zu unterstützen!" New-York. 21. Juni. Gestern Abend wurde in der hiesigen Synagoge eine jüdische Traiierversammlung aus Anlass der Metzeleien in Biaiystok abgchalten, an der 31)00 Personen teilnahmen. Eine grosse Menge Juden, die das Gebäude nicht mehr aufnehmen konnte, sammelte sich •ausserhalb au. In der Versammlung wurde ein Schreiben des Präsidenten Rooscvelt zur Verlesung gebracht, in dem es heisst: Ich werde mich über die Angelegenheit mit dem Staatssekretär Root besprechen. Sie wissen, wie sehr wir Ihre Gefühle teilen, wie ergrifien und entsetzt wir über die Vorgänge in Russland sind. Sic wissen aber auch, dass cs nahezu unmöglich isL durch eine Intervention etwas anderes als Unheil anzurichten. ׳London, 21. Juni. JEWISH CHRONICLE erhielt von dem jüdischen Einanztnann Jakob Schilf aus New-York eine Kabeldcpeschc. in der dem Blatte mitgeteilt wird dass Präsident Rooseveit mit grossem Bedauern erklärt habe, dass ein offizielles V 0 r g e 1י e n der Regierung der Vereinigten Staaten in der Angelegenheit der russischen Judenmctzcleien untunlich sei. Aus Russland ln Kcrtscli (Tauricn) wurde der Gendarmerieoffizier Scheremetow, der von der Bevölkerung beschuldigt wird, die Judenhetze im Oktober 1905 geleitet zu haben, vor seiner Haustür erschossen Das wäre der vierte Tod dieser Art Der Bevölkerung von Odessa hat sich eine grosse Aufregung bemächtigt, da ein Komplott entdeckt wurde, das dort ähnliche Judenmassakers vorbereitet wie in Biaiystok. Man hat in Erfahrung gebracht, dass in einem Wirtshause ‘ in der Bolschaja Arnautskiastrasse geheime Versammlung;n stattfinden, in denen Agitatoren durch Reden und Verteilung von Broschüren die Menge gegen die Juden aufreizen. Infolge der sich erhaltenden Gerüchte, dass in den nächsten Tagen in Odessa Judenhetzen ausbrechen, dauert die Flucht der jüdischen Bevölkerung' aus der Stadt fort. In dem Dorie Passin des Witebsker Gouvernements überfielen Dragoner eine Synagoge beim Beginn des Gottesdienstes, da sie diese Versammlung für ein revolutionäres Meeting annahmen. Ein Teil der Dragoner umiingte die Synagoge, der andere drang in sie hinein und begann ein wüstes Treiben, schlug mit den Säbeln nach allen Seiten uni sich usw. Die Frauen sprangen von ihrer oberen Abteilung nach unten. Wie der NARODNl WESTNIK berichtet gab es eine Menge Schwerverwundeter und Verstümmelter. Im Flecken Jagotina versammelten sich in ihrer Bibliothek friedliche Zionisten. Das Gebäude der Bibliothek wurde sofort von einem Rcvicraufsehcr und von Kosaken umringt: sie bcgäniicn die Versammelten zwecks Aussagtmgen heraiiszurufen und stellten einen Kosaken als Posten an die Tür. Als erste wurde die* Tochter des Kaufmanns Manüowitseh gerufen. Sie wurde von einer Nagaika bcgrfisst. Auf!Befehl des Revieraufschers schlug ei» Kosak ihr dreimal mit derselben auf den Kopf. Die anderen beschlossen deshalb, nicht hinauszugehen. Der Rcvieraufselier schrie: ,.Ich werde zu schlossen bcfehlen." Die Antwort war: ״Entfernen Sic den Kosaken und wir verlassen die Bibliothek." Der Revicrauischer wiederholte noch einmal seinen Ausruf und gal) dann den Befehl zu schicsscn. Die Kosaken erfüllten sofort den Befehl. Das Rcstiltat ist nach den Nachrichten des KOLOKOL: 2 Tote. 4 Schwcrvcrwundctc und 4 Leichtverwundete. Petersburg. Die Abgeordneten Jacobson und Winawcr erhielten von der jüdischen Gemeinde in Sloniin eine Depesche, dass die Behörde bei den Wahlen zur Stadt-Duma die Juden, die 85 % der Wähler ausmachen, an der Ausübung ihres Wahlrechtes hindern. Sh-tomfr. Zehn Tage Arrest erhielt durch den Friedensrichter ein bekannter Reaktionär, weil er, als er aus dem Fenster auf den Hof seines Hauses sah, einem ihm unbekannten Manne zurief: ״Mach’, dass du hier wegkomnist. Jude!" — Der so augerufene war ein christlicher Zollbeamter. Tiraspof. Aus dem hiesigen Gefängnisse sind dieser läge die letzte Gruppe Arrestierter befreit worden, die bei den November-Pogromen Juden misshandelt und beraubt hatten. In demselben Gefängnisse sitzen noch 13 als politisch verdächtig Inhaftierte, die bereits seit mehr als 5 Monaten inhaftiert sind, ohne zu wissen, warum. In Saratow׳ gingen auf der Nikolaistrasse um 10 Uhr abends zwei junge jüdische Mädchen. An der Ecke der Sawodskistrasse sitzt ein Wächter und ein Schutzmann. Als die Mädchen Vorbeigehen wollen, fragt der Schutzmann den Wächter: