Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388 No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Redakteur Klaussncr drückt den Veranstaltern der Ver- Sammlung die Sympathie der Alliance Israeiite aus. Rabbiner Dr. Emil Levy stellt die Ermordeten als lebendige Vorbilder, als Tote die Duckmäuser, dar. Die Versammln״« schloss mit der einstimmige n Annahme iolgen icr Resolution: ..Die von der Zionistischen Vereintem!;: cinberinene. von über 2000 Juden besuchte. Volksversammlung drückt ihren Abscheu aus gegen die verbrecherischen Barbareien der russisehen Machthaber. die zur Unterdrückung der freiheitlichen Bewegung in Russland Jmleninassacrcs anstiften. Sie versichert die geknechteten russischen Brüder treuer Anteilnahme und erwartet mit Zuversicht, dass die gesamte zivilisierte Welt durch einmüt.gen Protest und Verweigerung Jeder weiteren finanziellen Hilfe diesem frevelhaften Morden Einhalt zu gebieten versucht.״ (Sammlung: 270 Mark.) Die russischen Massakers wurden in einer grossen öfientliehen Volksversammlung: erörtert, die Montag Abend in der Tonhalle tagte. Der Andrang war ein so gewaltiger, dass der Saal bereits eine Stunde vor Beginn der Versammlung polizcilieh gesperrt wurde. Den Vorsitz führte Rcichstagsabgcordneter Schräder In seiner Eröffnungsrede betonte er. dass die Orcueltaten, die kürzlich in Rialystok verübt wurden, die nächste Voranlasstmg zu der Protestversaimuhmg gegeben hatten, und dass es sich hauptsächlich darum handele sich über die unhaltbaren Zustände in Russland vom polizeilichen Standpunkt aus zu äussern. \om Standpunkte des Deutschen Reiches. Wenn nicht alle Berichte täuschen, fuhr der Redner iort. so sind die Untaten in Bialystok durch eine Gruppe der Beamtenschaft vorbereitet worden, und das muss unseren Abscheu in erliöhtem Masse erregen, aber auch nichtsdestoweniger unser politisches Gewissen. Endlich einmal müssen geordnete Zustände eintreten, unter denen sich das Volk in Frieden entwickeln kann. Auch wir haben das grösste Interesse daran, besonders in finanzieller Hins'cht. — Hierauf ergriii Professor v. Liszt von lebhaftem Beifall begrüsst das Wort: Er führte u. a. aus: ״Zwei Motive sind es gewesen, die eng und unlösbar miteinander verknüpft sind und uns zur Einberufung der Protest- Versammlung bestimmt haben. Einmal ist cs der Wunsch, unserer Freundschaft mit dem benachbarten russischen Reich Ausdruck zu gehen, und zweitens ist cs der Wunsch, dafür einzutreten, dass die Interessen des Deutschen Reiches durch die russischen Ereignisse nicht gefährdet werden. Auch in hochpolitischer Beziehung sind wir an der politischen Aktionsfähigkeit Russlands auf das allcrlcbhaftestc interessiert. In dem Gleichgewicht der Mächte ist Russland ein ganz gewaltiger Faktor. Aus wirtschaftlichen aus kulturellen und aus poli- Eschen Gründen heraus müssen wir in treuer Freundschaft zu dem benachbarten, schwer geprüften Lande halten und wüusehen, dass es mächtig genug ist seinem Volk die Gelegenheit zu geben, an den kulturellen Fortschritten der Völker teilzunehmen. Es erfüllt uns mit Besorgnis, da w ir eine ganz eigenartige Erscheinung vor uns gesehen haben, die nie zuvor bei Revolutionen zutage getreten ist. Das ist. planmassigcs Vorgehen, eine Organisierung der schwarzen Bande und dann Niedermetzelung nicht etwa der Revolutionäre, sondern der friedlichen Bürger. Und das geschieht alles unter der passiven Assistenz der Organe, die zur Aufrechterlialtuug der Ordnung bestimmt sind, unter der Assistenz der Polizei und der bewaffneten Macht. (Pfuirufe.) Hinterher dann Straflosigkeit oder gar Beförderung. Gerade die Assistenz der behördlichen Organe erfüllt uns mit banger Besorgnis. Dass unsere j ii d isehen Mitbürger wegen der Niedermetzelungen vor der Öffentlichkeit Klage geführt haben» ist ihr gutes Recht unJ Ihre Pflicht. In erster Linie ist cs aber auch gerade Pflicht der christlichen Bevölkerung. In feierlichster Weise Protest einzulegeu. (Lebhafter Beifall.) Wenn wir diesen Protest aussprechen, wolle!) wir uns aber auch zugleich fragen, ob auch in unserer deutschen Bevölkerung Mitschuldige sich hefinden. (Lebhafter Beitall.) Das gegenwärtige Russland stüt'.t sich auf die finanzielle Unterstützung, die es vom Westen empfängt. Es ווו u s s in de!« Augenblick 7. u s a ווו ווו c nbrechen, wo ihm die Unterstützung entzogen wird. Wer Russland unter den jetzigen Verhältnissen hilit macht sich zum Helfershelfer der Greircltaten und zum Mitschuldigen. (Lebiiafter Beifall.) Ich möchte es hier öffentlich aussprechcu. dass wir unserem Auswärtigen Amte zu herzlichem Danke verpflichtet sind für die Haltung, die es bei der letzten russischen Anleihe eingenommen hat. Aber mit lebhaftem Schmerz, und mit tiefer Beschämung müssen wir uns eiiigestchen. dass nicht bloss m Frankreich, sondern auch bei uns Männer der Finanzweit, jüdische und christliche, für das russische System und für die Aufrechterhaltung der jetzigen Zustande ein׳getret׳!n sind. Mit dem Protest ist aber unsere Aufgabe noch nicht vollständig gelöst. Wir müssen unsere .Bücke hiiiilberlcnken in die Gegenwart und in die nächste Zukunft. Und da ist in allem dem Jammer ein Lichtblick, dass wenigstens ein Organ vorhanden ist. das als Träger erscheinen kann — die russische Duma. Hervorgegaiigen aus den Wahlen des Volkes, hat sie in ihren Verhandlungen gezeigt, dass sic Männer in ihrer Mitte hat die zielbewusste und tatkräftige Politiker sind. Gerade heute müssen wir die Gelegenheit benutzen, diesen Männern unser Vertrauen und unsere Zuversicht auszusprechen. _ Und wenn wir hier unsere Stimmen erheben in der festen Zuvcrsiebt, dass sie alicrwärts Widerhall finde, so handeln wir nicht nur als Freunde Russlands, sondern auch als deutsche Patiioten. (Minutenlanger Beifall lohnte die Ausführungen des Redners.) Der nächste Redner. Rechtsanwalt S 11 a 11 d o w׳. schilderte die Entwicklung des russischen Frcihcitskatnpfes und wies nach, dass die Judenverfolgungen von Spionen und provozierenden Persönlichkeiten unter Vorwissen der Beamten inszeniert worden seien. Die örtlichen Verwaltungen hätten sich vielfach an den Greueln direkt beteiligt. Abgeordneter Rechtsanwalt Träger führte aus: Pflicht eines jeden Mannes, der für Recht, Freiheit. Gerechtigkeit und Kultur gliiht. ist es, gegen die russischen Sciicusslichkciten entschieden Protest cinzulcg'cn. Und dieser wird nicht wirkungslos verhallen, sondern zu jenen Stellen dringen, wo er gehört werden soll und muss. Fortschritt und Kultur befinden sich auf dem Marsche und sind nicht mehr aufzuhalten. Die öffentliche Meinung aller KtiHcrländcr muss sich jetzt als stark genug erweisen, um einen Druck auf Russland auszuüben. Es müsse unter allen Umständtn gelingen. ein neues Russland zu schaffen, mit dem wir künftig mich in den Fragen der Zivilisation Hand in Hand gehen können. (Lebhafter Beifall). Fs sprachen dann noch Pfarrer Dr. Kirms. Dr. med. Brutzkus aus Petersburg, worauf einstimmig folgende Resolution angenommen wurde: ..Die Versammlung spricht ihr tiefstes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Russland und ihre tiefe Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sic vertraut dass es d׳e Duma erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsche beseelt, dass es den Mächten des Fortschritts und der Kultur gelingen möge, unseren! grossen östlichen Nachbarrcicl» den •Verfassungsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und der icligiosen Freiheit zu bringen zun! Segen Russlands und als^eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich. Beschlossen wurde noch, diese Resolution dem Präsidenten der Duma telegraphisch zu übermitteln. Den Schluss bildete eine fesselnde, mit ungeheurem Jubel aufgenommene Ansprache Friedrich Naumanns, der u. a. den Zw׳cck solcher Protcstversammlungeu erörterte. Nicht gegen den russischen Bürgerkrieg au sich könne das Ausland protestieren, auch nicht gegen die Grausamkeiten, die bei einen! Kampfe von so unvergleichlicher historischer Bedeutung mit Naturnotwendigkeit auf beiden Seiten Vorkommen, sondern nur dagegen, dass der Kampf ausartet in sinnlose Barbarei, durch welche die Interessenten des alten Regimes die Aufmerksamkeit von sich ablcnkcn wollen. Dagegen müssen Europa einen moralischen Druck ausiiben. Die Protcstversammlung am 25. Juni 1906 erhielt aus Wien nachstehendes Telegramm: ״Die Organisation der österreichischen Juden dankt Ihnen aus tiefstem Herzen, dass Sic fii'r Ihre Brüder in Russland, die dem Meuchelmorde preisgegeben sind. Ihre Stimme erheben lind dass sie die Kraft und den Mut Ihrer Ucbcrzeugmig bcsitzen, unbekümmert um die Umtriebe des Tages eine Frage der Menschlichkeit an ganz Europa zu richten. Europa muss die Frage beantworten, sind Gesittung und Fortschritt Europas durch Massakrts nicht ärger gefährdet als die Juden selbst und ist cs nicht Pflicht Europas, die Lösung der Judcufragc selbst in die Hand zu nehmen. Wir wünschen und hoffen, dass aus Ihrer Versammlung der Ruf erschalle: Die Judenfrage ist eine Frage Europas und als solche muss sie auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedens- Konferenz gesetzt werden. Im Aufträge Dr. Schalit." Bialystok und das Ausland Angesichts der Vorgänge in Bialystok hat das deutsche Auswärtige Amt am vorigen Freitag das dringende Ersuchen nach Petersburg gerichtet, geeignete Massregeln zu trefien. um deutsche Reichsangehörige und deutsche Unternehmungen,