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Jüdische Rundschau · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 387 felew. der dem Polizeidepartement angchörte in hoher Stellunß und der der Rech tsbeist and Trcpows gcwesen war. als dieser noch Obcrpolizeimcistcr in Moskau war. Urussow fand des weiteren von lenen Proklamationen die zu Judenmassakrcs und zur Tötung des ..Jüdcnministers Witte * aufforderten. Bürstenabzüge mit der Unterschrift: Druckfertlg Trcpow. Des ferneren ermittelte Fürst Ussurcw eine ganz© Reihe von Berichten der P r o v i n z b c h ö r d c n insbesondere der Gcndarmcriechcfs. in denen diese an das Polizeidcpartcment berichteten, dass sic Proklamationen der oben bezeichneten Art gemäss den Petersburger Instruktionen verbreitet hätten, und dass diese Proklamationen unter der niederen Bevölkerung die gewünschte Wirkung hatten. Ein solcher Berieht. — cs ist nur einer unter vielen —. von dem Gendarmeriechef Budagowskv konnte bereits vor einem Monat in der russischen Zeitung RETSCH veröffentlicht werden Da Fürst Urussow eine Bestrafung der Sclmldigcn nicht erlangen konnte, vielmehr Budagowsky sogar befördert wurde, so nahm Urussow wiederum seinen Abschied aus dem Staatsdienst und er wurde alsdann als Dumaabgeordneter im Gouvernement Kaluga gewühlt. Wie die RUSSISCHE KORRESPONDENZ von ..absolut zuverlässiger“ Seite aus Bialystok erfährt, steht fest, dass der Gouverneur zu seiner Untätigkeit veranlasst worden ist. weil die Militärbehörden jede Einflussnahme auf ihre Handlungcn sich verbaten. Auch die Polizcibcamtcn versagten dem Polizeiminister Radetzky den Gehorsam. Radetzky wandte sich an den Koroskommandantcn T j a s h e 1nlkow mit der Bitte, ihn bei der.Unterdrückung der Pogrome zu unterstützen. Tjasheinikow weigerte sich dessen mit der Begründung die Militärbehörde würde selbständig Vorgehen, sie hätte Ihre eigenen Befehle erhallen. Kopenhagen. 18. Juni. Professor Dr. Sitnonsen. früher Obcrrabbincr der hiesigen indischen Gemeinde, veröffentlicht heute in der offiziellen BERLINQSKE TIDENDE eine Mitteilung, die er vor einigen Tagen — noch bevor die Nachrichten über neue Judenhetzen in Bialystok hier cintrafen —- erhielt, und zwar von einem völlig zuverlässigen in Bial>slok wohnenden Gewährsmann. Dieser schreibt, die Unteroffiziere der daselbst garnisoiuerendcn Regimenter hätten bereits vor einiger Zeit ihre Mannschaften dahin instruiert, dass ..bald Unruhen ausbrechen würden und das Militär den Auftrag erhalten würde, die Ordnung wicdcrhcrzustcllens dann sollten die Soldaten aber schliesslich die Juden aufs Korn nehmen.“ Professor Sitnonsen kann niqjit glauben, dass die russischen Unteroffiziere mit prophetischer Gabe ausgestattet seien, ebenso wenig, dass sie von sich selber aus solche Instruktionen erteilen. Petersburg. 19. Juni. Die Zahl der Toten in Bialystok beträgt annähernd hundert. Die hiesige Presse berichtet manche Einzelheiten, die an die Kischincwer Greucltaten erinnern So wurden der Familie des Jüdischen Lehrers Wöllstein, bestehend aus dem Lehrer, seiner Frau, zwei Söhnen und einer Tochter, Nägel In die Köpfe geschlagen und hierauf alle in °tückc geschnitten. Aul einigen Hausböden wurden iüdfsctie Mädchen, die sich dort versteckt hatten, vergewaltigt, dann wurde Ihnen der Bauch aufgeschlitzt. Viele wurden gefoltert, alsdann gctötet und von den Mördern sofort vergraben. Man befürchtet weitere Judcnhctzen in Hornel. Grodno und Wilna. Prosten, 18. Juni. ־ Ich konnte entsetzliche Misshandlungon, die während des Pogroms begangen wurden fcststcllcn. Ein Mädchen wurde vor den Augen der Mutter zerstückelt. Einem Juden wurden beide Beide abgesagt. Viele Leichen tragen Nägel In Leib und Kopf. Fcldscheer Schioma Schetzitzki wurde beim Anlegen von Verbänden im indischen Hospital durch das Gitter hindurch mit Stangen erschlagen, die Leiche bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt. Trotzdem 76 Leichen beerdigt sind, werden noch immer neue Leichen gefunden. Viele Leichen werden, ohne dass eine Kontrolle möglich ist, in aller Stille aus den Häusern zur Beerdigung hinausgetragen. Die 55 Schwerverwundeten im Hospita1 .haben ausschliesslich Schusswunden und Stangcnhicbc. Einem Bericht des DWADZ. WJEK und der RETSCH aus Bialj’Stok entnimmt der PETERSBURGER HEROLD foleendes: -Am 15. Juni machte sich der Korrespondent des DWADZ. WJEK zum Bahnhof auf. um nach Petersburg abzureisen. Unterwegs gab ihm ein bekannter Offizier zwei Soldaten als Schutz mit, doch wurde er durch den Häuptelngang nicht auf den Bahrhof gelassen, sondern musste einen Seitencingang wählen, vor welchem fünf Schergen mit Keulen postiert waren, um Jeden Juden zu schlagen oder totzuschlagcn. Einer dieser Schergen hatte eine Art Drahtfeder in der Hand, die er den nahekommenden Juden in den Bart schnellte, worauf sich dieselben in den Haaren verwickelte, die mit einem Ruck samt der Haut herausgcrlsscn wurden. — Ein Spczialkorrcspondent der RJETSCH bestätigt, dass cs eine Kleinigkeit gewesen wäre, dem Gemetzel Einhalt zu tun. wenn die Polizei cs gewünscht hätte. Er führt dafür folgendes Beispiel an: Als die Plünderer den Laden Funkelstcins überfielen, lief dieser durch die Hintertür zu einem in der Nachbarschaft lebenden Kapitän Du 1 ewitsch und flehte Ihn an. ihn zu retten. Der Kapitän erbarmte sich des Juden und schickte einen Offiziersburschen hinunter, der den Plünderern nur das Wort: -Genug!" zurief, worauf sie nur fragten ..wer hat cs befohlen?" da rief der Kapitän vom Balkon: ״ich!" und die Plünderer zogen an Funkelstcins Laden voriibtr. Allerdings haben nicht alle Offiziere so Gehandelt, fügt die RJETSCH hinzu, denn viele von ihnen steckten sich Fläschc 11 c n mit W o h I g c r ü c h e n und K ö l n is c h c s Wasser in die Tasche . . . Zudem wurden nur die Strassen ausgcplündert, in denen Militär stand. In keiner Strasse, die unbewacht dagelcgcn, ist eine Plünderung v o r g e ko m in c n." Zu Professor JacobowskI flüchteten sich 17 Juden. Der Professor erklärte dem nachdrängenden. Pöbel, dass der Weg zu ihnen nur über seine Leiche gehe, und rettete dadurch die Flüchtlinge. Das indische Verteidigungskomitec rettete verschiedene Strassen von Zerstörung und würde des Pöbels Herr geworden sein, wenn nicht das Militär sich eingemischt hätte. Professor Sch cp k In. ein Mitglied der Dumakommission, erklärt, das Gemetzel sei schlimmer gewesen als daslange In Odessa. In den! benachbarten Staroslecle wurden am Freitag 50 Juden ermordet. Das Untcrsucbungskomitee der Duma fand in detn Hause eines russischen Geistlichen Juwelen im Werte von 5000 Rubeln und in der Wohnung eines Kassierers der Staatsbank Juwelen itn Werte von 3000 Rubeln. Diese Juwelen waren in beiden!*allen ans itldlsclien Läden geraubt worden. P otcstversammlungcn gegen die russische ר Massakers. Berlin. Sofort als die traurigen Nachrichten aus Bia lystok gemeldet wurden, ergrifi die Berliner Zionstische Veremigung die Initiative zur Einberufung eine jüdischen Protest- Versammlung in Berlin. Uebcr 2OQ0 Personen iüllten den Saal und die Galerien des Handwerkcrvcrcins. R. A. Dr. H a n t k e cröfinctcdie Versammlung mit der mit allseitigem Beifall aufgenommenen Mitteilung, dass bereits in einigen Tagen eine allgemeine, von Christen und Juden aller Parteien cinberufcne Protestversammlung' abgchaltcn werden würde, betonte das Recht und die Pflicht der Berliner Juden, neben dieser allgemeinen Veranstaltung eine 'jüdische Protcstver- Sammlung abzuhaiten und begrüsste die zahlreich erschicntnen Gäste, insbesondere die Herren Rabbiner Dr. Esche ib a c h e r und Dr. W e i s s e, Dr. Paul Nathan und B e r g c I vom HiUsverem der deutschen Juden, Geheimer Kommendenrat Goldberger und Redakteur Klaussncr von der Alliance Israclitc und Proicssor Dr. Martin P h i l i p p s 0 n und andere. Nach einer einleitenden Rede des Rabbiners Dr. W c i s s c ergriff sodann Dr. Klee das Wort, um üt einer zündenden Ansprache die gegen die Juden in Bialystok verübten Greueltatcn zu gcisscln. Der Redner fand schouungslose Worte der Kritik iiir die wahren Anstifter dieses neuesten Pogroms und für die jüdischen Finanzmänner. (Mendelssohn, Taussig). welche durch die Bewilligung von Anleihen unseren Feinden erst die Mittel zur Veranstaltung der Metzeleien in die Hand gegeben haben. Professor Martin Philipp sott schliesst sich diesem Protest an und appelliert an das Gewissen Europas. Dr. Julius Moses ging von einer Betrachtung der Judenmissionsversammlung aus. die au demselben Tage stattfand, als die Schreckensnachrichten aus Russland zu uns drangen. Die ,.Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden Berlins" sollte sich in eine ..Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Christen Russlands" umwandcln. dorthin ihre Missionen schickem um diesen wilden christlicher! Horden jüdische, und damit christliche Moral und Ethik zu predigen. Und nicht nur diesen, auch den Christ- Teilen Staaten und Regierungen sollte ,sic die Betätigung der wahren Nächstenliebe predigen. Dieses Blutbad schände das Christentum, das alle Ursache hätte. Protest einzulegcn gegen diese barbarischen, von Christen verübte Greuel, verübt an dem Stamme, aus dem der Stifter der christlichen Religion selbst hervorgegamren. (Stürmischer Beifall!) Dr. Paul Nathan erhofft die Lösung der Judenfrage durch die fortschreitende Entwicklung der Menschheit und berichtet, indem er zugleich gegen den Zionismus polemisiert, über die an demselben Tage stattgefundene Dumasitzung.

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